Michael Bal­lack, ist mit dem Kar­rie­re­ende die große Leere ein­ge­treten?
Im Gegen­teil. End­lich kann ich mir meinen Tag selbst ein­teilen.

Aber ist es nach 16 Jahren als Profi nicht irri­tie­rend, keine Ter­mine mehr zu haben?
Nein, ich gönne mir ja bewusst diese freie Zeit, um end­lich so etwas wie Alltag kennen zu lernen. Seit meiner Jugend habe ich dem Sport fast alles geop­fert und war weit­ge­hend fremd­be­stimmt. Der Fuß­ball war sieben Tage in der Woche 24 Stunden in meinem Kopf. Des­halb will ich jetzt eine gewisse Zeit ganz ohne Vor­gaben.

Wel­cher Mensch sehnt sich nach Alltag?
Ich habe seit meinem vierten Lebens­jahr jeden Tag Fuß­ball gespielt. Als Profi war ich schon früh sehr stark ein­ge­bunden, vieles wurde von mir weg­ge­halten. An diesen Zustand gewöhnt man sich, er ist ja auch sehr bequem. Aber die per­sön­liche Ent­wick­lung bleibt da zwangs­läufig ein wenig auf der Strecke.

Wo erkennen Sie bei sich Defi­zite?
Lassen Sie es mich so sagen: Die Zeit, um andere Inter­essen neben dem Fuß­ball zu ent­wi­ckeln, war sehr knapp.

Man sah Sie zuletzt öfter auf Messen und in Gale­rien für zeit­ge­nös­si­sche Kunst.
Das ist inzwi­schen eine kleine Lei­den­schaft von mir. Meine Ex-Frau Simone ist sehr kreativ und da wir in den ver­gan­genen Jahren viel Zeit mit­ein­ander ver­bracht haben, sind wir gemeinsam öfter zu Aus­stel­lungen gegangen. Anfangs war es nur ein Inter­esse, aber je mehr ich mich damit aus­ein­ander gesetzt habe desto stärker war der Wunsch selbst schöne Werke zu besitzen.

Geben Sie viel Geld für Kunst aus?
Gute Kunst ist oft auch teuer.

Was fas­zi­niert Sie an zeit­ge­nös­si­scher Kunst?
Wie­viele unter­schied­liche Mög­lich­keiten sie bietet, um Dinge zum Aus­druck zu bringen… Über Geschmack lässt sich dabei natür­lich streiten.

Was haben Sie denn Zuhause?
Malerei aber auch Skulp­turen. Ich bin da nicht fest­ge­legt. Ich ver­suche, mir soviel wie mög­lich anzu­schauen und mich inspi­rieren zu lassen.

Haben Sie einen bevor­zugten Künstler?
Meh­rere, aber da müsste ich ins Detail gehen.

Machen Sie doch mal.
Ich hatte das Pri­vileg, einige bekannte Künstler per­sön­lich kennen zu lernen und, was unüb­lich ist, auch in ihrem Ate­lier besu­chen zu dürfen. Und so ein Blick hinter die Kulissen trägt dazu bei, sich inten­siver mit dem Künstler und dessen Kunst aus­ein­an­der­zu­setzen. Es ist fas­zi­nie­rend, wie sich ein Werk über Wochen ständig neu ent­wi­ckelt, nur weil sich die Gedanken des Künst­lers ver­än­dern.

Mit wel­chen Künst­lern hatten Sie Kon­takt?
Ich war mehr­fach bei Neo Rauch im Ate­lier. Anselm Reyle mag ich, weil er viel mit All­tags­ge­gen­ständen arbeitet – von Müll über Ton bis hin zu Blech. Auch ihn habe ich mehr­fach in seinem Ate­lier besucht, genauso wie Georg Bas­elitz, einen meiner Lieb­lings­künstler, der auch nicht weit von mir am Ammersee wohnt. David Schnell habe ich mehr­mals in Leipzig besucht und mit Rose­marie Tro­ckel bin ich schon gemeinsam durch New York geschlen­dert. Ihre aktu­ellen Aus­stel­lungen in New York und Lis­sabon sollte man sich auf jeden Fall anschauen.

Das klingt nicht mehr unbe­dingt nach einer kleinen“ Lei­den­schaft.
Je länger ich mich damit beschäf­tige, desto größer wird der Wunsch es zu ver­tiefen. Das Gute an Kunst ist übri­gens, dass sie einen nicht ständig for­dert. Es bleibt mir selbst über­lassen, wie intensiv ich einen Künstler ver­folge..

