Ivan Klasnic, Ihr Ver­trag beim FSV Mainz 05 ist in der ver­gan­genen Woche aus­ge­laufen – ein guter oder ein schlechter Tag?
Weder das eine noch das andere. Ich bin total gelassen.
 
Derart gelassen, dass Sie uns Ihren neuen Klub ver­raten?
Mein Berater und ich stehen in Kon­takt mit einigen Ver­einen, aber es gibt noch nichts zu ver­melden. Einen Schnell­schuss wird es defi­nitiv nicht geben.
 
Wird der nächste Ver­trag Ihr letzter sein?
Das weiß ich nicht. Ich bin mitt­ler­weile 33 Jahre alt und es ist kein Geheimnis, dass meine Kar­riere sich dem Ende ent­gegen neigt.
 
Sie haben stets betont, Ihre Kar­riere beim FC St. Pauli beenden zu wollen. Wie ist der Stand?
Ich weiß nicht, ob Inter­esse besteht. Bis­lang hat sich nie­mand gemeldet. Die ein­zigen Leute, die ich noch von früher kenne, sind Joa­chim Phil­ip­kowski, der zur­zeit im Jugend­be­reich arbeitet, und Thomas Meggle, der seit diesem Sommer die Ama­teure trainiert.Wenn ich die Zeit Revue pas­sieren lasse, komme ich relativ schnell zu dem Schluss, dass im Klub bei­nahe nichts mehr ist wie früher.
 
Ein Bei­spiel?
St. Pauli ist pro­fes­sio­neller auf­ge­stellt, ich nenne nur die Stich­worte: Internat und Trai­nings­plätze. Wir haben damals auf einem Schla­cke­platz trai­niert, direkt hinter dem Sta­dion in der Feld­straße. Inzwi­schen trai­nieren die Kinder und Jugend­li­chen unter bes­seren Bedin­gungen als damals die Profis. Außerdem hatte der Klub früher nicht so intensiv auf die Nach­wuchs­ar­beit gesetzt. Zwar hatten wir eine gute A‑Jugend, aller­dings gab es kaum Spieler, die an den Pro­fi­be­reich her­an­ge­führt wurden. Das ist inzwi­schen glück­li­cher­weise anders.
 
Ist St. Pauli mitt­ler­weile ein ganz nor­maler Klub?
Nein, auf keinen Fall! Der FC Pauli ist und bleibt ein Kult­klub. Ich sehe hier noch immer vieles, dass ich bei anderen Ver­einen nie­mals finden werde. Nur so nebenbei: Ich habe schon vor geraumer Zeit zum Spaß zu Torsten Vier­kant (Sta­di­on­chef, d. Red.) gesagt: Wenn das Sta­dion fertig ist, bin ich wieder da.“ (Pause) Noch fehlt ja ein Teil, oder? Schauen wir mal, was pas­siert. Mir gefällt das neue Sta­dion übri­gens extrem gut, das Teil ist wun­der­schön, echt stil­voll. Früher haben wir ja eher in einer Art Frei­luft­arena gespielt! (lacht)
 
Der FC St. Pauli ist für Sie offen­sicht­lich ein ganz beson­deres Klub – wes­halb?
Die Fans sind crazy. Müsste St. Pauli inner­halb der kom­menden drei Wochen drei Mil­lionen Euro auf­bringen, würden die Anhänger sofort Aktionen starten und den Groß­teil der Summe zusam­men­kratzen. Da bin ich mir sicher!
 
Ivan Klasnic, ein Satz von Ihnen lautet: Wenn ich gesund bin, kann ich alles errei­chen“. Sind Sie zur­zeit gesund?
Ein­deutig: ja.
 
Ein wei­teres Zitat: Ich habe Rituale wie ein Dro­gen­süch­tiger – ich nehme mor­gens um neun und abends um neun immer meine Tabletten“. Das sei für Sie Rou­tine. Hatten Sie eigent­lich in den ver­gan­genen Jahren, also nach der Nie­ren­trans­plan­ta­tion, den Ein­druck, man wolle Sie in Watte packen?
Ja, manchmal. Einige sind offenbar nicht in der Lage, diese Geschichte kom­plett aus­zu­blenden. Ich denke aller­dings, das ist normal. Viel­leicht hat diese Sache auch zuletzt in Mainz eine Rolle gespielt, keine Ahnung. Fest steht: Ich habe nicht die Chance bekommen, den Leuten zu zeigen, was ich drauf habe. Das ist ver­dammt schade.
Und woran lag es?
Mir sind bis heute keine Gründe genannt worden. Leider. Einmal durfte ich von Anfang an ran – und was geschah? Ich habe prompt mein Tor gemacht (24. Spieltag, 1:1 gegen Düs­sel­dorf, d. Red.). Ich kann daher immer nur den einen Satz wie­der­holen: Wenn ich spiele, mache ich meine Tore – das war schon immer so. Ins­ge­samt war die Zeit in Mainz den­noch eine gute Erfah­rung, ich habe neue Men­schen ken­nen­ge­lernt und Situa­tionen erlebt, die für mich zuvor nicht vor­stellbar gewesen wären.
 
