Herz­li­chen Glück­wunsch, Frau Neu­mann, die Stadt Braun­schweig ver­leiht Ihnen die Bür­ger­me­daille für das Jahr 2018. Wie haben Sie von der Aus­zeich­nung erfahren?

Ich habe einen Brief vom Bür­ger­meister bekommen. Dann ging alles ganz schnell, die Braun­schweiger Zei­tung hat berichtet, die Neue Braun­schweiger und auch im Radio haben sie etwas dazu gebracht. Ich war sehr über­rascht. Eigent­lich ist es auch gar nicht mein Ding, so in der Öffent­lich­keit zu stehen. Aber das ist jetzt auch egal, ich freue mich trotzdem.

Die Stadt ver­leiht Ihnen die Aus­zeich­nung für Ihr ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment für bedürf­tige Ein­tracht-Fans, aber auch für Ein­rich­tungen wie das Frau­en­haus oder die Aktion Kinder in Armut“. Was treibt Sie bei dieser Arbeit an?

Als ich nach Braun­schweig kam und meine ersten Ein­tracht-Spiele besucht habe, habe ich fest­ge­stellt, dass doch vielen etwas fehlt. Irgend­wann haben wir dann ver­ein­bart, dass ich die Pfand­be­cher, die die Fans in den Innen­raum werfen, ein­sammle und das Geld für gute Zwecke spende. Des­wegen trage ich auch den weißen Helm. Sonst tut das näm­lich weh, wenn man doch mal einen Becher abbe­kommt. Gemeinsam mit dem Cate­ring zählen wir dann die Becher und ent­scheiden mit den Fan­be­auf­tragten, wohin das Geld geht (pro Spiel kommen dabei zwi­schen 400 und 800 Euro zusammen, d. Red.). Kurz vor Weih­nachten waren wir zum Bei­spiel im Frau­en­haus und haben dort eine Spende abge­geben. Es gibt so viel Elend auf der Welt, da möchte ich etwas Gutes tun. Das ist das, was mich im Leben erfüllt.

Für ihr Enga­ge­ment bekommen Sie nicht nur die Aus­zeich­nung der Stadt, son­dern auch Unter­stüt­zung von anderen Braun­schweig-Fans, wenn Sie selbst mal Hilfe benö­tigen.

Als ich vor zwei Jahren einen Unfall mit meinem Auto hatte, haben die Fans mir im Sta­dion ein neues Auto geschenkt, zurecht­ge­macht mit Kurvenmutti“-Schriftzug und Einmal Löwe immer Löwe“. Das ist doch schön, dieser Zusam­men­halt. Da kommt einiges zurück. Oder auch das Hal­len­tur­nier, das die Ultras jetzt zum neunten Mal orga­ni­siert haben. Da kamen wieder 25.000 Euro für den guten Zweck zusammen.

Und Sie wieder einmal mit­ten­drin?

Aber sicher. Vor dem Tur­nier habe ich mich um Spon­soren geküm­mert: Hier 50 Kilo Mett beim Metzger ange­fragt, da ein­hun­dert Bröt­chen beim Bäcker abge­holt. 1600 Mett­bröt­chen habe ich ins­ge­samt geschmiert. Und dann den ganzen Tag in der Halle ver­bracht – groß­artig!

Ihnen wird ohnehin ein guter Draht zu den Ultras nach­ge­sagt.

Von Anfang an waren das Ver­trauen und das gute Ver­hältnis da. Ich darf auch zu jeder Feier der Ultras kommen. Ich muss Ihnen ganz ehr­lich sagen, dass diese Jungs und Mädels oft ver­kehrt ein­ge­schätzt werden. Die gehen nur ungern von allein an die Öffent­lich­keit, aber die haben schon so viel geleistet und getan. Wenn ich für jemanden Geld gesam­melt habe oder eine Dau­er­karte für jemanden gesucht habe, dessen Vater gerade gestorben war, waren die Ultras immer sofort zur Stelle. Auch bei Umzügen haben sie schon geholfen. Da kann ich nur den Hut vor ziehen.

Sie haben früher als Jugend­her­bergs­mutter gear­beitet. Liegt Ihnen das Küm­mern im Blut?

Absolut, das ist mein Ding, gerade auch die Arbeit mit Kin­dern. 120 Kinder habe ich in der Jugend­her­berge früher täg­lich betreut. Wenn ich heute im Innen­raum die Kurve abgehe, rufen die Kinder immer Kur­ven­mutti, Kur­ven­mutti“.

Bei all dem Enga­ge­ment sind Sie ja den­noch in erster Linie immer noch Fan von Ein­tracht Braun­schweig. Wie sehr schmerzt Sie die aktu­elle sport­liche Situa­tion?

Ganz ehr­lich: Ent­weder ich bin ein Ein­tracht-Fan oder ich bin eben kein Ein­tracht-Fan. Wir waren schon einmal neun Jahre in der dritten Liga. Wir fahren trotzdem zu jedem Spiel. Ich gehe in jede Liga mit Ein­tracht und wenn es die Regio­nal­liga ist. Aber wie sagt man so schön: Die Hoff­nung stirbt zuletzt. Wir haben jetzt ja auch einige Neue geholt. Viel­leicht klappt es ja doch noch mit dem Klas­sen­er­halt.

Ver­missen Sie Torsten Lie­ber­knecht, der im Sommer nach zehn Jahren bei Ein­tracht Braun­schweig ent­lassen wurde 

Dass ich den ver­misse, das weiß jeder. Wir hatten einen super guten Draht zuein­ander. Ich tele­fo­niere auch jetzt noch regel­mäßig mit ihm und seiner Frau. Auch auf seinem Geburtstag war ich. So einen wie Torsten Lie­ber­knecht, den findet man so schnell nicht wieder. Das ist schon ein ganz beson­derer Mensch, das ist ein­malig. Wenn wir irgend­etwas brauchten oder beim Hal­len­tur­nier etwas gefehlt hat, hat er Geld gegeben. Man konnte mit allem zu ihm kommen. Für seine Auf­gabe in Duis­burg habe ich ihm viel Glück gewünscht. Das wird er schaffen. Das wün­schen wir ihm alle.

Sie werden in diesem Jahr 75 Jahre alt. Gibt es Pläne, dem­nächst etwas kürzer zu treten oder wollen Sie auch wei­terhin zu jedem Aus­wärts­spiel fahren?

Natür­lich, das ist doch das was jung hält. Das kann ich jedem nur emp­fehlen. Ich bin bei jedem Spiel, ob aus­wärts oder zuhause. Und auch sonst bin jeden Tag am Sta­dion, meis­tens komme ich mit dem Fahrrad. Dann schmiere ich Brote oder helfe im Büro aus. Ich habe sogar einen Gene­ral­schlüssel. Ich beschäf­tige mich schon, es gibt hier immer etwas zu tun.