Seite 6: Sleep, Eat, Persija, Repeat

Kilo­meter 243. Der Bus bret­tert mit 100 km/​h über den Highway, als der Stein – es ist der fünfte oder sechste Angriff der Nacht – im letzten Fenster ein­schlägt. Wäh­rend die meisten Per­sija-Ultras auf die Felder rennen, kehren andere die Scherben zur Seite.

Vor einigen Jahren wurde ein Waf­fen­still­stand von den füh­renden Köpfen der riva­li­sie­renden Fan­gruppen ver­ein­bart. Aber wie soll man zehn­tau­sende Fans kon­trol­lieren?“, fragt Diky Soemarno. Der 30-Jäh­rige ist Gene­ral­se­kretär bei Jak­mania, der Dach­or­ga­ni­sa­tion aller Per­sija-Fans. Auf seinem T‑Shirt steht Sleep, Eat, Per­sija, Repeat“. Anders als die meisten in dem Konvoi spricht er flie­ßend Eng­lisch und hat einen gut­be­zahlten Job bei einer süd­ko­rea­ni­schen Inter­net­firma. Er ist selbst Vater, sein Sohn ist fünf Jahre alt und heißt Mikael Zola Adidas. Zola wegen des ehe­ma­ligen Chelsea-Spie­lers, Adidas, nun ja, wegen Adidas. Das erste Mal war Diky im April 1998 bei einem Spiel von Per­sija, kurz vor dem Ende des Suharto-Regimes. Einen Tag später wurde er Mit­glied bei Jak­mania. Danach tauchte auch er tief ein in die Welt des Inter­nets, und am liebsten verlor er sich auf Seiten der argen­ti­ni­schen Barra Bravas, die nach den Toren an den Zaun rennen und in Ekstase geraten. Dann sah er Ende der Neun­ziger beim indo­ne­si­schen Klub Arema Malang die ersten Cho­reos und dachte, so etwas bräuchten sie auch bei Per­sija.

This is Indo­nesia! Du kannst die Dinge nicht logisch erklären!“

Diky ist ein smarter junger Mann und kann sich gewählt aus­drü­cken. Er mag Musik von Cold­play, er war schon in Sin­gapur und Thai­land. Bald möchte er nach Japan. Wie die anderen glaubt er an Gott, an die Hölle und den Himmel. Aber er driftet wie die anderen gerne in Kriegs­rhe­torik ab. Er sagt, er sei ein guter Kämpfer. Oder dass er nicht mehr nach Ban­dung fahren könne, weil sie ihn töten würden. Ist dieser Fan­krieg nicht haram, eine Sünde? Diky ver­dreht die Augen. This is Indo­nesia“, sagt auch er. Du kannst die Dinge nicht logisch erklären!“

Diky weiß auch, wie der Krieg mit Persib ange­fangen hat. Diese Riva­lität ent­spinnt sich nicht über den Glauben der Fans wie bei Celtic gegen die Ran­gers. Sie fußt auch nicht auf dem Kampf von Arm gegen Reich wie in Argen­ti­nien bei Boca Juniors gegen River Plate – selbst wenn Per­sijas Fans gerne behaupten, Persib könne sich Spieler wie Michael Essien nur leisten, weil es von dem viertreichsten Mann des Landes, dem Mul­ti­mil­li­ardär Anthoni Salim, unter­stützt wird. Eigent­lich ent­stand die Riva­lität – wie so vieles in Indo­ne­sien – durch Zufall. Als hätten die Anhänger eines Tages beschlossen, dass sie end­lich auch Feinde benö­tigen.

Ein letzter Stop

Bis zur Jahr­tau­send­wende fand das große Derby zwi­schen PSMS Medan und Persib statt, viele nennen dieses Spiel sogar heute noch den wahren indo­ne­si­schen Cla­sico. 2001 aber, bei einem Aus­wärts­spiel in Ban­dung, sollen Persib-Fans neun Busse mit Per­sija-Anhän­gern über­fallen haben. Es war die Geburt eines neuen Cla­sico, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Natür­lich sind noch zahl­reiche andere Ver­sionen der Ent­ste­hungs­ge­schichte in Umlauf, und natür­lich behaupten Persib-Fans, die Per­sija-Anhänger hätten den Krieg ange­fangen. Eine Fas­sung geht so: 2001 nahmen Fans von beiden Teams an einem TV-Quiz in Jakarta teil. Auf der Heim­fahrt nach Ban­dung wurden die Persib-Fans von Per­sija-Anhän­gern atta­ckiert, weil diese das Quiz ver­loren hatten. Ach.

Am späten Morgen hat der Konvoi West-Java pas­siert. Ein letzter Stop bei Kendal, hun­dert Kilo­meter vor Sura­karta. In einem Laden werden Hijabs ver­kauft und Hello-Kitty-Puppen, in einem Stein­ver­schlag gibt es zum Früh­stück Instant­nu­deln mit Instant­kaffee, dazu Ziga­retten. Der Ciu und die Angriffe haben Spuren hin­ter­lassen: Die Gesichter sind ver­quollen, in den Bussen fehlen Scheiben. Einige schlurfen in eine Moschee, die auf der gegen­über­lie­genden Stra­ßen­seite liegt. Ein Dank an Gott, dass alles gut aus­ge­gangen ist. Und die erneute Bitte, dass Per­sijas Spieler heute stark und schnell sein mögen.

