Harry Red­knapp ist ein auf­rich­tiger Mann. Er gibt zu, gern mal tiefer ins Glas zu schauen. Er ver­teu­felt diesen neu­mo­di­schen Com­puter-Kram“. Er hat seit seiner Jugend eine Schwäche für den FC Arsenal – und kom­mu­ni­zierte das als Trainer des riva­li­sie­renden Klubs West Ham United.

Als deren Trainer kon­fron­tierte man Red­knapp 1996 auch mal mit dem Vor­wurf, er würde seinen Neffen mit Spiel­zeit begüns­tigen. Red­knapp fuhr fürch­ter­lich aus der Haut. Nicht, weil man ihn der Vet­tern­wirt­schaft bezich­tigt hatte, son­dern weil die Qua­lität seines Ver­wandten sträf­lich miss­achtet wurde. He has strength, can pass, can score goals. He will go right to the very top, right to the very top“, pro­phe­zeite er. Er sei kör­per­lich stark, könne passen, Tore schießen und würde irgend­wann zur abso­luten Spitze gehören. Sein Neffe, ein blaßer, kor­rekt geschei­telter 18-jäh­riger Junge, saß neben ihm. Sein Name: Frank Lam­pard.

Drei Jahre später debü­tierte Lam­pard in der Natio­nal­mann­schaft. Eng­lands Gegner: Bel­gien. Lam­pards Wider­sa­cher: Marc Wil­mots, Willi, das Kampf­schwein“. Er war der Erste, der Lam­pard meter­dicke Knüppel zwi­schen die begabten Beine werfen wollte. Nach fünf Minuten legte der Debü­tant Alan Shearer den Füh­rungs­treffer auf. Bel­giens Branko Strupar glich wenig später aus, bevor Jamie Red­knapp – Harrys Sohn, Franks Cousin und Eng­lands Regis­seur uni­sono – in der zweiten Hälfte den 2:1‑Endstand mar­kierte. Ein unbe­deu­tendes Freund­schafts­spiel, in dem Eng­lands Coach Kevin Keegan wei­tere Jung­profis wie Phil Neville, Michael Owen und Emile Heskey tes­tete. Eine Rand­notiz statt Sockel der Lam­par­d­schen Mit­tel­feld-Hege­monie. Zur Euro­pa­meis­ter­schaft 2000 und der Welt­meis­ter­schaft 2002 erhielt Fat Frank“ – Lam­pard war damals nicht mit dem besten Stoff­wechsel gesegnet – keine Ein­la­dung. Tur­nier­er­fah­rungen mit Eng­lands A‑Team sam­melte er erst­mals 2004 in Por­tugal. Dort bril­lierte Lam­pard bis zum Vier­tel­final-Aus derart, dass er sich im All-Star-Team des Tur­niers wie­der­fand.

Sie nannten ihn Fat Frank“

Es war eine der wenigen Stern­stunden des Frank Lam­pard im Dress der Three Lions“, denn das neue Juwel fiel tief. Infolge uner­wartet schwa­cher Leis­tungen bei der Welt­meis­ter­schaft 2006, die in einem ver­ge­be­nenen Elf­meter beim Vier­tel­final-Aus gegen Por­tugal gip­felten, spe­ku­lierte die eng­li­sche Medi­en­land­schaft sogar über einen Bur­nout Lam­pards und ver­has­pelte sich immer wieder in wirren Wech­sel­spe­ku­la­tionen. Mitte des letzten Jahr­zehnts war Frank Lam­pard für einige der beste, für viele der effek­tivste Spieler der Welt. Doch auf der Hoch­zeit seiner Kar­riere musste er sich von den Jour­na­listen kri­ti­sieren und von den eigenen Fans aus­pfeifen lassen.

Die Unmuts­be­kun­dungen aus dem eigenen Lager konnte er auch mit guten Auf­tritten in der fol­genden EM-Qua­li­fi­ka­tion nicht unter­binden – Eng­land ver­passte das Tur­nier in Öster­reich und der Schweiz. Die Medien scholten Lam­pard, trotz der Nie­der­lage im ent­schei­denden Spiel gegen Kroa­tien zum Man of the Match“ gekürt, als unsichtbar. Bei der Welt­meis­ter­schaft 2010 lief es nur unwe­sent­lich besser: Er erzielte im Ach­tel­fi­nale gegen Deutsch­land zwar ein regu­läres Tor, das aber nicht gegeben wurde. Es wäre Lam­pards erstes bei einer WM und der 2:2‑Ausgleich gewesen – so jedoch traten die Eng­länder die Heim­reise an. Bei der Euro­pa­meis­ter­schaft 2012 musste Lam­pard wegen einer Ober­schen­kel­ver­let­zung passen.

Oft hielten Jour­na­listen und Fans ihm vor, im Chelsea-Trikot wäre er ein anderer als in den Farben Eng­lands. Es war die umge­drehte Podolski-Debatte, nur war sie lauter und irgendwie miss­mu­tiger, da sich in Eng­lands Natio­nal­team – im Gegen­satz zur DFB-Elf – keine neuen Anführer her­vor­taten. Mit den zwei Gesich­tern des Frank Lam­pard lagen die Kri­tiker nicht zwin­gend im Unrecht, doch wel­cher Eng­länder hatte sein fuß­bal­le­ri­sches Ver­mögen in diesen Jahren auf Län­der­spiel­ebene schon beständig abge­rufen?

