Er ist ein Hoff­nungs­schimmer für die Hoff­nungs­losen. Wenn nichts mehr geht, wenn alle Chancen ver­braucht sind und der Gegner ein­fach zu mächtig erscheint, dann hört man im Hin­ter­kopf manchmal die raue Stimme von Syl­vester Stal­lone, die einem schwer atmend zuruft: It ain’t over, till it’s over.“ Das ist das Motto von Stal­lones berühm­tester Film­figur, dem Boxer Rocky Balboa. In ins­ge­samt fünf Filmen kas­sierte Balboa unzäh­lige Schläge, wurde von seinen Geg­nern ver­höhnt und vom Publikum mit­leidig belä­chelt – alles natür­lich in Erwar­tung der sicheren Nie­der­lage. Aber immer, wenn Rocky schon mehr­fach auf die Bretter gegangen war und seine Nie­der­lage in Stein gemei­ßelt schien, waren seine Gegner der Nie­der­lage am nächsten – Rocky Balboa, der Ita­lian Stal­lion“, brachte seine besten Leis­tungen immer dann, wenn ihn alle schon längst abge­schrieben hatten.

Und irgendwie hatte man des­halb den Ein­druck, als ob am Dienstag elf Rocky Bal­boas unter dem Namen Inter Mai­land über den Platz fegten. Man könnte sogar weiter gehen und behaupten, der gesamte ita­lie­ni­sche Fuß­ball sei in den ver­gan­genen Jahren zuneh­mend der totalen Bal­boai­sie­rung des Spiel­be­triebs zum Opfer“ gefallen. Ita­liens Fuß­ball muss in die Ecke gedrängt, geär­gert und ver­höhnt werden, bevor er zurück­schlägt. Das ver­wun­dert kaum. Schließ­lich reden wir hier von einem Land, dass in den Augen seiner Nach­barn längst zu einer bemit­lei­dens­werten, und kaum ernst­zu­neh­menden, Bunga-Bunga-Bana­nen­re­pu­blik ver­kommen ist. Die Mei­nung über den ita­lie­ni­schen Fuß­ball war zuletzt nicht besser. Aber aus dem Spott der Nach­barn zieht der ita­lie­ni­sche Fuß­ball anschei­nend erst die Kraft, in den über­ra­schenden Momenten seine Gegner aus­zu­kno­cken. 

WM-Halb­fi­nale 2006: Was machen Grosso & Co heute? »>

Diese selt­same Art der Moti­va­tion zieht sich in den ver­gan­genen Jahren wie ein roter Faden durch die großen Erfolge des ita­lie­ni­schen Fuß­balls. 2006 peitschten die Abge­sänge auf den Calcio“ im Zuge des Cal­cio­polli-Mani­pu­la­ti­ons­skan­dals die Natio­nal­mann­schaft zum ersten WM-Titel seit 1982. 2007, als sich Europa über das Alten­heim Serie A amü­sierte, knipste aus­ge­rechnet der 34-Jäh­rige Filippo Inz­aghi den AC Mai­land zum Cham­pions-League-Sieg. Im Februar dieses Jahres, beim Län­der­spiel zwi­schen Deutsch­land und Ita­lien, in dem die DFB-Elf sich gewis­ser­maßen als Grals­hüter des modernen Fuß­balls insze­nierte, trotzte eine hastig zusammen gezim­merte Squadra Azzura“ dem WM-Dritten ein nicht unver­dientes Unent­schieden ab.

Genialer Lucky Punch“

Der jüngsten Epi­sode dieses Balboa-Effekts“ fiel Bayern Mün­chen am Diens­tag­abend zum Opfer. Die Bayern würden in das Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League ein­ziehen. Davon war Fuß­ball­deutsch­land über­zeugt. Franz Becken­bauer hatte schließ­lich bereits am Vortag der Partie den Anfang vom Ende des ita­lie­ni­schen Fuß­balls ein­ge­läutet, indem er ver­kün­dete: Früher wollten alle in die Serie A. Heute ist das offen­sicht­lich nicht mehr so.“ Und auch Bayern-Stürmer Mario Gomez war in Gedanken schon einige Schritte weiter: Unser Ziel ist der Cham­pions-League-Titel!“ Erwar­tungs­gemäß stand es zur Halb­zeit 2:1 für den FC Bayern. Inter Mai­land, der letzte Ver­treter des ita­lie­ni­schen Fuß­balls in Europa, schwankte anschei­nend nur noch durch den Ring, in stiller Erwar­tung des finalen K.o – Schlags durch den FC Bayern. 

Doch dann trat der Balboa-Effekt“ des ita­lie­ni­schen Fuß­balls auf den Plan: 2:2, Wesley Sneijder. Kurz vor Schluss kam dann die Füh­rung von Goran Pandev, durch eine Mischung aus Lucky Punch“ und Genie­streich. Die sicher geglaubte Nie­der­lage der Ita­liener war in einen Hol­ly­woodreifen Last-Minute-Sieg des ver­meint­li­chen Underdog ver­wan­delt worden. 

Rocky Balboa wäre sicher­lich stolz darauf, zu sehen, wie die Ita­liener sein Mantra It ain’t over, till it’s over“, mal wieder derart bril­lant umge­setzt haben. Leider wird der ita­lie­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Boxer auf der Lein­wand zu diesen Ereig­nissen nie Stel­lung nehmen können. Sein Schöpfer Syl­vester Stal­lone hat den Faust­kämpfer nach dem Ende der Reihe 2006 end­gültig in Rente geschickt. Der ita­lie­ni­sche Fuß­ball lebt weiter. Viel­leicht macht Stal­lone ja sogar mal einen Film dar­über.