11FREUNDE WIRD 20!

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Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Seit dem 23. März ist​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ auf dem Markt, mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Unsere große Repor­tage über die Ultras von Per­sija Jakarta.

Bei Kilo­meter 243 sind sie da. Kurz nach Mit­ter­nacht, auf dem end­losen Asian Highway 2, huschen sie über die Felder. In der Dun­kel­heit erkennt man ihre Sil­hou­etten. Wie sie ihre Muni­tion zusam­men­su­chen. Wie sie sich in den Gräben hinter der Leit­planke ver­schanzen. Kleine Krieger, wilde Kerle, die meisten kaum älter als 15, 16 Jahre. Sie sind Fans des indo­ne­si­schen Erst­li­gisten Persib Ban­dung, und diese Gegend, West-Java, ist ihr Revier.

Der Fahrer des Per­sija-Busses beschleu­nigt, aber es ist zu spät. Ein Stein fliegt und dann noch einer. Treffer. Scherben auf den Sitz­kissen, Blut auf den Wangen eines Jungen. Anhalten!“, ruft einer, und der Wagen kommt mitten auf der Straße zum Stehen. In der Hitze der Nacht rasen die Autos vorbei, grelle Licht­hupen über dem Asphalt, irri­tierte Blicke hinter den Fens­tern, wäh­rend sich die Anhänger von Per­sija Jakarta auf die Gegen­of­fen­sive vor­be­reiten. Keine Gnade, keine Furcht, aber hati-hati, immer auf der Hut! Sie stürmen aus dem Bus. Bewaffnen sich mit her­um­lie­genden Stö­cken. Schwingen Bam­bus­rohre wie Samu­rai­schwerter. Schießen Leucht­ra­keten in den java­ni­schen Himmel, um die Peri­pherie zu erhellen. Da hinten! Das sind sie!“ In der Ferne sieht man noch die Umrisse der Persib-Fans, uner­schro­ckene Gesichter, tri­um­phie­rendes Lachen. Sie sind schon viel zu weit weg. Feige Hunde!“

Setzt euch nicht ans Fenster. Es geht durch West-Java, Fein­des­land. Manchmal wird man nett begrüßt.“

Drei Tage zuvor, am 30. Oktober 2017, hatten die Polizei und der Fuß­ball­ver­band ent­schieden, Per­sija Jakartas Heim­spiel gegen Persib Ban­dung auf einen Frei­tag­nach­mittag ins 600 Kilo­meter ent­fernte Sura­karta zu ver­legen. Aus Sicher­heits­gründen, hieß es. Denn bei diesem Spiel der ver­hassten Rivalen, das einige Old Indo­nesia Derby und andere den Cla­sico nennen, kommt es regel­mäßig zu Aus­schrei­tungen. Aber es war naiv zu glauben, diese Maß­nahme würde die Situa­tion beru­higen. Und viel­leicht war es auch von uns ein wenig arglos, die Fans auf diesem Road­trip zu begleiten. 18 Stunden auf der Auto­bahn. 18 Stunden in einem Bus mit 59 Plätzen, in dem nun etwa 75 auf­ge­kratzte Per­sija-Ultras über­ein­ander stehen, sitzen und liegen wie Tet­rissteine. 18 Stunden für den großen Tri­umph, Highway to Heaven, aber erst mal geht’s durch die Hölle.

Der Kon­takt­mann, auch ein Junge aus der Fan­szene, hatte vor der Abfahrt eine SMS geschrieben: Setzt euch nicht ans Fenster!“ Und auf Nach­frage: Es geht durch West-Java, Fein­des­land. Manchmal wird man nett begrüßt.“ Dahinter ein Smiley. Mit dem Flug­zeug hätte man für die Strecke Jakarta – Sura­karta eine Stunde benö­tigt; die sichere Alter­na­tive, einer­seits. Aber kann man den Wahn­sinn des indo­ne­si­schen Fuß­balls beschreiben, wenn man ihm nicht wenigs­tens einmal ins Auge schaut?

Eine unglaub­liche Nation

Diese Geschichte han­delt von einer weiten Reise und einer innigen Liebe – aber sie hat kein Happy End. Sie erzählt von Treue, Ehre, Stolz und dem ganzen pathe­ti­schen Rat­ten­schwanz. Es geht um junge Men­schen, die für die Farben ihres Ver­eins alles tun würden, sogar sterben. Und das ist keine Floskel, son­dern bit­tere Rea­lität, denn seit 1995 sind bei Fuß­ball­spielen in Indo­ne­sien 65 Fans gestorben. Aber es geht auch um kor­rupte Funk­tio­näre und irre Klub­be­sitzer. Um einen Fuß­ball, der seit Jahren auf der Inten­siv­sta­tion liegt und eigent­lich nur noch künst­lich am Leben gehalten wird. Sie spielt in einem Land, das die Schrift­stel­lerin Eliza­beth Pisani mal eine unglaub­liche“ Nation genannt hat, und ver­mut­lich gibt es kein Adjektiv, das Indo­ne­sien besser beschreibt.

