An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erleb­nisse mit Bris­bane Roar, die momentan in der AFC Cham­pions League spielen. Wir ver­losen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehens­werten Doku­men­tar­films von Aljoscha Pause über Thomas Broich: Tom meets Zizou“. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@​11freunde.​de.Stich­wort: Roar!

Ulsan – Süd­korea, 04.04.2012

Meine rechte Hand schnellt reflex­haft nach oben, unwill­kür­lich umschließt sie den Hal­te­griff im Heck des Taxis, wäh­rend der Wagen mitten in Ulsan über eine Stra­ßen­kreu­zung schießt. Über den sta­bilen Rücken meines Mann­schafts­ka­me­raden Matt Smith hinweg erha­sche ich einen Blick auf den Tacho. Die Nadel zeigt 130 km/​h. Meine Hand krallt sich noch etwas fester um den Hart­plastik-Griff. Hier will uns offenbar ein Platz­hirsch zeigen, wie Ver­kehr in Süd­korea funk­tio­niert. 

Doch das Schau­spiel ist noch nicht zu Ende. Erst einmal in Vor­trieb ver­setzt, jagt das Taxi nun an einer Poli­zei­streife mit Blau­licht vorbei. Meine Kol­legen und ich sehen uns halb fra­gend, halb ent­setzt an. Der Taxi-Fahrer lächelt nur milde und bringt seinen Hyundai schließ­lich an einer Ampel zum Still­stand. Auf einem Stra­ßen­schild direkt vor uns drohen in einer dra­ma­ti­schen Comic-Sprech­blase korea­ni­sche Schrift­zei­chen. Mit was?

Wie die Starts­quenz in einem B‑Movie

Nur wenige Augen­blicke später befinden wir uns im Inneren eines exo­ti­schen Mas­sa­ge­sa­lons. Ein süß­li­cher Geruch liegt in der Luft. Auf meinem Rücken steht barfuß eine Thai-Mas­seurin. Sie trak­tiert mich eine Stunde lang mit Verve, unfassbar gekonnt. Nur gerecht, so ein Kon­trast­pro­gramm, denke ich, still genie­ßend. Was der Koreaner mir an Ver­span­nung ein­ge­brockt hat, macht die Thai­frau um Längen wett.

Was wie die sur­reale Start­se­quenz aus einem B‑Movie des Hong­kong-Kinos der
70er Jahre anmutet, ist mir so zuletzt tat­säch­lich pas­siert. Cham­pions League-Alltag, wenn man so will. Aber der Reihe nach.

Am Samstag spielten wir in Bris­bane das Halb­final-Hin­spiel um die Aus­tra­li­sche Meis­ter­schaft. Einmal mehr gegen die Cen­tral Coast Mari­ners. Die schon im letzt­jäh­rigen Finale unser Gegner waren – und die uns dieses Mal in der Liga­runde knapp auf den zweiten Platz ver­wiesen haben. Bei uns, im hei­mi­schen Sun­corp-Sta­dium, hatten sie prak­tisch keine Chance. Recht­zeitig zum Sai­son­ende läuft es wieder wie am Schnür­chen. Nach dem frühen 1:0 durch unseren Bra­si­lianer Hen­rique hatten wir die Partie im Griff. Trotzdem gelang es uns erst in der 88. Minute, aus der Über­le­gen­heit eine wirk­lich gute Aus­gangs­po­si­tion für das Rück­spiel am Sonntag zu machen. Das Grand Final“ ist wieder in greif­barer Nähe. Ent­spre­chend aus­ge­lassen war der Jubel nach dem späten 2:0.

Dabei war es wirk­lich ein müh­se­liges Jahr. Nach Ver­let­zungen an Ferse und Schulter musste ich mich immer wieder ran­kämpfen. Nun scheint es ein kör­per­li­ches Happy-End zu geben. Und wenn ich fit bin, läuft es hier meist richtig gut.

