Seite 2: Mittelfeld und Angriff

SCHWEIN­S­TEIGER VS. KIM­MICH

Bas­tian Schwein­s­teiger war bei der WM in Bra­si­lien Deutsch­lands Schmer­zens­mann. Unver­gessen die Bilder aus dem Finale gegen Argen­ti­nien, als ihm das Blut übers Gesicht lief, Schwein­s­teiger lange behan­delt wurde, kurz vor der Aus­wechs­lung stand, aufs Feld zurück­kehrte – und noch ein letztes Mal gefoult wurde. Dann pfiff der Schieds­richter ab, und Deutsch­land war Welt­meister. Joshua Kim­mich ist in vielem die moderne Vari­ante von Bas­tian Schwein­s­teiger. Anführer bei den Bayern und in der Natio­nal­mann­schaft, ehr­geizig, erfolgs­be­sessen, Stra­tege auf der Sechs. Aller­dings auch manchmal hyper­aktiv, weil er sich für unent­behr­lich hält. Schwein­s­teiger wäre dazu 2014 in Bra­si­lien schon kör­per­lich nicht in der Lage gewesen. In diesem Fall trennen sich Erfah­rung und Energie unent­schieden.
Team Rio 4,5 : 1,5 Team Doha

KHE­DIRA VS. GORETZKA

Sieben Monate vor der WM in Bra­si­lien war die WM für Sami Khe­dira eigent­lich schon beendet. Im Test­spiel gegen Ita­lien riss ihm das Kreuz­band ent­zwei. Aber der Mit­tel­feld­spieler von Real Madrid tat das, was er immer tat: Er gab nicht auf. Pünkt­lich zum Finale der Cham­pions League mit Real stand er wieder auf dem Rasen, im ersten WM-Spiel gegen Por­tugal sogar in der Startelf. Eine beacht­liche Leis­tung. Trotzdem war Khe­dira nach der langen Pause natür­lich nicht der Khe­dira, der er hätte sein wollen. Sein Spiel hat immer von der Physis gelebt. In dieser Hin­sicht ist ihm der Münchner Leon Goretzka, der voll im Saft steht, im Moment einen Tick voraus. Daher: Punkt für Goretzka.
Team Rio 4,5 : 2,5 Team Doha

KROOS VS. MUSIALA

Im Anlauf auf seine erste WM als Chef­trainer hat sich Hansi Flick mit seinem Vor­gänger zum Mit­tag­essen getroffen, um von dessen rei­chem Erfah­rungs­schatz zu pro­fi­tieren. Joa­chim Löw hat ihm bei dieser Gele­gen­heit eröffnet, dass in den Wochen vor dem Tur­nier eine gewisse mediale Auf­ge­regt­heit herr­sche. Manchmal kann man sich wun­dern, wer auf einmal in Top­form ist, wessen Aktionen schnell das Prä­dikat Welt­klasse bekommen“, hat Flick erzählt. Man könnte meinen, der Bun­des­trainer hätte damit explizit auf den Hype um Jamal Musiala ange­spielt, der in den ver­gan­genen Wochen auf Über­größe ange­wachsen ist. Das ist Zau­berei, das ist Messi-like“, hat zum Bei­spiel Lothar Mat­thäus über die Künste des 19 Jahre alten Münch­ners gesagt. Nicht nur gemessen an seinem Alter sind Musi­alas Fähig­keiten außer­ge­wöhn­lich spek­ta­kulär – auf den ersten Blick wahr­schein­lich sogar spek­ta­ku­lärer als die von Toni Kroos. Aber das liegt auch daran, dass bei Kroos immer das Unspek­ta­ku­läre spek­ta­kulär war: spek­ta­kulär gut und des­halb extrem hilf­reich für das Spiel seiner Mann­schaft und deren Statik. Der Junge macht wirk­lich alles gut“, hat selbst der große hol­län­di­sche Fuß­ball­phi­lo­soph Johan Cruyff 2014 über Kroos gesagt. Das muss Musiala bei allem Poten­zial erst noch hin­kriegen. Unent­schieden.
Team Rio 5 : 3 Team Doha

