Seite 5: A.C.A.B.

Eigent­lich ist es absurd, dass dieses Spiel nach Sura­karta, an einen soge­nannten neu­tralen Ort ver­legt wurde. Schließ­lich sind Aus­wärts­fans bei den Par­tien zwi­schen Per­sija und Persib seit Jahren nicht mehr zuge­lassen. Das Pro­blem: Per­sija hat momentan kein eigenes Sta­dion, da es für die Asi­en­spiele reno­viert wird. Die Heim­spiele trägt das Team in Bekasi aus, einer Stadt im Speck­gürtel von Jakarta, aber eigent­lich schon Persib-Land, West-Java. Die Polizei ver­la­gerte das Pro­blem also ein­fach – und schuf dadurch diesen aber­wit­zigen Konvoi und das dazu­ge­hö­rige Kami­ka­ze­s­ze­nario. Psst!“, flüs­tert ein Junge. Adjap!“ Er steht ein paar Meter hinter einem Poli­zisten, grinst und zeigt einen Auf­kleber, auf dem die Abkür­zung A.C.A.B.“ prangt.

Auch Rifki, der Junge mit dem Wind­breaker, setzt ein Gewin­ner­lä­cheln auf. Als wäre dieser Trip ein Spiel. Wie Schiffe ver­senken“ auf der Auto­bahn, die Flotte ist getroffen, aber kein Pro­blem, sie fährt ja noch. Persib ist schwach, und wir sind stark!“, sagt Rifki, als sich der Konvoi wieder in Bewe­gung setzt und draußen die Lichter von ame­ri­ka­ni­schen Fast­foodre­stau­rants vor­bei­fliegen wie aus einem fernen Uni­versum und einem anderen Leben, McDonald’s, Ken­tucky Fried Chi­cken und so weiter. You and I are gonna live forever.

65 Tote – Doch wie hoch ist die Dun­kel­ziffer?

Eine öffent­liche Debatte um Fan­ge­walt im indo­ne­si­schen Fuß­ball hat es bis­lang kaum gegeben. Vor acht Jahren erschien ein Film zu dem Thema, Romeo Juliet“, eine Lie­bes­ge­schichte zwi­schen einem Per­sija-Fan und einer Persib-Anhän­gerin. Der Regis­seur wollte zeigen, dass es auch mit­ein­ander geht. Einige Fans tobten vor Wut, weil das nie­mals mög­lich sei. Auch das indo­ne­si­sche Magazin Tempo“ berichtet gele­gent­lich über Fuß­ball­fans in Indo­ne­sien, zumeist kennt­nis­reich und inves­ti­gativ. Vor einigen Monaten über­setzte sogar der Guar­dian“ eine Tempo“-Story mit dem Titel Jakarta’s Hoo­ligan Pro­blem“. Es war das erste Mal, dass dieses Thema aus­führ­lich in einer großen west­li­chen Zei­tung behan­delt wurde.

Ansonsten gibt es Ein­zel­kämpfer ohne große Lobby. Etwa den Jour­na­listen Akmal Mar­hali und den ehe­ma­ligen Ver­bands­funk­tionär Llano Mahar­dika. Vor ein paar Jahren haben sie die Orga­ni­sa­tion Save our Soccer“ (S.O.S.) gegründet und eine Art Moni­to­ring-System ent­wi­ckelt. Mit zahl­rei­chen ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern durch­leuchten sie den indo­ne­si­schen Fuß­ball in all seinen Facetten. Sie führen auch Buch über die Ran­dale und die Toten. Einen Tag vor der Abreise nach Sura­karta sitzen sie in einem Café in Zen­tral-Jakarta. Mar­hali, 38, beige Hose, schwarzes Hemd, ent­schlos­sener Blick, hat einen Stapel Unter­lagen mit­ge­bracht. Aber zunächst beugt er sich nach vorne, als habe er Sorge, dass jemand mit­hört. 65 Tote!“, sagt er und lässt die Zahl in der Hitze ver­puffen.

65 Tote haben er und seine Mit­ar­beiter im indo­ne­si­schen Fuß­ball seit 1995 gezählt. Alleine 2017 kamen elf Fans im Rahmen von Fuß­ball­spielen ums Leben. Die Dun­kel­ziffer könnte sogar noch viel höher liegen. Auf einer Grafik ist zu sehen, wie die Anhänger gestorben sind: durch Schläge und Tritte (24), durch Mes­ser­stiche (14), andere fielen aus den fah­renden Bussen oder wurden von Feu­er­werks­kör­pern getroffen, einer wurde erschossen. Einmal wurde ein Junge zu Tode geprü­gelt, weil er bei einem Tor Per­sijas kaum geju­belt haben soll. Die Per­sija-Anhänger dachten daher irr­tüm­lich, er wäre ein Persib-Fan, der sich in ihre Kurve ein­ge­schli­chen habe. Woher kommt nur diese rasende Wut? Warum fehlt der Respekt vor dem Leben?