Sie beschreiben, wie sich die Gedanken eines Künst­lers in seiner Arbeit abbilden. Mit wel­chen Emp­fin­dungen haben Sie die letzten Jahre Ihrer aktiven Lauf­bahn erlebt? Das Enga­ge­ment bei Bayer 04 Lever­kusen nach 2010 wirkt rück­bli­ckend wie ein Schritt in die Alters­teil­zeit.
So war es nie geplant. Ich kam voll moti­viert dorthin zurück. Aber die ein­ein­halb Jahre waren nicht ein­fach. Das Ver­hältnis zu Jupp Heynckes war vom ersten Tag an distan­ziert. Mir kam es vor, als habe ihm irgend­je­mand zu spät Bescheid gesagt, dass Michael Bal­lack nach Lever­kusen wech­selt.

Der Wechsel war ein Fehler?
Hin­terher ist man immer schlauer. Aber Lever­kusen war für mich eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Ich kannte das Umfeld, meine Familie und mich ver­band eine Freund­schaft mit Rudi Völler und ich wollte auch nochmal in die Bun­des­liga.

Warum kamen Sie weder mit Jupp Heynckes noch mit Robin Dutt zurecht?
Wie Sie wissen, habe ich vorher mit vielen großen Trai­nern gear­beitet und bin mit Ihnen sehr gut zurecht gekommen. Sie gaben mir das Gefühl, dass sie voll auf mich bauen. Des­wegen war ich schon ver­wun­dert, dass dies in Lever­kusen nicht mehr der Fall war. Robin Dutt hatte offenbar von vorn­herein andere Vor­stel­lungen, als mit mir zu arbeiten. Zumin­dest hat er das in Inter­views zum Aus­druck gebracht.

Ihr Kar­rie­re­ende hatten Sie sich bestimmt anders vor­ge­stellt.
Natür­lich war es eine große Ent­täu­schung, plötz­lich nicht mehr die Bedeu­tung zu haben, wie in all den Jahren zuvor.

Ihr Transfer in die USA und sogar nach Aus­tra­lien war im Gespräch. Warum haben Sie diesen Schritt nicht mehr gemacht?
Ich wollte es nicht aus­reizen. Schließ­lich habe ich stets einen sehr hohen Anspruch an mich und mein Team gehabt. Über viele Jahre habe ich in Top­mann­schaften um die Meis­ter­schaft gespielt. Dieser Anspruch war schon beim Wechsel nach Lever­kusen nicht mehr ganz gegeben. Und in so einer Situa­tion auch keine Haupt­person mehr sein zu können, moti­vierte mich nicht gerade zu einem noch­ma­ligen Wechsel, um dann meine Ansprüche mit 36 noch weiter nach unten zu schrauben. Zumal ich mich jetzt kör­per­lich fit fühle und sich keine blei­benden Schäden bemerkbar machen.

Mit anderen Worten: Die Kar­riere von Michael Bal­lack sollte nicht in einer Ope­ret­ten­liga enden.
Ich habe drei Jungs im Alter zwi­schen sieben und elf Jahren. In der Ver­gan­gen­heit hatte ich nur wenig Zeit, ihnen beim Auf­wachsen zuzu­sehen. Jetzt wollte ich nicht nochmal zwei Jahre mit einer großen Ent­fer­nung zu meinen Kin­dern erleben.

Wenn Sie auf Ihre Lauf­bahn zurück­bli­cken: Wo waren Sie am glück­lichsten?
Ich habe mich überall wohl­ge­fühlt. Den Zenit zu benennen, fällt mir schwer. Am kom­for­ta­belsten war meine Situa­tion sicher im letzten Jahr beim FC Bayern. Ich war Ende zwanzig, hatte ein hohes Stan­ding in einer Top-Mann­schaft, war Kapitän der Natio­nalelf und ver­fügte über großes Selbst­be­wusst­sein. Aber genau dieser Zustand war es auch, der mich bewog, mir neue Ziele zu setzen. Ich hätte ohne wei­teres bei Bayern Mün­chen drei, vier Jahre ver­län­gern können. Aber das wollte ich nicht.