Die Finals haben es in sich. Doch offen gesagt, bevor­zuge ich den deut­schen Modus. Der ist ehr­li­cher, nach­hal­tiger. Ich habe neu­lich im Netz von Wolf­gang Holz­häu­sers Reform-Anflug gelesen. Natür­lich ist das für das Publikum toll. Es birgt Dra­matik. Aber mir ist das etwas zu ame­ri­ka­nisch. Eine Show. Es sollte das Team Meister werden, das über eine ganze Saison am Besten spielt. Übri­gens sage ich das, obwohl wir dieses Mal nur Zweiter waren – und durch die Play­offs nun wieder beste Titel­chancen haben. Und obwohl ich 2011 auf diese Weise das Spiel meines Lebens machen durfte. Wer Tom Meets Zizou“ gesehen hat, wird wissen, wovon ich rede.

Am Sonntag nach dem Halb­fi­nale haben wir uns um 6 Uhr mor­gens am Flug­hafen
getroffen. Mal wieder. Über Seoul ging es nach Ulsan. Kurz vor Mit­ter­nacht haben wir im Hyundai-Hotel ein­ge­checkt. Auf den ersten Blick machte alles einen tollen Ein­druck. Wer meinen ersten Bericht gelesen hat, weiß wie wir Tropen ver­wöhnten Aus­tra­lier in unserem Pekinger Hotel gefroren haben. Auch in Süd­korea ist es schließ­lich noch Winter. Doch gleich meine erste Ent­de­ckung sorgte für woh­lige Erleich­te­rung. Hier gab es sogar beheizte Toi­let­ten­sitze. Unfassbar. Und noch in der Nacht ein Sushi-Buffet vom Aller­feinsten. Kein Haken also, dieses Mal?

Am nächsten Morgen riss mich um kurz vor sieben ein ohren­be­täu­bender Lärm aus den Federn. Trotz weniger Stunden Schlaf, den Rei­sestress noch in den Glie­dern, gab es keine Chance, mich noch einmal umzu­drehen. Ich schlurfte zum Zim­mer­fenster, zog den Vor­hang zurück und erblickte ein Bild des Grauens. Room with a view“ hätte hier nur ein hart gesot­tener Zyniker schreiben können. Ich blickte auf eine bereits munter belebte, wild lär­mende Groß­bau­stelle.

Erst als sich her­aus­stellte, dass es jeden Morgen so früh los­gehen sollte, immer mit den lau­testen Akti­vi­täten zuerst, den Häm­mern, den Boh­rern, den dumpf schep­pernden Stahl­trä­gern und dem dröh­nenden Maschi­nen­lärm, kam mir ein Ver­dacht. Das Hotel heißt Hyundai, unser Gegner heißt Hyundai – die ganze Stadt ist Hyundai. Man möchte ja keinem etwas unter­stellen, aber ich musste zwangs­läufig an alte Euro­pa­po­kal­ge­schichten denken, die mir Rudi Bommer oder Holger Fach erzählt haben. Dort war es wohl gang und gäbe, dass bei Aus­wärts­spielen mor­gens in aller Herr­gotts­frühe eine Blas­ka­pelle vor dem Hotel vorbei mar­schierte. Wahl­weise kamen auch Kin­der­horden, Tiere oder Schwer­trans­porter. Die Gegner ließen sich damals noch etwas ein­fallen.

Wider bes­seren Wis­sens um die jähen Rea­li­täten des glo­balen Dorfes“ und die nach­ge­rade ermü­dend ver­läss­li­chen Mecha­nismen des Pro­fi­fuß­balls – mit dem bereits in meinem ersten Tage­buch­ein­trag erwähnten erheb­lich ein­ge­schränkten Blick­feld auf Aus­wärts­fahrten – ist es doch stets ein Anflug von roman­ti­scher Rest-Hoff­nung, der mich auf einer sol­chen Reise immer wieder nach Spuren von Exotik oder neuen Erfah­rungs­welten suchen lässt. 

