Auf einmal war er da. Am 20. Oktober 2010 ver­ewigte Gareth Bale sich in der Ver­eins­chronik der Spurs. Tot­tenham spielte bei seiner ersten Cham­pions-League-Teil­nahme gegen den amtie­renden Titel­träger Inter Mai­land. Es war düster: Bereits zur Halb­zeit lagen die Debü­tanten im San Siro mit 4:0 hinten. Die Fans der Spurs waren längst weg­ge­nickt, die Spieler inner­lich schon im Hotel. Nur einer nicht: Gareth Bale. Der jun­gen­hafte Waliser spielte mit erfri­schenden Bolz­platz­fuß­ball seine Gegen­spieler schwin­delig. Gareth Bale kannte weder Feind noch Freund. Das Spiel ent­wi­ckelte sich zu einem Duell zwi­schen Gareth Bale gegen Inter Mai­land, die Fans staunten Bau­klötze, denn in der Mai­länder Abwehr standen Felsen wie Lucio und Maicon, beide auf dem Höhe­punkt ihres Schaf­fens.

Alle haben Angst vor Bale“

Was bei Bolz­platz­dribblern gna­denlos in die Hose geht und mit Pöbe­leien der Mit­spieler quit­tiert wird, gelang Gareth Bale gegen Europas Beste mit Leich­tig­keit – und zwar drei Mal. Das Erstaun­lichste: Jedes Tor war eine exakte Blau­pause des Tref­fers zuvor. Dreimal mar­schierte Bale pro­blemlos an Lucio, Maicon und Zanetti vorbei. Dreimal zog er per Flach­schuss aus spitzem Winkel ins lange Eck ab. Dreimal guckte sich das Catenaccio-Ensemble mit einem Blick an, der sagte: Was war das denn gerade?“ Es war ein lupen­reiner Hat­trick mit drei Toren nach dem exakt glei­chen Muster.

Am Ende stand es 3:4. Zum 4:4 reichte es nicht zwar mehr, aber dafür hatte sich ein Name ins Kol­lek­tiv­ge­dächtnis euro­päi­scher Fuß­ball-Fans gebrannt: Gareth Bale. Und der hatte sein Schema F gefunden. Im Rück­spiel gegen Mai­land zer­pflückte Bale die Defen­sive der Schwarz-Blauen erneut im Allein­gang. Mit einem Unter­schied: Diesmal kannten Inters Ver­tei­diger Gareth Bales Rake­ten­an­trieb. Es half nichts: Bale konnte nicht nur schießen, son­dern auch flanken. Zwei Tor­vor­lagen waren seine Bilanz des Rück­spiels, das Spiel endete 3:1. Rafael van der Vaart, Team­kol­lege und Zeuge von Bales Leis­tung, sagte nach dem Spiel: Alle haben Angst vor Bale. Maicon ist einer der besten Ver­tei­diger der Welt. Bale hat ihn heute Abend zer­stört.“

Bale? Not for sale!“

Seine Sprints, Tem­po­dribb­lings, prä­zise Flanken und Abschlüsse wie­der­holt Bale seitdem wöchent­lich in der Pre­mier League. Tot­ten­hams Trainer Harry Red­knapp schwärmte einige Monate nach dem Spiel gegen Inter: Er hat nicht eine Schwäche! Er kann ein­fach alles: Er ist kopf­ball­stark, kräftig wie ein Stier, lauf­stark, kann drib­beln und schießen. Und das Wich­tigste: Er ist ein groß­ar­tiger Typ“

Am Ende der Spiel­zeit 2010/2011 wurde Red­knapps Zucht­bulle mit Segel­ohren zu Eng­lands Fuß­baller des Jahres gewählt. Sein Vor­gänger: Wayne Rooney. Sein Nach­folger: Robin van Persie. Bales Markt­wert bezif­ferte sich nach der Saison auf 25 Mil­lionen Euro. Experten schnalzten mit der Zunge, halb Europa leckte sich die Finger nach dem 22-jäh­rigen Mus­ter­profi. Chelsea und Bar­ce­lona klopften an, aber Harry Red­knapp reimte: Bale? Not for sale!“ Er blieb an der White Hart Lane.

