Als Win­fried Schäfer das Stade Ger­land zu Lyon end­lich ver­lässt, emp­fängt ihn eine kuriose Sze­nerie: Ein fran­zö­si­scher Poli­zist und ein kleiner Junge spielen Fuß­ball. Der Kleine lacht. Er weiß noch nicht, was geschehen ist. Es ist der Sohn von Marc-Vivien Foé. Vor wenigen Minuten haben ihn die Ärzte für tot erklärt. Ein Fuß­baller, gestorben auf dem Fuß­ball­platz.

Stunden vorher. Am 26. Juni 2003, um Punkt 18 Uhr, pfeift der deut­sche Schieds­richter Dr. Markus Merk das Halb­fi­nale im Confed-Cup zwi­schen Kamerun und Kolum­bien an. Die Löwen“ aus Kamerun, trai­niert von Win­fried Schäfer, sind längst Geheim­fa­vorit auf den Titel. Seit fast 400 Minuten ist die Natio­nal­mann­schaft ohne Gegentor, die knall­harte Defen­sive ist das Prunk­stück dieser Aus­wahl. Auch wegen ihm: Marc-Vivien Foé, einem 1,90 Meter großen und 80 Kilo­gramm schweren Modell­ath­leten, der die wich­tige Schnitt­stelle zwi­schen Abwehr und Mit­tel­feld in der Zen­trale besetzt. Foé stand schon bei der WM 1994 für sein Land auf dem Platz, 1998 führte er den RC Lens zur fran­zö­si­schen Meis­ter­schaft. Der Wechsel zu Man­chester United klappte nur des­halb nicht, weil sich Foé kurz vor der Ver­trags­un­ter­zeich­nung das Bein brach. Beim Ball hoch­halten. Es folgten Enga­ge­ments für West Ham United und Olym­pique Lyon, 2002 liehen ihn die Fran­zosen an Man­chester City aus.

Marco, geht es noch?“ No pro­blem, coach!“

Die erste Halb­zeit ist vorbei. Markus Merk pfeift ab. Marc-Vivien Foé ist nicht in Top­form. Zwar führt seine Mann­schaft mit 1:0, aber Foé hat sich längst nicht mit der Energie und Kraft über den Platz bewegt, die ihn zu einem der besten Spieler seines Landes machten. Wenige Tage vor dem Halb­fi­nale hatte Foé eine Inter­viewrunde kurz­fristig abge­sagt, um sich vom Mann­schafts­arzt unter­su­chen zu lassen. Er fühlte sich unwohl. Und im Stade Ger­land sind es 37 Grad, es ist extrem schwül. Keine opti­malen Bedin­gungen für einen ange­schla­genen Spieler. Marco, geht es noch?“, fragt Win­fried Schäfer seinen Schütz­ling in der Kabine. No pro­blem, coach.“ Schäfer ver­traut dem 28-Jäh­rigen. Er hat ihn ins Herz geschlossen, als er 2001 den Job als Natio­nal­trainer Kame­runs antrat. Der Chef und sein Füh­rungs­spieler merkten schnell, was sie anein­ander hatten. Marc-Vivien Foé spürte, dass nach vier Trai­ner­wech­seln in kurzer Zeit end­lich mal ein Mann vom Fach ver­pflichtet worden war, Schäfer freute sich über einen Fuß­baller, der afri­ka­ni­sche Ele­ganz und Energie mit deut­scher Dis­zi­plin ver­einte. Stun­den­lang dis­ku­tierten Trainer und Spieler über tak­ti­sche Kniffe und geg­ne­ri­sche Angriffs­reihen. Marc“, wird Schäfer in den Tagen nach dem tra­gi­schen Confed-Cup-Halb­fi­nale sagen, war eine Per­sön­lich­keit und eine Seele von Mensch. Solch einen Typen wünscht sich jeder Trainer.“

Gut eine Stunde ist vorbei. Foé wird immer lang­samer. Schäfer signa­li­siert seinem Füh­rungs­spieler, dass er ihn bei nächster Gele­gen­heit aus­wech­seln will. No pro­blem, coach“, ruft Foé wütend. Er will sich nicht aus­wech­seln lassen. Noch nicht. Schäfer setzt sich wieder auf die Bank.

71 Minuten sind gespielt. Es ist 19.36 Uhr. Im Mit­tel­kreis bricht Marc-Vivien Foé zusammen. Foés kolum­bia­ni­scher Gegen­spieler erkennt als erstes die bedroh­liche Lage und winkt die Sani­täter herbei. Dann stützt er den Kopf seines Kon­tra­henten. Foé atmet schwer. Der erste Mann­schafts­arzt sprintet auf den Platz. Erst jetzt unter­bricht Markus Merk das Spiel. An der Sei­ten­linie nutzt Win­fried Schäfer die Unter­bre­chung und gibt letzte tak­ti­sche Anwei­sungen.

Mein Gott, ist der tot?

