Am 21. Mai 2008 spielen sich selt­samen Szenen im Bauch des Mos­kauer Luzhniki-Sta­dions ab. Doch davon ist im Fern­sehen nichts zu sehen.

In ein paar Minuten beginnt das Finale Cham­pions League. Draußen pras­selt der Regen in Bind­fäden auf die frisch ver­legte Rasen­fläche. Die Welt wartet auf eine Pre­miere, denn mit dem FC Chelsea und Man­chester United ran­geln erst­mals zwei eng­li­sche Mann­schaften um den begehr­testen Titel im euro­päi­schen Klub­fuß­ball. Mil­lionen von Zuschauern hocken welt­weit vor ihren Fern­seh­schirmen. London schaut zu, Madrid, Mün­chen, Rom, New York – auch in Seoul rutscht man nervös auf dem Stuhl.



Schließ­lich wartet man gespannt auf den Auf­tritt des wohl größten Sport­stars auf dem asia­ti­schen Kon­ti­nent. Der Süd­ko­reaner Ji-Sung Park gilt bei Man­U­nited als gesetzt. Schließ­lich hat er zuvor in den Viertel- und Halb­fi­nal­par­tien keine Sekunde ver­passt, hat Barcas Groß­hirn um Iniesta und Xavi lahm gelegt, Roms Schalt­zen­trale um De Rossi und Aqui­lani den letzten Nerv geraubt. Nun sollte sein Meis­ter­stück folgen: Lam­pard, Bal­lack und Makelele – die Könige des Chelsea-Maschi­nen­raums. Er wäre der erste Asiate in einem Cham­pions League Finale.

Eine Welt stürzt ein

Alex Fer­guson schwört seine Mann­schaft mit letzten Worten ein. Kurze, scharfe Anwei­sungen. Eigent­lich ist schon alles gesagt, man kennt den Gegner. Man weiß um die eigenen Stärken. Es geht nur noch darum, die eigenen Schwä­chen best­mög­lich zu kaschieren. Wayne Rooney starrt aus­druckslos an die Wand. Cris­tiano Ronaldo schmiert sich einen letzten Mil­li­liter Pomade ins Haar. High Noon in Moskau. Hau­degen Rio Fer­di­nand ver­sucht es mit einem Witz. Keiner lacht. In der Ecke hockt ein United Spieler, für den gerade eine Welt zusammen gebro­chen ist. Sein maß­ge­schnei­derter Anzug sitzt. Auf seiner Brust blitzt das fein gestickte Emblem von Man­chester United. Es ist im scheiß­egal. Sein Gesicht ver­senkt er in seinen Händen.

Die Nach­lese: Man­chester – Chelsea 2011 im 11FREUNDE-Live­ti­cker »>
Ji-Sung Park wird heute nicht auf­laufen. Er sitzt nicht einmal auf der Bank. Er muss auf die Tri­büne, Chel­seas Maschi­nen­raum dürfen heute anderen beackern. Ver­gessen ist seine Leis­tung gegen Barca, auch Rom ist weit weg. Park passt heute nicht ins Kon­zept von Sir Alex Fer­guson. Es war die här­teste Ent­schei­dung in meiner Kar­riere“, wird Sir Alex in Anschluss an den Final­sieg sagen. Die Mann­schaft hat gewonnen, also bin ich glück­lich. Aber ich bin auch frus­triert, weil ich nicht gespielt habe. Aber es werden sich noch andere Mög­lich­keiten für mich ergeben„, sagt Ji-Sung Park in den Minuten des Tri­umphs. Es klingt wie ein Ver­spre­chen.

Ein Süd­ko­reaner als Mar­ke­ting-Gag

Was hatten sie Fer­guson belä­chelt als er den jungen Süd­ko­reaner im Jahr 2005 für 5 Mil­lionen Pfund nach Man­chester geholt hatte. Viele hielten die Ver­pflich­tung des Mit­tel­feld­spie­lers schlichtweg für einen Mar­ke­ting-Gag. Ein mulit­na­tio­nales Unter­nehmen wie Man­chester United richtet seinen Blick auto­ma­tisch auf den asia­ti­schen Markt. Da macht sich ein Sport­idol des Kon­ti­nents ganz her­vor­ra­gend in den eigenen Reihen. Seit der WM 2002 in Japan und Süd­korea ist Park ein Volks­held seiner rund 49 Mil­lionen Lands­leute. Sein 1:0 Sieg­treffer gegen den Geheim­fa­vo­riten Por­tugal legte ihm das Land zu Füßen, denn sein Tor brachte Süd­korea in die nächste Runde. Unter der Füh­rung von Guus Hiddink schei­terte die Mann­schaft erst im Halb­fi­nale gegen Deutsch­land. Parks Stern leuchtet am asia­ti­schen Himmel und Hiddink öffnet ihm den Hori­zont nach Europa.

