You’ll never win anything with kids“, schimpfte BBC-Experte Alan Hansen, als Man­chester United 1995 sein Auf­takt­spiel gegen Aston Villa verlor. Mit Kin­dern gewinnst du nichts, nie­mals. Der Satz ver­folgt den bri­ti­schen Kom­men­tator bis heute. Denn das Team von damals, in dem sich die jugend­li­chen Neville-Brüder Phil und Gary, David Beckham, Ryan Giggs, Paul Scholes und Nicky Butt aus­pro­bieren durften, sollte nicht nur am Ende der glei­chen Saison Meister werden, son­dern auch noch die erfolg­reichste Ära der Ver­eins­ge­schichte begründen.

Die Klasse von 1992“ ver­drei­fachte die Länge des die Titel zäh­lenden Brief­kopfes, sie holte Meis­ter­schaften, Pokal­siege, 1999 gar das legen­däre Triple. Kein Wunder, dass die Red Devils“ jetzt, da sich auch die letzten Kar­rieren der alten Helden dem Ende zuneigen, nach einer neuen, gol­denen Genera­tion lechzen. Beckham lässt seine Bana­nen­flanken in den USA austru­deln, Phil Neville und Butt spielen schon lange nicht mehr im Old Traf­ford, Gary Neville zog, ver­let­zungs­ge­plagt, in der Win­ter­pause einen Schluss­strich, Paul Scholes ist meist Ersatz und zögert des­halb, seinen Ver­trag noch mal zu ver­län­gern, so wie es Ryan Giggs getan hat, um ein wei­teres Jahr.

Sehn­sucht aus Sen­ti­men­ta­lität und Ent­täu­schung

Die Fuß­stapfen sind so groß wie die Hoff­nung der Fans, sie bald wieder gefüllt zu sehen. Dabei ist die Sehn­sucht der Anhänger natür­lich keine nach Titeln. Die fährt United auch so zu Genüge ein. Es ist eine lokal­pa­trio­ti­sche Sehn­sucht, eine, die sich vor allem aus Sen­ti­men­ta­lität speist. Die Pokale sollen wie bisher errungen werden, ja, aber eben mit einer Mann­schaft, die im Gros in Car­rington aus­ge­bildet wurde, dem ver­eins­ei­genen Jugend­zen­trum – und nicht ein­ge­kauft mit den Glazer-Mil­lionen, die eigent­lich Schulden für Man­chester United bedeuten, weil der ame­ri­ka­ni­sche Mil­li­ardär einst das Kauf­dar­lehen auf den Verein umschreiben ließ. Eine wei­tere Rolle spielen noch dazu die zwei großen, per­sön­li­chen Ent­täu­schungen: Wayne Rooney, der bis in den Herbst 2010 mit einem Wechsel zum ver­hassten Lokal­ri­valen Man­chester City lieb­äu­gelte, und natür­lich Carlos Tevez, der diesen Weg ein Jahr vorher allen Lie­bes­be­kun­dungen zum Trotz ging. Sie kränkten das rot-weiße Fan­herz. Es fühlte sich bestä­tigt darin, dass Loya­lität nur dann nicht eine Frage des Geldes ist, wenn sie früh gelehrt wird in, genau, den Aka­de­mien und Klub­in­ter­naten.

Umso heller glänzten die Augen der Fans im Oktober 2008, als kein Gerin­gerer als Sir Alex Fer­guson ver­kün­dete: Wir haben eine Gruppe von jungen Spie­lern, die das Poten­tial mit­bringt, den Durch­bruch von Beckham und Co. zu wie­der­holen.“ Die mutige Pro­gnose klang wie Musik in den Ohren des Stret­ford End, weil man ihr ver­trauen zu können glaubte. Sir Alex müsse doch wissen, wovon er redet, dachte man, er, der ja die erste Erfolgs­welle schon väter­lich betreut hatte – er müsse doch, mehr als jeder andere, über die Mög­lich­keit zum direkten Ver­gleich ver­fügen! Es schien aus­ge­schlossen, dass der Schotte irrt oder Ver­spre­chen beschwört, die zu halten er nicht imstande ist.

Die Ent­wick­lung der Geprie­senen wurde fortan begleitet von einer beson­deren Mischung aus Arg­wohn und Euphorie, Skepsis und Empa­thie. Tor­wart Ben Amos, Ver­tei­diger Rafael da Silva, sein Zwil­lings­bruder Fábio, Darron Gibson, Rodrigo Pos­sebon, Jonny Evans, Danny Wel­beck, Federico Macheda und auch Tom Cle­verley, sie alle standen plötz­lich mehr denn je im Blick­punkt und hatten eine große Bürde zu schul­tern als die Achse, auf die der Erfolgs­trainer anspielte. Sie waren die Zukunft, sollten es zumin­dest sein. Würden dieser Talent­pool die Erwar­tungen erfüllen können? Die Ant­wort: Jein. Heute, mehr als zwei­ein­halb Jahre nach jenem Inter­view aus dem Oktober 2008, ent­puppen sich die üppigen Vor­schuss­lor­beeren als nur teil­weise gerecht­fer­tigt. Einige der Genannten haben den Sprung in den erwei­terten Ligakader tat­säch­lich geschafft und sind Bestand­teil der Mann­schaft, die heute im Finale der Cham­pions League steht. Genauso viele haben ihn aber auch ver­passt.