Am Anfang stehen immer diese Super­la­tive: 17 504 Inseln, 360 Eth­nien, 719 Spra­chen. Nir­gendwo auf der Welt leben mehr Mus­lime in einem Land als hier. Die Nation liegt auf dem vierten Platz der bevöl­ke­rungs­reichsten Staaten, Groß-Jakarta ist mit 30 Mil­lionen Ein­woh­nern nach Tokio die zweit­größte Agglo­me­ra­tion der Welt. Dann noch all diese Bilder aus der blu­tigen Ver­gan­gen­heit, die fast jeder hier in sich trägt. Die drei Jahr­zehnte wäh­rende Dik­tatur Suhartos, die Mas­saker der sech­ziger Jahre, die Erobe­rung Ost-Timors in den Sieb­zi­gern. Am Ende immer die Frage: Was ist Indo­ne­sien heute?

Mister, Mister, Taxi?“

Es ist trotz seiner Größe das unsicht­barste Land der Welt“, hat der berühmte indo­ne­si­sche Unter­nehmer John Riady gesagt. Denn was weiß man wirk­lich? Der Westen kennt es als Name auf einem Lonely-Planet-Rei­se­führer, Back­packing-Folk­lore, Traum­st­rand­idylle, Bali, Lombok, die Gili Inseln. Die Nasi-Goreng-Gar­kü­chen in Sura­baya, die Wayang-Schat­ten­spieler in Malang, die Bajaj-Fahrer in Jakarta, Mister, Mister, Taxi?“ Und zwi­schen­durch liest man immer mal wieder Nach­richten wie diese aus dem November 2015: Ver­ur­teilte Dro­gen­dealer könnten in Indo­ne­sien auf einer Insel landen, die von aggres­siven Kro­ko­dilen statt von Gefäng­nis­wär­tern bewacht wird.“ Unglaub­lich? This is Indo­nesia!“, sagen die Ein­hei­mi­schen.

Wel­come to Jakarta“, hatten die Ultras von Per­sija kurz nach unserer Ankunft geschrieben. Ihr Verein ist einer der größten im Land, aber die Erfolge liegen schon einige Jahre zurück. 2001 gewann der Klub zuletzt die Meis­ter­schaft. Aber das ist nun neben­säch­lich, denn das Spiel gegen Persib erzählt eine ganz eigene Geschichte. Es ist zwar nicht so far­ben­froh wie das marok­ka­ni­sche Derby zwi­schen Raja und Wydad Casa­blanca und auch nicht so laut wie eines in Istanbul. Aber es geht so brutal zu wie bei ver­mut­lich keinem anderen Fuß­ball­spiel auf der Welt. Es ist ein Duell, in dem sich das ganze Chaos ent­lädt. Der totale Exzess. Der Kampf zwi­schen der Haupt­stadt und der Pro­vinz West-Java.

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Muhammad Fadli

Die Reise nach Sura­karta beginnt am Don­nerstag, den 2. November. Treff­punkt ist ein Super­markt in Tam­bora, West-Jakarta, die Slums nur einen Stein­wurf ent­fernt. Schon die ein­stün­dige Fahrt aus Zen­tral-Jakarta nach Tam­bora ist ein Höl­len­ritt durch ein urbanes Laby­rinth, das für die einen Traum und Sehn­suchtsort ist, für die anderen ein Moloch und Gerüst, pro­vi­so­risch zusam­men­ge­halten von Ersatz­teil­la­gern, Well­blech­hütten, Eisen, Rost, Hoch­häu­sern, Shop­ping­malls, Bau­stellen, Moscheen, Lich­tern, Lärm, Mopeds, Autos, Hitze. Momentan ist es beson­ders chao­tisch, denn Jakarta rüstet auf für die Asi­en­spiele 2018.

Vor einigen Jahren ord­nete die Regie­rung wegen des hohen Ver­kehrs­auf­kom­mens an, dass zu Stoß­zeiten min­des­tens drei Per­sonen in einem Wagen sitzen müssen. Die Super­rei­chen flogen dar­aufhin mit Pri­vat­he­li­ko­ptern zur Arbeit, die Nor­mal­rei­chen ließen sich chauf­fieren und lasen am Stra­ßen­rand soge­nannte Jockeys“ auf, die sich für ein paar Rupiah als dritter Fahr­gast anboten. Unglaub­lich? Ach.

Gesichter voller Spuren

Am Super­markt in Tam­bora spielen zwei junge Männer auf Gitarren Lieder des indo­ne­si­schen Musi­kers Iwan Fals, der zur Suharto-Zeit als Asiens Bob Dylan galt. Bald tru­deln die ersten Per­sija-Fans ein und singen den Pro­test­song Bento“ voller Inbrunst mit, als könnten sie alles, die blu­tige Ver­gan­gen­heit und auch die harte Gegen­wart, ein­fach nie­der­brüllen. Sie sind Kinder, Teen­ager, Engel, Hei­lige, Mär­tyrer, Halb­starke, Ver­bre­cher, Aus­ge­sto­ßene, Ver­ges­sene, Ver­lo­rene – es kommt nur auf die Per­spek­tive an. Ihre Gesichter sind voller Spuren, aber eigent­lich ist alles an ihnen, die Haare, die Haut, die Körper, zart und fragil wie Oran­gen­pa­pier.