Warum nicht? Sie hatten mit dem FC Bayern dreimal das Double geholt.
Ent­gegen der heu­tigen Mann­schaft hatte die dama­lige noch nicht die Qua­lität, um inter­na­tional ganz vorne mit­zu­spielen. Der Klub fuhr noch eine etwas andere Phi­lo­sohie, so dass 2006 relativ klar war, dass der FC Bayern bis auf wei­teres nicht auf Augen­höhe mit Man­chester United, FC Bar­ce­lona oder dem FC Chelsea spielen würde.

Doch auch mit dem FC Chelsea konnten Sie letzt­lich die Cham­pions League nicht gewinnen.
Im Nach­hinein war es trotzdem eine erfolg­reiche und coole Zeit. London ist eine gran­diose Stadt. Ich war akzep­tiert in der Mann­schaft, auch wenn ich mich am Anfang erst einmal durch­beißen musste. Und wir hatten dort eine sehr gute Gemein­schaft. Auch wenn es, wie Sie sagen, mit dem inter­na­tio­nalen Titel nichts geworden ist.

Wie groß ist heute Ihre Ent­täu­schung dar­über?
Das Gesamt­bild in London stimmte. Ich bin gerne zum Trai­ning gegangen und habe groß­ar­tige Leute kennen gelernt. Das ver­lo­rene Cham­pions-League-Finale ist nur ein Moment, der sich hinter vielen tollen Erin­ne­rungen ein­reiht.

Waren Sie in London auch weniger im Fokus der Öffent­lich­keit?
Schon. Bei Bayern Mün­chen waren damals beson­ders Oliver Kahn und ich als Haupt­ak­teure unter Beob­ach­tung. Es mussten jeden Tag Geschichten her, egal ob sie wahr oder unwahr, span­nend oder belanglos waren. In Eng­land war es einen Tick ange­nehmer, weil die eng­li­sche Presse sich so wie die deut­sche eher für die eigenen Spieler inter­es­siert. Bevor sich die Jour­na­lisen mit Andrj Schewt­schenko, Michael Essien, Didier Drogba oder mir beschäf­tigten, schrieben sie über John Terry, Ashley Cole oder Paul Lam­pard.

War es der pein­lichste Moment Ihrer Kar­riere, als Sie zum Ein­stand Du ent­schul­dige I kenn di“ vor­singen mussten?
So pein­lich war das gar nicht, die andern haben ja kein Wort ver­standen.

Waren Sie auf den Vor­trag vor­be­reitet?
Na klar, aber ich musste auch nur eine Strophe zu singen, weil ich so grausig per­formte und von einer Lawine Ser­vi­etten erschlagen wurde.

Die anderen Neuen mussten auch ran?
Bei Schewa war das viel schlimmer. Der hat We’re the cham­pions“ gesungen, was alle anderen ver­standen. Da flogen gleich von Anfang an die Ser­vi­etten.

Michael Bal­lack, Ihrer Lauf­bahn haftet das Kli­schee des ewigen Zweiten“ an. Dabei haben Sie etliche Titel gewonnen. Wel­cher bedeutet Ihnen am meisten?
Das Gefühl des Erfolges hängt stark von der Situa­tion ab. Auch, wenn ich damals noch kein Stamm­spieler war, kam mir die Meis­ter­schaft mit Lau­tern 1998 wie ein Traum vor. Ich bin viermal Deut­scher Meister und drei Mal Pokal­sieger geworden. Ich will nicht sagen, dass solche Titel zur Rou­tine werden, aber eine Meis­ter­schaft in der Pre­mier League ist im Gegen­satz dazu schon beson­ders.

Was die Beson­der­heit der Situa­tion anbe­trifft, müsste Ihnen der dritte Platz bei der WM 2006 in beson­derer Erin­ne­rung sein?
Ehr­lich gesagt denke ich da öfter an die WM 2002. Acht legen­däre Tage auf Jeju-Island mit einer legen­dären Party. Das war eine gute Zeit. Der Zusam­men­halt in der Mann­schaft stimmte und nie­mand hätte uns vorher zuge­traut, dass wir als Vize­welt­meister nach Hause kommen.

Die WM in Asien bedeu­tete den Durch­bruch für Sie.
Die beiden Rele­ga­ti­ons­spiele gegen die Ukraine waren viel­leicht die wich­tigsten Spiele meiner Kar­riere. Für Deutsch­land ging es um alles und die Medien hauten auf uns ein. Stellen Sie sich vor, Deutsch­land hätte sich zum ersten Mal nicht für eine WM qua­li­fi­ziert. Da wurde ein unglaub­li­cher Druck auf­ge­baut. Ich sah mich gefor­dert – und es hat geklappt.