Was genau meinen Sie?
Ich bin plötz­lich der große Moti­vator gewesen. Das war meine Auf­gabe. Wenn man sieht, wie viele, besser: wie wenige Spiele ich gemacht habe, fällt mir spontan nur ein Satz ein: Ich war zu jener Zeit wahr­schein­lich der beste Psy­cho­loge und Moti­vator der Welt (lacht). Ich habe diese Auf­gabe sofort ange­nommen und alles getan, um den Jungs einen Zusatz­schub zu ver­passen. Von mir gab es keine Spitzen Rich­tung Trai­ner­team – kein ein­ziges Mal.
 
Und wes­halb waren Sie derart gelassen? Mit 25 wären Sie doch ver­mut­lich geplatzt, wenn Sie außen vor gestanden hätten, oder?
Es lag ja nicht an mir. Wenn der Trainer meint, ich sei nicht gut genug, dann ist das ver­bind­lich. Ich hätte rum­pö­beln können wie ein belei­digtes Kind – es hätte nichts geän­dert. Ich musste die Situa­tion akzep­tieren, sie annehmen.
 
Wie schwierig war das?
Ich habe mir an vielen Abenden die Frage gestellt: Was machst Du falsch, Ivan?
 
Und?
Ich weiß es nicht. Fakt ist: Ich habe eine gute Stim­mung ins Team gebracht. Ich war für Mainz eine Art Glücks­bringer. Dass die Jungs eine super Hin­runde gespielt haben, steht ohnehin außer Frage.
 
Wie kann man Mit­spieler moti­vieren, wenn man selbst auf dem Platz keine Rolle spielt?
Das hat viel mit Kom­mu­ni­ka­tion zu tun, mit Wert­schät­zung und so. Mainz hatte die ersten drei Par­tien nicht gewonnen, wäh­rend des Trai­nings kam Thomas Tuchel zu mir und sagte: Ivan, du bist genau der rich­tige Mann, ich brauche dich hier, du bist wie ein zweiter Trainer, ich will, dass du die Mann­schaft gemeinsam mit mir moti­vierst.“
 
Sie fühlten sich also geschmei­chelt?
Na klar! Ich bin über­zeugt davon, dass jeder Spieler, der so etwas von seinem Trainer hört, zunächst mal stolz ist. Ich habe mich über dieses State­ment sehr gefreut.
 
Sie hatten immer wieder mit Ver­let­zungen zu kämpfen, im Sep­tember: eine Lebens­mit­tel­ver­gif­tung, anschlie­ßend Waden­pro­bleme, im März dann ein Mus­kel­bün­del­riss.
Das war sicher­lich alles andere als optimal. Trotzdem hat es viele Wochen gegeben, in denen ich topfit war. Aber jeder weiß: Spielt die Mann­schaft gut, gibt es für den Trainer kaum Gründe, etwas zu ändern. Den­noch hätte ich mir gewünscht, wenigs­tens ab und zu eine echte Chance zu bekommen, wenigs­tens ein paar Mal eine halbe Stunde Spiel­zeit. Schließ­lich lief nicht immer alles rund auf dem Platz, in schwie­rigen Phasen hätte ich der Mann­schaft sicher­lich helfen können.
 
Ist Thomas Tuchel ein über­durch­schnitt­lich guter Trainer?
(Lange Pause) Das ist schwierig zu beant­worten.
 
Bitte ver­su­chen Sie es.
Thomas Tuchel hat sehr, sehr viel Ahnung von Fuß­ball. Er will von seinen Spie­lern schönen und domi­nanten Fuß­ball sehen.
 
Aber?
Ich denke, er hat er dieses hohe Niveau noch nicht erreicht, um es mal vor­sichtig zu for­mu­lieren. Er ist ein schwie­riger Typ. Und mit dieser Mei­nung stehe ich defi­nitiv nicht alleine da.
 
Es heißt, Thomas Tuchel rede nur sehr wenig mit den Ersatz­spie­lern – stimmt das?
Es wäre nicht richtig, wenn ich das mit Nein“ beant­worten würde. Er hat seine elf Spieler, mit denen er intensiv arbeitet. Wer immer Ja“ sagt, bekommt mit ihm keine Pro­bleme. Er mag keine Spieler, die Dinge in Frage stellen oder ihre Mei­nung sagen. Er hat seine Lieb­lings­spieler, die sich gut ange­passt haben, so ist es bei mir jeden­falls rüber­ge­kommen.
 
