Dieser Text erschien kürz­lich in 11FREUNDE #219. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Auch eine ober­fläch­liche Moment­auf­nahme kann tiefe Ein­blicke lie­fern. So wie im Oktober beim Spiel der öster­rei­chi­schen Bun­des­liga zwi­schen Rapid Wien und dem Wolfs­berger AC. Als Gäs­te­trainer Ger­hard Struber die dep­perten Fans da oben“ beschimpfte, weil ein Bier­be­cher in seinen Arbeits­be­reich geflogen war, sprang Rapids Sta­di­on­spre­cher Andy Marek dem grün-weißen Anhang augen­blick­lich zur Seite: Hoit die Pappn!“, ent­fuhr es ihm, was so viel heißt wie Halt’s Maul!“ und den Sky-Experten Toni Pfeffer (63 A‑Länderspiele für Öster­reich) in Schnapp­at­mung ver­setzte: Dass der Sta­di­on­spre­cher einen geg­ne­ri­schen Trainer mit Hoit die Pappn!‘ weg­schickt“, echauf­fierte sich Pfeffer, ist ein abso­lutes No-go.“

Sieben Prä­si­denten über­dau­erte Andy Marek

Aber Andy Marek ist nun mal nicht irgendein Sta­di­on­spre­cher. In Öster­reich nennt man ihn ehr­furchts­voll The Voice“, weil er seit 1992 alle Rapid-Par­tien und seit 1994 auch Län­der­spiele mode­rierte. Nicht nur das: Auf der Visi­ten­karte des 57-Jäh­rigen steht Direktor Events/​Klubservice“, was bewusst all­ge­mein gefasst ist, denn der selbst­er­klärte Wor­k­a­holic beackerte in den letzten drei Jahr­zehnten sämt­liche Arbeits­felder beim Rekord­meister: Er machte aus Rapids brach­lie­gendem Mer­chan­di­sing ein Mil­lio­nen­ge­schäft, reno­vierte das Ticke­ting und das VIP-Mar­ke­ting, ver­ant­wor­tete die kom­plette Spiel­tags­or­ga­ni­sa­tion, fun­gierte als Sicher­heits­be­auf­tragter, orga­ni­sierte Euro­pa­po­kal­reisen, war wich­tiges Ver­bin­dungs­glied zur Fan­szene, und manche behaupten gar: Marek, der sieben Rapid-Prä­si­denten über­dau­erte, war der heim­liche Chef des mit Abstand größten Klubs in Öster­reich mit seinen 17 000 Mit­glie­dern.

Dieser Andreas Marek sitzt nun in seinem Büro im 2016 eröff­neten Allianz Sta­dion und blickt auf sein Lebens­werk zurück: 1993 sagte ich bei einem Spiel gegen Inns­bruck durch: Der SK Rapid bedankt sich bei 1370 Zuschauern.‘ Spä­tes­tens da wusste ich: Bei diesem Verein, mit diesen fan­tas­ti­schen Fans, muss doch viel mehr gehen.“ Und Marek hauchte Rapid neues Leben ein – nicht etwa, indem er das leicht ran­zige Sta­di­onam­bi­ente im Wiener Westen mit einer künst­li­chen Even­t­at­mo­sphäre fri­sierte, son­dern indem er den Fans eine Bühne baute, auf der deren puris­ti­sche Fuß­ball­kultur einen ganz eigenen Event­cha­rakter ent­falten konnte. Binnen eines Jahr­zehnts stieg der Besu­cher­schnitt so von 4000 auf 15 000. Heute kommen rund 19 000 zu den Heim­spielen, in Öster­reich ist das ein­same Spitze.

Fuß­ball­busi­ness statt Schla­ger­ge­schäft

Doch die Stimme von Andy Marek ist ver­stummt, plötz­lich, nach über 27 Jahren, in denen der Mann kein ein­ziges Heim­spiel ver­säumte – nicht mal, als mein Knie ein­ge­gipst war“. Aber jetzt geht es nicht mehr. Ich habe eine hef­tige Dia­gnose erhalten“, sagt Marek. Da wusste ich, dass ich die hun­dert Pro­zent, die der Job bei Rapid bean­sprucht, nicht mehr ständig bringen kann.“ Die Dia­gnose selbst hat er nicht öffent­lich gemacht, und dass sich nahezu alle Medien dem gefügt haben, zeigt auch, wie ein­fluss­reich Marek in der öster­rei­chi­schen Fuß­ball­szene ist. Wäh­rend er sich aufs Gesund­werden kon­zen­trieren will, könnte sein 23-jäh­riger Sohn Lukas die Nach­folge als Sta­di­on­spre­cher antreten. Alle übrigen Auf­gaben müssen wohl auf meh­rere Schul­tern ver­teilt werden, denn einen wie Andy Marek findet man heute nir­gends mehr: Ich bin jeden Morgen um 7.30 Uhr aus dem Haus und war gegen 21 Uhr wieder daheim, außer wenn am Abend noch eine Ver­an­stal­tung war.“

Dabei wollte Marek nie ins Fuß­ball­busi­ness, son­dern eigent­lich ins Schla­ger­ge­schäft. Als gerade mal 21-Jäh­riger schei­terte er in der natio­nalen Vor­ausschei­dung zum Euro­vi­sion Song Con­test. Kurz darauf starb Mareks Vater, und der Sohn über­nahm die Lei­tung der elter­li­chen Bou­ti­quen­kette. Weil er das Mikro so ver­misste, bewarb er sich mit Ende zwanzig auf eine unschein­bare Annonce. Gesucht wurde ein Sta­di­on­spre­cher bei Mareks Kind­heits­liebe Rapid. Sein erster Satz vor den Fans wäre bei­nahe auch sein letzter gewesen: Mein Name ist Andy Marek, und ich komme aus dem Wald­viertel“ – einem abge­le­genen Land­strich an der Grenze zu Tsche­chien. Die Reak­tion der hoch­mü­tigen Haupt­städter: schal­lendes Gelächter.

Gefan­ge­nen­be­freiung mit Wodka

Heute würde nie­mand mehr über Andy Marek lachen. Viele Grün-Weiße weinten statt­dessen, als er im November seinen Abschied ankün­digte. Viel­leicht dachten sie weh­mütig an Anek­doten wie diese: Als die kom­plette Rapid-Dele­ga­tion plus 150 mit­ge­reiste Fans nach einem Euro­pa­cup­spiel irgendwo in Ost­eu­ropa im abflug­be­reiten Mann­schafts­flieger saßen und den Start her­bei­sehnten, war nur Andy Marek weder an Bord noch erreichbar. Als er schließ­lich, erkennbar außer Atem, in die Maschine hech­tete, hatte er zwei vor­über­ge­hend ver­haf­tete Pyro­freunde im Schlepptau, die er mit­tels seiner Mehr­spra­chig­keit und wohl auch einiger Fla­schen Wodka aus dem Gefängnis befreit hatte.

Ohne Marek hätte es auch die all­jähr­liche Rapid-Weih­nachts­gala mit bis zu 1600 Gästen nie gegeben, für die er dank guter Kon­takte in die Musik­branche große Num­mern wie Opus oder Rein­hard Fend­rich ver­pflichten konnte. Einmal, im Jahr 2008, erlosch zu Beginn der Gala plötz­lich das Licht, und sanfte Kla­vier­töne schwebten durch den dunklen Saal. Als die Schein­werfer wieder auf­zogen, konnte das Publikum kaum fassen, wer dort im Licht­kegel am Flügel saß. Es war: Andy Marek.