Burger Taxis statt Hoch­kultur

So froh­lockte bei­spiels­weise eine Hotel-Bro­schüre über Ulsan mit den kuli­na­ri­schen Fein­heiten des Landes. Von Koreas Natio­nal­ge­richt Kimchi, einem scharf ein­ge­legten Gemüse, bis hin zu ein­hei­mi­schen Fleisch­spe­zia­li­täten names Bul­gogi oder Galbi. Trotz des ernüch­ternden Pan­oramas, wel­ches mein Zim­mer­fenster feilbot, ver­sprach ich mir durch unsere Ankunft bereits drei Tage vor dem Match die Mög­lich­keit, eine
ver­meint­lich ost-asia­tisch-pit­to­reske Hafen­stadt­ku­lisse am japa­ni­schen Meer zumin­dest ansatz­weise in Augen­schein nehmen zu können.

Der­ge­stalt auf kul­tu­rell Erbau­li­ches erpicht, ver­ließ ich mit meinen Team­kol­legen das Hotel. Doch nur einen Block weiter wurde mein etwas naiver Kultur-Opti­mismus noch­mals ein­drucks­voll in die Schranken gewiesen. Am Stra­ßen­rand stand eine nicht enden wol­lende Schlange von Burger-Taxis“ auf zwei Rädern – der Kette mit dem gol­denen M – ein Fast­food-Aus­wuchs, der mir selbst in den USA oder in Aus­tra­lien bis­lang noch nicht unter­ge­kommen war.

Über­haupt ent­puppte sich Ulsan nicht wirk­lich als male­ri­sches Kleinod. Und ich bekam die Gele­gen­heit, anhand ein­schlä­giger Mar­ke­ting-Lek­türe im Hotel meine Lücken in ost-asia­ti­scher Lan­des­kunde zu schließen. In nur 50 Jahren war aus einem kleinen Fischerei-Hafen Süd­ko­reas Indus­trie­hoch­burg geworden. Die mitt­ler­weile die größte Öl-Raf­fi­nerie der Welt besitzt. Und nicht zuletzt die Heimat des Hyundai-Kon­zerns ist. Der betreibt in Ulsan die größte Schiffs­werft und die größte Auto­fa­brik der Welt. Hier gibt es nur Super­la­tive. Und Park­plätze, auf denen Zehn­tau­sende von Neu­wagen stehen. Gut – wenn man für den VFL Wolfs­burg spielt, kann man das auch haben.

Am Nach­mittag lernten wir dann ein ganz anderes Korea kennen. Mann­schafts­trai­ning weit außer­halb der Stadt. Mitten in der Natur. Hüge­lige
Land­schaft, fast schon kit­schig, wie man sie von japa­ni­schem Wand­schmuck
kennt. Es war ein­fach traum­haft schön und hatte etwas sehr Fried­li­ches. Das
ist wie­derum das, was mich an der fern­öst­li­chen Kultur so anzieht. Und warum
ich es mir gut vor­stellen könnte, nach meinem Aus­tra­lien-Aben­teuer noch ein
paar Jahre in Asien dran­zu­hängen. Ob mit oder ohne Fuß­ball. Diese Aura der
Demut, der Sorg­falt und Aus­ge­gli­chen­heit, die es hier mit­unter gibt, hat es
mir schon sehr angetan.