Nicht nur dafür sollten die Fans der Spurs Red­knapp dankbar sein: Der ehe­ma­lige Tot­tenham-Trainer war der­je­nige, der Bale über­haupt erst offensiv ein­setzte, denn ursprüng­lich war Bale Links­ver­tei­diger. Seine Offen­siv­kom­pe­tenzen beschränkten sich auf Frei­stöße, von denen er aller­dings einige im Tor unter­brachte. Erst als sich der Fran­zose Benoit Assou-Ekotto bei den Lon­do­nern in der Rolle als Links­ver­tei­diger fest­spielte, kam Red­knapp auf die Idee, Bale als Offen­siv­spieler für den linken Flügel ein­zu­setzen. Ein Geis­tes­blitz. Bale hatte seine Bestim­mung gefunden: Die geg­ne­ri­sche Sei­ten­linie beackern, bis seine Schuhe weiß vor Kreide waren.

Der Auf­stieg des inzwi­schen 24-Jäh­rigen setzte sich unauf­haltsam fort. Im Oktober 2012 stellte Harry Red­knapp seinen ehe­ma­ligen Schütz­ling schon auf eine Stufe mit den ganz Großen: Bale hat ein unfass­bares Talent und wird immer besser und besser. Er kommt direkt hinter den Ronaldos und Messis dieser Welt und ist jetzt schon Welt­klasse!“ Red­knapp sollte Recht behalten: Diese Saison erreicht Bale Höchst­werte, in den letzten zehn Par­tien erzielte er zehn Treffer. Sein Markt­wert wird auf 42 Mil­lionen Euro geschätzt.

Schwal­ben­könig oder Fuß­ball­gott?

Abge­sehen davon, dass Bale ein Linksfuß ist und einen halben Kopf kleiner als Cris­tiano Ronaldo, erin­nert fast alles an seinem Spiel an die Mensch­ma­schine von Real Madrid: Tempo, Dribb­lings, Physis, ja, sogar die schlechten Seiten von Ronaldo scheint Bale zu adap­tieren. Vor Frei­stößen kopiert er Ronaldos Gockel­haf­tig­keit, indem er sich breit­beinig vor den Ball stellt – aller­dings ver­senkt er ihn im Gegen­satz zum Vor­bild wesent­lich häu­figer.. Selbst die Thea­tralik scheint Bale inzwi­schen von Ronaldo über­nommen zu haben, in dieser Saison kas­sierte er bereits fünf Gelbe Karten für Schwalben, genug für ein Spiel Sperre. Ein Tat­be­stand, der einen Fuß­baller auf der Insel schnell zur Lach­nummer ver­kommen lässt.

Kürz­lich wurde Bale nach einem Spiel gegen Aston Villa von der Daily Mail“ als Worst Diver of the League“ bezeichnet. Obwohl er im Spiel einen Hat­trick in 20 Minuten erzielte, schämten sich die Tot­tenham-Fans hin­terher für eine beson­ders lächer­liche Schwalbe. Mit den Vor­würfen kon­fron­tiert, sagte Bale, dass er lieber seine Beine weg­ziehe, anstatt sich kar­rie­re­ge­fähr­dend umnieten zu lassen. Eine Recht­fer­ti­gung, die alar­mie­rend nach Schutz­schwalbe“ klingt. Doch scheint Bale aus den Ver­war­nungen und der Sperre gelernt zu haben: Seit der Sperre im Dezember kas­sierte er keine Gelbe Karte mehr. Dafür ist er momentan in Welt­klasse-Form. Im Hin­spiel des heu­tigen Europa-League-Sech­zen­tel­fi­nales gegen Olym­pique Lyon traf er dop­pelt.

Er hört ein­fach nicht auf zu rennen, es ist lächer­lich!“

Und so bleibt er wei­terhin ein Alp­traum für Ver­tei­diger: Man­chester Citys Micah Richards nannte Gareth Bale neu­lich den schlimmsten Gegen­spieler, gegen den er je gespielt hat: Nach dem Duell mit Bale war ich auf wenige Zen­ti­meter zusammen geschrumpft. Er hat mich total aus­ein­ander genommen. Er hört ein­fach nicht auf, zu rennen.“ Maicon, der mitt­ler­weile bei City nur noch Ersatz ist, weiß, wie ihm zumute gewesen sein muss.