Tommi Schmitt, am Wochen­ende beginnt die neue Bun­des­liga-Saison. Freuen Sie sich schon drauf?
Da muss ich schwammig ant­worten. Es kommt ein biss­chen darauf an, wie sich die Pan­demie und die Corona-Politik ent­wi­ckeln. Ich bin zum Bei­spiel am Wochen­ende auch auf eine Hoch­zeit ein­ge­laden, auf die ich mich sehr freue. Wenn wir da jetzt aber, obwohl geimpft, mit gehö­rigem Abstand, Masken und ohne Alko­hol­aus­schank weit von ein­ander ent­fernt rum­stehen müssten, dann würde ich mich eher weniger darauf freuen. Will sagen: kommt es wieder zu Geis­ter­spielen, freue ich mich so sehr auf die Bun­des­liga wie ein Pferd auf den Modernen Fünf­kampf. Fuß­ball funk­tio­niert ohne Publikum ein­fach nicht. Da können wir auch gleich den Ball weg­lassen. Aber so wie es jetzt aus­sieht, dürfen ja einige Fans ins Sta­dion und das ist hof­fent­lich die lang­same und ersehnte Rück­kehr zur Nor­ma­lität.

Hof­fent­lich.
Wir dürfen nur nicht ver­gessen, dass auch eine halb­volle Aus­las­tung immer noch nicht geil ist. Das ist immer noch Mist. Ganz, ganz großer Mist. Erst wenn wir wieder Schulter an Schulter im Sta­dion stehen, durch­ein­ander springen und dem Vor­der­mann oder der Vor­der­frau ins Ohr brüllen, ist es wieder der Fuß­ball, den wir so lieben und ver­missen. Natür­lich, wir leben in einer Pan­demie, aber der Traum muss bleiben, irgend­wann wieder die Hütten voll zu machen.

Sie klingen ja richtig eupho­risch!
Naja, ich glaube ein­fach, eine wei­tere Saison ohne Fans wird der Fuß­ball in Sachen Emo­tio­na­lität, Bin­dung und Enthu­si­asmus nicht über­leben. Er wird uns dann gänz­lich egal sein, davon bin ich über­zeugt. Irgend­wann hört auch jeder Lie­bes­kummer auf und die andere Person ist einem völlig wurscht. Und die Auf­split­tung der TV-Rechte auf SAT.1, ARD & ZDF, Sky, DAZN, Sport1 und Amazon beschleu­nigt diesen Pro­zess noch weiter.

Wes­halb?
Ich glaube, der Fuß­ball lebt vom Lager­feuer-Prinzip, alle ver­sam­meln sich drum­herum. Aber dieses Hast du ges­tern XY gesehen?“ gibt es in Deutsch­land eigent­lich nur noch bei Markus Lanz. Und jetzt, da die Rechte so divers ver­teilt sind, gibt es immer weniger fuß­ball­spe­zi­fi­sche Gesprächs­themen, weil sich viele Men­schen in Zukunft ein­fach die Ergeb­nisse oder nur die High­lights ansehen werden. Hast du das Spiel gesehen? Nee, aber die Tore auf TikTok.“ Viele haben viel­leicht ein Sky-Abo, dafür aber keines von DAZN. Dazu das große Über­an­gebot, jeden Tag Fuß­ball gucken zu können. Früher musste ich ja wenigs­tens noch unwürdig das HDMI-Kabel vom Laptop in den Fern­seher frie­meln, um halb­legal SkyGo gucken zu können. Ein mir gut bekannter, fuß­ball­be­geis­terter 18-Jäh­riger guckt eigent­lich nur noch High­lights. Da sehe ich dann ja alles, was rele­vant ist“, hat er mir gesagt. Alles wird kürzer: Texte, Serien, Musik, Sport­über­tra­gungen. Diese Ver­kür­zung min­dert natür­lich auch die Bewer­tungs­fä­hig­keit. Wenn Bayern Mün­chen 1:0 ver­loren hat, waren sie schlecht, ganz egal, ob sie 15 Tor­schüsse mehr als der Gegner auf­weisen konnten. Die werden ja nicht alle in den High­lights gezeigt. Das för­dert das Schwarz-Weiß-Denken im Fuß­ball enorm.