20171103 11 FREUNDE PERSIJA 0014 RZ Kopie
Muhammad Fadli

Um 13 Uhr erreicht die Kolonne Sura­kartas Sta­dion Manahan, einen rie­sigen Betonbau in der Stadt. Die drei Steh­kurven sind aus­ver­kauft und kom­plett in Orange gehüllt, voller Banner und Fahnen. 18 000 Zuschauer sind gekommen, die meisten aus Jakarta. Das Ther­mo­meter zeigt 35 Grad, trotzdem tragen viele Fans noch ihre langen Hosen, die Wind­breaker und Mützen. Vier Vor­sänger drü­cken sich auf ein Podest am unteren Zaun der Kurve, durch ein großes Eisentor lugen Hun­derte, die sich keine Tickets leisten können. Die Stim­mung ist ent­spannt, kaum Polizei, lasche Kon­trollen, und Persib-Anhänger sind wegen des Aus­wärts­ver­bots nicht zu sehen. Doch der Schein trügt. Das Spiel kom­pri­miert den indo­ne­si­schen Fuß­ball­wahn­sinn noch einmal auf 90 Minuten: Stress auf den Rängen, ein Platz­ver­weis, ein Wem­bleytor, Rudel­bil­dungen – und am Ende stirbt bei­nahe jemand.

Aber zunächst, mitten in die Fan­ge­sänge hinein, öffnet sich der Himmel. Ein mon­sun­ar­tiger Regen pras­selt auf Sura­karta nieder, und die Fans sehen aus, als wären sie nicht durch West-Java ange­reist, son­dern durch den Indi­schen Ozean geschwommen. Aber der Schieds­richter lässt wei­ter­laufen, wäh­rend sich hinter der Tri­büne ein Scha­mane daran macht, den Regen zu besänf­tigen, und Persib ein ast­reines Tor schießt. Selbst aus hun­dert Metern Ent­fer­nung erkennt man, wie der Ball die Linie über­quert, das Netz berührt und zurück ins Feld springt. Ent­setzen im Block, dann Durch­atmen: Der Schieds­richter gibt das Tor nicht, er hat den Ball an der Latte gesehen.

Immerhin der Scha­mane scheint Profi zu sein, zur zweiten Halb­zeit klart es tat­säch­lich auf. Bis in der 70. Minute die Fans außer Rand und Band geraten. Auf einmal stürmen hun­derte von ihnen die Stufen der Kurve hinab und prü­geln auf einen Jungen ein. Ein paar Poli­zisten beob­achten gelang­weilt das Geschehen. Die Capos ver­su­chen, die Lage zu beru­higen, aber es zu spät. Der Junge hat keine Chance. Schließ­lich steigen drei Beamte in den Block und ziehen den Ver­letzten auf die Tar­tan­bahn. Er sieht aus wie nach einem Zwölf-Runden-Kampf gegen Mike Tyson. Schnell machen die ersten Gerüchte die Runde. Das Opfer sei ein Persib-Fan, der sich ein­ge­schli­chen habe. Außerdem habe er seinen Freunden die Route des Kon­vois ver­raten. Die Stim­mung ist nun ange­spannt, für ein paar Minuten jeden­falls, denn in der 77. Minute ent­scheidet der Schieds­richter nach einem Schubser auf Elf­meter für Per­sija, und die Welt ist wieder in Ord­nung. Bruno Lopes trifft zum 1:0‑Siegtreffer.

18 Stunden Highway to Heaven – und zwi­schen­durch Hölle

Die Fans ersti­cken bei­nahe am eigenen Jubel. Maybe I just want to fly. Aber schon fünf Minuten später geht es weiter auf der Ach­ter­bahn der Gefühle. 83. Minute: Platz­ver­weise für Persib. 84.: Rudel­bil­dung an der Mit­tel­linie. Per­sibs Spieler bedrängen den Schieds­richter, und dann ver­lassen sie vor dem Abpfiff geschlossen den Platz, Per­sija ist der Sieger. Rifki, Luthfi, Raina und die anderen machen sich auf den Weg zum Bus. Rück­fahrt. 18 Stunden nach Jakarta. 18 Stunden Highway to Heaven, aber dazwi­schen kommt wieder die Hölle. Auf dem Heimweg wird bekannt, dass der ver­prü­gelte Junge aus Sura­karta stammt. Er war ein neu­traler Zuschauer, aber der Saum seines T‑Shirts war in den Farben Per­sibs gehalten: blau. Er hat großes Glück gehabt, der Body­count tickt trotzdem unauf­hör­lich.

Ende November, als in Bali der Vulkan Agung kurz vor der Erup­tion steht und tau­sende Men­schen eva­ku­iert werden, ver­schickt Akmal Mar­hali, der Mann von Save our Soccer“, eine Pres­se­mit­tei­lung. Ange­hängt sind neue Sta­tis­tiken, denn es hat den 66. Todes­fall gegeben, den zwölften im Jahr 2017, so viele wie noch nie. Mar­hali schreibt, der Fan hieß Rizal. Er war Anhänger von Per­sija Jakarta und wurde neun Tage nach dem Cla­sico, am 12. November, beim Spiel gegen Bha­yang­kara zu Tode geprü­gelt. Am 13. November war seine Beer­di­gung.