Sie trafen in den beiden Spielen ins­ge­samt drei Mal. Nach dem 1:1 in Kiew sagten Sie: Das wich­tigste Tor meiner Kar­riere.“ Den­noch wird das Tur­nier 2006 medial weitaus höher gehängt als die WM 2002.
Da sehen Sie mal, wie Medien funk­tio­nieren. Eine Pro­fi­mann­schaft funk­tio­niert nur in Aus­nah­me­fällen nach dem Prinzip von elf Freunden“.

Haben Sie den­noch in Teams gespielt, wo ein enger, per­sön­li­cher Zusam­men­halt herrschte?
Je älter ich wurde und je länger ich spielte, desto mehr nahm das Gefühl der ver­schwo­renen Gemein­schaft ab.

Woran liegt das?
Sicher nicht an den Spie­lern selbst, eher an der sich stetig ver­än­dernden Medi­en­si­tua­tion. Die Presse hat eine enorme Macht über den Fuß­ball gewonnen. Wenn sich früher die Zei­tungen auf einen Mit­spieler ein­schossen, haben wir als Mann­schaft auch mal gesagt: Schluss, jetzt reden wir ein oder zwei Wochen lang nicht mit Euch.“ Sowas gibt es heute nicht mehr.

Aber warum kann sich ein Team nicht mehr zu sol­chen Sank­tionen zusam­men­schließen?
Bei einigen Spie­lern hat das auch mit Angst zu tun.

Wovor fürchten sich die Profis denn?
Vor dem medialen Echo. Sie wissen besser als ich, welche Mar­gi­na­lien heut­zu­tage über Zei­tungen, das Fern­sehen und das Internet plötz­lich eine Dimen­sion bekommen, die man vorher nie für mög­lich gehalten hätte. Und von jeder grö­ßeren Geschichte bleibt in der Öffent­lich­keit immer ein Krümel hängen.

Was ist denn Nega­tives an Ihnen hän­gen­ge­blieben?
Auch in ein paar Jahren werden einige bei meinem Namen sicher noch denken: Bal­lack? Der hatte doch damals dieses Pro­blem mit Jogi Löw.“ Die Details des Kon­flikts geraten schnell in Ver­ges­sen­heit. Es spielt am Ende auch keine Rolle mehr, wer Recht hatte. Und daraus lernt ein Profi natür­lich.

Wel­chen Effekt haben sol­chen Mecha­nismen denn?
Als Natio­nal­spieler denkt man bewusst dar­über nach, was pas­sieren könnte, wenn man jetzt dieses oder jenes sagt. Eine Ent­wick­lung, die ich sehr schade finde. Denn auf diese Weise ist ein Profi oft gehemmt. Und selbst jetzt, wo ich meine aktive Lauf­bahn beendet habe, hört es noch nicht auf.

Worauf spielen Sie an?
Als ich vor kurzem in Spa­nien wegen über­höhter Geschwin­dig­keit ange­halten wurde, rief mich gleich ein Jour­na­list an und fragte: Bist du im Knast?“. Die Mel­dung lief gerade bei ihm über den Ticker. In einer ita­lie­ni­schen Zei­tung stand sogar, ich sei in Hand­schellen abge­führt worden, dabei sind ledig­lich meine Per­so­na­lien auf­ge­nommen worden. Bei vielen Medien herrscht die Hal­tung vor: Erstmal schreiben, raus­nehmen geht immer noch.

Über Sie sind unzäh­lige Geschichten geschrieben worden. Sie müssten eigent­lich völlig immun gegen jed­wede Form von Bericht­erstat­tung sein – oder nah am Burn-Out?
Zeit­weise war es wirk­lich heftig. Viele haben mir bestä­tigt, dass der Rummel, der um meine Person gemacht wurde, mit­unter schwer erträg­lich war. Aber ich ver­füge anschei­nend über die Fähig­keit, im rich­tigen Moment abzu­schalten und mich aufs Wesent­liche zu fokus­sieren. Das heißt nicht, dass mir alles egal ist. Einige Dinge sind mir schon sehr nah gegangen.

