Mitte November 2019 machte es sich José Mour­inho in seinem neuen Büro am Trai­nings­ge­lände der Tot­tenham Hot­spur bequem. Kurz zuvor hatte ihn der Klub als Nach­folger von Mau­ricio Pochet­tino vor­ge­stellt. Mit lila­far­benem Pull­over, kurz gescho­renen, grauen Haaren und einer Lese­brille saß der Por­tu­giese am Schreib­tisch und spielte For­ma­ti­ons­ideen durch. Im Hin­ter­grund lief Sky Sports im TV, Thema war der Trai­ner­wechsel bei den Spurs. Es ist eine Szene, die wir durch die Amazon-Doku­men­ta­ti­ons­reihe All or Not­hing“ hautnah mit­er­leben konnten.

Ich bin über­rascht, dass sie ihn (Pochet­tino, d.Red.) ent­lassen haben, aber noch über­raschter, dass sie Mour­inho geholt haben“, hört man eine Stimme im TV sagen. Mour­inho stellt kurz die Arbeit ein und horcht auf. Der Sky-Experte redet weiter: Ist das wirk­lich der Fuß­ball, den Tot­tenham spielen will?“ Mour­inho blickt ent­geis­tert auf, dann schaltet sich ein zweiter Experte ein: Ich stimme nicht unbe­dingt zu, er hat überall Tro­phäen gewonnen.“ Mour­inho nickt bestä­ti­gend. Nein, ich sage dir, Mour­inho ist über seinem Zenit“, ent­gegnet die erste Stimme und ergänzt: Sieh dir an, was er bei Man­chester United getan hat.“ Ehe der Experte ins Detail gehen kann, steht Mour­inho auf, schaltet den Fern­seher aus und grum­melt Fuck off.“

Mehr wollte er nicht hören. Jetzt zählte Tot­tenham und dort sollte alles anders werden. Bereits 17 Monate später ist jedoch alles wieder vorbei. Am Montag wurde der 58-Jäh­rige ent­lassen. Dabei begann alles so ver­hei­ßungs­voll.

Ein neuer Mour­inho?

Ich habe gemerkt, dass ich Fehler gemacht habe“, zeigte sich José Mour­inho bei seiner Prä­sen­ta­tion als Spurs-Trainer am 21. November 2019 ein­sichtig. Meinte er damit die stän­digen Ver­bal­at­ta­cken gegen eigene Spieler, Ver­ant­wort­liche oder gar Mann­schafts­ärzte? Das wollte er nicht sagen. Fragt mich nicht, was die Fehler waren“, sagte er und betonte: Aber ich werde die­selben Fehler nicht wieder machen.“

Und was würde aus seiner typisch-defen­siven Spiel­weise, die sich sowohl bei seiner zweiten Amts­zeit bei Chelsea als auch bei Man­chester United als ver­altet erwiesen und jeweils das Aus bedeutet hatte? Diese werde bei Tot­tenham zwar sehr ähn­lich“ bleiben, aber den­noch zur Klub­kultur und den Spie­lern passen.“

Sollte die Öffent­lich­keit etwa einen neuen, ver­bes­serten Mour­inho im Alter von 58 Jahren erleben? Ich glaube schon“, sagte er mit einem unge­wohnten Lächeln.

Trü­ge­ri­sches Revival

Schon bald sah es so aus, als würde Mour­inho Taten folgen lassen. 2019/2020 über­nahm er eine sicht­lich aus­ge­laugte Mann­schaft und führte sie von Rang 14 immerhin noch in die Europa League. 2020/2021 stand er mit den Spurs mit­hilfe punk­tu­eller Ver­stär­kungen nach elf Spiel­tagen sogar auf Platz eins. Die bri­ti­schen Medien fei­erten Tot­tenham schon als Meis­ter­schafts­kan­di­daten.

Der Fuß­ball war selten schön, aber effi­zient. Spielten die Spurs unter Mau­ricio Pochet­tino noch ziel­ori­en­tiert hinten heraus und schnürten den Gegner im letzten Drittel regel­recht ein, wurde unter Mour­inho viel reagiert und offensiv wenig inves­tiert. Vor allem gegen eben­bür­tige oder über­le­gene Gegner. Dank des töd­li­chen Angriffs­duos Harry Kane und Heung-min Son ging das lange gut. Die süd­ko­rea­nisch-eng­li­sche Kom­bi­na­tion nutzte die wenigen Chancen eis­kalt aus, steu­erte in den elf Spielen 16 der 23 Tore bei.

Sie ver­tei­digen sehr tief, mit sechs Spie­lern“, sagte Pep Guar­diola, nachdem Man­chester City Tot­tenham domi­niert, aber mit 0:2 ver­loren hatte. So sind Mour­inho-Teams. Du machst einen Fehler und sie bestrafen dich mit einem Konter.“ War der Mour­inho-Fuß­ball etwa dabei, im Norden Lon­dons doch noch ein Revival zu erleben?

Wohl kaum. Die Punk­teaus­beute der letzten zwölf Monate war mit wenigen Aus­nahmen das Resultat einer regel­rechten Über­ef­fi­zienz vor dem Tor und einer großen Por­tion Spiel­glück. Laut expected Points“ (xP) sam­melte Mour­inho schlichtweg mehr Punkte als gemessen an den eigenen und geg­ne­ri­schen Chancen zu erwarten gewesen wäre. Die elf Punkte über xP“ in der rest­li­chen Vor­saison sowie die sechs Punkte bis zum 11. Spieltag 2020/2021 bedeu­teten jeweils die zweit­größte posi­tive Abwei­chung aller Mann­schaften.