Zwei Minuten dauert die Behand­lung auf dem Rasen. Foé hat seine Zunge ver­schluckt, einem der Helfer gelingt es, ihm diese aus dem Hals zu ziehen. Dann wird er vom Platz getragen. Einer der Sani­täter rutscht aus, kann sich aber gerade noch fangen. Win­fried Schäfer eilt an die Trage. Ein Arm seines Spie­lers bau­melt leblos umher, Foé hat die Augen geschlossen, auch den Mund. Atmet er noch? Mein Gott, denkt Schäfer, ist der tot?

Markus Merk pfeift das Spiel wieder an. Sekunden später ver­gibt Kolum­bien die größte Chance auf den Aus­gleich. Gleich zweimal klatscht der Ball gegen den Pfosten. Es bleibt beim 1:0.

20 Minuten später ist das Spiel beendet. Kamerun steht im Finale des Confed-Cups 2003. Schä­fers Spieler springen schreiend und tan­zend über den Rasen. In der Kabine geht die Party weiter. Es ist kurz nach 20 Uhr. Jungs“, mahnt Schäfer, wir müssen noch mal abwarten, was mit Marc ist. Der ist jetzt im Kran­ken­haus.“ Was Schäfer nicht weiß: Für die Fahrt ins Kran­ken­haus hatten die Ärzte keine Zeit mehr. Wäh­rend seine Mit­spieler aus­ge­lassen den Halb­final-Tri­umph feiern, ringt Marc-Vivien Foé nur 100 Meter ent­fernt im Reani­mie­rungs­raum des Stade Ger­land mit dem Tod.

45 Minuten lang dauern die Wie­der­be­le­bungs­maß­nahmen. Ohne Erfolg. Der für dieses Spiel abge­stellte Fifa-Medi­ziner Alfred Müller aus der Schweiz ver­kündet den Tod des Fuß­bal­lers. Um 20.30 Uhr tritt Müller vor die Öffent­lich­keit und gibt die tra­gi­sche Nach­richt bekannt. Einige Jour­na­listen aus Kamerun bre­chen in Tränen aus.

Etwa zeit­gleich erreicht Kame­runs Kapitän Rigo­bert Song die Kabine seiner Mann­schaft. Win­fried Schäfer hatte die Spieler kurz zuvor zum Aus­laufen geschickt. Marc ist tot!“, schreit Song seinen Trainer an. Marc ist tot.

Die Fuß­baller aus Kamerun weinen hem­mungslos, sie schreien die Trauer hinaus. Schäfer ver­lässt die Kabine, er muss jetzt alleine sein. Marc-Vivien Foé. Marco. Dieser 1,90-Meter-Hüne, auf dem Platz der Fels in der Bran­dung. Ein gebo­rener Füh­rungs­spieler. Sein Spieler. Gestorben im Mit­tel­kreis.

Schäfer läuft über den Park­platz. Dann sieht er den kleinen Jungen und den Poli­zisten. Schäfer kennt das Kind nicht. Er ist schon einige Meter vom bol­zenden Duo ent­fernt, als neben ihm eine Tür auf­geht und schrille Schmer­zens­schreie über den Park­platz hallen. Auf einem Tisch liegt Marc-Vivien Foé. In voller Montur. Nur die Schuhe haben ihm die Ärzte aus­ge­zogen. Foés Mutter hat ihren Kopf auf den Bauch ihres toten Sohnes gelegt, seine Witwe steht in einer Ecke des Raumes und schreit. Schäfer streicht mit den Fin­gern über die Füße seines Spie­lers und ver­lässt dann wieder den Raum. Ich konnte es nicht ertragen“, sagt er heute. Dann erkennt er, wer der kleine Junge ist.

Ich brauche selbst Hilfe“

Mit dem Bus fährt die kame­ru­ni­sche Natio­nal­mann­schaft zurück ins Team­hotel bei St.Etienne. Im Hotel holt Schäfer seine wei­nenden Spieler zusammen, er will noch eine letzte Ansprache halten, bevor er sie alleine mit ihrem Schmerz lässt. Aber er kann nicht. Jungs, ich weiß, dass ihr jetzt meine Hilfe braucht. Aber ich kann euch nicht helfen. Ich brauche doch selbst Hilfe.“

Am selben Abend trifft Gast­geber Frank­reich im Pariser Stade de France auf die Türkei. Kurz vor dem Anpfiff des zweiten Halb­final-Spiels erfahren die Spieler von der Tra­gödie aus Lyon. Als die fran­zö­si­sche Natio­nal­hymne erklingt, wird Frank­reichs Tor­wart Gré­gory Coupet von einem Wein­krampf geschüt­telt. Auch Natio­nal­trainer Jac­ques San­tini weint. Beide haben bis vor einem Jahr bei Olym­pique Lyon mit Foé zusam­men­ge­ar­beitet. Nach elf Minuten schießt Thierry Henry das 1:0. Die Fran­zosen stre­cken ihre Hände zum Himmel und schi­cken ihrem ver­stor­benen Kol­legen einen letzten Gruß. Nach dem 3:2‑Erfolg gegen die Türken geben die fran­zö­si­schen Natio­nal­spieler bekannt, das Finale nur dann zu bestreiten, wenn es der Gegner aus Kamerun aus­drück­lich wün­sche.