Wann hatten Sie die Schnauze regel­recht voll?
Nie­mals. Dafür habe ich den Fuß­ball zu sehr geliebt. Im Übrigen war ich immer in der Lage, die Dinge, die über mich geschrieben wurden, ein­ordnen zu können. Ich wusste, was ich bin und was nicht. Dass man mir weil ich in einem Inter­view mal ansatz­weise Kritik an dem Umgang mit einem ver­dienten Spieler geäu­ßert habe…

…Sie spielen auf das Ende der Natio­nal­mann­schafts­kar­riere von Torsten Frings an…
…ein grund­le­gendes Zer­würfnis mit dem Bun­des­trainer andich­tete, war doch Unsinn. Als Kapitän war es doch Teil meiner Auf­gabe, Stel­lung zu beziehen.

Sie sagten damals: Respekt und Loya­lität ist doch das Wenigste, was man als ver­dienter Natio­nal­spieler erwarten kann.“ Sie waren also gewarnt, was Ihr eigenes Kar­rie­re­ende als Natio­nal­spieler anbe­trifft.
Zum Glück habe ich das Inter­view zwei Jahre vor meinem Ende bei der Natio­nalelf gegeben. Was mein eigenes Aus­scheiden anbe­trifft, war ich stets sehr defensiv. Ich bin nie ins Detail gegangen, denn ich hätte auch viel offen­siver mit der Situa­tion umgehen können…

Wie meinen Sie das?
Ich möchte das hier nicht noch einmal auf­rollen, aber es lief fast genauso, wie es in all den Jahren mit anderen wich­tigen Spie­lern gelaufen war.

Es hätte Ihnen doch bewusst sein müssen, dass der Tag kommt, wo auch Sie Opfer dieses Aus­le­se­pro­zesses werden.
Mir ist es leider erst bewusst geworden, als ich mit­ten­drin war.

Ahnten Sie, als Ihnen das Syn­des­mo­se­band beim Foul von Kevin Prince Boateng im FA-Cup-Finale riss, dass dies der Anfang vom Ende Ihrer Lauf­bahn sein könnte?
Nein, zunächst wusste ich nur, dass ich nun nicht als Kapitän die Natio­nal­mann­schaft zur WM in Süd­afrika führen kann. So eine Ver­let­zung heilt in der Regel relativ schnell. Aber es war natür­lich ein Ein­schnitt, weil mir klar war, dass ich nun wohl nie mehr bei einer WM auf­laufen würde. Bis dahin hatte ich nur mit dem Gedanken gespielt, meine Natio­nal­mann­schafts­kar­riere even­tuell nach Süd­afrika zu beenden.

Der düs­terste Moment Ihrer Lauf­bahn?
Das Foul war kein düs­terer Moment. Weitaus schlimmer war die Zeit danach, in der ich nicht spielen konnte und mit­er­leben musste, wie über mich sowohl von Kol­legen als auch von Jour­na­listen geur­teilt wurde. Ohne dass ich irgendwas dazu bei­getragen hatte oder sport­lich eine Ant­wort geben konnte.

Sie meinen, wie sich nach der WM 2010 die öffent­liche Mei­nung ver­fes­tigte, dass die Natio­nalelf ohne Sie bes­seren Fuß­ball spielte als mit Ihnen.
Ich meine alle Formen der Inter­pre­ta­tion. Bitte bedenken Sie, dass ich bis zum Zeit­punkt der Ver­let­zung Stamm­spieler beim FC Chelsea war. Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich meine Situa­tion in der Natio­nalelf ohne mein Zutun so ent­wi­ckeln würde und öffent­lich plötz­lich voll­kommen neu bewertet würde. Das fand ich höchst despek­tier­lich und an dieser Form der Wahr­neh­mung gebe ich den Medien eine Mit­schuld. Ich ging davon aus, dass meine Ver­let­zung aus­heilt und ich dann zurück­komme. Aber diese Chance habe ich weder in der Natio­nalelf, noch im Verein bekommen. Letz­teres auch, weil eine wei­tere Ver­let­zung hinzu kam. Und so liefen die letzten beiden Jahre meiner Lauf­bahn leider eher sub­op­timal.

Was emp­fanden Sie, als Sie die nega­tive Bericht­erstat­tung über die Natio­nalelf und spe­ziell über Jogi Löw nach der EM 2012 mit­be­kamen?
Ich bin froh, dass diese Ach­ter­bahn hinter mir liegt. Dass der Bun­des­trainer sich nun diesen Fragen stellen muss, ist Teil seines Berufs. Aber es zeigt auch, dass der Hype um den Fuß­ball immer größer wird. Zu meiner Zeit war es schon extrem, aber ich habe den Ein­druck, dass es immer mehr wird.