Nach­haltig kann so eine Über­ef­fi­zienz natür­lich nicht sein. Mit dem Jah­res­wechsel 2020/2021 trat das Unver­meid­bare ein. Die Mour­inho-Elf schoss weniger Tore. Dar­über hinaus fehlten die domi­nanten Innen­ver­tei­diger, die Porto, Chelsea und Inter zu Mour­inhos Glanz­zeiten noch zu wahren Ver­wal­tungs­künst­lern gemacht hatten. Mit 18 Punkten gab Tot­tenham liga­weit die meisten Punkte nach eigener Füh­rung ab. Die Nie­der­lagen häuften sich.

Im Früh­jahr wirkte das Team lethar­gisch, defensiv anfällig und im Ball­be­sitz über­for­dert – ein krasser Gegen­satz zu den Pochet­tino-Mann­schaften, die Tot­tenham von einer grauen Maus zu einem Dau­er­gast und sogar zum Fina­listen der Cham­pions League ver­wan­delt hatten. Ent­gegen seines Vor­satzes hatte Mour­inho die Kultur aus dem Klub gesaugt“, zitiert The Ath­letic eine mann­schafts­nahe Quelle. Er zer­störte das, wofür die Spurs jah­re­lang standen.“

Schuld­zu­wei­sungen und Ver­bal­at­ta­cken

Zwi­schen­mensch­lich lief es nicht besser. Wie bei seinen vor­he­rigen Sta­tionen hatte sich der Por­tu­giese bereits bei Amts­an­tritt einige Sün­den­böcke her­aus­ge­sucht. War es bei Man­chester United meis­tens Paul Pogba, hatte es Mour­inho im Norden Lon­dons auf Rekord­neu­zu­gang Tanguy Ndom­bélé („immer ver­letzt“) und den eins­tigen Senk­recht­starter Dele Alli („zu faul“) abge­sehen. Immer wieder wurden die beiden aus­ge­schlossen und öffent­lich in einem Maß kri­ti­siert, auf das Gio­vanni Tra­pat­toni stolz wäre. Bei einigen Spie­lern kam der raue Ton zu Beginn noch positiv an. Es ist unglaub­lich, wie er dich pikst und durch seine Worte das Beste aus dir her­aus­holt“, sagte Eric Dier zu The Ath­letic.

Doch als die Resul­tate aus­blieben, häuften sich die ver­balen Pfeil­spitzen und deren Adres­saten. Nach dem pein­li­chen Europa-League-Aus gegen Dynamo Zagreb im März 2021 beglück­wünschte Mour­inho demons­trativ wie pro­vo­kant den Gegner: Ich habe gerade die Umklei­de­ka­bine von Dynamo ver­lassen, wo ich die Jungs gelobt habe und es tut mir weh, dass es nicht meine Mann­schaft ist, die das Spiel auf­grund der Ein­stel­lung gewonnen hat.“

Zwei Wochen später folgte ein wei­terer Affront. Auf die Frage, warum seine Mann­schaft keine Füh­rungen ver­tei­digen könne, sagte Mour­inho: Glei­cher Trainer, andere Spieler. Es gibt Fehler, die ich nicht mal Fehler nennen sollte, weil sie mit der Qua­lität der Spieler zu tun haben.“

Der Absturz des Spe­cial One“

Ange­kommen auf Platz acht, sahen sich die Ver­ant­wort­li­chen bei Tot­tenham am 19. April schließ­lich gezwungen, die Reiß­leine zu ziehen.

Bei den Spurs wollte Mour­inho einiges ändern. Am Ende blieb vieles gleich: Das sture Klam­mern an seinem unat­trak­tiven Fuß­ball und der Umgang mit den Spie­lern. Ver­än­dert hat sich mitt­ler­weile einzig Mour­inhos Ruf als einer der besten Trainer der Welt, der es trotz aller per­sön­li­chen Allüren noch immer schafft Titel zu sam­meln. Der Por­tu­giese betont immer wieder, dass er 2017 mit Man­chester United den FA Cup und die Europa League gewonnen hat. Gemessen an seiner Vita und den Erwar­tungen der jewei­ligen Klubs, ist sein letzter großer Tri­umph jedoch nun sechs Jahre her: der Gewinn der Meis­ter­schaft mit dem FC Chelsea. Erst­mals seit 19 Jahren ver­lässt er nun eine Sta­tion kom­plett ohne Titel. Die Chance, mit Tot­tenham am Samstag gegen Man­chester City den Liga­pokal zu gewinnen, die erste Tro­phäe des Klubs seit 2008, wurde ihm ver­wehrt.

Ich würde nicht sagen, dass er ein schlechter Trainer ist, aber ich denke, dass seine Taktik viel­leicht etwas ver­altet ist“, sagte Ex-Spurs-Profi Darren Bent bei talk­sport. Ein anonymer Trainer sagte gegen­über The Ath­letic, dass Mour­inho sich von der neuen Genera­tion an Spie­lern“ ent­fernt habe. Es sind nur zwei von vielen Exper­ten­mei­nungen, die in den kom­menden Tagen ver­mehrt im Fern­sehen zu hören sein werden. Sollte José Mour­inho zufällig mal rein­zappen, wäre er gut beraten, etwas länger hin­zu­hören, ehe er wieder frus­triert den Aus-Knopf drückt. Denn möchte der selbst­er­nannte Spe­cial One“ diesem Spitz­namen noch einmal gerecht werden, wird er sich ver­än­dern müssen. Dieses Mal wirk­lich.