Seite 2: 24 Punkte weniger als Spalletti – aber viel beliebter

Anders als man es von einem Trainer mit seiner His­torie viel­leicht erwartet hätte, hat er die zahl­rei­chen Spiele gegen kleine Ver­eine wie Bodø/​Glimt oder Vitesse Arn­heim kei­nes­wegs mit Miss­ach­tung gestraft, son­dern wollte unbe­dingt ins Finale kommen. Nach dem Halb­fi­nal­sieg im voll besetzten Stadio Olim­pico ver­drückte er sogar ein paar Tränen. Der Mann, der bereits zweimal die Cham­pions League und mit Man­chester United auch die Europa League gewonnen hat, sagt nun: Es wird das wich­tigste Finale meiner Kar­riere.“

Es sind Sätze wie dieser, mit denen Mour­inho die Herzen der Roma-Fans erobert hat. Schon die Ankün­di­gung seiner Ver­pflich­tung hatte große Euphorie in der Stadt aus­ge­löst. Und obwohl der neue Coach mit seiner Mann­schaft eine auf den ersten Blick kei­nes­wegs berau­schende Saison spielt und in der Liga ledig­lich auf Rang sechs gelandet ist, standen die Tifosi zu jedem Zeit­punkt hinter ihm – selbst nach dem pein­li­chen 1:6 in Nor­wegen. Nach dem 3:0‑Erfolg im Stadt­derby gegen Lazio am 20. März ver­glich ihn der in Rom ansäs­sige Cor­riere dello Sport“ bereits mit Nils Lied­holm und Fabio Capello, den beiden erfolg­reichsten Trai­nern der Klub­ge­schichte: Wir wissen zwar nicht, ob Mour­inho so viel gewinnen wird wie Lied­holm oder Capello, doch schon jetzt, nach neun wech­sel­haften Monaten, ist er der am meisten geliebte Trainer in der Geschichte der Gial­lo­rossi.“

Dabei ist Rom für Trainer tra­di­tio­nell ein schwie­riges Pflaster. Ein Lied davon singen kann etwa der aktu­elle Napoli-Coach Luciano Spal­letti. Der wurde 2017 mit 87 Punkten Vize­meister – ist bei vielen Fans aber bis heute ver­hasst, weil er es gewagt hatte, den 40-jäh­rigen Fran­cesco Totti in der Regel nur noch in den Schluss­mi­nuten ein­zu­wech­seln. Mour­inho holte zwar 24 Punkte weniger als Spal­letti, doch nackte Zahlen sind für die Fans offen­sicht­lich nicht ent­schei­dend. So schreibt der Cor­riere“ weiter: Mit Mour­inho auf der Bank ist für den Roma-Fan das Ergebnis nicht mehr das Wich­tigste.“

Mit Mour­inho auf der Bank ist für den Roma-Fan das Ergebnis nicht mehr das Wich­tigste.“

Zugute kommt Mour­inho, dass die Ergeb­nisse vor allem in der zweiten Sai­son­hälfte immer häu­figer stimmten. Der Coach setzt wei­terhin auf einen prag­ma­ti­schen Spiel­stil und hat eine dafür nötige solide Defen­sive um Ex-Man­chester-United-Ver­tei­diger Chris Smal­ling und den ita­lie­ni­schen Natio­nal­spieler Gian­luca Man­cini gebildet. Mit dem offen­siven Mit­tel­feld­spieler Lorenzo Pel­le­grini führt die Mann­schaft wie früher Totti ein gebür­tiger Römer als Kapitän aufs Feld, und im Angriff steht mit Tammy Abraham ein Mit­tel­stürmer, der nach einigen wech­sel­haften Jahren bei Chelsea zu seiner Top­form gefunden hat. Mit neun Toren, dar­unter das 1:0 gegen Lei­cester, hat er großen Anteil am Einzug ins Finale – und scheint sich wie sein Trainer in Rom ver­liebt zu haben. Einige Ange­bote aus der Pre­mier League soll der bei den Fans beliebte Stürmer abge­lehnt haben.

Trotz der öffent­li­chen Kritik nach dem 1:6 in Nor­wegen hat Mour­inho offenbar inzwi­schen auch die Spieler geschlossen hinter sich gebracht – was in der Ver­gan­gen­heit als eine seiner größten Stärken galt. Die betonen nun bei jeder Gele­gen­heit, ihrem Coach blind zu ver­trauen und glauben daran, dass er sie zu einem Titel­ge­winn führen kann.

Ebenso fest daran glauben ver­mut­lich die 166 Fans, die das Team bei ihrem Saison-Tief­punkt an einem eisigen Don­ners­tag­abend im Oktober in Nor­wegen begleitet hatten. Alle 166 werden auch heute Abend im Sta­dion dabei sein. Als Dan­ke­schön für ihre Treue ver­sorgte sie der Verein mit Frei­karten für das Finale.

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