John King, warum wün­schen Sie sich, dass der FC Chelsea absteigt?
Chelsea soll absteigen? Das habe ich vor zwei Jahren in einigen Inter­views gesagt. War natür­lich ein biss­chen pro­vo­kativ. Ich habe ein­fach das Gefühl, dass es zu viele Mode­fans bei uns gibt. Zu viele Typen, die zwar Geld ohne Ende haben, aber keine Ahnung von der Geschichte des Klubs. Bei einem Abstieg würden die viel­leicht wieder zu Hause bleiben.

Wie kommen Sie darauf?
Ich gebe Ihnen mal ein Bei­spiel. Es war der 20. Mai 2000, am Nach­mittag fand im Wem­bley-Sta­dion das FA-Cup-Finale FC Chelsea gegen Aston Villa statt. Ich saß um die Mit­tags­zeit mit ein paar Kum­pels in einem Lon­doner Pub. Um mich herum über 500 Hard­core-Chelsea-Fans, die alle­samt gerne zum Spiel gegangen wären. Doch sie hatten keine ver­dammte Chance, an Tickets her­an­zu­kommen. Später saß ich also in der Stam­ford Bridge, und um mich herum hatte sich das Publikum aus­ge­tauscht. Ich war umzin­gelt von Typen, die nicht mal wussten, wie der Sieg­tor­schütze heißt. Wissen Sie es? 

Roberto Di Matteo?
Super Typ, nicht wahr?! Ein Chelsea-Man! Zweimal hat er den FA-Cup gewonnen, und je einmal den League- und Pokal­sieger-Cup. Wie auch immer: Nach jenem FA-Cup-Sieg 2000 ging ich in den Streik. Ich habe meine Dau­er­karte abge­geben und gehe seitdem nur noch unre­gel­mäßig ins Sta­dion.

Sie hassen den modernen Fuß­ball?
Ich ver­stehe die Ver­än­de­rungen, die der moderne Fuß­ball mit sich bringt. Ich ver­stehe auch, dass es in diesem Rahmen eine große Distanz zwi­schen den Spie­lern und den Fans ent­stehen musste und dass eine fami­liäre Atmo­sphäre nicht mehr mög­lich sein kann. Gut finden muss ich das trotzdem nicht. 

Schauen Sie sich das Cham­pions-League-Finale an?
Natür­lich. Viel­leicht fahre ich sogar hin. (über­legt) Viel­leicht auch nicht. Ist wahr­schein­lich viel zu teuer. (über­legt) Nicht dass wir uns falsch ver­stehen: Ich liebe Fuß­ball nach wie vor. Was ich Ihnen sagen wollte: Der heu­tige Fuß­ball hat nichts mehr mit dem gemein, wie ich ihn ken­nen­ge­lernt habe.

Sie sind seit den frühen sieb­ziger Jahren Fan vom FC Chelsea. Was war denn damals anders?
Als Jugend­li­cher hießen meine Helden Alan Hudson und Peter Osgood. Sehr begabte Spieler und große Cha­rak­tere. Trotzdem kam es mir nie so vor, als wären sie von einem anderen Stern. Es fühlte sich an, als wären sie Jungs aus der Kurve. Erdige Typen aus der Nach­bar­schaft. Tat­säch­lich ist Peter Osgood ein paar Straßen von unserer Woh­nung ent­fernt auf­ge­wachsen. Er war stets ein Teil meines Lebens. Er starb 2006 drei Tage vor meinem Vater – im selben Kran­ken­haus.

Was halten Sie von der Ultra-Kultur, die in Eng­land bis­lang kaum Einzug erhalten hat?
Die Grund­idee finde ich gar nicht so schlecht. Fans orga­ni­sieren sich gegen die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Sports. Es geht zurück zum Fan­sein, zurück zum Sport. Gleich­zeitig weg vom Kon­su­men­ten­status, weg vom Fashion­ding Fuß­ball. Ich weiß nicht, ob das in Eng­land funk­tio­nieren würde. Hier sind die Grenzen zwi­schen Klub und Zuschauer viel zu groß.