Reserve, Aus­leih­ge­schäft und Bank­platz

Ben Amos steht noch immer bei der Reserve zwi­schen den Pfosten, aber die Ver­pflich­tung eines neuen Kee­pers, wahr­schein­lich David de Gea von Atle­tico Madrid, ist Zei­chen genug, dass er nicht als Nummer 1 im Liga­team ein­ge­plant ist. Darron Gibson kommt zu Ein­sätzen, vor allem auf inter­na­tio­naler Bühne, der Ire traf gegen Schalke im Halb­fi­nale, redu­ziert sich aber allzu oft auf seinen harten Fern­schuss. Pos­sebon, von Ema­nuel Poga­tezt kaputt­ge­treten, spielt mitt­ler­weile beim FC Santos. Wel­beck (AFC Sun­der­land, Preston North End), Cle­verley (Wat­ford, Wigan Ath­letic, Lei­cester City) und Macheda (Sam­pdoria Genua) sam­melten auf Leih­sta­tion wech­sel­hafte Erfah­rungen. Jonny Evans hat sich vom aus Fulham her­bei­trans­fe­rierten Chris Smal­ling als Backup für die Defen­siv­zen­trale ver­drängen lassen, eine Kräf­te­ver­schie­bung, die auch durch grobe, leicht­sin­nige Patzer des Nord­iren bedingt ist. Es bleiben allein die da Silvas, denen eine präch­tige Zukunft bevor­steht auf den beiden Außen­ver­tei­di­ger­po­si­tionen. Fábio soll schon im End­spiel der Königs­klasse gegen David Villa ver­tei­digen.

Warum sich die Bilanz der Hoff­nungs­träger inge­samt eher mau liest? Weil die Fall‑, nein, Sprung­höhe ein­fach zu groß ist und der Sockel, auf dem die 90er-Aus­lese thront, gigan­tisch. Ihn zu erklimmen setzt regel­mä­ßige Ein­sätze voraus. Eine Not­wen­dig­keit wie damals gibt es aller­dings nicht mehr, in keiner Hin­sicht. Sir Alex muss nicht eine neue Ära begründen, indem er kon­se­quent auf die Jugend setzt, er muss sich keinen Namen mehr machen. Er muss auch Leis­tungs­träger nicht mehr ziehen lassen wie damals Mark Hughes, Andrej Kant­jelskis oder Paul Ince, weil die finan­zi­ellen Mittel begrenzt sind. Er muss allein die Marke Man­chester United wahren, eine Marke, die für mehr als nur Fuß­ball steht, aber natür­lich noch immer vor allem gekop­pelt ist an sport­li­chen Erfolg; eine Marke also, der eine risi­ko­be­haf­tete Jungkur schaden könnte.

Anders als 1993, 1994 und 1995 gibt es auch keine pola­ri­sie­rende Figur wie Eric Can­tona, die das Medi­en­ge­witter fokus­siert und in deren Schatten die Eigen­ge­wächse wachsen und gedeihen können. Heute stellen sie sich dem Kampf um Stamm­plätze unter den Augen der (bri­ti­schen) Öffent­lich­keit, und auch ewige Geduld und wochen­langes Ver­trauen scheint unrea­lis­tisch. Sir Alex Fer­guson, der sich Anfang der Neun­ziger für Kon­ti­nuität aus­sprach und alle Junio­ren­trainer ver­pflich­tete, David Beckham und Gary Neville auf rechts spielen zu lassen, um die Kom­bi­na­tion ein­zu­takten, setzt 2011 auf bedin­gungs­lose Rota­tion.

Wunder gibt es nicht immer wieder

Schließ­lich sollte man auch über all diesen Ana­lysen nicht ver­gessen, dass die 92er schlicht ein­zig­artig waren. Der Jahr­gang gilt in der Fach­welt noch immer als der beste aller Fuß­ball­zeiten, als Ansamm­lung von Talent in einer Dichte, die es so nie vorher gab und nie wieder danach geben kann. Sage und schreibe elf Spieler des Youth Teams unter­schrieben vor sech­zehn Jahren Pro­fi­ver­träge, mehr als 300 Natio­nal­spiele für Eng­land ent­sprangen dem eli­tären Zirkel. Sowas ist, selbst bei detail­lier­tester Pla­nung und bestem Scou­ting, ein­fach nicht wie­der­holbar. Es ist Fügung, eine ideale Ver­knüp­fung von Zeit und Ort, ein kleines Wunder, wenn man so will. Und Wunder gibt es ent­gegen dem Leu­mand nicht immer wieder. Die neue Genera­tion wird zwei­fels­ohne wichtig werden für Man­chester United, weil ihr zwei, viel­leicht auch drei Stamm­spieler der Zukunft ent­wachsen. Sie wird ihren Teil bei­tragen zu neuen Titeln, Tri­kot­ver­käufen und einem län­geren Brief­kopf. Golden wird sie nicht.