Xavi, Sie haben seit 2008 alles gewonnen, was es im Fuß­ball zu gewinnen gibt. Ist man da nicht irgend­wann auch mal satt?

Nein, denn wenn du dich einmal an den Erfolg gewöhnt hast, willst du immer mehr davon. Er ist wie eine Droge, du kriegst nie­mals genug.

Wird Bar­ce­lona also zum dritten Mal in Folge Meister?

Wir sind auf dem rich­tigen Weg, die Ein­stel­lung stimmt, das Klima in der Mann­schaft auch. Wir haben alles, was man braucht, um weiter Titel zu sam­meln.



Gibt es bestimmte Erfolge, die Sie unbe­dingt noch erleben wollen?

Viele sogar. Noch besser zu sein als das Dream Team und seine vier Mei- ster­schaften in Folge, zum Bei­spiel. (Unter Trainer Johan Cruyff wurde der FC Bar­ce­lona 1991, 92, 93 und 94 Spa­ni­scher Meister, d. Red.)

2011 findet das Cham­pions-League-Finale in Wem­bley statt. Wäre das nicht ein beson­ders geeig­neter Schau­platz, um erneut den Euro­pacup zu gewinnen?


Natür­lich. Letzte Saison wollten wir unbe­dingt das Finale in Ber­nabeu errei­chen, aber dann fehlte uns gegen Inter ein Tor (1:3, 1:0 im Halb­fi­nale, d. Red.). Jetzt brennen wir darauf, das End­spiel an dem Ort zu spielen, an dem das Dream Team unter Cruyff 1992 den ersten Lan­des­meister-Titel in Barcas Ver­eins­ge­schichte holte.

Zu Beginn der Saison schien Barca aber Mühe zu haben, seine Spiele zu gewinnen, beson­ders zu Hause im Camp Nou.

Das Pro­blem ist, dass wir uns, anders als in den Jahren zuvor, schwerer tun, frühe Tore zu schießen und unsere Gegner damit unter Druck zu setzen. Diese Saison sind wir oft die­je­nigen, die das erste Tor kas­sieren. Das ist uns gegen Her­cules Ali­cante pas­siert, gegen Pan­athi­naikos Athen,
Rubin Kazan …

Viel­leicht wissen diese Gegner inzwi­schen ein­fach, wie man gegen Bar­ce­lonas System der abso­luten Ball­kon­trolle spielen muss.

Für mich liegt der Schlüssel darin, das erste Tor zu schießen, das bringt uns
Sicher­heit. Wenn unser Gegner in Füh­rung geht, obwohl er eigent­lich nur die Null halten will, macht das die Sache für uns erheb­lich schwie­riger. So war das übri­gens auch beim Spiel Spa­nien gegen die Schweiz. (0:1 im ersten Vor­run­den­spiel der WM, d. Red.)

Im direkten Duell haben Sie Real Madrid Ende November mit 5:0 gede­mü­tigt. Den­noch scheint Real unter José Mour­inho stärker als in den Vor­jahren zu sein. Die Neu­zu­gänge, beson­ders Mesut Özil und Sami Khe­dira, haben sich schnell ein­ge­wöhnt.


Das sind sicher­lich zwei gute Spieler. Aber von denen hatte Real schon vorher eine ganze Reihe: Cris­tiano Ronaldo, Higuain, Cas­illas, Pepe, Mar­celo. Aber was wirk­lich zählt, ist das Kol­lektiv, die Mann­schaft. Das ist das Ent­schei­dende. Und auch wenn sie unsere Phi­lo­so­phie nicht teilen, gewinnt dieses Real seine Spiele und gibt immer alles.

Nach der WM hatten Sie nur wenig Urlaub. Wie läuft es bei Ihnen per­sön­lich?


Kör­per­lich bin ich ein­ge­schränkt. Ich musste diese Saison schon zwei Wochen aus­setzen, weil ich unter Schmerzen an der Achil­les­sehne litt. Aber diese Ruhe­tage haben mir gut getan, ich konnte meine Bat­te­rien wieder auf­laden.



Haben sie schon ver­ar­beitet, dass Sie jetzt für alle Zeiten Welt­meister sind?

Ja, weil uns wirk­lich jede erdenk­liche Art von Ehrung zuteil wurde. Spa­nien ist nicht gerade bekannt dafür, große Titel zu gewinnen, des­wegen hört das jetzt als Welt- und Euro­pa­meister gar nicht mehr auf. Am wich­tigsten ist mir aber, dass wir diese Titel mit gutem Fuß­ball gewonnen haben und die Men­schen das aner­kennen.

Das Echo nach dem sehr hart geführten Finale gegen die Nie­der­lande war ein­deutig.

