11FREUNDE WIRD 20!

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Seit dem 23. März ist​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ auf dem Markt, mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Unsere große Repor­tage über die Ultras von Per­sija Jakarta.

Bei Kilo­meter 243 sind sie da. Kurz nach Mit­ter­nacht, auf dem end­losen Asian Highway 2, huschen sie über die Felder. In der Dun­kel­heit erkennt man ihre Sil­hou­etten. Wie sie ihre Muni­tion zusam­men­su­chen. Wie sie sich in den Gräben hinter der Leit­planke ver­schanzen. Kleine Krieger, wilde Kerle, die meisten kaum älter als 15, 16 Jahre. Sie sind Fans des indo­ne­si­schen Erst­li­gisten Persib Ban­dung, und diese Gegend, West-Java, ist ihr Revier.

Der Fahrer des Per­sija-Busses beschleu­nigt, aber es ist zu spät. Ein Stein fliegt und dann noch einer. Treffer. Scherben auf den Sitz­kissen, Blut auf den Wangen eines Jungen. Anhalten!“, ruft einer, und der Wagen kommt mitten auf der Straße zum Stehen. In der Hitze der Nacht rasen die Autos vorbei, grelle Licht­hupen über dem Asphalt, irri­tierte Blicke hinter den Fens­tern, wäh­rend sich die Anhänger von Per­sija Jakarta auf die Gegen­of­fen­sive vor­be­reiten. Keine Gnade, keine Furcht, aber hati-hati, immer auf der Hut! Sie stürmen aus dem Bus. Bewaffnen sich mit her­um­lie­genden Stö­cken. Schwingen Bam­bus­rohre wie Samu­rai­schwerter. Schießen Leucht­ra­keten in den java­ni­schen Himmel, um die Peri­pherie zu erhellen. Da hinten! Das sind sie!“ In der Ferne sieht man noch die Umrisse der Persib-Fans, uner­schro­ckene Gesichter, tri­um­phie­rendes Lachen. Sie sind schon viel zu weit weg. Feige Hunde!“

Setzt euch nicht ans Fenster. Es geht durch West-Java, Fein­des­land. Manchmal wird man nett begrüßt.“

Drei Tage zuvor, am 30. Oktober 2017, hatten die Polizei und der Fuß­ball­ver­band ent­schieden, Per­sija Jakartas Heim­spiel gegen Persib Ban­dung auf einen Frei­tag­nach­mittag ins 600 Kilo­meter ent­fernte Sura­karta zu ver­legen. Aus Sicher­heits­gründen, hieß es. Denn bei diesem Spiel der ver­hassten Rivalen, das einige Old Indo­nesia Derby und andere den Cla­sico nennen, kommt es regel­mäßig zu Aus­schrei­tungen. Aber es war naiv zu glauben, diese Maß­nahme würde die Situa­tion beru­higen. Und viel­leicht war es auch von uns ein wenig arglos, die Fans auf diesem Road­trip zu begleiten. 18 Stunden auf der Auto­bahn. 18 Stunden in einem Bus mit 59 Plätzen, in dem nun etwa 75 auf­ge­kratzte Per­sija-Ultras über­ein­ander stehen, sitzen und liegen wie Tet­rissteine. 18 Stunden für den großen Tri­umph, Highway to Heaven, aber erst mal geht’s durch die Hölle.

Der Kon­takt­mann, auch ein Junge aus der Fan­szene, hatte vor der Abfahrt eine SMS geschrieben: Setzt euch nicht ans Fenster!“ Und auf Nach­frage: Es geht durch West-Java, Fein­des­land. Manchmal wird man nett begrüßt.“ Dahinter ein Smiley. Mit dem Flug­zeug hätte man für die Strecke Jakarta – Sura­karta eine Stunde benö­tigt; die sichere Alter­na­tive, einer­seits. Aber kann man den Wahn­sinn des indo­ne­si­schen Fuß­balls beschreiben, wenn man ihm nicht wenigs­tens einmal ins Auge schaut?

Eine unglaub­liche Nation

Diese Geschichte han­delt von einer weiten Reise und einer innigen Liebe – aber sie hat kein Happy End. Sie erzählt von Treue, Ehre, Stolz und dem ganzen pathe­ti­schen Rat­ten­schwanz. Es geht um junge Men­schen, die für die Farben ihres Ver­eins alles tun würden, sogar sterben. Und das ist keine Floskel, son­dern bit­tere Rea­lität, denn seit 1995 sind bei Fuß­ball­spielen in Indo­ne­sien 65 Fans gestorben. Aber es geht auch um kor­rupte Funk­tio­näre und irre Klub­be­sitzer. Um einen Fuß­ball, der seit Jahren auf der Inten­siv­sta­tion liegt und eigent­lich nur noch künst­lich am Leben gehalten wird. Sie spielt in einem Land, das die Schrift­stel­lerin Eliza­beth Pisani mal eine unglaub­liche“ Nation genannt hat, und ver­mut­lich gibt es kein Adjektiv, das Indo­ne­sien besser beschreibt.

Am Anfang stehen immer diese Super­la­tive: 17 504 Inseln, 360 Eth­nien, 719 Spra­chen. Nir­gendwo auf der Welt leben mehr Mus­lime in einem Land als hier. Die Nation liegt auf dem vierten Platz der bevöl­ke­rungs­reichsten Staaten, Groß-Jakarta ist mit 30 Mil­lionen Ein­woh­nern nach Tokio die zweit­größte Agglo­me­ra­tion der Welt. Dann noch all diese Bilder aus der blu­tigen Ver­gan­gen­heit, die fast jeder hier in sich trägt. Die drei Jahr­zehnte wäh­rende Dik­tatur Suhartos, die Mas­saker der sech­ziger Jahre, die Erobe­rung Ost-Timors in den Sieb­zi­gern. Am Ende immer die Frage: Was ist Indo­ne­sien heute?

Mister, Mister, Taxi?“

Es ist trotz seiner Größe das unsicht­barste Land der Welt“, hat der berühmte indo­ne­si­sche Unter­nehmer John Riady gesagt. Denn was weiß man wirk­lich? Der Westen kennt es als Name auf einem Lonely-Planet-Rei­se­führer, Back­packing-Folk­lore, Traum­st­rand­idylle, Bali, Lombok, die Gili Inseln. Die Nasi-Goreng-Gar­kü­chen in Sura­baya, die Wayang-Schat­ten­spieler in Malang, die Bajaj-Fahrer in Jakarta, Mister, Mister, Taxi?“ Und zwi­schen­durch liest man immer mal wieder Nach­richten wie diese aus dem November 2015: Ver­ur­teilte Dro­gen­dealer könnten in Indo­ne­sien auf einer Insel landen, die von aggres­siven Kro­ko­dilen statt von Gefäng­nis­wär­tern bewacht wird.“ Unglaub­lich? This is Indo­nesia!“, sagen die Ein­hei­mi­schen.