20171103 11 FREUNDE ID PERSIJA 0001 RZ Kopie
Muhammad Fadli

Die Spuren rei­chen weit in die Ver­gan­gen­heit, in die Dekaden der Suharto-Dik­tatur. Einige der Männer, die Mitte der Sech­ziger über eine Mil­lion Kom­mu­nisten mas­sa­kriert haben, leben heute noch. Und sie fühlen sich als Helden. Sie erzählen öffent­lich und detail­ver­liebt von ihren Morden. Sie berichten von rol­lenden Köpfen und abge­schnit­tenen Penissen, und sie lächeln dabei. Aber die Fas­zi­na­tion für das Extreme hat auch etwas mit den Post-Suharto-Jahren zu tun, der Zeit nach 1998. Damals bekamen die indo­ne­si­schen Regionen und Städte mehr poli­ti­sche Bedeu­tung, und es ent­wi­ckelte sich ein ver­stärkter Lokal­pa­trio­tismus. Das Land war im Auf­bruch, Punks liefen durch die Straßen Jakartas, Gale­rien eröff­neten, die Zei­tungen druckten kri­ti­sche Berichte, und auch wenn Fuß­ball­sta­dien zuvor schon mehr Frei­raum als andere Orte in Indo­ne­sien geboten hatten, konnte man nun noch lauter schreien, schimpfen und vor allem kämpfen. Gleich­zeitig kam das Internet auf und zeigte den jungen Men­schen, was sie über all die Jahre ver­passt hatten. Auf einmal erschien die Welt nicht mehr rie­sen­groß, selbst Indo­ne­sien mit seinen 17 504 Inseln wirkte über­sicht­lich und auf­ge­räumt. Man musste nur mit der Maus die rich­tigen Links ankli­cken.

Wem sollen die jungen Men­schen hier ver­trauen? Wo sind die Vor­bilder?“

Heute werde Indo­ne­sien zwar demo­kra­tisch regiert, man dürfe aber nicht glauben, dass alles sauber ablaufe, sagt Mar­hali. Vor allem nicht im Fuß­ball, wo Per­sonen das Sagen haben, die schon zu Suharto-Zeiten in den Schalt­zen­tralen saßen. Wem sollen die jungen Men­schen hier ver­trauen?“, fragt Mar­hali. Wo sind die Vor­bilder?“ Und dann beginnt er einen halb­stün­digen Monolog. Immer wieder tau­chen darin Männer auf, gegen die selbst Sepp Blatter, Jack Warner und Co. aus­sehen wie Vor­schüler. Er berichtet von kor­rupten Unter­neh­mern, die vier oder fünf Erst­li­ga­ver­eine gleich­zeitig besitzen, was der Wett­mafia aus Sin­gapur oder Malaysia Tür und Tor öffne. Er holt sein Handy hervor und zeigt geheime Auf­nahmen, die Mit­ar­beiter von ihm gemacht haben. Auf einem ist zu sehen, wie ein Geld­koffer den Besitzer wech­selt, damit ein Spiel ver­schoben wird. Er erin­nert an Nurdin Halid, den ehe­ma­ligen Ver­bands­prä­si­denten, der zwei seiner acht Amts­jahre wegen Steu­er­ver­gehen im Gefängnis ver­bracht hat. Als er sich 2011 zur Wie­der­wahl stellte, löste er mas­sive Fan­pro­teste aus. Das wie­derum nutzte der Ölmil­li­ardär Arifin Pani­goro aus und grün­dete eine ille­gale zweite Erste Liga. Er kaufte alte Ver­eine auf oder grün­dete neue. Danach spielten 15 Mann­schaften in der staat­li­chen ersten Liga und par­allel 19 in der ille­galen Super League“. This is Indo­nesia!

Das Thema Fan­ge­walt beschäf­tigt in diesem Irr­garten des Wahn­sinns kaum jemanden aus der Regie­rung oder dem Ver­band. Es gibt immer Wich­ti­geres. Ende Mai 2012 wurde etwa auf Druck von isla­mi­schen Hard­li­nern ein Lady-Gaga-Kon­zert in Indo­ne­sien ver­boten, wäh­rend beim Cla­sico, der bei­nahe zeit­gleich statt­fand, drei Persib-Anhänger starben. Fans und Aus­schrei­tungen liegen nicht in unserem Ver­ant­wor­tungs­be­reich“, teilte auch der Fuß­ball­ver­band PSSI im Jahr 2016 mit. Die neue Gene­ral­se­kre­tärin des PSSI, Ratu Tisha Destria, ver­spricht immerhin einen moder­neren Kurs. Sie möchte eine Abtei­lung für Fan­be­lange gründen.

Neu­an­fang

Mar­hali ist skep­tisch. Er blät­tert in einer alten 11FREUNDE-Aus­gabe. Seine Augen bleiben an einem Bild hängen, das Bayern-Fans in einem Poli­zei­kessel zeigt. So etwas müsste es bei uns auch geben“, sagt er da. Kon­trollen am Sta­dion, ver­bes­serte Infra­struktur, Kameras, ein pro­fes­sio­nelles Ticke­ting-System, Admi­nis­tra­toren aus Europa.“ Mar­hali ent­wirft im Hand­um­drehen ein kleines Law-and-Order-Pro­gramm. Viel­leicht ein Zei­chen von Ohn­macht und Rat­lo­sig­keit. Oder ist das Pro­blem wirk­lich nur mit der harten Hand zu lösen?

Mar­hali über­legt. Er ist eigent­lich einer, der den Leuten die Hand rei­chen möchte. Wissen Sie, was gut wäre?“, fragt er und seine Augen leuchten. Wenn wir den Fuß­ball end­lich sterben ließen. Nur für ein, zwei Jahre, und dann könnten wir ihn wieder auf­bauen.“ Außerdem würde er sich ein Bene­fiz­tur­nier zu Ehren der Toten wün­schen. Alle Klubs sollten daran teil­nehmen, und rund um das Sta­dion würden sie Fotos der Ver­stor­benen auf­hängen. Wir würden sie sichtbar machen“, sagt er. Die Fans würden auf­ein­ander zugehen und dar­über spre­chen.“ Er hält kurz inne. Wissen Sie, was der Ver­band dazu sagt? Er sagt: Mister Mar­hali, das ist keine gute Idee!‘“