Was war bloß in ihn gefahren? Nach einem gal­ligen Monolog seines Gegen­spie­lers Marco Mate­razzi machte Zizou plötz­lich kehrt und rammte ihm wie ein blind­wü­tiger Stier den Kopf gegen den Brust­kasten. Immerhin: Es war eine der kon­se­quen­testen Tät­lich­keiten aller Zeiten: Zidane wollte Mate­razzi wehtun. Viel­leicht hätte er, um noch einen Funken Würde hin­über­zu­retten, sofort frei­willig vom Platz gehen sollen. Schiri Eli­zondo und auch seine Assis­tenten hatten jedoch gar nichts mit­be­kommen. Mate­razzi, ful­mi­nant am Solar Plexus getroffen, lag immer noch jap­send im Nie­mands­land, als die ersten Ita­liener zu lamen­tieren begannen. Erst da reagierte der vierte Unpar­tei­ische Can­ta­lejo und infor­mierte den Lini­en­richter. War das die Geburts­stunde des Video­be­weises? Auch wenn Zidane voll­kommen zu Recht Rot sah und sich auch seine halb­her­zige Rekla­ma­tion hätte sparen können: Die Ent­schei­dung fiel in einer Grau­zone des Regel­werks.

Es wird wohl immer Spe­ku­la­tion bleiben, was genau Mate­razzi gesagt hat. Eines dürfte klar sein: Es war keine all­täg­liche Belei­di­gung, son­dern muss eine Ehr­ab­schnei­dung son­der­glei­chen gewesen sein. Lip­pen­leser wollen erkannt haben, dass Mate­razzi Zidane mit Ter­ro­rismus und seine Schwester mit Pro­sti­tu­tion in Zusam­men­hang gebracht habe. Hinzu mag wohl der Stress gekommen sein: Zidane wusste, dass seine Zeit unwie­der­bring­lich ablief, nur zehn Minuten Fuß­ball lagen noch vor ihm. Hinter ihm lag eine hoch­ka­rä­tige Chance: Er hatte einen per­fekten Kopf­ball in Rich­tung des ita­lie­ni­schen Tores abge­schossen, doch Gigi Buffon hielt auf die einzig mög­liche Weise. Welt­klasse! Die meisten anderen Keeper hätten sich alle Gräten gebro­chen. Viel­leicht wusste Zidane: Das war die letzte Groß­chance seiner Kar­riere gewesen, und er hatte sie nicht genutzt. Doch auch wenn er durch Ver­bal­at­ta­cken und das eigene Schei­tern zer­mürbt gewesen sein mag: Ein sol­cher Aus­bruch wie der Ramm­stoß gegen Mate­razzi ist unent­schuldbar.

Pirlo, das unsicht­bare Genie

Noch in der siebten Minute war Gigi Buffon gegen ihn chan­cenlos gewesen: Zidane hatte einen Elf­meter mit der ihm eigenen Cool­ness und Ele­ganz unter die Latte und ins Tor gezir­kelt. Nur zwölf Minuten später gelang jedoch seinem Anti­poden der Aus­gleich: Nach einer Ecke von Andrea Pirlo sprang Mate­razzi meh­rere Meter höher als Patrick Vieira und köpfte ein. Fabien Bar­thez flog zap­pelnd ins Leere.

Über­haupt Bar­thez. Nicht ohne Grund ver­loren Men­schen mit gewissen Sym­pa­thien für die Fran­zosen immer dann die Con­ten­ance, wenn der Ball auch nur im Ent­fern­testen in seine Nähe geriet. Er wirkte auch in ein­fa­chen Dingen wie dem Weg­dre­schen fahrig, und bestimmt hätten sich uner­fah­rene Abwehr­spieler davon infi­zieren lassen. Doch vor Bar­thez standen keine Gerin­geren als Lilien Thuram und Wil­liam Gallas, die eine nahezu undurch­dring­liche Mauer bil­deten. So blieb Luca Toni unsichtbar, Fran­cesco Totti hin­gegen hätte froh sein können, wenn er denn wenigs­tens auch unsichtbar geblieben wäre. So wurde deut­lich, dass er ein Spieler ist, der in von der Physis geprägten Par­tien ent­weder zum Memmen oder Aus­rasten oder zu beidem gleich­zeitig neigt. Ges­tern memmte er bloß und wurde später durch Daniele de Rossi ersetzt.