Die meisten von ihnen haben keinen Job, sie spre­chen kein Eng­lisch, sie waren nie im Aus­land, viele haben noch nicht ein ein­ziges Mal in ihrem Leben die Insel Java ver­lassen. Aber sie wissen, was die zwei Wörter auf ihren T‑Shirts bedeuten: Crazy Boys. Es ist eine von zahl­rei­chen Per­sija-Ultra­gruppen. Ihre Gang. Etwas, das ihnen in diesem rie­sigen und zer­fa­serten Insel­staat zumin­dest ein wenig Halt und Glück ver­spricht. Sie setzen sich vor den Super­markt und trinken selbst­ge­brannten Schnaps, Ciu, abge­füllt in PET-Fla­schen. Die beson­ders Harten ver­stärken ihn mit Insek­ten­schutz­mittel. Drink!“, sagt einer und hält das Gesöff in die Luft. What’s your name, Mister?“, fragt ein anderer und reicht schüch­tern seine Hand. Es ist, als würde man in Watte greifen.

Am Bus steht Luthfi Ryan. Er trägt Trai­nings­jacke, Brille und Bart. Er ist kräf­tiger als die anderen und der Orga­ni­sator der Tour. Auf einem Zettel hat er die Namen der Mit­rei­senden ver­merkt und ruft sie nun nach­ein­ander auf. 300 000 Rupiah kostet das Paket aus Reise, Ver­pfle­gung und Ein­tritts­karte, das sind etwa 18 Euro, eine Stange Geld für jemanden, der nor­ma­ler­weise 50 oder 60 Cent für ein Abend­essen aus­gibt. Keine Sorge“, sagt Luthfi, wir werden heute Nacht von der Polizei eskor­tiert.“ Bis nach Sura­karta? Ja!“

Luthfi ist 20 Jahre alt und arbeitet in einem Copy­shop. Wenn man ihn fragt, was seine Wün­sche für die Zukunft sind, sagt er, Per­sija solle es gut gehen. Die west­liche Kultur und den euro­päi­schen Fuß­ball kennen er und seine Freunde aus dem Internet oder aus Filmen. Sie finden die Ultras von Gala­ta­saray gut, inter­es­sieren sich für Fan­kultur aus Ita­lien und Argen­ti­nien. Aber vor allem lieben sie Eng­land. Bands wie die Stone Roses oder Oasis und den Look der Casuals, den Hoo­ligan-Chic der acht­ziger Jahre. Sie haben Filme wie Green Street Hoo­li­gans“ oder Away­days“ gesehen und tragen die glei­chen Logos wie die Prot­ago­nisten mit Stolz am Revers: Sergio Tac­chini, Fila, Adidas. Auch des­halb erscheint ihre Gruppe an diesem Ort wie ein rie­siger asia­ti­scher Markt, auf dem die Kopien euro­päi­scher Sub­kul­turen feil­ge­boten werden. Dabei scheint es bei­nahe egal, wie das Ori­ginal aussah, oder dass sich ihre Refe­renzen auf eine Zeit beziehen, die lange vorbei ist. Es geht um den Style, die mas­ku­line Pose, aus­ge­schnitten aus den rauen Acht­zi­gern, ein­ge­klebt ins Jakarta der Gegen­wart.

No one like us, we don’t care. We are Per­sija!“

Ein Junge zeigt Face­book-Bilder der Per­sija-Hoo­li­gans, die sich Tiger Bois“ nennen und natür­lich ober­kör­per­frei vor der Kamera posieren, die Gesichter sind ver­pi­xelt. So wie sie es bei euro­päi­schen Banden gesehen haben. Die Inter City Firm ist die här­teste Gang, oder?“, fragt einer, der ein Shirt trägt, auf dem Forever Blo­wing Bub­bles“ steht. Später kommt ein Junge dazu, auf dessen Hemd der Satz prangt: No one like us, we don’t care. We are Per­sija!“ West Ham und Mill­wall statt Paris Saint-Ger­main und Real Madrid. Ack­er­ro­mantik statt Fami­li­en­block.

Wenn in den ver­gan­genen Jahren im Westen über indo­ne­si­schen Fuß­ball gespro­chen wurde, ging es meist um Themen wie Spiel­ma­ni­pu­la­tionen, Kor­rup­tion oder den Fifa-Aus­schluss 2015, nachdem sich die Politik in den Fuß­ball ein­ge­mischt hatte. Zuletzt sorgte der Transfer des ehe­ma­ligen Chelsea-Spie­lers Michael Essien zu Persib Ban­dung für Auf­sehen. Aber sonst? Spielen die Indo­ne­sier nicht lieber Bad­minton? In Wahr­heit leben in Indo­ne­sien die fuß­ball­ver­rück­testen Men­schen Asiens. Selbst China, wo angeb­lich gerade ein Fuß­ball­wun­der­land ent­steht, wirkt im Ver­hältnis dazu blass. Der Fuß­ball­boom in Indo­ne­sien begann mit Über­tra­gungen der Serie A in den Neun­zi­gern, danach eroberten die eng­li­schen und spa­ni­schen Ver­eine das Land. Klubs wie Real Madrid und Juventus Turin haben mitt­ler­weile Web­sites in der Lan­des­sprache Bahasa Indo­nesia, der indo­ne­si­sche Fan­klub von Man­chester United zählt über 31 000 Mit­glieder und hat 114 Chapter im Land.

Und dann sind da noch die ein­hei­mi­schen Ligen, inter­na­tional kaum beachtet, qua­li­tativ auf deut­schem Dritt­li­ga­ni­veau, aber im Land selbst, trotz aller Skan­dale, mit einer unge­bro­chenen Strahl­kraft. Noch ein paar Super­la­tive: 1985 strömten 150 000 Zuschauer zum Finale der natio­nalen Ama­teur­liga ins Gelora-Bung-Karno-Sta­dion. Heute kommen selbst zu Spielen eines Zweit­li­gisten wie PSS Sleman regel­mäßig über 30 000 Fans. Und der Erst­li­gist Persib Ban­dung ist mit knapp zehn Mil­lionen Face­book-Fol­lo­wern der belieb­teste Fuß­ball­verein in ganz Asien.