Sie lieben den Fuß­ball, aber lieben Sie auch das Fuß­ball­ge­schäft?
Es ist ein schwie­riges Geschäft, vor allem des­halb, weil es eben nicht ständig nur nach oben geht. Neunzig Pro­zent meiner Kar­riere sind super gelaufen, aber was alles dahinter steckt, wie­viel Gra­ben­kämpfe ich aus­fechten musste, um mich durch­zu­setzen, ist von außen nicht erkennbar. Es gab sehr viele Spiele und Situa­tionen, in denen meine Kar­riere hätte Schaden nehmen können, wenn ich kein Tor oder kein gutes Spiel gemacht hätte. Ich habe erlebt, dass viele Mit­spieler nach Miss­erfolgen oft unfair behan­delt wurden.

Im Jahr 2005 ver­kün­dete Karl-Heinz Rum­me­nigge mitten in den Ver­trags­ver­hand­lungen mit Ihnen auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung, Sie hätten es ver­säumt, sich recht­zeitig zum FC Bayern zu bekennen.
Ich hatte mich damals nicht gegen Bayern Mün­chen, ich hatte mich nur noch nicht für sie ent­schieden. Wenn ein Mann wie Karl-Heinz Rum­me­nigge so etwas sagt, weiß er, dass er einen Spieler zum Abschuss frei­gibt. Das ist Politik. Es ist nicht ein­fach, mit so einer Situa­tion umzu­gehen und stark zu bleiben – auch was eine Ent­schei­dung für oder gegen den Ver­eins­wechsel anbe­trifft. Aber es zeigt auch, wie gut der FC Bayern medial auf­ge­stellt ist und wie clever der Klub seine Macht aus­spielt. Zum Glück konnte ich sport­lich auf solche Situa­tionen fast immer eine Ant­wort geben und die Wogen glätten, indem ich gut Fuß­ball spielte. Aber es gibt auch Cha­rak­tere, die in sol­chen Situa­tionen anders reagieren und dem Druck nicht stand­halten.

Die psy­chi­sche Belas­tung des modernen Profis ist enorm.
Manchmal kann man gar nicht so schnell gucken, wie ein Spieler, der gerade noch ein Held war zum letzten Arsch­loch gemacht wird. Als Mensch muss man sowas erst einmal ver­kraften. Sebas­tian Deisler war der Erste, der sich in Ihrer aktiven Zeit zu seinen Depres­sionen bekannte.

Kennen Sie noch andere Spieler, die unter dem Druck fast zer­bra­chen?
Da es das Fuß­ball­mi­lieu nicht duldet, dass ein Spieler Schwäche zeigt, war es nicht üblich, dass sich Mit­spieler anver­trauten. Ich glaube aber dadurch, dass diese Fälle immer häu­figer werden und der Druck stetig steigt, sind Spieler inzwi­schen auch eher bereit, sich zu öffnen. Auch weil der Druck viel­leicht so groß ist, dass sie gar nicht mehr anders können. Natür­lich gibt es solche Phä­no­mene auch in anderen Berufen, aber nie­mand kann sich vor­stellen, wie es ist, unter per­ma­nenter medialer Beob­ach­tung zu stehen. Ein Profi kann nie abschalten, er muss ständig reflek­tieren, was er macht.

Hat es Ihre Kar­riere beein­träch­tigt, dass Sie schon in jungen Jahren als Über­flieger galten? Reiner Cal­mund nannte Sie den kleinen Kaiser“, Team­chef Rudi Völler sagte, Sie seien einer der besten Spieler, die Deutsch­land je hatte“.
Nö, belastet hat mich das nie.

Sind Sie in diesem Bewusst­sein auf­ge­wachsen?
In der Jugend war ich zumin­dest meis­tens der beste Spieler. Ich wusste, dass ich auch mit durch­schnitt­li­chen Leis­tungen noch der beste im Team bin. Aber gerade der Sprung aus der Jugend zur den Män­nern war rie­sen­groß. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich es zum Profi schaffen würde. Heute sind die jungen Spieler besser vor­be­reitet. Mario Götze oder Marco Reus spielten schon mit 18 Jahren auf dem phy­si­schen Niveau der Lizenz­mann­schaft. Ich brauchte in dem Alter noch ein, zwei Jahre, um kör­per­lich bei den Profis mit­zu­halten.