MÜLLER VS. GNABRY

Serge Gnabry ist im Moment bes­tens in Schuss, gerade recht­zeitig zur WM. Thomas Müller kennt das. Recht­zeitig zu WM-End­runden war er auch immer bes­tens in Schuss, zumin­dest bei den ersten beiden. Sowohl 2010 in Süd­afrika als auch 2014 in Bra­si­lien erzielte Müller jeweils fünf Tore. Daran konnte ihn in Bra­si­lien auch die Ver­set­zung auf die rechte Außen­bahn nicht hin­dern. Der aus­ge­bil­dete Raum­deuter fand trotzdem ver­läss­lich den Weg in den Straf­raum und vor das Tor des Geg­ners. Sein Münchner Team­kol­lege Serge Gnabry ver­fügt eben­falls über diese Fähig­keit, schlän­gelt sich, anders als Müller, im Zweifel auch mit Ball am Fuß durch die geg­ne­ri­schen Abwehr­reihen. Aber Müller war eben nicht nur Voll­stre­cker, son­dern zusätz­lich noch Antreiber und Ankurbler. Daher: Punkt für Müller.
Team Rio 6 : 3 Team Doha

ÖZIL VS. SANÉ

Hän­gende Schulter, müder Blick: Böse Zungen behaupten, die alte Kör­per­sprache von Mesut Özil werde jetzt von Leroy Sané auf­ge­tragen. Die latente Skepsis des deut­schen Publi­kums, die früher Özil ent­ge­gen­ge­schlagen ist, gibt es gratis hinzu. Das war schon bei Özil nicht immer fair, das ist es auch bei Sané nicht. Beide müssten qua ihrer fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten eigent­lich über alle Zweifel erhaben sein, trotzdem wurden und werden sie oft kri­ti­scher gesehen als ihre Kol­legen. Mesut Özil hat 2014 in Bra­si­lien nicht so geglänzt, wie er hätte glänzen können, aber er hat sich für den Erfolg der Mann­schaft unter­ge­ordnet, hat – mit hän­genden Schul­tern und müdem Blick zwar – als Zehner ver­läss­lich seinen Dienst im offen­siven linken Mit­tel­feld ver­richtet. Daher: Punkt für Özil.
Team Rio 7 : 3 Team Doha

KLOSE VS. HAVERTZ

Miroslav Klose hat bei der WM in Bra­si­lien Geschichte geschrieben. Mit seinem Tor im Halb­fi­nale gegen den Gast­geber zog er in der ewigen Tor­schüt­zen­liste an Ronaldo, dem Älteren, vorbei und ist seitdem der beste Tor­schütze der WM-His­torie. Bei einer sol­chen Bilanz sollte das Duell mit Kai Havertz eigent­lich eine klare Sache sein. Ist es aber nicht. Klose, bei der WM 2014 bereits 36 Jahre alt, befand sich längst im Abspann seiner Kar­riere. Unan­tastbar war er nicht mehr. Aber Havertz? Erst 22 Jahre alt und nicht mal ein rich­tiger Mit­tel­stürmer, selbst wenn er bei seinem Klub, dem FC Chelsea, inzwi­schen vor­nehm­lich auf der Neun zum Ein­satz kommt. Doch wozu Havertz fähig ist, das hat der erwie­se­ner­maßen feine Fuß­baller im Mai 2021 gezeigt, als er Chelsea mit seinem Tor gegen Man­chester City zum Titel in der Cham­pions League schoss. Kai hat alles“, sagt Oliver Bier­hoff. Viel Talent, Technik und auch eine gute Physis.“ Und Bier­hoff muss es als ehe­ma­liger Stürmer schließ­lich wissen. Unent­schieden.
Team Rio 7,5 : 3,5 Team Doha

FAZIT

Ein letzt­lich stan­des­ge­mäßer Erfolg für die Welt­meister von 2014. Das Team Doha ver­fügt durchaus über Klasse und Talent, aber noch nicht über die Wett­kampf­härte, die dem Team Rio vor acht Jahren den WM-Titel bescherte. Welt­meister können Flicks Spieler natür­lich trotzdem werden.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.