Gegen 19 Uhr ist Abfahrt. Ein Gebet zu Beginn, die Fans bitten Gott, er möge Per­sijas Spieler stark und schnell machen. Dabei dröhnt You’ll Never Walk Alone“ aus den Boxen, eine Cover­ver­sion der indo­ne­si­schen Punk­band Keotik. Danach Oasis, Live Forever“, das Ori­ginal. Maybe I just want to fly, singt Liam Gal­lagher, I want to live, I don’t want to die, es könnte ihr Sound­track sein. Bei Kilo­meter 17 der erste Stop auf einem Rast­platz, und nun erkennt man auch den Ausmaß dieser Tour. Denn nicht nur die Crazy Boys sind auf dem Weg nach Sura­karta, es sind Hun­derte, Tau­sende, ein ganzer Konvoi schleppt sich in dieser Nacht über den Highway, einige sind sogar mit Mopeds unter­wegs. Die Fans stol­pern aus den Bussen und Autos hin­über zu den Satay-Ver­käu­fern, und die Ciu-Fla­sche kreist durch die Reihen, Mister, Mister, drink!“ Bier trinken sie nicht, kostet zu viel, betäubt zu wenig.

In 30 Kilo­me­tern wird’s gefähr­lich!“ Was ist mit der Poli­zei­es­korte? Polizei? Die kommt heute nicht mehr.“

Vor der Wei­ter­fahrt schaut Rifki Haikal auf sein Handy und prüft die Route. Der 20-Jäh­rige trägt Wind­breaker, bri­ti­sche Flat-Cap, ­Leeds in West-Java. Noch sind wir sicher“, sagt er. Aber in 30 Kilo­me­tern wird’s gefähr­lich!“ Was ist mit der Poli­zei­es­korte? Polizei? Die kommt heute nicht mehr.“ Früher hat Rifki in einem lokalen Super­markt gear­beitet, jetzt ist er arbeitslos. Er träumt von einer eigenen Firma, will Kla­motten pro­du­zieren, coole Slo­gans auf T‑Shirts dru­cken, so wie es die jungen Leute in Eng­land machen. Letztes Jahr war er dabei, als ihr Konvoi von Persib-Fans mit Steinen atta­ckiert wurde und zwei Freunde starben. Einer lag schon am Boden, als die Angreifer mit einer Axt auf ihn ein­schlugen – bis er sich nicht mehr regte. Keine Gnade. Rifki schaut aus dem Fenster. Was dieser Vor­fall mit ihm gemacht hat, kann er nicht sagen. Warum er trotzdem noch mit­fährt schon: Ich folge meinem Herzen. Gott beschützt mich.“ Dann schweigt er.

Bei Kilo­meter 39 knallt es zum ersten Mal. Einen Bus hat es erwischt, eine Scheibe ist zer­split­tert, ver­letzt ist aber nie­mand. Kurzer Halt mitten auf der Auto­bahn. Auf der Leit­planke sitzen Dinar und Raina. Sie sind 15 und 16 Jahre alt und die ein­zigen Mäd­chen im Bus. Sie gehen noch zur Schule. Auch sie wollen nicht über ihre Ängste spre­chen. Lieber dar­über, dass Per­sija stark sei. Und die Eltern? Hati-hati, immer vor­sichtig sein, sagen sie. Neben ihnen setzt sich Anas auf die Straße, 17 Jahre jung, eben­falls noch Schüler, ein Oasis-Shirt in der Größe XS flat­tert am Körper, eine halbe Por­tion, so schmal, dass man Sorge hat, die nächste Windböe könnte ihn zurück nach Jakarta wehen.

Überall geht es um Leben und Tod!“

So ist das mit Rivalen, bei Liver­pool gegen Everton, bei West Ham gegen Mill­wall, überall“, sagt er und ver­sucht grimmig zu gucken. Überall geht es um Leben und Tod!“ Er nimmt einen Schluck aus der Ciu-Fla­sche, um die Chips run­ter­zu­spülen. Ob er Persib-Fans per­sön­lich kenne, möchte man wissen. Klar“, sagt er. Viele in meiner Klasse sind Persib-Fans, auch Freunde.“ Und wenn du sie hier treffen wür­dest? Dann müssten sie sterben.“ Er lächelt, seine Freunde lächeln auch, und Liam singt wieder von vorne: Lately, did you ever feel the pain?

Wenig später sind auch ein paar Poli­zisten vor Ort. Ein biss­chen Prä­senz zeigen. Sie schreiten mit ihren Pump­guns an den Leit­planken gemäch­lich auf und ab, als wären sie Schau­spieler, die gerade ihre Rolle als Poli­zist durch­gehen und darauf warten, dass jemand Action“ ruft. Was ist Rea­lität? Was ist Fik­tion? Und wo sind über­haupt die Angreifer abge­blieben? Ach.

