Timo Werner macht beim FC Chelsea gerade keine ein­fache Zeit durch. Nach zahl­rei­chen ver­ge­benen Mög­lich­keiten hat der 25-Jäh­rige in Eng­land seinen Ruf als Chan­centod weg. Wer auf You­Tube die Stich­worte Timo Werner“ und miss“ in die Such­leiste tippt, bekommt gleich eine ganze Reihe von Ergeb­nissen vor­ge­schlagen: Timo Werner miss vs Leeds“, Timo Werner miss vs Burnley“ und so weiter. In zahl­rei­chen Clips sind seine größten Fehl­schüsse zusam­men­ge­schnitten. Und am Diens­tag­abend im Hin­spiel des Cham­pions-League-Halb­fi­nals gegen Real Madrid kam schon wieder eine wei­tere Szene hinzu: Frei­ste­hend im Fünf­me­ter­raum schei­terte Werner an Real-Keeper Thibaut Cour­tois. Nur wenige Tage zuvor hatte er in der Pre­mier League gegen West Ham United aus kurzer Distanz einen Abpraller am Tor vor­bei­ge­schoben. Auch seine unglück­liche Szene für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft gegen Nord­ma­ze­do­nien liegt noch nicht lange zurück.

Dabei war Werner zuletzt anderes gewohnt: In vier Jahren bei RB Leipzig hatte er 78 Tore in 127 Pflicht­spielen erzielt. Mit dieser Emp­feh­lung war er im Sommer 2020 für 53 Mil­lionen Euro zum FC Chelsea gewech­selt. Zusammen mit wei­teren nam­haften Neu­zu­gängen sollte er den Blues end­lich wieder zu Titeln ver­helfen. Von Werner erwar­teten die Ver­ant­wort­li­chen die dafür nötigen Tore. Doch nach gutem Start bringt es Werner nach 45 Pflicht­spielen erst auf elf Treffer. Damit liegt er zusammen mit Oliver Giroud hinter Tammy Abraham (zwolf Tore) auf Platz zwei der internen Tor­schüt­zen­liste.

Keine Frage der Qua­lität

Auch bei den Blues rät­seln sie über die Pro­bleme des Neu­zu­gangs. Vor einigen Tagen war Werner zu Gast im ver­eins­ei­genen Pod­cast. Mit den beiden Mode­ra­toren unter­hielt er sich über seinen Start an der Stam­ford Bridge und seine Lade­hem­mungen. Werner betonte, dass die ver­ge­benen Groß­chancen nicht spurlos an ihm vor­bei­ge­gangen seien: Ich hatte einen guten Start. Dann kam ein Break, irgendwas hat sich geän­dert. Neues Land, neues Team, ich hatte viel ver­rücktes Zeug in meinem Kopf.“ Doch Werner glaubt, dass sich die Dinge schon bald wieder ändern: Ich denke nicht, dass ich die Qua­lität ver­loren habe, Tore zu schießen.“ Er sei zuver­sicht­lich und zufrieden, auch wenn ich nicht treffe. Ich bin geduldig und ent­spannt.“

Der Ex-Stutt­garter machte deut­lich – der Schlüssel zu mehr Toren liegt im Kopf. Mit Ruhe und Gelas­sen­heit will er sich selbst aus seiner schwie­rigen Lage befreien. Dabei soll Werner auch ein Per­spek­tiv­wechsel helfen: Manchmal muss man zu sich selbst sagen: Viel­leicht wird diese Saison nicht deine beste in Sachen Tore. Das musst du akzep­tieren. Es hat für mich viel geän­dert, mir zu sagen, dass es in dieser Saison nicht so wichtig ist, viele Tore zu schießen. Das wich­tigste ist es, Spiele und Titel zu gewinnen.“

Tuchel schenkt Werner weiter das Ver­trauem

Auch den Spott und die Häme, die Werner der­zeit im Internet über sich ergehen lassen muss, kennt er bereits. Als junges Talent beim VfB Stutt­gart debü­tierte er 2013 mit 17 Jahren in der Europa League, er war jüngster VfB-Profi und Dop­pel­tor­schütze des Ver­eins in der Bun­des­liga. Der Hype um ihn war groß, trotzdem stieg er mit seinem Hei­mat­verein 2016 in die zweite Bun­des­liga ab. Es folgte der Wechsel zu Empor­kömm­ling RB Leipzig. Der Transfer stieß auf viel Unver­ständnis. Die Stutt­garter Ultras ließen Werner wissen: Wer zu Red Bull wech­selt, ist kein VfBler, son­dern ein cha­rak­ter­loses Arsch­loch.“ Im Dezember 2016 brach nach einer Schwalbe Wer­ners gegen den FC Schalke 04 ein Shit­s­torm über ihn herein. Über viele Monate wurde Werner in den Sta­dien aufs Übelste belei­digt. Eine schwie­rige Situa­tion für den damals 20-Jäh­rigen. Er war die Reiz­figur im deut­schen Fuß­ball. Gegen­über dem Kicker sagte Werner damals: Ich muss das jetzt weg­ste­cken und hoffe, dass die Zeit alle Wunden heilt. Eines kann ich sagen: Ich habe aus dieser Sache gelernt und ich werde gestärkt da raus­gehen.“ Seinen Worten ließ Werner mit vier sehr erfolg­rei­chen Jahren in Leipzig Taten folgen, bevor es im Sommer 2020 als gestan­dener Natio­nal­spieler zum FC Chelsea ging. Dort lasten nun die hohe Ablö­se­summe und die schwache Chan­cen­ver­wer­tung auf ihm.

Im Sai­son­end­spurt hat Werner aber noch alle Chancen, seine Kri­tiker ver­stummen zu lassen. In der Cham­pions League hat Chelsea alle Chancen, ins Finale ein­zu­ziehen. Auch in der Pre­mier League sieht es gut aus mit der erneuten Qua­li­fi­ka­tion für die Königs­klasse, zudem steht die Mann­schaft im FA-Cup-Finale. Trotz feh­lender Tore setzt der deut­sche Trainer auf Werner und zieht ihn den Alter­na­tiven Giroud und Abraham vor. Trotz seiner aus­bau­fä­higen Tor­quote ist Werner im Angriff der Lon­doner meist gesetzt, er bringt es auf die mit Abstand meisten Spiel­mi­nuten unter den Offen­siv­spie­lern. Es ist nicht ein­fach für ihn und ich kann das völlig ver­stehen. Des­halb bin ich sehr geduldig und unter­stütze ihn sehr und glaube an sein Poten­zial, seinen Cha­rakter und seine Tor­jä­ger­qua­li­täten“, stellt sich der 47-jäh­rige Coach vor seinen Stürmer. Auch die aus­ge­las­sene Groß­chance gegen Real ist für Tuchel kein großes Thema mehr: Das gute am Sport ist, dass es morgen nie­manden mehr inter­es­siert.“ Die Rücken­de­ckung des deut­schen Trai­ners soll Werner helfen, sein Form­tief zu über­winden. In den vier Jahren bei RB Leipzig genoss Werner stets das volle Ver­trauen seiner Trainer Ralph Hasen­hüttl, Ralf Rang­nick und Julian Nagels­mann. So konnte er den vollen Fokus auf das Sport­liche richten, was ihn zu einem der begehr­testen Stürmer Europas machte. Bei den Blues sollen die größten Spiele für Werner noch kommen. Trifft er dort, spricht ver­mut­lich nie­mand mehr über die ver­ge­benen Chancen der letzten Monate. Dann sind bestimmt auch wieder schö­nere High­light-Clips von Werner auf You­Tube zu finden.