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie es nicht zum Fuß­ball­profi gereicht hätte?
Ich habe ja Abitur, wahr­schein­lich hätte ich irgendwas stu­diert.

Kunst­ge­schichte?
Viel­leicht Archi­tektur, das hat mich schon immer inter­es­siert.

Trotz Ihres guten Leu­munds pro­phe­zeite Ihnen Günter Netzer im Jahr 2000, Sie würden die Rolle als Füh­rungs­spieler wohl nie­mals aus­füllen. Er sagte, Ihre Erzie­hung in der DDR-Sport­schule habe dazu geführt: Dort zählte das Kol­lektiv, das hat den Weg für Genies ver­stellt.“
Inter­es­sant, oder? Am Anfang meiner Lauf­bahn war ich der Öffent­lich­keit zu sehr Team­player und am Ende war ich allen zu domi­nant. Viele fragten sich nach der WM 2010, ob ich mit meiner Art über­haupt noch in das Kol­lektiv der Natio­nalelf hin­ein­passen würde. Heute kann ich schon fast wieder drüber schmun­zeln. Aber wenn man in der Situa­tion steckt, muss man ständig Stel­lung beziehen, und das Thema gewinnt eine Bedeu­tung, die schwer nach­zu­voll­ziehen ist.

Bei der EM 2012 traten Sie erst­malig in Netzers Fuß­stapfen, als Sie für den Sport­sender ESPN“ als TV-Experte wirkten. Wäre das auch lang­fristig eine Job­op­tion für Sie?
Tem­porär könnte ich mir sowas schon vor­stellen.

Als TV-Experte gilt man schnell als Bes­ser­wisser. Reizt Sie nicht eher die prak­ti­sche Arbeit als Trainer?
Ich habe als stra­te­gi­scher Spieler immer schon ana­ly­tisch auf den Fuß­ball geblickt. Des­wegen ist es natür­lich nicht abwegig, ins Trai­ner­ge­schäft ein­zu­steigen. Ich kenne aber auch die Schat­ten­seiten dieses Jobs und habe bei vielen meiner Coachs erlebt, welche Mecha­nismen greifen.

Wel­cher Trainer hat Ihre Lauf­bahn am nach­hal­tigsten geprägt?
Chris­toph Daum. Er war sicher der wich­tigste Trainer für mich. Als ich mit 22 Jahren zu ihm kam, war ich in Kai­sers­lau­tern erst eine Saison lang Stamm­spieler gewesen. In Lever­kusen wollte ich den nächsten Schritt machen. Es war nicht klar, ob das auf Anhieb gelingt, aber Daum hat voll und ganz auf mich gesetzt. Das hat mir einen enormen Schub gegeben, sodass ich unter seinem Nach­folger Klaus Topp­möller 2001/2002 meine viel­leicht beste Saison über­haupt gespielt habe.

Sie haben viele unter­schied­liche Trai­ner­typen ken­nen­ge­lernt: Von Otto Reh­hagel über Jose Mour­inho bis zu Jürgen Klins­mann. Hat es unter Felix Magath am wenigsten Spaß gemacht?
Das würde ich nicht sagen. Mit ihm haben wir zwei Mal das Double gewonnen – und Erfolg macht immer Spaß. Magath war ein ganz wich­tiger Bayern-Trainer, wenn auch mit sehr spe­zi­ellen Eigen­heiten.

Was meinen Sie?
Er ist halt ein schwie­riger Typ. Als Spieler kann ich mich dar­über auf­regen und mich run­ter­ziehen lassen – oder ich ver­suche, seine Phi­lo­so­phie positiv für meine Leis­tung nutzbar zu machen.

Bas­tian Schwein­s­teiger hat Magath moti­viert, indem er ihn beim ersten Trai­ning nach seiner Rück­kehr von der EM 2004 fragte, wer er denn über­haupt sei.
Das hat er mit mir nicht gemacht. (lacht) Aber solche Tricks werden eben im Tages­ge­schäft manchmal ange­wandt, wo ein Trainer eine Gruppe von 25 Leuten ständig aufs Neue moti­vieren muss.

Kamen Sie gut mit Magath aus?
Ja. Es gab aber auch Tage mit ihm, an denen ich hätte kotzen können. Aber das lag auch daran, dass ich seine Art von Trai­ning so nicht gewohnt war. Doch der Erfolg zeigt, dass Magath vieles richtig gemacht hat. Und als guter Profi muss man sich mit den Gege­ben­heiten abfinden.