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Muhammad Fadli
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Eigent­lich ist es absurd, dass dieses Spiel nach Sura­karta, an einen soge­nannten neu­tralen Ort ver­legt wurde. Schließ­lich sind Aus­wärts­fans bei den Par­tien zwi­schen Per­sija und Persib seit Jahren nicht mehr zuge­lassen. Das Pro­blem: Per­sija hat momentan kein eigenes Sta­dion, da es für die Asi­en­spiele reno­viert wird. Die Heim­spiele trägt das Team in Bekasi aus, einer Stadt im Speck­gürtel von Jakarta, aber eigent­lich schon Persib-Land, West-Java. Die Polizei ver­la­gerte das Pro­blem also ein­fach – und schuf dadurch diesen aber­wit­zigen Konvoi und das dazu­ge­hö­rige Kami­ka­ze­s­ze­nario. Psst!“, flüs­tert ein Junge. Adjap!“ Er steht ein paar Meter hinter einem Poli­zisten, grinst und zeigt einen Auf­kleber, auf dem die Abkür­zung A.C.A.B.“ prangt.

Auch Rifki, der Junge mit dem Wind­breaker, setzt ein Gewin­ner­lä­cheln auf. Als wäre dieser Trip ein Spiel. Wie Schiffe ver­senken“ auf der Auto­bahn, die Flotte ist getroffen, aber kein Pro­blem, sie fährt ja noch. Persib ist schwach, und wir sind stark!“, sagt Rifki, als sich der Konvoi wieder in Bewe­gung setzt und draußen die Lichter von ame­ri­ka­ni­schen Fast­foodre­stau­rants vor­bei­fliegen wie aus einem fernen Uni­versum und einem anderen Leben, McDonald’s, Ken­tucky Fried Chi­cken und so weiter. You and I are gonna live forever.

65 Tote – Doch wie hoch ist die Dun­kel­ziffer?

Eine öffent­liche Debatte um Fan­ge­walt im indo­ne­si­schen Fuß­ball hat es bis­lang kaum gegeben. Vor acht Jahren erschien ein Film zu dem Thema, Romeo Juliet“, eine Lie­bes­ge­schichte zwi­schen einem Per­sija-Fan und einer Persib-Anhän­gerin. Der Regis­seur wollte zeigen, dass es auch mit­ein­ander geht. Einige Fans tobten vor Wut, weil das nie­mals mög­lich sei. Auch das indo­ne­si­sche Magazin Tempo“ berichtet gele­gent­lich über Fuß­ball­fans in Indo­ne­sien, zumeist kennt­nis­reich und inves­ti­gativ. Vor einigen Monaten über­setzte sogar der Guar­dian“ eine Tempo“-Story mit dem Titel Jakarta’s Hoo­ligan Pro­blem“. Es war das erste Mal, dass dieses Thema aus­führ­lich in einer großen west­li­chen Zei­tung behan­delt wurde.

Ansonsten gibt es Ein­zel­kämpfer ohne große Lobby. Etwa den Jour­na­listen Akmal Mar­hali und den ehe­ma­ligen Ver­bands­funk­tionär Llano Mahar­dika. Vor ein paar Jahren haben sie die Orga­ni­sa­tion Save our Soccer“ (S.O.S.) gegründet und eine Art Moni­to­ring-System ent­wi­ckelt. Mit zahl­rei­chen ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern durch­leuchten sie den indo­ne­si­schen Fuß­ball in all seinen Facetten. Sie führen auch Buch über die Ran­dale und die Toten. Einen Tag vor der Abreise nach Sura­karta sitzen sie in einem Café in Zen­tral-Jakarta. Mar­hali, 38, beige Hose, schwarzes Hemd, ent­schlos­sener Blick, hat einen Stapel Unter­lagen mit­ge­bracht. Aber zunächst beugt er sich nach vorne, als habe er Sorge, dass jemand mit­hört. 65 Tote!“, sagt er und lässt die Zahl in der Hitze ver­puffen.

65 Tote haben er und seine Mit­ar­beiter im indo­ne­si­schen Fuß­ball seit 1995 gezählt. Alleine 2017 kamen elf Fans im Rahmen von Fuß­ball­spielen ums Leben. Die Dun­kel­ziffer könnte sogar noch viel höher liegen. Auf einer Grafik ist zu sehen, wie die Anhänger gestorben sind: durch Schläge und Tritte (24), durch Mes­ser­stiche (14), andere fielen aus den fah­renden Bussen oder wurden von Feu­er­werks­kör­pern getroffen, einer wurde erschossen. Einmal wurde ein Junge zu Tode geprü­gelt, weil er bei einem Tor Per­sijas kaum geju­belt haben soll. Die Per­sija-Anhänger dachten daher irr­tüm­lich, er wäre ein Persib-Fan, der sich in ihre Kurve ein­ge­schli­chen habe. Woher kommt nur diese rasende Wut? Warum fehlt der Respekt vor dem Leben?