Love is all around

Nach der WM holt der Nie­der­länder den süd­ko­rea­ni­schen Dau­er­läufer zum PSV Eind­hoven. Dort bil­dete er nach einigen Anlauf­schwie­rig­keiten das Defensiv-Rückrat des PSV – zusammen mit dem heu­tigen Bayern-Staub­sauger Mark van Bommel. Eben­falls in der Mann­schaft: Arjen Robben. Hiddink för­derte Park, weil er dessen Stärken zu schätzen weiß: Park macht die Drecks­ar­beit für die großen Stars. Er wird nie müde, kann 90 Minuten durch­laufen. Solche Spieler braucht jede Mann­schaft.“ Park wird mit dem PSV nie­der­län­di­scher Meister, holt den Pokal. Die Fans schreiben dem Arbeits­tier eine eigene Hymne: Song for Park“ findet sich auf dem offi­zi­ellen PSV-Album PSV Kam­pion“. Love is all around in Eind­hoven.

Immer öfter werden Scouts aus der Pre­mier League auf der Tri­büne des Philips-Sta­dions gesichtet. Allen voran Alex Fer­guson lässt die Pfer­de­lunge fast 20 Mal beob­achten. Im Juni 2005 benennt man in seiner Hei­mat­stadt Suwon eine Straße nach dem Defen­siv­spe­zia­listen – ein Novum für einen süd­ko­rea­ni­schen Fuß­ball­spieler. Wenige Tage später gibt Man­chester die Ver­pflich­tung Parks bekannt.

Ich habe Hiddink betrogen“

Auch der sol­vente FC Chelsea hatte um den Koreaner geworben, dessen Ent­schei­dung für United fiel aller­dings schon wesent­lich früher. Schon als Kind hat er Man­chester im Fern­sehen spielen sehen. Und immer wieder gesagt, dass er da spielen will“, sagte Parks Vater Sung-Jong einmal gegen­über dem eng­li­schen Guar­dian. Er hatte einen Traum und schwor sich: ›Auch wenn ich auf der Bank sitze. Ich will dahin, um zu lernen.‹“

Sein größter För­derer Hiddink hatte Park zu einem Wechsel zum FC Chelsea geraten, doch das Herz sagte United. Am Tag der Ent­schei­dung fühlte ich mich, als hätte ich Hiddink betrogen“, sagte Park später. Demut ist selten im Eitel­keiten – Kabi­nett Spit­zen­fuß­ball. Eine Ein­stel­lung, die auch Fer­guson gefällt. Ist er doch bekannt als jemand, der den Kapriolen seiner Super­stars oft harsch gegen­über tritt. Da wird einem Beckham schon Mal ein Schuh an den Kopf getreten, Ronaldos Arro­ganz kon­terte er stets mit kühler Igno­ranz. Er mag Spieler wie Park, die sich bedin­gungslos auf­op­fern, ackern für den Erfolg, sich danach den Mund abputzen – und schweigen.

Das Ver­spre­chen bleibt unein­ge­löst

In all den Jahren hat sich Park zu Fer­gu­sons All­zweck­waffe ent­wi­ckelt. Mal spielt er auf der Außen­bahn, mal im defen­siven Mit­tel­feld. In dieser Saison spielt Park außerdem meist eine Spe­zi­al­rolle im Gefüge von United. In Fer­guson bevor­zugter Euro­pa­po­kal­for­ma­tion 4−5−1 spielt er eine Art ver­tei­di­gender Stürmer. Ein Defen­sivstürmer also, einer, der hän­gend hinter der Sturm­walze Rooney rochiert, ohne selbst für Tor­ge­fahr ver­ant­wort­lich zu sein. Er bindet die stür­menden Außen­ver­tei­diger des Geg­ners, nervt die defen­siven Schalt­zen­tralen und rennt, rennt, rennt. Seine Team­kol­legen tauften ihn des­wegen Three lungs park“.

Mann­schafts­ka­pitän Rio Fer­di­nand adelte Park jüngst: Sein Lauf­pensum ist unwirk­lich. An ihn kommt keiner von uns heran. Dabei spielt er auch noch unfassbar intel­li­gent. Er wird oft unter­schätz, aber er ist ein echter Spit­zen­spieler.“ Vater Park ver­riet sogar das Geheimnis der Eisen­lunge seines Spröss­lings. Der kleine Ji-Sung musste als Kind fast täg­lich eine wun­der­samen Tinktur trinken: Frosch­saft. Das ist nichts anderes als, nun ja, gequirlter Frosch.

Im Mai 2009 hat er sein Ver­spre­chen dann fast ein­ge­löst. Er stand im Cham­pions League Finale, als erster Asiate über­haupt. Doch United verlor gegen Messi, Iniesta, Xavi und wie sie alle heißen. Park musste in der 66. Minute raus.

Er spielt eine Posi­tion, die es nicht gibt

Pünkt­lich zum Gigan­ten­treffen mit dem FC Chelsea hat Park nun auch das Tore schießen für sich ent­deckt. Ges­tern knockte er die frisch eupho­ri­sierten Blues mit seiner 2:1‑Führung aus, manche nennen ihn bereits Uniteds Schlüs­sel­spieler für die großen Duelle. Und Park hat noch ein Ver­spre­chen ein­zu­lösen. Das Cham­pions League Finae 2011 findet am 28. Mai in London statt. In Seoul würden sie an diesem Abend gerne wieder nervös auf den Stühlen umher­rut­schen. Und Park seinen Anzug gegen das Trikot ein­tau­schen. Er will den Titel. Das hat er ver­spro­chen.