Etwas über­rascht sind sie an diesem Sonntag schon, nicht mehr unter sich zu sein. Erfolg macht eben sexy“, sagt Michael Seiß, als sich War­te­schlangen vor den beiden her­un­ter­ge­kom­menen Kas­sen­häus­chen bilden. Das gab es am Lohr­hei­desta­dion schon lange nicht mehr, aber die SG Wat­ten­scheid 09 hat zuletzt sechs Spiele hin­ter­ein­ander gewonnen und plötz­lich wollen 757 Zuschauer das Spiel gegen die TSG Sprock­hövel sehen. Das ist Sai­son­re­kord in der sechsten Liga und lässt den harten Kern auf der über­dachten Steh­tri­büne läs­tern. Erfolgs­fans“, ruft einer von ihnen spöt­tisch den War­tenden zu. Aber das ist selbst­ver­ständ­lich nur ein Scherz, denn alle freuen sich, dass in der Lohr­heide end­lich mal wieder etwas los ist.

Dass die Aus­sicht auf ein Spit­zen­spiel in der Ver­bands­liga West­falen Gruppe II ihre Stim­mung heben würde, das hätten sie sich damals nicht vor­stellen können. Michael Seiß nicht, als er sich 1986 dem Fan­klub Lohr­heide-Pandas“ anschloss, der sich vor drei Jahren wegen anhal­tenden Miss­erfolgs auf­löste. Oder Peter Rupprecht nicht, der aus jahr­zehn­te­langer Erfah­rung weiß: Der Wat­ten­scheider kommt immer erst zwi­schen der siebten und zweiten Minute vor Spiel­be­ginn.“ Der eme­ri­tierte Schnauz­bart­träger selbst kam schon pünkt­lich zum Spiel, als Carlos Babington, der beste argen­ti­ni­sche Spieler der WM 1974, die Fäden im Mit­tel­feld der Wat­ten­scheider zog. Und auch Holger Ter­st­egge nicht, ein Mann mit Glatze und Kinn­bart, der seit den frühen Acht­zi­gern alle Sta­di­on­hefte gesam­melt hat. Schön, gibt es end­lich mal wieder etwas zu meckern“, sagt er über den Stau an den beiden Kassen, wo zwei Rentner die Ein­tritts­karten ver­kaufen.

Die frühen Neun­ziger waren das gol­dene Zeit­alter

Seiß, Rupprecht und Ter­st­egge ste­cken mit ihrem Klub seit mehr als zehn Jahren im Treib­sand eines ein­zig­ar­tigen Nie­der­gangs. Man könnte fast sagen: Sie sind Miss­erfolgsfans. Vor 20 Jahren, in der Saison 1990/91, stand Wat­ten­scheid 09 nach drei Spiel­tagen auf dem dritten Platz der Bun­des­liga. Und hätte nicht Glad­bachs Nor­bert Meier die Füh­rung durch Uwe Tschis­kale noch ega­li­siert, wären sie sogar Tabel­len­führer gewesen. Die frühen neun­ziger Jahre waren das gol­dene Zeit­alter des Bochumer Stadt­teil­klubs, der damals den sym­pa­thi­schen Underdog in der Bun­des­liga gab. Und was Bayern-Fans ver­mut­lich längst ver­gessen haben: Wat­ten­scheid verlor in seinen vier Bun­des­li­ga­jahren ledig­lich dreimal gegen die Münchner, siegte zweimal und spielte dreimal Unent­schieden. Eine Sta­tistik, die in der Lohr­heide heute noch ständig beschworen wird.

Mäzen Klaus Steil­mann spen­dierte Frei­bier

Seither ist Wat­ten­scheid 09 sie­benmal abge­stiegen und muss in der sechsten Liga gegen Gegner antreten, deren Namen sich kein Mensch merken kann: 1. FC Kaan-Mari­en­born, SuS Lang­scheid-Enkhausen oder Sport­freunde Oestrich-Iser­lohn. Früher, als sie noch den Cham­pions-League-Sieger Borussia Dort­mund aus dem DFB-Pokal warfen, haben allen­falls FDP-Poli­ti­ke­rinnen so komisch geheißen. Ein­ge­fleischte Fuß­ball­ro­man­tiker erzählen immer gerne von der innigen Bezie­hung zwi­schen Fans und Klub, die alle Krisen über­dauert. Doch in Wat­ten­scheid wird sie einer Belas­tungs­probe ohne Bei­spiel unter­zogen. Wenn man so etwas erlebt hat, kann einen nichts mehr erschüt­tern“, sagt Rupprecht.