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Muhammad Fadli

Die Spuren rei­chen weit in die Ver­gan­gen­heit, in die Dekaden der Suharto-Dik­tatur. Einige der Männer, die Mitte der Sech­ziger über eine Mil­lion Kom­mu­nisten mas­sa­kriert haben, leben heute noch. Und sie fühlen sich als Helden. Sie erzählen öffent­lich und detail­ver­liebt von ihren Morden. Sie berichten von rol­lenden Köpfen und abge­schnit­tenen Penissen, und sie lächeln dabei. Aber die Fas­zi­na­tion für das Extreme hat auch etwas mit den Post-Suharto-Jahren zu tun, der Zeit nach 1998. Damals bekamen die indo­ne­si­schen Regionen und Städte mehr poli­ti­sche Bedeu­tung, und es ent­wi­ckelte sich ein ver­stärkter Lokal­pa­trio­tismus. Das Land war im Auf­bruch, Punks liefen durch die Straßen Jakartas, Gale­rien eröff­neten, die Zei­tungen druckten kri­ti­sche Berichte, und auch wenn Fuß­ball­sta­dien zuvor schon mehr Frei­raum als andere Orte in Indo­ne­sien geboten hatten, konnte man nun noch lauter schreien, schimpfen und vor allem kämpfen. Gleich­zeitig kam das Internet auf und zeigte den jungen Men­schen, was sie über all die Jahre ver­passt hatten. Auf einmal erschien die Welt nicht mehr rie­sen­groß, selbst Indo­ne­sien mit seinen 17 504 Inseln wirkte über­sicht­lich und auf­ge­räumt. Man musste nur mit der Maus die rich­tigen Links ankli­cken.

Wem sollen die jungen Men­schen hier ver­trauen? Wo sind die Vor­bilder?“

Heute werde Indo­ne­sien zwar demo­kra­tisch regiert, man dürfe aber nicht glauben, dass alles sauber ablaufe, sagt Mar­hali. Vor allem nicht im Fuß­ball, wo Per­sonen das Sagen haben, die schon zu Suharto-Zeiten in den Schalt­zen­tralen saßen. Wem sollen die jungen Men­schen hier ver­trauen?“, fragt Mar­hali. Wo sind die Vor­bilder?“ Und dann beginnt er einen halb­stün­digen Monolog. Immer wieder tau­chen darin Männer auf, gegen die selbst Sepp Blatter, Jack Warner und Co. aus­sehen wie Vor­schüler. Er berichtet von kor­rupten Unter­neh­mern, die vier oder fünf Erst­li­ga­ver­eine gleich­zeitig besitzen, was der Wett­mafia aus Sin­gapur oder Malaysia Tür und Tor öffne. Er holt sein Handy hervor und zeigt geheime Auf­nahmen, die Mit­ar­beiter von ihm gemacht haben. Auf einem ist zu sehen, wie ein Geld­koffer den Besitzer wech­selt, damit ein Spiel ver­schoben wird. Er erin­nert an Nurdin Halid, den ehe­ma­ligen Ver­bands­prä­si­denten, der zwei seiner acht Amts­jahre wegen Steu­er­ver­gehen im Gefängnis ver­bracht hat. Als er sich 2011 zur Wie­der­wahl stellte, löste er mas­sive Fan­pro­teste aus. Das wie­derum nutzte der Ölmil­li­ardär Arifin Pani­goro aus und grün­dete eine ille­gale zweite Erste Liga. Er kaufte alte Ver­eine auf oder grün­dete neue. Danach spielten 15 Mann­schaften in der staat­li­chen ersten Liga und par­allel 19 in der ille­galen Super League“. This is Indo­nesia!

Das Thema Fan­ge­walt beschäf­tigt in diesem Irr­garten des Wahn­sinns kaum jemanden aus der Regie­rung oder dem Ver­band. Es gibt immer Wich­ti­geres. Ende Mai 2012 wurde etwa auf Druck von isla­mi­schen Hard­li­nern ein Lady-Gaga-Kon­zert in Indo­ne­sien ver­boten, wäh­rend beim Cla­sico, der bei­nahe zeit­gleich statt­fand, drei Persib-Anhänger starben. Fans und Aus­schrei­tungen liegen nicht in unserem Ver­ant­wor­tungs­be­reich“, teilte auch der Fuß­ball­ver­band PSSI im Jahr 2016 mit. Die neue Gene­ral­se­kre­tärin des PSSI, Ratu Tisha Destria, ver­spricht immerhin einen moder­neren Kurs. Sie möchte eine Abtei­lung für Fan­be­lange gründen.

Neu­an­fang

Mar­hali ist skep­tisch. Er blät­tert in einer alten 11FREUNDE-Aus­gabe. Seine Augen bleiben an einem Bild hängen, das Bayern-Fans in einem Poli­zei­kessel zeigt. So etwas müsste es bei uns auch geben“, sagt er da. Kon­trollen am Sta­dion, ver­bes­serte Infra­struktur, Kameras, ein pro­fes­sio­nelles Ticke­ting-System, Admi­nis­tra­toren aus Europa.“ Mar­hali ent­wirft im Hand­um­drehen ein kleines Law-and-Order-Pro­gramm. Viel­leicht ein Zei­chen von Ohn­macht und Rat­lo­sig­keit. Oder ist das Pro­blem wirk­lich nur mit der harten Hand zu lösen?

Mar­hali über­legt. Er ist eigent­lich einer, der den Leuten die Hand rei­chen möchte. Wissen Sie, was gut wäre?“, fragt er und seine Augen leuchten. Wenn wir den Fuß­ball end­lich sterben ließen. Nur für ein, zwei Jahre, und dann könnten wir ihn wieder auf­bauen.“ Außerdem würde er sich ein Bene­fiz­tur­nier zu Ehren der Toten wün­schen. Alle Klubs sollten daran teil­nehmen, und rund um das Sta­dion würden sie Fotos der Ver­stor­benen auf­hängen. Wir würden sie sichtbar machen“, sagt er. Die Fans würden auf­ein­ander zugehen und dar­über spre­chen.“ Er hält kurz inne. Wissen Sie, was der Ver­band dazu sagt? Er sagt: Mister Mar­hali, das ist keine gute Idee!‘“

Kilo­meter 243. Der Bus bret­tert mit 100 km/​h über den Highway, als der Stein – es ist der fünfte oder sechste Angriff der Nacht – im letzten Fenster ein­schlägt. Wäh­rend die meisten Per­sija-Ultras auf die Felder rennen, kehren andere die Scherben zur Seite.