Ist eine solch klare Linie nicht eher positiv und in diesem Geschäft drin­gend erfor­der­lich, um Erfolg zu haben?
Ich denke: nein. Ich habe in meiner Kar­riere bereits viele Trainer erlebt. Auch bei Werder stand ich bekannt­lich nicht immer in der Startelf, trotzdem war der Umgang mit­ein­ander immer von Respekt geprägt.
 
Sie schwärmen stets von Thomas Schaaf, ihrem Ex-Trainer in Bremen…
Thomas Schaaf ist der beste Trainer, den ich jemals hatte! Und das sage ich, obwohl er mich im Trai­ning immer gequält hat! (lacht) Ich bedaure es sehr, dass er nicht mehr Werder-Trainer ist. Aber bevor ein fal­scher Ein­druck ent­steht, noch mal ganz deut­lich: Thomas Tuchel ist ein abso­luter Fuß­ball-Experte. Ich habe mich in der ver­gan­genen Runde nicht ein ein­ziges Mal negativ geäu­ßert. Dass ich Ihre Fragen jetzt, nach Ablauf meines Ver­trages, ehr­lich beant­worte und eben nicht, wie üblich, die Geschichte der heilen Fuß­ball-Welt Mainz 05 abspule, sollte man mir zuge­stehen.
 
Noch mal nach­ge­fragt: Worauf legt Thomas Tuchel beson­ders großen Wert?
Für ihn ist es wichtig, dass die Mann­schaft viel läuft, dass sie die vor­ge­ge­bene Kilo­me­ter­zahl erreicht. Gelingt ihr das, ist er zufrieden, dann lobt er sie.
 
Ist derlei nicht üblich in der Bun­des­liga?
Laut Sta­tistik haben die Bayern-Spieler weniger Kilo­meter gerissen als viele andere Bun­des­li­ga­klubs. Na und? Trotzdem haben die Bayern drei Titel geholt und die beste Runde der Bun­des­li­ga­ge­schichte hin­ge­legt. Die Kilo­me­ter­zahl ist offen­sicht­lich nicht ent­schei­dend, viel­mehr geht es darum, wie oft man aufs Tor schießt und wie stark Offen­sive und Defen­sive mit­ein­ander har­mo­nieren.

 
Was trauen Sie Mainz in dieser Saison zu?
Sie werden es sehr, sehr schwer haben. Dass Adam (Szalai, d. Red.) zu Schalke gewech­selt ist, trifft die Mainzer knüp­pel­hart. Ihn adäquat zu ersetzen, ist prak­tisch unmög­lich. Das ist eine gefähr­liche Situa­tion.
 
Bitte ergänzen Sie den Satz: Wer sich über das Fuß­ball­ge­schäft beklagt, der…
…ver­schwendet seine Zeit. Überall, wo viel Geld im Spiel ist, gibt es auch große Schat­ten­seiten.
 
Das heißt?
Der Druck für die jungen Spieler wird bei­nahe von Jahr zu Jahr größer. Der­je­nige, der alles für den Sport tut, kann es schaffen. Der­je­nige aller­dings, der gele­gent­lich aus der Reihe tanzt, schei­tert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das pas­siert. Die Medien haben enorm viel Macht. Ich weiß, wovon ich spreche. Ange­fangen von über­schwäng­li­chen Lobes­hymnen bis hin zu unver­schämten Lügen­ge­schichten – ich kenne die Mecha­nismen.
 
Wie sind Sie damit umge­gangen? Hat es jemals einen Moment gegeben, in dem Sie dar­über nach­ge­dacht haben, Ihre Kar­riere vor­zeitig zu beenden?
Nein. Ich kann aller­dings nach­voll­ziehen, dass einige Spieler daran zer­bre­chen. Man fühlt sich manchmal hilflos, weil man nicht weiß, in welche Rich­tung die Bericht­erstat­tung sich ent­wi­ckelt. Wenn jemand eine Lügen­ge­schichte über mich ver­breitet, kann ich ihn ledig­lich igno­rieren, mehr nicht.
 
Haben Sie ein Bei­spiel parat?
Der Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wurf, gegen den ich mich stets vehe­ment gewehrt hatte. Diese Bericht­erstat­tung traf mich unheim­lich hart. Noch bevor ich mich äußern konnte, drehte eine große deut­sche Zei­tung so richtig auf, sie ver­mit­telte den Ein­druck, es seien keine Vor­würfe, son­dern Fakten. Obwohl her­auskam, dass es sich um eine Lüge han­delte, blieb etwas hängen, denn die Nach­richt, dass ich unschuldig bin, joa, wo lan­dete die? In einer klit­ze­kleinen Spalte unten rechts, irgendwo neben dem Wet­ter­be­richt! (Pause) Ich glaube aber nicht, dass man das ändern kann. Genau des­halb halte ich mich in der Öffent­lich­keit auch zurück, wenn es um mein Pri­vat­leben geht.