Michael Bal­lack, Sie sind der erste ost­deut­sche Profi, der im ganzen Land glei­cher­maßen ver­ehrt wurde. Wie haben Sie sich Anfang der Neun­ziger Ihr Leben im neuen Deutsch­land vor­ge­stellt?
Über­haupt nicht. Dass ich Profi werden könnte, war damals viel­leicht ein Traum, aber defi­nitiv keine Gewiss­heit für mich.

Wer war Ihr Idol in der Welt­meister-Elf von 1990?
In diesen Kate­go­rien habe ich nicht gedacht. Es war ein Team aus vielen unter­schied­li­chen Cha­rak­teren, die mir alle irgendwie impo­nierten: Mat­thäus, Völler, Klins­mann, Brehme…

Den Traum als erster gesamt­deut­scher Spieler den WM-Pokal hoch­zu­halten, hatten Sie ange­sichts des Tri­umphs von Rom nicht?
Meine Kar­riere habe ich immer Schritt für Schritt betrachtet. Damals wünschte ich mir, irgend­wann mal in der ersten Mann­schaft des Chem­nitzer FC zu spielen.

Was bedeutet es Ihnen, das fuß­bal­le­ri­sche Symbol der Wie­der­ver­ei­ni­gung zu sein?
Es ist jeden­falls eine schöne Geschichte, die mich auch stolz macht. Schließ­lich bin ich der erste Kapitän der Natio­nalelf, der aus dem Osten kam.

Ihr Idol als Jugend­spieler war Rico Stein­mann, der nach dem Wechsel aus Karl Marx Stadt zum 1. FC Köln relativ schnell an den Gege­ben­heiten des west­deut­schen Pro­fi­fuß­balls schei­terte. Was haben Sie, was Stein­mann nicht hatte?
Das kann ich nicht sagen, da ich nie mit ihm zusammen gespielt habe Aber ich bin natür­lich anders in das System hin­ein­ge­wachsen. Er war schon in der DDR ein Top­spieler, viele aus seiner Genera­tion konnten im Westen ihr Leis­tungs­ni­veau nicht halten. Auch ich hatte Momente des Zwei­felns, nachdem ich 1997 aus Chem­nitz nach Kai­sers­lau­tern wech­selte und ein halbes Jahr auf der Ersatz­bank ver­brachte. Das war so schlimm, dass ich jedes Wochen­ende nach Hause gefahren bin, weil ich meine Familie und meine Freunde ver­misste. Damals habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Chem­nitz zu gehen.

Die deut­sche Natio­nalelf hat den Bomber“, den Kaiser“ oder den Boss“ her­vor­ge­bracht. Sie werden der Nach­welt wohl als Capi­tano“ in Erin­ne­rung bleiben.
Gibt Schlim­meres, oder?

Hießen Sie auch inner­halb des Teams so oder war das eine Erfin­dung von Jürgen Klins­mann?
Er hat das ein­ge­führt, aber viele Mit­spieler haben es über­nommen. Im Trai­ning riefen mich die meisten zwar bei meinem Spitz­namen Balle“, aber außer­halb spra­chen sie mich auch mit Capi­tano“ an.

Nachdem Sie 2006 im WM-Halb­fi­nale gegen Ita­lien aus­ge­schieden waren, sagten Sie: Wenn wir Welt­meister geworden wären, wäre es eine andere Geschichte, dann hätte man etwas, das bleibt.“ Was bleibt vom Fuß­baller Michael Bal­lack?
Titel werden manchmal auch über­schätzt. Natür­lich wird Lothar Mat­thäus immer mit 1990 in Ver­bin­dung gebracht. Aber fällt Ihnen, wenn Sie etwa an Günter Netzer, Luis Figo oder Johan Cruyff denken, sofort ein, welche Titel die abge­räumt haben? Oder denken Sie nicht auch daran, was diese Leute auf dem Rasen dar­ge­stellt haben? An die Art, wie sie Fuß­ball gespielt und ihre Teams geführt haben?

Das bedeutet für Sie…?
Ich hoffe, dass mich die Men­schen als einen beson­deren Fuß­baller in Erin­ne­rung behalten.

Hin­weis aus der Redak­tion: Dieses Inter­view ist bereits in 11FREUNDE #134 im Januar erschienen