Vor einigen Jahren wurde ein Waf­fen­still­stand von den füh­renden Köpfen der riva­li­sie­renden Fan­gruppen ver­ein­bart. Aber wie soll man zehn­tau­sende Fans kon­trol­lieren?“, fragt Diky Soemarno. Der 30-Jäh­rige ist Gene­ral­se­kretär bei Jak­mania, der Dach­or­ga­ni­sa­tion aller Per­sija-Fans. Auf seinem T‑Shirt steht Sleep, Eat, Per­sija, Repeat“. Anders als die meisten in dem Konvoi spricht er flie­ßend Eng­lisch und hat einen gut­be­zahlten Job bei einer süd­ko­rea­ni­schen Inter­net­firma. Er ist selbst Vater, sein Sohn ist fünf Jahre alt und heißt Mikael Zola Adidas. Zola wegen des ehe­ma­ligen Chelsea-Spie­lers, Adidas, nun ja, wegen Adidas. Das erste Mal war Diky im April 1998 bei einem Spiel von Per­sija, kurz vor dem Ende des Suharto-Regimes. Einen Tag später wurde er Mit­glied bei Jak­mania. Danach tauchte auch er tief ein in die Welt des Inter­nets, und am liebsten verlor er sich auf Seiten der argen­ti­ni­schen Barra Bravas, die nach den Toren an den Zaun rennen und in Ekstase geraten. Dann sah er Ende der Neun­ziger beim indo­ne­si­schen Klub Arema Malang die ersten Cho­reos und dachte, so etwas bräuchten sie auch bei Per­sija.

This is Indo­nesia! Du kannst die Dinge nicht logisch erklären!“

Diky ist ein smarter junger Mann und kann sich gewählt aus­drü­cken. Er mag Musik von Cold­play, er war schon in Sin­gapur und Thai­land. Bald möchte er nach Japan. Wie die anderen glaubt er an Gott, an die Hölle und den Himmel. Aber er driftet wie die anderen gerne in Kriegs­rhe­torik ab. Er sagt, er sei ein guter Kämpfer. Oder dass er nicht mehr nach Ban­dung fahren könne, weil sie ihn töten würden. Ist dieser Fan­krieg nicht haram, eine Sünde? Diky ver­dreht die Augen. This is Indo­nesia“, sagt auch er. Du kannst die Dinge nicht logisch erklären!“

Diky weiß auch, wie der Krieg mit Persib ange­fangen hat. Diese Riva­lität ent­spinnt sich nicht über den Glauben der Fans wie bei Celtic gegen die Ran­gers. Sie fußt auch nicht auf dem Kampf von Arm gegen Reich wie in Argen­ti­nien bei Boca Juniors gegen River Plate – selbst wenn Per­sijas Fans gerne behaupten, Persib könne sich Spieler wie Michael Essien nur leisten, weil es von dem viertreichsten Mann des Landes, dem Mul­ti­mil­li­ardär Anthoni Salim, unter­stützt wird. Eigent­lich ent­stand die Riva­lität – wie so vieles in Indo­ne­sien – durch Zufall. Als hätten die Anhänger eines Tages beschlossen, dass sie end­lich auch Feinde benö­tigen.

Ein letzter Stop

Bis zur Jahr­tau­send­wende fand das große Derby zwi­schen PSMS Medan und Persib statt, viele nennen dieses Spiel sogar heute noch den wahren indo­ne­si­schen Cla­sico. 2001 aber, bei einem Aus­wärts­spiel in Ban­dung, sollen Persib-Fans neun Busse mit Per­sija-Anhän­gern über­fallen haben. Es war die Geburt eines neuen Cla­sico, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Natür­lich sind noch zahl­reiche andere Ver­sionen der Ent­ste­hungs­ge­schichte in Umlauf, und natür­lich behaupten Persib-Fans, die Per­sija-Anhänger hätten den Krieg ange­fangen. Eine Fas­sung geht so: 2001 nahmen Fans von beiden Teams an einem TV-Quiz in Jakarta teil. Auf der Heim­fahrt nach Ban­dung wurden die Persib-Fans von Per­sija-Anhän­gern atta­ckiert, weil diese das Quiz ver­loren hatten. Ach.

Am späten Morgen hat der Konvoi West-Java pas­siert. Ein letzter Stop bei Kendal, hun­dert Kilo­meter vor Sura­karta. In einem Laden werden Hijabs ver­kauft und Hello-Kitty-Puppen, in einem Stein­ver­schlag gibt es zum Früh­stück Instant­nu­deln mit Instant­kaffee, dazu Ziga­retten. Der Ciu und die Angriffe haben Spuren hin­ter­lassen: Die Gesichter sind ver­quollen, in den Bussen fehlen Scheiben. Einige schlurfen in eine Moschee, die auf der gegen­über­lie­genden Stra­ßen­seite liegt. Ein Dank an Gott, dass alles gut aus­ge­gangen ist. Und die erneute Bitte, dass Per­sijas Spieler heute stark und schnell sein mögen.