Der 53-Jäh­rige arbeitet bei einem Ener­gie­ver­sorger in Dort­mund und hat noch Fotos von der größten Feier, die Wat­ten­scheid je erlebt hat. Zum Erst­li­ga­auf­stieg spen­dierte der dama­lige Mäzen Klaus Steil­mann Frei­bier für alle. Die Jubel­fahrt zum Rat­haus hat Hob­by­fo­to­graf Rupprecht in Klar­sicht­hüllen für die Ewig­keit kon­ser­viert. Viele Fotos von glück­se­ligen Män­nern in Cabrios und ein Bild, auf dem ein Plakat zu sehen ist. Hoeneß, wir kriegen Dich“, steht in Schön­schrift darauf, aber es wirkt eher höf­lich als bedroh­lich.
 
Holger Ter­st­egge, 42 Jahre, Medi­en­ge­stalter, und Michael Seiß, 43, Kauf­mann und Buch­autor („1000 Tipps für Aus­wärts­spiele“), waren damals noch Jung­fans. Sie schwärmten für Frank Hart­mann, der so spielte, wie er hieß, für Thorsten Fink, der in tür­kiser Trai­nings­hose im ZDF-Sport­studio auf­trat, und natür­lich für den Sene­ga­lesen Sou­leyman Sané. Was für ein Spieler, schneller als sein Schatten!
Rupprecht hat in dieser bewegten Zeit zwei Kinder in die Welt gesetzt. Wegen der ersten Geburt ver­passte er die fest ein­ge­plante Grup­pen­fahrt zum FC Bayern. Wat­ten­scheid verlor als Bun­des­li­ga­neu­ling 0:7 im Olym­pia­sta­dion, und aus­ge­rechnet er, der bereits seit 1969 zur SG 09 pil­gert, saß alleine in Wat­ten­scheid“, wie er heute noch traurig erzählt. Zwei Tage nach dem Spiel wurde seine Tochter Julia dann end­lich im katho­li­schen Mari­en­hos­pital zu Wat­ten­scheid geboren, wei­tere zwei Tage später wurde sie als jüngstes Ver­eins­mit­glied in der Zei­tung erwähnt. Ihr erstes Spiel als 09erin verlor sie in der Woche drauf mit 0:4 gegen den VfL Bochum. Ein schlechter Start“, sagt die inzwi­schen 21 Jahre alte Julia lachend.

Der Vater nahm seine Tochter mit zur Lohr­heide

Heut­zu­tage ist ja gerne vom Bay­erngen die Rede, das einige Spieler der Münchner angeb­lich für alle Zeiten in sich tragen. In der Lohr­heide kommen wohl jene mit dem Lei­densgen zusammen. Rupprecht hat es sogar an seine Kinder ver­erbt, obwohl er das gar nicht wollte. Als die Zeiten immer schlechter wurden, hat er über­legt, dem Sta­dion fern­zu­bleiben. Er fühlte sich aber seiner Familie gegen­über in der Pflicht. Schließ­lich war er es, der Tochter und Sohn einst in die Lohr­heide mit­ge­nommen hatte. Er brachte es nicht übers Herz, sie alleine hin­gehen zu lassen. Tochter Julia steht mit zwei Freun­dinnen im Klub­haus unter einem groß­for­ma­tigen Por­trät des Ex-Mäzens Klaus Steil­mann. Ob sie wissen, wie der nächste Gegner heißt? Klar, SuS Lang­scheid-Enkhausen“, sagt sie, wie aus der Pis­tole geschossen. Ob sie auch aus­wärts mit­fahren? Was für eine Frage. In zwei Wochen gehe es nach Wanne-Eickel, sagt Julia, mit dem Spaßbus, Zapf­an­lage an Bord“.