Sepp Blatter besucht die Dele­ga­tion aus Kamerun in ihrem Quar­tier. Rigo­bert Song teilt dem Fifa-Prä­si­denten mit, dass die Mann­schaft dem Wunsch von Foés Witwe nach­kommen wolle: Sie hat uns gesagt, dass Marco ganz bestimmt wollen würde, dass wir dieses Finale spielen.“ Das End­spiel findet statt.

Trainer, gib mir fünf Minuten alleine mit den Jungs“

Am Tag vor dem Finale bittet Schäfer seine Jungs auf den Trai­nings­platz. Die Stim­mung ist auf dem Tief­punkt, viele Spieler lassen den Kopf hängen, nie­mand kann sich jetzt auf Fuß­ball kon­zen­trieren. Win­fried Schäfer ist ein erfah­rener Trainer, aber wie er diese Situa­tion lösen soll, weiß er auch nicht. Trainer“, sagt Rigo­bert Song, geben sie mir doch mal fünf Minuten alleine mit den Jungs.“ Schäfer nickt. Song ver­zieht sich mit seinen Kol­legen in eine Ecke des Trai­nings­ge­ländes. Fünf Minuten später steht die Mann­schaft wieder vor ihrem Trainer. Die Fuß­baller lachen, sie scherzen, sie sind wie aus­ge­wech­selt. Was hast du ihnen gesagt?“, will Schäfer von Song wissen. Aber der lächelt nur. Ich weiß bis heute nicht, was Rigo den Jungs damals geflüs­tert hat“, sagt Schäfer.

Das Finale im Confed-Cup 2003 gewinnt Frank­reich durch ein Tor von Thierry Henry mit 1:0. Aber das inter­es­siert an diesem Tag nie­manden. Vor dem Spiel tragen die Kame­runer ein lebens­großes Foto ihres ver­stor­benen Mit­spie­lers auf den Rasen, Sepp Blatter hängt dem Bild bei der Sie­ger­eh­rung die Sil­ber­me­daille um. Bei der Pokal­über­gabe bittet Frank­reichs Kapitän Marcel Desailly Rigo­bert Song auf die Bühne. Gemeinsam heben sie die Tro­phäe in die Höhe.

Ein Fuß­baller, der auf dem Fuß­ball­platz stirbt – so eine Tra­gödie hin­ter­lässt viele Fragen. Beant­worten lassen sich nicht alle. Hun­derte Male“, sagt Win­fried Schäfer später, sei ihm die Frage durch den Kopf gegangen: Was hät­test du tun können, um Marcs Tod zu ver­hin­dern?“ Foés Frau, von der Trauer über­mannt, macht auch dem deut­schen Trainer schwer­wie­gende Vor­würfe. Foé sei krank gewesen, das habe Schäfer gewusst und seinen Mit­tel­feld­mann trotzdem spielen lassen. Marco war krank“, sagt Schäfer, aber er hatte einige Tage vor dem Spiel ledig­lich Durch­fall und hat mir vor dem Halb­fi­nale ver­si­chert, ein­satz­fähig zu sein.“ Wer kann schon darauf schließen, dass ein Durch­fall-Patient kurz nach seiner Gene­sung auf dem Fuß­ball­platz zusam­men­bricht und stirbt? Nie­mand.

Nur ein böses Gerücht: die Über­dosis Doping­mittel

Die Obduk­tion gut eine Woche später ergibt fol­gendes Ergebnis: Marc-Vivien Foé starb an Herz­ver­sagen. Eine mög­li­cher­weise ange­bo­rene Herz­ver­grö­ße­rung sei der Aus­löser gewesen, teilt der zustän­dige Staats­an­walt in Lyon mit. Damit wird auch das böse Gerücht, Foés Herz sei ver­mut­lich auf­grund einer Über­dosis Doping­mittel kol­la­biert, zer­streut.

Win­fried Schäfer been­dete 2004 sein Enga­ge­ment als Trainer von Kamerun. Den Wel­ten­bummler zog es über Al-Ahli, Al Ain Club und FK Baku 2011 als Natio­nal­trainer nach Thai­land. Wenige Monate nach seinem Amts­an­tritt beob­ach­tete Schäfer das Spiel eines seiner Schütz­linge in Paläs­tina. Nach 50 Minuten brach der ohne Ein­wir­kung seines Gegen­spie­lers bewusstlos zusammen. Ich war der erste, der die Gefahr erkannte und schrie von der Tri­büne auf die Trai­ner­bank ein“, erin­nert sich Schäfer. Der Mit­tel­kreis von Lyon, die geschlos­senen Augen von Marco, die wei­nenden Fuß­baller, alles war plötz­lich wieder so nah.

Der Spieler über­lebte.