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Muhammad Fadli

Um 13 Uhr erreicht die Kolonne Sura­kartas Sta­dion Manahan, einen rie­sigen Betonbau in der Stadt. Die drei Steh­kurven sind aus­ver­kauft und kom­plett in Orange gehüllt, voller Banner und Fahnen. 18 000 Zuschauer sind gekommen, die meisten aus Jakarta. Das Ther­mo­meter zeigt 35 Grad, trotzdem tragen viele Fans noch ihre langen Hosen, die Wind­breaker und Mützen. Vier Vor­sänger drü­cken sich auf ein Podest am unteren Zaun der Kurve, durch ein großes Eisentor lugen Hun­derte, die sich keine Tickets leisten können. Die Stim­mung ist ent­spannt, kaum Polizei, lasche Kon­trollen, und Persib-Anhänger sind wegen des Aus­wärts­ver­bots nicht zu sehen. Doch der Schein trügt. Das Spiel kom­pri­miert den indo­ne­si­schen Fuß­ball­wahn­sinn noch einmal auf 90 Minuten: Stress auf den Rängen, ein Platz­ver­weis, ein Wem­bleytor, Rudel­bil­dungen – und am Ende stirbt bei­nahe jemand.

Aber zunächst, mitten in die Fan­ge­sänge hinein, öffnet sich der Himmel. Ein mon­sun­ar­tiger Regen pras­selt auf Sura­karta nieder, und die Fans sehen aus, als wären sie nicht durch West-Java ange­reist, son­dern durch den Indi­schen Ozean geschwommen. Aber der Schieds­richter lässt wei­ter­laufen, wäh­rend sich hinter der Tri­büne ein Scha­mane daran macht, den Regen zu besänf­tigen, und Persib ein ast­reines Tor schießt. Selbst aus hun­dert Metern Ent­fer­nung erkennt man, wie der Ball die Linie über­quert, das Netz berührt und zurück ins Feld springt. Ent­setzen im Block, dann Durch­atmen: Der Schieds­richter gibt das Tor nicht, er hat den Ball an der Latte gesehen.

Immerhin der Scha­mane scheint Profi zu sein, zur zweiten Halb­zeit klart es tat­säch­lich auf. Bis in der 70. Minute die Fans außer Rand und Band geraten. Auf einmal stürmen hun­derte von ihnen die Stufen der Kurve hinab und prü­geln auf einen Jungen ein. Ein paar Poli­zisten beob­achten gelang­weilt das Geschehen. Die Capos ver­su­chen, die Lage zu beru­higen, aber es zu spät. Der Junge hat keine Chance. Schließ­lich steigen drei Beamte in den Block und ziehen den Ver­letzten auf die Tar­tan­bahn. Er sieht aus wie nach einem Zwölf-Runden-Kampf gegen Mike Tyson. Schnell machen die ersten Gerüchte die Runde. Das Opfer sei ein Persib-Fan, der sich ein­ge­schli­chen habe. Außerdem habe er seinen Freunden die Route des Kon­vois ver­raten. Die Stim­mung ist nun ange­spannt, für ein paar Minuten jeden­falls, denn in der 77. Minute ent­scheidet der Schieds­richter nach einem Schubser auf Elf­meter für Per­sija, und die Welt ist wieder in Ord­nung. Bruno Lopes trifft zum 1:0‑Siegtreffer.

18 Stunden Highway to Heaven – und zwi­schen­durch Hölle

Die Fans ersti­cken bei­nahe am eigenen Jubel. Maybe I just want to fly. Aber schon fünf Minuten später geht es weiter auf der Ach­ter­bahn der Gefühle. 83. Minute: Platz­ver­weise für Persib. 84.: Rudel­bil­dung an der Mit­tel­linie. Per­sibs Spieler bedrängen den Schieds­richter, und dann ver­lassen sie vor dem Abpfiff geschlossen den Platz, Per­sija ist der Sieger. Rifki, Luthfi, Raina und die anderen machen sich auf den Weg zum Bus. Rück­fahrt. 18 Stunden nach Jakarta. 18 Stunden Highway to Heaven, aber dazwi­schen kommt wieder die Hölle. Auf dem Heimweg wird bekannt, dass der ver­prü­gelte Junge aus Sura­karta stammt. Er war ein neu­traler Zuschauer, aber der Saum seines T‑Shirts war in den Farben Per­sibs gehalten: blau. Er hat großes Glück gehabt, der Body­count tickt trotzdem unauf­hör­lich.

Ende November, als in Bali der Vulkan Agung kurz vor der Erup­tion steht und tau­sende Men­schen eva­ku­iert werden, ver­schickt Akmal Mar­hali, der Mann von Save our Soccer“, eine Pres­se­mit­tei­lung. Ange­hängt sind neue Sta­tis­tiken, denn es hat den 66. Todes­fall gegeben, den zwölften im Jahr 2017, so viele wie noch nie. Mar­hali schreibt, der Fan hieß Rizal. Er war Anhänger von Per­sija Jakarta und wurde neun Tage nach dem Cla­sico, am 12. November, beim Spiel gegen Bha­yang­kara zu Tode geprü­gelt. Am 13. November war seine Beer­di­gung.