Es war wohl Pirlo, der das Spiel der Ita­liener gestal­tete. Man muss sich das von Experten erklären lassen, denn beson­ders augen­fällig ist die Leis­tung dieses Spie­lers nicht. Er rennt und rennt und rennt – und rennt dabei nicht ins Leere wie etwa der Por­tu­giese Maniche im Halb­fi­nale gegen die Fran­zosen, son­dern steht immer da, wo er zu stehen hat. Dann tackelt er, gewinnt sehr oft den Ball und spielt dann den unspek­ta­ku­lären, aber effek­tiven Pass. Ihm zur Seite steht Genaro Gat­tuso, dieser Jens Jeremies/​Berti Vogts-Epi­gone. Auch er rennt Fur­chen in den Rasen, hat sich dabei aber voll und ganz dem Zer­stören ver­schrieben. Damit ist er das Bin­de­glied zur ita­lie­ni­schen Abwehr, die auch ohne Ales­sandro Nesta, dafür mit Mate­razzi und vor allem mit Kapitän Fabio Can­na­varo, dem kopf­ball­stärksten Zwerg aller Zeiten, maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich war, dass der Titel nach Ita­lien ging. Denn auch als die Angriffe der Fran­zosen kamen wie langsam stei­gendes Wasser, ver­mochte sie den Rück­stand zu ver­hin­dern. Und wenn sie doch einmal durch Dribb­lings von Thierry Henry oder Franck Ribery über­wunden werden konnte: Buffon war da.

Beson­ders gegen Ende der regu­lären Spiel­zeit herrschte immer wieder Ram­bazamba im ita­lie­ni­schen Straf­raum. Frank­reichs Trainer Ray­mond Domenech muss sich nun mit dem Vor­wurf aus­ein­ander setzen, er habe es ver­säumt, einen zusätz­li­chen Stürmer zu bringen – eine For­de­rung, die die Luft der Geschichte des italo-fran­zö­si­schen Duells atmet: Im EM-Finale 2000 waren es die ein­ge­wech­selten Syl­vain Wiltord und David Tre­ze­guet gewesen, die das Ding noch gedreht hatten.

Wie eine ver­se­hent­lich fal­len­ge­las­sene Hand­ta­sche

Schließ­lich kamen sie doch noch, ersetzten Henry und Ribery. Dass es dann Tre­ze­guet war, der im Elf­me­ter­schießen als Ein­ziger ver­sagte, ist ein mieser Witz des Schick­sals. Dass aber über­haupt noch ein Fran­zose ver­wan­delte ist durchaus bemer­kens­wert. Spurlos wird der scho­ckie­rende Platz­ver­weis ihres Anfüh­rers Zidane nicht an ihnen vor­über­ge­gangen sein. Viel­leicht hätte es sogar gelangt, wenn denn Bar­thez sich nicht wie eine ver­se­hent­lich fal­len­ge­las­sene Hand­ta­sche bewegt, son­dern tat­säch­lich gesprungen wäre. Doch alle Ita­liener ver­wan­delten kalt­blütig, zuletzt Grosso. Ita­lien war Welt­meister.

Dem Tur­nier­ver­lauf nach mag man dar­über dis­ku­tieren wollen. Die Mann­schaft zeigte unan­sehn­liche Vor­stel­lungen wie gegen Aus­tra­lien und hat sich durch Schwalben hier und da und zeit­wei­lige Schau­spie­le­reien nicht unbe­dingt beliebt gemacht. Die tak­ti­sche Dis­zi­plin aber, mit der sie das Halb­fi­nale gegen Deutsch­land gewann und nun auch im Finale den kon­struk­ti­veren Fran­zosen stand­hielt, war letzt­end­lich doch die impo­san­teste Kol­lek­tiv­leis­tung des gesamten Tur­niers. Des­halb hat Ita­lien den Titel fraglos ver­dient.

Was jedoch nach dem Abpfiff geschah, war nach dem Dafür­halten man­ches Augen­zeugen dem Anlass unan­ge­messen: Gat­tuso lief unend­lich lange ohne Hose umher. Mauro Camo­ra­nesi ließ sich seinen Zopf, der als Remi­nis­zenz an Boy George schon im Tur­nier­ver­lauf für gerümpfte Nasen gesorgt hatte, von Kumpel Mas­simo Oddo abschneiden und wurde dadurch nicht wesent­lich sym­pa­thi­scher. Mate­razzi setzte dem Pokal noch vor der Ver­lei­hung einen Cam­perhut auf. Es herrschten Zustände wie bei der Abschluss­fete einer Klas­sen­fahrt. Erst als der stets vor­bild­liche Can­na­varo die Tro­phäe in den Ber­liner Nacht­himmel stemmte, war das Bild eines Welt­meis­ters würdig, und man sagte wieder gern: Com­pli­menti, Italia!

Zine­dine Zidane wohnte dem Hal­li­galli nicht mehr bei. Er war unmit­telbar nach seiner Untat in den Kata­komben ver­schwunden. Sein Weg dorthin führte ihn am gol­denen Pokal vorbei. Er wür­digte ihn keines Bli­ckes. Was er sich von Mate­razzi hatte anhören müssen, warum er sich ver­gessen hatte in diesem, seinem letzten Spiel – Zizou wird es uns nicht ver­raten. Es wäre wenig ver­wun­der­lich, wenn er erst einmal unter­tau­chen würde. So ver­lieren sich die Spuren dieses fan­tas­ti­schen Ath­leten in einer Umklei­de­ka­bine. Selbst Wil­liam Shake­speare wäre dieses Ende wohl zu über­frachtet gewesen.