Hin­weis: Der Text erschien erst­mals im Sep­tember 2012 im 11FREUNDE-Spe­zial über die Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls.

Das ist mal wieder typisch City. Seit 44 Jahren sehnt sich dieser Klub nach der Meis­ter­schaft, am 13. Mai 2012 sollte das Warten ein Ende haben. Der Mann­schaft reicht gegen die um den Klas­sen­er­halt kämp­fenden Queens Park Ran­gers daheim ein Sieg, um die Pre­mier League zu gewinnen. Doch an diesem Tag gelingt nichts – wie immer, wenn es drauf ankommt. Nach neunzig Minuten ist United Meister, der große Stadt­ri­vale, der auf einem Trans­pa­rent in Old Traf­ford die Jahre von City ohne Meis­ter­schaft auf­listet. Der Klub, dessen Fans zu singen pflegen: This is how it feels to be City, this is how it feels to be small. This is how it feels when your team wins not­hing at all.“ So fühlt es sich an, City zu sein, wenn du klein bist und dein Team absolut nichts gewinnt.

Typical City, das ist das geflü­gelte Wort für einen Verein, der es in den sech­ziger Jahren fer­tig­brachte, als Meister abzu­steigen und auch danach im Stile von Laurel und Hardy durch die Ligen zu tor­keln. City hat im Spiel gegen QPR nach einem Platz­ver­weis einen Mann mehr auf dem Feld, sie rennen blind­wütig an. Es ist, als würde Vitali Klitschko gegen Her­bert Feu­er­stein boxen und sekünd­lich ins Leere schlagen. Die Zeit ver­rinnt, die regu­läre Spiel­zeit ist abge­laufen, City braucht noch zwei Tore.

Auf den Tri­bünen wanken die Zuschauer zwi­schen Agonie und Wut. Ein Fan drischt auf einen Sitz ein, ein anderer schickt ein Stoß­gebet gen Himmel. Im Collin Bell Stand“ hockt Martin All­weis, seit 60 Jahren Fan von Man­chester City, und ver­gräbt sein Gesicht in den Händen. Sie ver­sauen es, sie ver­sauen es tat­säch­lich wieder“, mur­melt er. Einige Meter weiter sitzt Cyril Mintz, ein Mann von 85 Jahren mit einem rund­li­chen Gesicht. Er ist der Ruhepol in dieser sich win­denden Masse.

Wäh­rend dem Fan vor ihm Tränen die Wangen her­un­ter­laufen, seine Sitz­nach­barn Flüche und Schreie von sich geben, blickt er ruhig und kon­zen­triert auf den Rasen. Seit einem Drei­vier­tel­jahr­hun­dert geht Cyril Mintz zu Man­chester City, oft sagte er im Scherz, dass er nicht wisse, ob er eine Meis­ter­schaft noch einmal erleben werde. Als sein Arzt ihm mit­teilte, dass er einen Herz­schritt­ma­cher tragen müsse, ant­wor­tete er: Das ist keine gute Idee, ich bin City-Fan.“ Ein Leben mit einem Verein wie den Blues trai­niert den Gal­gen­humor unge­mein. Doch die Frage im Bob-Dylan-Stil blieb: Wie viele Wege muss ein Mann zum Sta­dion gehen, bevor er den größten Moment erlebt?

Cyril Mintz, wann waren Sie das erste Mal im Sta­dion?
Das war am Oster­montag 1937, ich war zehn Jahre alt. Wir fuhren mit der Stra­ßen­bahn hin, mein Vater setzte mich auf einen Wel­len­bre­cher. Man­chester City schlug Liver­pool mit 5:1, im glei­chen Jahr haben sie die Meis­ter­schaft gewonnen. Und so wie City nun mal ist, stiegen sie in der fol­genden Saison ab.

Wie sahen die Sta­di­on­be­su­cher damals aus?
Es waren meist gewöhn­liche Arbeiter. Überall sah man nur dieses Meer von Filz­hüten, zu beson­deren Spielen wie dem Pokal­fi­nale trug man eine Rosette in den Ver­eins­farben. Einige Zuschauer hatten eine Rassel in der Hand, später kamen Tröten hinzu. Ich selbst habe mich nie in den Ver­eins­farben gekleidet, wahr­schein­lich weil ich schon immer etwas schüch­tern war. Doch gerade in den Jahren nach dem Krieg musste man sowieso auf­passen, seine Hab­se­lig­keiten heil aus dem Sta­dion zu bekommen.

Weil der Andrang so groß war?
Andrang ist noch harmlos umschrieben. Im Krieg wurde das Sta­dion von Man­chester United, das Old Traf­ford, nahezu kom­plett von den Bomben zer­stört. Das hieß, dass United die Spiele auch in Maine Road, dem Sta­dion von City, aus­ge­tragen hat. Damals exis­tierte noch nicht so eine Feind­schaft wie heute, man schaute die Spiele zusammen. Nach dem Krieg wollten alle zum Fuß­ball, da waren 80 000 Zuschauer in einem Sta­dion mit einer Kapa­zität von 60 000. Bei einem Spiel gegen Stoke City stand ich als kleiner Junge oben in der Menge, ich sah absolut nichts. Doch durch das Gedränge dieser tosenden Masse rutschte ich immer weiter runter. Plötz­lich stand ich unten vor der Bar­riere und wurde auch dar­über geschubst. Ich saß also auf dem Rasen an der Linie. Von dort aus hatte ich dann eine wun­der­bare Sicht.

Woran erin­nern Sie sich als Erstes, wenn Sie an die Fan­kurve von damals denken?
An Onkel Joes Pfef­fer­minz­ku­geln“. Vor den Stehrängen lief jemand hin und her, der Süßig­keiten ver­kaufte. Doch da man nicht so schnell nach unten durchkam, gab man ein­fach seine Bestel­lung und sein Geld durch. Die Münzen wan­derten nach unten, von einem zum anderen, teil­weise über 30 Reihen. Danach wurden die Süßig­keiten und das Wech­sel­geld nach oben durch­ge­reicht.

Aber wahr­schein­lich nur die Hälfte des Geldes, oder?
Nein, das gesamte Rück­geld kam oben an. Ich habe in all den Jahren nie gehört, dass etwas gefehlt hätte. Nie­mand hätte im Traum daran gedacht, Geld zu nehmen. Ich kann mir nicht vor­stellen, dass so etwas heute noch mög­lich wäre, aber bis Mitte der sech­ziger Jahre funk­tio­nierte es. Es herrschte schlicht eine unglaub­liche Gemein­schaft derer, die zusammen im Fan­block standen.