Seite 2: Nicht am Ziel, sondern erst am Anfang

Ich habe es oft gesagt: Ein afri­ka­ni­scher Mensch ist nicht nur dazu bestimmt, Fuß­ball zu spielen, son­dern auch dazu, Fuß­baller zu trai­nieren“, betont Leye, der Stan­dard Lüt­tich im Januar vom erfolg­losen Fran­zosen Phil­ippe Mon­ta­nier über­nahm. Seither fuhr der Sene­ga­lese solide 16 Punkte in zwölf Spielen ein. Eigent­lich, so dachten viele, wäre Leye schon viel früher an der Reihe gewesen. Doch als der dama­lige Stan­dard-Trainer Michel Preu­d’homme im Juni 2020 aus dem Amt schied, über­ging man den dama­ligen Assis­tenten und holte lieber Mon­ta­nier. Dem bitter ent­täuschten Leye bot man den Chef­trai­ner­posten bei der 2. Mann­schaft an, doch der kün­digte. Und nahm sich ein halbes Jahr Aus­zeit vom Fuß­ball.

Auch ohne Anstel­lung blieb Mbaye Leye stets am Ball, beharr­lich in der Sache und hungrig in puncto Wei­ter­bil­dung. Nun, da er end­lich Chef­trainer geworden ist, sieht sich der eins­tige Mit­tel­stürmer (u.a. Lüt­tich, KSC Lokeren und Royal Mou­scron) nicht am Ziel, son­dern erst am Anfang – und gleich dop­pelt in der Pflicht: Leye will Stan­dard, den ewigen Stolz der Wal­lonie, end­lich zu altem Glanz zurück­führen. Oben­drein sieht er sich als Weg­be­reiter für andere afri­ka­ni­sche Trainer(anwärter), die auf eine Chance im euro­päi­schen Fuß­ball hoffen.

Kein Fußball‑, sonder ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem

Eines gibt Lüt­tichs Übungs­leiter allen heu­tigen Profis mit Coa­ching-Ambi­tionen – egal, ob sie nun schwarz oder weiß sind – mit auf den Weg: Du musst eine Vision haben und schon wäh­rend deiner aktiven Kar­riere wie ein Trainer denken und dich für dessen Arbeit inter­es­sieren. Du musst vor­be­reitet sein und kannst nicht irgend­wann sagen: Oh, ich bin ja schon 35 – na dann, werd ich eben Trainer. So wird das nichts.“

Für Afri­kaner, die nach der Spie­ler­kar­riere ins Coa­ching-Fach wech­seln wollen, sieht Leye noch ein wei­teres Pro­blem: Sie befänden sich unter einer Glas­decke, die es zu durch­bre­chen gelte. Es gab noch nicht viele Trainer aus Afrika, die in Europa tätig waren – das ist viel­leicht unser Han­dicap“, sagt The African One“, der eine afri­ka­ni­sche Trainer unter Hun­derten von euro­päi­schen (und einigen wenigen süd­ame­ri­ka­ni­schen) Kol­legen. Des­halb“, so Leye, musst du in dem Moment, wo du als Afri­kaner einen Coa­ching-Job bekommst, seriös arbeiten, mög­lichst erfolg­reich sein und einen Pfad aus­treten für andere, die in deinen Fuß­spuren folgen.“

Schließ­lich gebe es doch seit Jahr­zehnten zahl­lose afri­ka­ni­sche Profis mit her­aus­ra­gendem Fuß­ball­ver­ständnis, sagt Leye. Dass diese in der Trai­ner­branche unter­re­prä­sen­tiert sind, sei kein Fußball‑, son­dern ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem: Es ist traurig, dass wir 2021 noch immer über Ras­sismus reden. Einige Men­schen haben einen beschränkten Ver­stand, andere haben Angst vor dem, was sie nicht kennen. Es sind ins­be­son­dere die Eltern und Schulen, die dazu bei­tragen können, die Viel­falt des Fuß­ball­ra­sens auf das Büro und auf andere beruf­liche Felder zu über­tragen. Es gibt viele afri­ka­ni­sche, asia­ti­sche und andere Stu­denten, die später nicht die ent­spre­chenden Jobs erhalten.“ Auch für sie will Mbaye Leye ein Weg­be­reiter sein.