Ultras gehen aus einem anderen Grund ins Sta­dion als der 65-jäh­rige Unter­nehmer aus Hof­fen­heim, der sich vor dem Gang auf die Haupt­tri­büne den Schal umlegt“

Die Gefahr besteht, keine Frage.
Ich glaube ein­fach, der Fuß­ball ver­än­dert sich gerade fun­da­mental in Sachen medialer Ver­brei­tung. Auch jour­na­lis­tisch wird er der­zeit ja auch über rei­ße­ri­sche Zitate, die auf Kacheln gezogen und dann fleißig geteilt werden, ohne jeg­liche Tiefe, begleitet. Ein Groß­teil des Sport­jour­na­lismus wirkt zur­zeit recht hilflos, weil er total auf Social Media und dessen Poten­zial in Sachen Vira­lität und Popu­lismus setzt, was ich irgendwie auch ver­stehen kann. Der Fuß­ball, in den wir uns in den 80er- und 90er-Jahren ver­liebt haben, den gibt es nicht mehr. Auf keiner Ebene. Das ist die bit­tere Wahr­heit, die man akzep­tieren muss, ohne reak­tionär und mit Früher war alles besser“-Gehabe abzu­winken. Es ist halt so. Ver­än­de­rungen gibt’s immer. Da müssen wir jetzt durch.

Zurück zu Corona und den Fans, die ins Sta­dion dürfen. Viele Ultras folgen der Maxime Alle – oder keiner“. Wie sehen Sie das?
Das ist ein zwei­schnei­diges Schwert. Ein Gedanke ist, dass diese Fans es ver­passen, ihren Verein zu unter­stützen. Auch in schlechten Zeiten. Und es sind zwei­fels­ohne schlechte Zeiten. Aber wichtig ist auch zu betonen, dass der Grund, warum diese Men­schen ins Sta­dion gehen, erst wieder gegeben ist, wenn das Sta­dion voll ist. Wenn es ein Ort für Jede und Jeden ist. Ganz ohne Bestim­mungen. Das muss man ver­stehen. Ultras gehen aus einem anderen Grund ins Sta­dion als der 65-jäh­rige Unter­nehmer aus Hof­fen­heim, der sich vor dem Gang auf die Haupt­tri­büne den Schal umlegt. Auch aus einem anderen Grund als die junge Familie, die den Sta­di­ongang – auch berech­tigt – als schönen Aus­flug inter­pre­tiert. Es geht für viele aktive Fans nicht nur ums Spiel. Es geht um den ganzen Tag. Um das Gefühl, Fan zu sein. Einen Ort auf­zu­su­chen, wo man das voll­um­fäng­lich aus­leben kann. Aber dieser Ort prä­sen­tiert sich nun eben anders als früher, geplanter, vor­sich­tiger. Ein Grund, das Sta­dion auf­zu­su­chen, ist für viele aktive Fans aktuell ein­fach nicht gegeben. Ein DJ geht ja auch nicht gerne in den Club, um vor acht Leuten auf­zu­legen, auch wenn es besser ist als nichts. Wir brau­chen lang­fristig ein­fach Nor­mal­be­din­gungen, sonst wird das der Fuß­ball – wie gesagt – emo­tional nicht über­leben.

Hemd im eigenen Land Die Bundesliga-Trikotwahl zur Saison 2021/2022

Das schönste am Sai­son­start? All die neuen Tri­kots! Zumin­dest bei ein paar Mann­schaften. Also bei ein paar wenigen. Aber seht selbst. Vor­hang auf für das große Trikot-Ran­king zur kom­menden Spiel­zeit.

Apropos Emo­tional. Haben Sie sich das Son­der­heft zur Bun­des­li­ga­saison gekauft?
Klar, das Kicker-Ding fliegt hier rum.

… Herr Schmitt …
Ja, stimmt, ihr macht ja auch eins. Aber das ist irgendwie Tra­di­tion bei mir, tut mir leid. Falls es Sie tröstet: ich hab’s mir vor allem gekauft, weil ich mich geär­gert habe, dass ich nichts wusste über die Auf­steiger, den VfL Bochum und Greu­ther Fürth. Also über deren Art, Fuß­ball zu spielen. Bochum ist mir seit jeher sym­pa­thisch. Ein geiler Verein. Der gibt mir immer ein nicht defi­nier­bares Fuß­ball­ge­fühl zurück. Und bei Fürth freue ich mich schon auf die Aus­wärts­fahrt, die hof­fent­lich statt­finden wird.

Äh, Sie freuen sich auf einen Besuch in der Trolli-Arena?
Ich scheiße auf die Ver­mark­tung: Für mich wird es immer das Play­mobil-Sta­dion bleiben. Und ich hoffe, sie sind mir in Fürth nicht böse, aber das große High­light einer Aus­wärts­fahrt nach Fürth ist natür­lich der Auf­ent­halt in Nürn­berg. Herr­lich! Wenn ich dort irgend­wann in der Alt­stadt bei einem oder neun Bier sitze und auf 15:30 Uhr warte, dann spüre ich mich end­lich wieder.