Für Julia mag der Lei­densweg leichter sein, weil sie die ganz großen Zeiten nicht mehr bewusst mit­er­lebt hat. Für die Wat­ten­scheider Ü 40- oder Ü 50-Frak­tion ist das anders. Früher hat Julias Vater den nächsten Gegner vorher stets stu­diert, wusste Bescheid über Spieler und Taktik. Wenn heut­zu­tage Sprock­hövel kommt, kennt er allen­falls deren Trainer: Lothar Huber, der früher für Borussia Dort­mund spielte. Manchmal setzt er sich zu Hause auf seinen Heim­trainer, legt die DVD mit den Spielen der ersten Bun­des­li­ga­saison ein – und kriegt immer noch eine Gän­se­haut. 43 200 Zuschauer kamen am 11. Spieltag zum Heim­spiel gegen den BVB. Der Stadt­teil­klub war eigens von der kleinen Lohr­heide ins große Ruhr­sta­dion umge­zogen, und das war zum ersten Mal in der Bun­des­liga aus­ver­kauft. Das hatte der VfL Bochum nie geschafft!

In der Bun­des­liga emp­finde ich keine Emo­tionen mehr“

Die sport­li­chen Erfolge sind Ver­gan­gen­heit, geblieben ist in Wat­ten­scheid dafür eine roman­ti­sche Idee von Fuß­ball. Michael Seiß miss­fällt, wie sich die Fuß­ball­welt ent­wi­ckelt hat. Wo sie jetzt in den Logen sitzen, um sich an aus­ge­wählter Ster­ne­küche zu delek­tieren, fühlt er sich nicht zuge­hörig: In der Bun­des­liga emp­finde ich keine Emo­tionen mehr.“ Er wurde in den nuller Jahren aus der Not heraus zum Sta­di­on­spre­cher in der Lohr­heide und hat in der ver­gan­genen Saison zum ersten Mal das Kunst­stück voll­bracht, alle Spiele zu sehen, nicht nur 80 oder 90 Pro­zent wie sonst. Je dre­ckiger es meinem Klub geht, desto höher schlägt mein Herz für ihn“, sagt er.

Die Ver­bands­liga West­falen Gruppe 2 hat aller­dings mit dem großen Fuß­ball nichts mehr zu tun und hält beson­dere Grau­sam­keiten bereit. Seiß, Ter­st­egge und Rupprecht müssen fest­stellen, dass die Sport­plätze der Gegner nicht mehr vom Navi­ga­ti­ons­gerät gefunden werden und können dort ihre Sta­di­on­zei­tungs­samm­lung oft nicht erwei­tern, weil es gar keine Sta­di­on­zei­tungen gibt. Wie tief unten sie ange­langt sind, erkennen sie auch daran, dass sich Peter Neururer zuletzt nicht mehr als Trainer ins Gespräch brachte.

Die Auf­rechten aus der Lohr­heide sind den­noch weit davon ent­fernt, trau­rige Gestalten zu sein. Sie bewegen sich in einem Mikro­kosmos, in dem Freund­schaften mehr zählen als Events und sport­li­cher Erfolg. Aber würden wir auch so reden, wenn wir oben wären?“, fragt Ter­st­egge. Par­allel zum sport­li­chen Total­ab­sturz ist immerhin das Herz­in­farkt­ri­siko gesunken Ein Abstieg mehr oder weniger tut mir nicht weh. Ich bin heute weit davon ent­fernt, den Fuß­ball­gott anzu­klagen“, sagt Seiß. Und so sind sie ein­fach geblieben. Keiner der drei ist aus­ge­zogen, um das Glück woan­ders zu suchen, wie einige vom legen­dären Fan­klub 0,9 Pro­mille“, die jetzt eine Dau­er­karte auf Schalke besitzen. Ter­st­egge wohnt zwar in Gel­sen­kir­chen, aber auf eine solch absurde Idee wäre er nie gekommen. Er sei halt so erzogen worden, dass Schalke das Böse ist. Ins Sta­dion gehst du am Wochen­ende immer“, sagt er. Und auf Geburtstag bei Oma hast du auch nicht immer Lust.“ Außerdem kann man heute auch schon mal im Mann­schaftsbus zum Aus­wärts­spiel mit­fahren oder ein Bier mit den Spie­lern trinken.