Thai Mas­sage für die Aus­er­wählten

Von einer sol­chen Aura konnte bei dem schon ein­gangs erwähnten Taxi­fahrer aller­dings keine Rede sein. Mitt­ler­weile war es Dienstag. Aus Kos­ten­gründen
hatte der Verein unseren Mas­seur in Bris­bane zurück gelassen. Und spen­dierte
nun für die wich­tigsten acht Spieler des Clubs eine Thai-Mas­sage. Im Kader sind
19 Spieler. Doch für mehr hatte das Budget nicht gereicht. Manchmal ist es
eben doch nütz­lich, wenn man in der Team-Hier­ar­chie vorne ange­sie­delt ist. Zwei Taxis brachten uns also auf einer aben­teu­er­li­chen Fahrt quer durch die Stadt zum Mas­sage-Salon. Eine grenz­wer­tige Erfah­rung. Das hals­bre­che­ri­sche Tempo. 130 inner­orts, unge­logen. Die Unver­fro­ren­heit des Fah­rers. Das indif­fe­rente Des­in­ter­esse der Polizei. Es war kaum zu fassen. Und ergab nur durch die beste Mas­sage meines Lebens einen Sinn.

Am Mitt­woch Abend stand nun unser Match gegen Ulsan Hyundai auf dem Pro­gramm. Unser drittes Grup­pen­spiel nach einer Nie­der­lage und einem Unent­schieden. Ulsan ist aktu­eller Pokal­sieger und Vize-Meister der korea­ni­schen K‑League – in der auch schon Spieler wie Gra­fite oder Edu unter Ver­trag standen. 2006, 2009 und 2010 gewannen jeweils korea­ni­sche Teams die asia­ti­sche Cham­pions League, woran man die Stärke der Liga ganz gut bemessen kann. Fuß­ball ist in Süd­korea neben Base­ball der Volks­sport Nummer 1. Einige der wich­tigsten Prot­ago­nisten von Ulsan Hyundai spielen zusammen mit Son vom HSV und Koo vom FC Augs­burg in der Natio­nal­mann­schaft.

Die Kulisse im Ulsan-Munsu-Sta­dion war ent­täu­schend. Es war höchs­tens zu einem Drittel gefüllt. Obwohl 40.000 Zuschauer hinein passen. Es wurde übri­gens für die WM 2002 gebaut und hatte sein größtes Match mit dem Vier­tel­fi­nale zwi­schen Deutsch­land und den USA. Bal­lacks Kopf­ball zum 1:0 – Sieg ist mir noch in Erin­ne­rung.

Für uns war es heute weniger erfolg­reich. Die gute Nach­richt. Wir haben wieder selbst­be­wusst und domi­nant gespielt. Die Erkenntnis, auf dem Niveau mehr als mit­halten zu können, war nach dem 0:2 gegen Tokio zum Cham­pions-League-Auf­takt wichtig. Wie schon in Peking waren wir wieder die bes­sere Mann­schaft, aus­wärts. Die schlechte Nach­richt. Wir haben einige Groß­chancen liegen lassen. Nach einer starken ersten Hälfte und einem frühen 1:0 haben wir kurz nach der Pause einen Spieler mit Rot ver­loren und den Aus­gleich kas­siert. Aber selbst in Unter­zahl hatten wir durch Mitch Nichols und Besart Berisha noch beste Gele­gen­heiten – die leider unge­nutzt blieben. Nach diesem erneuten 1:1 brau­chen wir jetzt aus den letzten 3 Spielen noch 2 Siege um weiter zu kommen. Der Druck wird jeden­falls nicht kleiner.

Heute früh hatten wir hier noch Aus­laufen und Pool-Reco­very. Gleich geht der Flieger nach Down Under. Die Och­sen­tour nimmt ihren Lauf. Morgen um 7 Uhr kommen wir in Sydney an, von dort geht es direkt weiter. Zwei Stunden Bus­fahrt zur Cen­tral Coast, wo wir am Sonntag unser Halb­fi­nal­rück­spiel gegen die Mari­ners bestreiten. So langsam wird’s zäh, zum Sai­son­ende. Gerade nach dem Match ges­tern. Die 45 Minuten zu Zehnt waren brutal anstren­gend. Die lange Reise ist da nicht gerade för­der­lich. Aber Haupt­sache wir nehmen zum Flug­hafen kein Taxi!