Mit Geheim­fa­vo­riten ist es so eine Sache. Eigent­lich ist schon der Begriff Quatsch, weil jemand, der als mög­li­cher Favorit gehan­delt wird, per Defi­ni­tion nicht geheim sein kann. Er ist ja über­haupt erst zu diesem Status gekommen, weil er bereits auf­fällig wurde, sonst hätte man ihn schlicht über­sehen.

Ande­rer­seits sind Euro­pa­meis­ter­schaften aus Gründen, die bei Gele­gen­heit mal jemand näher unter­su­chen müsste, offenbar viel anfäl­liger für einen Über­ra­schungs-Titel­träger als ihre arro­ganten Ver­wandten, die Welt­meis­ter­schaften. CSSR 1976, Däne­mark 1992, Grie­chen­land 2004, Por­tugal 2016: Schon ganze viermal hat ein Team die EM gewonnen, mit dem vorher kaum jemand gerechnet hatte. Was die Frage auf­wirft, wer diesmal die besten Chancen hat, die Fach­welt zu über­ra­schen und die groß­kop­ferte Kon­kur­renz zu über­töl­peln. Hier ist unsere Über­sicht der wahr­schein­lichsten Kan­di­daten.

Bel­gien: Drama in Schlü­ters Box­bude

Der Lieb­lings­ge­heim­fa­vorit der letzten drei großen Tur­niere und seit län­gerer Zeit die Nummer eins der Welt­rang­liste. Wes­halb die Mann­schaft hier unge­fähr so viel zu suchen hat wie Mal­lorca in einer Liste der Geheim­tipps für einen lau­schigen Som­mer­ur­laub. Ande­rer­seits haben die Bel­gier so ihre Pro­bleme: Eden Hazard ist außer Form und Kevin De Bruyne sah nach seinem Zusam­men­prall mit Antonio Rüdiger im Cham­pions-League-Finale so aus, als sei er in Schlü­ters Box­bude an den Fal­schen geraten. Was den bel­gi­schen Favo­ri­ten­status dann doch wieder ein biss­chen geheimer macht, als er eigent­lich sein dürfte. Viel­leicht scheiden sie auch ein­fach im Ach­tel­fi­nale aus.

Däne­mark: Wieder Dynamit im Gepäck

2:0, 8:0, 4:0! Das sind nicht etwa Kan­ter­siege des über­le­genen Tabel­len­füh­rers der 2. Kreis­klasse Havel­land, son­dern die Resul­tate der ersten drei WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele von Däne­mark. Und selbst wenn die Gegner dazu Israel, Repu­blik Moldau und Öster­reich hießen, spielen die Dänen im Moment sou­ve­räner als viele selbst­er­nannte Große unter den euro­päi­schen Natio­nal­mann­schaften. Danish Dyna­mite ist in diesem Sommer viel, ach was, alles zuzu­trauen. Das musste kürz­lich auch die deut­sche Elf erfahren, die trotz einer an diesem Abend eher dis­kreten Vor­stel­lung der Dänen am Ende nicht über ein Remis hin­auskam.

Türkei: Obacht vorm schreck­li­chen Burak

Die Türken ließen neu­lich mit einem 4:2 in der WM-Qua­li­fi­ka­tion gegen die Nie­der­lande auf­hor­chen. Okay, ein paar Tage später spielten sie nur 3:3 gegen Lett­land, aber wie brand­ge­fähr­lich die Letten sind, hat ja just auch die deut­sche Mann­schaft schmerz­haft erfahren müssen. Spaß bei­seite, die beiden Ergeb­nisse zeigen, dass die Türken vor allem eines sind: unbe­re­chenbar, aber jeder­zeit in der Lage, einem Team weh zu tun, das nicht damit rechnet. Außerdem wissen sie, wo das Tor steht, was vor allem am bereits 35-jäh­rigen Burak Yilmaz liegt, der gerade alles zu Klump schießt, sei es beim OSC Lille oder bei der tür­ki­schen Natio­nalelf. Ob das aus­reicht, um unfall­frei durch sieben EM-Spiele zu kommen, ist die große Frage. Ant­wort: eher nicht.

Kroa­tien: Ein Auf­stand alter Männer

Wer bei der letzten WM im End­spiel stand, sollte auch bei der Euro zum Favo­ri­ten­kreis zählen. Den­noch hat in diesem Sommer kaum jemand die Kroaten auf der Rech­nung. Weil die schon 2018 in Teilen betagte Mann­schaft nicht jünger geworden ist. Weil ihr bester Mann (Luka Modric) immer noch gut ist, aber eben nicht mehr auf dem Niveau eines poten­ti­ellen Welt­fuß­bal­lers. Und wohl auch, weil eine erneute Final­teil­nahme des kleinen Kroa­tiens anmuten würde wie ein Witz, der zum zweiten Mal erzählt wird. Aber: Sie lieben es, wenn keiner mit ihnen rechnet. Da ist hög­schde Vor­sicht geboten.