Die Sehn­sucht nach Frei­tags­spielen

Rupprecht findet, dass der sechst­klas­sige Kick sowieso nicht so schlecht ist, weil immer mehr tech­nisch gut aus­ge­bil­dete deut­sche Spieler in den Nie­de­rungen ankämen – man­gels aus­rei­chender Kader­plätze in höheren Ligen. Aber es gibt natür­lich immer noch die Sehn­sucht nach dem, was mal war. Was ich wirk­lich ver­misse, sind die Frei­tags­spiele“, sagt Rupprecht. Seiß stillt die Sehn­sucht nach der großen Fuß­ball­welt seit den Neun­zi­gern als Groundhopper. Er hat Spiele in 39 Län­dern gesehen, fährt sams­tags häu­figer nach Eng­land oder Polen, aber sonn­tags kehrt er immer zu seiner Gemeinde zurück. Und manchmal fragt er sich auf seinen Kurz­trips, ob die Gegner der SG Wat­ten­scheid 09 nicht längst viel exo­ti­scher geworden sind: Wir sind inzwi­schen in Dörfer gefahren, von deren Exis­tenz ich vorher nichts ahnte.“

Sou­leyman Sané wohnt fünf Minuten vom Sta­dion ent­fernt

Das Sechst­li­ga­spiel ist vorbei, die SG Wat­ten­scheid 09 hat 1:3 gegen die TSG Sprock­hövel ver­loren. Die Fans gehen am Bier­stand vorbei, der mit dem Slogan Hier Durst löschen“ wirbt. Das Lohr­hei­desta­dion ist auch ein Pan­op­tikum der alten Bun­des­liga. Die Brat­wurst kommt immer noch vom Holz­koh­len­grill – und Sou­leyman Sané wohnt fünf Minuten von dem Sta­dion ent­fernt, in dem er seine Glanz­zeiten erlebte. Der Ex-Stürmer hat sich das Spiel gegen Sprock­hövel bis zum Schluss ange­schaut, er war neu­lich auch als Zaun­gast in Lünen-Bram­bauer. Er sagt im typi­schen Bran­chen­jargon, dass er sich vor­stellen könne, dem Klub in irgend­einer Funk­tion zu helfen, wenn sich die rich­tige Kon­stel­la­tion ergibt“. Er hat als Spie­ler­be­rater 2003 die Alt­intop-Brüder für ins­ge­samt 2,3 Mil­lionen Euro an Schalke 04 bzw. Kai­sers­lau­tern ver­äu­ßert, als sie über ihren Klub hin­aus­wuchsen. Die Trans­fer­summe konnte die SG 09 sei­ner­zeit sehr gut gebrau­chen.
Doch darum geht es beim Small Talk vor dem VIP-Raum nicht. Die drei Immernoch­allesfahrer erzählen ihrem Helden in der grünen Stepp­jacke von der Bun­des­li­ga­saison 1990/91, als sie 3:1 beim KSC gewannen und Sané alle drei Tore erzielte. Damals steckten sie zusammen im Stau fest: Nur ein Drittel der Fans kam pünkt­lich in Karls­ruhe an, ein Drittel zur zweiten Halb­zeit und ein Drittel kurz vor Schluss, gerade recht­zeitig zu den beiden Sieg­tref­fern.

Seitdem gab es Jahre, in denen sie und 200 andere ohne jeg­liche Erwar­tung in die Lohr­heide kamen. Doch der Fuß­ball erlaubt eben immer die Hoff­nung, dass alles ganz anders wird. Im Moment, die Saison ist noch unver­dorben genug, glauben sie vor allem an André Pawlak, den neuen Trainer, der zuvor Schalkes U 15 betreut hat. Rupprecht sagt: Ich hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass es sich lohnen könnte, wenn ich mir die Spie­ler­namen merke.“