An der Stam­ford Bridge spielt Frank Lam­pard seit 2001, also zwei Jahre bevor Roman Abra­mo­witsch und das große Geld zum FC Chelsea kamen. Er blieb die Sym­bol­figur der Blues“, wurde ein Ver­trauter des rus­si­schen Mil­li­ar­därs und erlebte bis dato über 70 Neu­zu­gänge und fast ein Dut­zend Trainer-Expe­ri­mente des Olig­ar­chen. Lam­pard erzielte in den Spiel­zeiten 2006 bis 2010 jeweils min­des­tens 20 Pflicht­spiel-Tore und legi­ti­mierte so seinen Ruf als tor­ge­fähr­lichster Mit­tel­feld­spieler Europas. Er trotzte fleißig wie ver­läss­lich der teuren Kon­kur­renz, nahm bereit­willig neue Spiel­ideen an und blieb über zehn Jahre unan­ge­fochten Stamm­spieler. Bis Trainer-Wun­der­knabe André Villas-Boas im Juli 2011 kam und Lam­pard im Zuge der Bau­ar­beiten am neuen Chelsea“ in die zweite Reihe stellte. Ihn, der als Mit­tel­feld­spieler den Klub­re­kord für die meisten Tore hält. Ihn, der den orga­ni­sierten und wuch­tigen Chelsea-Stil des 21. Jahr­hun­derts ver­kör­pert. Nun über­schlugen sich Mirror“, Guar­dian“ und Co. plötz­lich mit Schlag­zeilen, wenn Lam­pard im Trai­ning das Leib­chen der Ersatz­spieler trug.

André Villas-Boas musste ein­sehen, dass nicht beim Fun­da­ment begonnen werden sollte, wenn man ein Gebäude umbauen möchte: Im Februar 2012 verlor Chelsea, in der Liga mitt­ler­weile 20 Punkte hinter Man­chester City, das Hin­spiel des Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nales in Neapel mit 1:3. Ohne Lam­pard. Das Rück­spiel erlebte Villas-Boas nur noch als Zuschauer.

Sein Nach­folger Roberto Di Matteo hätte im Mit­tel­feld gleich­wohl lieber auf andere gesetzt, wollte sich dem medialen Zwist infolge einer neu­er­li­chen Degra­die­rung von Chel­seas Nummer 8 aber wohl gar nicht erst aus­setzen. Lam­pard spielte wieder und berei­tete die Tore von Drogba und Ramires im Cham­pions-League-Halb­fi­nale gegen den FC Bar­ce­lona mit ful­mi­nanten Pässen vor. Im ein­sei­tigen Finale dahoam“ erwischte Lam­pard – wie die meisten seiner Kol­legen – nicht seinen auf­fäl­ligsten Abend. Der Aus­gang des Spiels ist aber bekannt.

Club 100“ – Lam­pard in einem Atemzug mit Shilton und Charlton

Als der Verein in der dar­auf­fol­genden Saison als Titel­ver­tei­diger bereits in der Cham­pions-League-Grup­pen­phase zu schei­tern drohte, wurde Di Matteo im November 2012 vor die Tür gesetzt. Der Verein prä­sen­tierte am glei­chen Tag Rafael Benítez. So richtig warm wurde auch der Spa­nier nicht mit Lam­pard, der die feh­lende Nähe und den harten Umgang des Trai­ners anpran­gerte. Im ver­gan­genen Sommer war das Chelsea-Fossil Lam­pard so plötz­lich wieder von Inter­esse für andere Klubs. Angeb­lich lieb­äu­gelten Juventus Turin und Paris St-Ger­main mit einer Ver­pflich­tung. Doch Lam­pard wie­der­holte gebets­müh­len­artig, er liebe Chelsea. Kurz darauf kam José Mour­inho zurück an die Bridge. Laut Lam­pard der beste Trainer, den er je erlebt habe. Die Wert­schät­zung beruht auf Gegen­sei­tig­keit: Mour­inho ist ein erklärter Lam­pard-Ver­ehrer.

Für einen Mann, dessen Kar­riere öfter tot­ge­schrieben wurde, als die meisten seiner Kri­tiker Sta­di­on­be­suche auf­zu­weisen haben, hat es Frank Lam­pard weit gebracht. Man wird ihn künftig in einem Atemzug mit Peter Shilton, Sir Bobby Charlton und Billy Wright nennen. Denn nachdem Lam­pard in drei Jahr­zehnten für sein Land auf­ge­laufen ist, fand er ges­tern Abend in der Ukraine Auf­nahme in den Club 100“. Es war ein fürch­ter­li­ches Qua­li­fi­ka­tions-Spiel, arm an Chancen, arm an Fuß­ball: Tor- und trostlos. Trotzdem wurde klar, dass die Garde der poten­ti­ellen Lam­pard-Erben um Jack Wils­here oder Tom Cle­verley nicht über die Aura des Ori­gi­nals ver­fügt. Henry James Red­knapp dürfte auf der hei­mi­schen Couch gelä­chelt haben – sicher nicht auf­grund des unin­spi­rierten Auf­tritt Eng­lands, wahr­schein­lich aber wegen seines Neffen und Jubi­lars Frank. Viel­leicht fiel sogar der Satz: He has gone right to the very top“.