Seite 2: Der Anti-Favre

Der stellte sich direkt nach Abpfiff im Sky-Inter­view. Noch bis unter die Fleisch­mütze mit Adre­nalin voll­ge­pumpt, flö­tete er in die Welt, wie er sich das so vor­stellt, auf dem Rasen. Seine Jungs sollten Fehler machen, aktiv und selbst­be­stimmt agieren — Schu­berts ganz per­sön­li­ches Mantra, wel­ches er seither min­des­tens so pene­trant wie­der­holt, wie Vor­gänger Favre seine Litanei vom Wir müssen intel­li­gent spielen“. Und mit dem er schneller aus dem scheinbar über­mäch­tigen Schatten des Schwei­zers trat, als Lucky Luke im Duell gegen die Dal­tons. 

Inzwi­schen stehen für Schu­bert fünf Siege aus fünf Bun­des­li­ga­spielen zu Buche, bei 17:5‑Toren. Dazu gesellen sich zwei starke Auf­tritte in der Cham­pions League, sowie der jüngste Erfolg im DFB-Pokal bei Schalke 04. Müßig zu spe­ku­lieren, ob die Mann­schaft nicht auch unter Lucien Favre zu ähn­li­chen Ergeb­nissen im Stande gewesen wäre. Klar scheint der­weil aller­dings, dass dessen Nach­folger nicht nur der glück­liche Ver­walter einer nach­hal­tigen Auf­bau­ar­beit ist, son­dern schnell selbst seine eigene Note ins Ensemble ein­ge­bracht hat. 

Die DNA des Ver­eins: Der Hang zur stür­mi­schen Lösung

Ein Note, die ihn dazu prä­de­sti­niert, mehr zu sein, als nur The Inte­rims One“. Denn André Schu­bert gibt der Mann­schaft zurück, was in der DNA des Ver­eins ver­an­kert zu sein scheint — den Hang zur stür­mi­schen Lösung. So tief der Klub und mit ihm die Anhänger auch in der Schuld von Lucien Favre standen und stehen, so sehr auch der letzte Anti-Tak­tiker über die zur Kunst erho­bene Abwehr­ar­beit und den zuweilen fast schon an eine Partie Schach erin­nernden Spiel­aufbau mit der Zunge schnalzte, so sehr lang­weilte das Spiel unter dem Schweizer von Zeit zu Zeit.

Lauf gegen ima­gi­näre Wand

Unter Favre schienen die Außen­ver­tei­diger auf Höhe der Mit­tel­linie gegen eine ima­gi­näre Wand zu laufen, waren die Tor­hüter Ter Stegen und Sommer oft­mals häu­figer am Ball als die zen­tralen Offen­siv­spieler und die Spiel­ver­la­ge­rung das Opus magnum“ des Ball­be­sitzes. Die Fans wärmten ihr Herz der­weil an den unüber­seh­baren und kaum für mög­lich gehal­tenen Erfolgen und trös­teten sich mit Ver­glei­chen à la Borussia Bar­ce­lona“.

Doch zu Beginn dieser Saison wuchs Favre die Mann­schaft über den Kopf. Das Zau­dern und Zögern Favres, das keine Fehler machen“, lähmte die Spieler zuse­hends. Schu­bert ging und geht einen anderen Weg. Immer und immer wieder lobt er die Fähig­keiten seiner Spieler, ermu­tigt sie, Fehler zu wagen. Und die danken es ihm. Und so ist aus einer Mann­schaft UNTER dem Trainer Lucien Favre eine Mann­schaft MIT dem Trainer André Schu­bert geworden.

Die Fans rufen ihn: Schubi-Du“

Ein Trainer, der die Chance, die er für sich angeb­lich gar nicht sehen wollte, blen­dend genutzt hat. Ein Trainer, der sich nicht allzu wichtig nimmt, seine Spieler in den Vor­der­grund stellt und zumin­dest offensiv weit­ge­hend ein­fach machen lässt, und wenn es Fehler sind. Ein Trainer ohne Eti­kett. Und damit genau der rich­tige für Borussia Mön­chen­glad­bach. Finden längst auch die Fans; rufen ihn Schubi-Du“, feiern seinen grünen Kapuzen-Pulli und fragen sich, warum der Klub nicht ein­fach auch dau­er­haft auf ihn setzt. Oder um es mit Hanns Dieter Hüsch zu sagen: Wenn der Nie­der­rheiner mal aus­nahms­weise etwas weiß, dann weiß er dat aber auch ganz fest bis an sein Lebens­ende, bis in alle Ewig­keit.“ Der Verein sollte auf die Stimmen seiner Anhänger und Mit­glieder hören. Denn André Schu­bert braucht kein Eti­kett, um mit dieser Mann­schaft erfolg­reich zu sein; das Eti­kett The Inte­rims One“ schon mal gar nicht.