Sie haben einmal in einem Auf­satz geschrieben: Der eng­li­sche Fuß­ball ist qua­li­tativ top. Aber das Spek­takel wurde von der sozialen Rei­nin­gung auf den Rängen ver­nichtet.“ Wird es denn jemals wieder so sein wie früher?
Das sage ich nicht. Und doch darf man es kri­ti­sieren. Als ich zum ersten Mal zu Chelsea gegangen bin, stand ich dort mit meinen Kum­pels aus der Schule. Wir waren ein Haufen Teen­ager, fanden laute Musik super, die Gesänge auf den Kurven und Getobe auf den Rängen. Gucken Sie sich die Sta­dien heute an: Wel­cher Teen­ager kann sich eine Karte für ein Spiel, sagen wir mal, Chelsea gegen Man­chester United leisten? Da kostet das bil­ligste Ticket 50 Pfund.

Sie beschreiben in Ihrem Buch The Foot­ball Fac­tory“ die Fuß­ball­sze­nerie als gewalt­tätig. Heute ist es zwar teurer geworden, aber auch fried­li­cher.
Auch wenn es keine Kämpfe mehr in eng­li­schen Sta­dion gibt, finden sie wei­terhin statt. Die großen Klubs haben immer noch ihre Firms, es wird nur weniger über sie berichtet. Viele Leute gehen des­halb nicht zum Fuß­ball.

Wie wird es bei der EM sein?
Schwer zu sagen. Für die meisten Hools ist ein sol­ches Tur­nier unbe­zahlbar. Ich denke, es wird eher Pro­bleme mit pol­ni­schen oder rus­si­schen Hoo­li­gans geben als mit eng­li­schen.

Zurück zu Chelsea: Wie bewerten Sie die Rolle Roman Abra­mo­witschs?
Schwierig zu beant­worten, ganz ehr­lich. Als er kam, war Chelsea finan­ziell am Boden. Und viele Leute sind ihm dankbar dafür, dass er den Verein auf­ge­päp­pelt hat. Doch natür­lich weiß man auch, was pas­sieren kann, wenn er keine Lust mehr hat. Es gibt daher auch etliche Leute, die gegen ihn oppo­nieren. Auch wenn er sich als Licht­bringer sieht: Für mich ist er ein Mann, der dau­er­haft im Schatten steht. Er ist ein Geschäfts­mann – und am Ende des Tages alleine. 

Sie gehen mit Ihrem Her­zens­verein sehr hart ins Gericht. Suchen Sie sich einen Aus­gleich in den unteren Ligen?
Mein Groß­vater und mein Vater waren Fans vom FC Brent­ford, West-London. Manchmal gehe ich dorthin. In der dritten Liga ist der Fuß­ball noch nicht so auf­ge­bläht. Uwe Rösler ist übri­gens Trainer vom FC Brent­ford. Aber auch dort sieht man die Aus­wüchse der Pre­mier League. Spieler hauen nach einer Saison ab, weil es andern­orts mehr Geld gibt. Oder weil der Trainer ihnen keine Chance gibt. Wann hatten wir zuletzt mehr als vier Spieler aus der Jugend in der ersten Mann­schaft?

Sie haben beim FC Chelsea zwei Spieler, die dem Verein seit vielen Jahren die Treue halten...
…Paul Lam­pard und John Terry…

…die müssten Ihnen doch gefallen.
Tun sie. Gerade John Terry! Ein super Typ!

Tat­säch­lich?
Sie denken, dass er ein Idiot ist?

Haben Sie das Cham­pions-League-Halb­fi­nale gesehen?
Was war da?

Terry stieß sein Knie absicht­lich in den Rücken von Bar­ce­lonas Alexis San­chez.
Ich glaube, er wurde von einer Biene gesto­chen. Da schnellte sein Knie vor Schmerz hoch. Keine große Sache. (lacht)

Sie haben ihn nicht ver­flucht? Er bekam die Rote Karte und fehlt nun im Finale gegen den FC Bayern.
Im Ernst: Terry ist nicht so übel, wie er häufig gemacht wird. Ich habe das Spiel in einem Pub gesehen und meine Kum­pels und ich konnten erst nicht glauben, was dort geschah. Einer schrie: Abwarten, das sind die TV-Bilder aus Spa­nien, da ist bestimmt was faul!“ Als wir dann aber die sechste Wie­der­ho­lung sahen, wurde mir auch langsam klar, was Terry da gemacht hatte. Ich sagte nur: Oh, Gott!“ Und bestellte ein neues Bier.