Beson­ders bewe­gend fand ich die Worte von Sepp Blatter, der sagte, es sei an der Zeit gewesen, einen Welt­meister zu erleben, der schönen Fuß­ball spielt. Das beweist, dass die Technik in diesem Sport wich­tiger bleibt als die
bloße Kraft. Und wir sind eine Genera­tion guter Fuß­baller, in der Natio­nal­mann­schaft genauso wie bei Barca.

Stimmt es eigent­lich, dass Sie Ihr Trikot aus dem Finale Michel Pla­tini geschenkt haben?

Ja, weil er mich darum gebeten hat. Also habe ich auf dem Trikot unter­schrieben und es ihm über­reicht. Es ist schon etwas Beson­deres, wenn der Prä­si­dent der UEFA, der ein sehr großer Spieler war, einen um sein Trikot bittet.

Haben Sie Erin­ne­rungen an seine aktive Zeit?

Ich habe ihn als Spieler kaum erlebt, weil ich zu klein war, aber mein Vater erzählte mir, dass er ein­zig­artig war. Ein paar seiner Spiele für Juventus und die fran­zö­si­sche Natio­nal­mann­schaft habe ich auf Video gesehen. Per­sön­lich ken­nen­ge­lernt habe ich ihn bei der U 20-Welt­meis­ter­schaft
in Nigeria 1999.

Wo Sie mit Spa­nien den Titel holten.

Jeder dachte, dass ich als bester Spieler des Tur­niers aus­ge­zeichnet würde, der Preis ging aber an meinen heu­tigen Mann­schafts­ka­me­raden Seydou Keita. Da kam Pla­tini zu mir und sagte: Du warst der Beste, du hät­test die Aus­zeich­nung ver­dient gehabt.“


Es scheint, als habe er Sie seitdem immer ein wenig im Auge behalten.

Ja, er hat immer wieder das Gespräch gesucht, genauso wie er es bei Andres Iniesta getan hat. Einmal sagte er, dass er lie­bend gern mit uns zusam­men­ge­spielt hätte, dass wir ihn an das Mit­tel­feld erin­nern, das er mit Giresse und Tigana in der Natio­nal­mann­schaft bil­dete. Ein großes Kompli- ment.

Am 10. Januar wird in Zürich der Gol­dene Ball für den Welt­fuß­baller des Jahres ver­geben. Träumen Sie davon, diese Aus­zeich­nung
zu gewinnen?


Ich wün­sche mir vor allem, dass dieses Jahr ein spa­ni­scher Spieler gewinnt. Und wenn das nicht klappt, dann soll es mein Freund Lionel Messi werden.
Er ist wirk­lich der beste Spieler der Welt und wird in den nächsten Jahren noch eine ganze Reihe Gol­dene Bälle gewinnen. Aber gut, in WM-Jahren spielt das Tur­nier natür­lich eine Rolle bei der Ver­gabe, und Andres und ich sind nun mal Welt­meister geworden.

Ist Messi wirk­lich der Beste der Welt?

Spieler wie ihn gibt es nur alle fünfzig Jahre. Wenn wir Spa­nier bei der Wahl zum Welt­fuß­baller eine Chance gegen ihn haben, dann nur dank der Tat- sache, dass Argen­ti­nien bei der WM nicht so viel Erfolg hatte. Ansonsten hätten wir nicht den Hauch einer Chance. Für mich ist Messi noch stärker als Diego Mara­dona. Seine Vor­herr­schaft wird noch Jahre andauern.

Zum ersten Mal wird auch der Trainer des Jahres gewählt. Kann sich Pep Guar­diola, Ihr Coach bei Barca, Chancen aus­rechnen?

Absolut. Auch abge­sehen von den Titeln, die er mit Barca geholt hat, hat er Maß­stäbe gesetzt. Es gibt Trainer, die erfolg­reich sind, an denen sich aber trotzdem nie­mand ori­en­tiert. Guar­diola aber ist schon jetzt eine Marke, wie vor ihm Arrigo Sacchi oder Johan Cruyff.

Was zeichnet diese Trainer aus?

Sie alle haben Dinge ver­än­dert, haben neue Tak­tiken erfunden; die Drei­er­kette, die hän­gende Spitze. Wie bei den Spie­lern gibt es auch unter Trai­nern Aus­er­wählte. Zu dieser Kate­gorie würde ich übri­gens auch Alex Fer­guson zählen.

Und José Mour­inho? Sie kennen ihn seit seiner Zeit als Bobby Rob­sons Co-Trainer bei Barca. Obwohl er ein Pro­vo­ka­teur vor dem Herrn ist, hatten Sie immer ein gutes Ver­hältnis zu ihm.

Er hat seinen eigenen Kopf, und das muss man akzep­tieren. Es gibt aber zwei Mour­inhos: den Men­schen und den Trainer, der die Polemik liebt. Wir
sollten sein Auf­treten nutzen und daraus zusätz­liche Moti­va­tion ziehen. Er will um jeden Preis gewinnen. Aber wir wollen gewinnen und dabei guten Fuß­ball spielen.