Die Mann­schafts­bilder

Sind in diesem Jahr eine ein­zige Ent­täu­schung. Man könnte wort­reich bedauern, dass sich auch in diesem Jahr nie­mand gefunden hat, der sich in Erin­ne­rung an Thorsten Legat die Buchse bis zur Bewusst­lo­sig­keit hoch­ge­zogen oder zumin­dest dem Neben­mann Hase­nöhr­chen gemacht hat. Aber auch jen­seits solch zivilen Unge­hor­sams ist das Genre des Gemein­schafts­bildes mitt­ler­weile voll­ständig her­un­ter­ge­rockt. Was einer­seits an den Spie­lern selbst liegt, die aus­nahmslos dem herr­schenden Diktat der Bür­zel­frisur folgen, mit dem Erfolg, dass inzwi­schen kaum einer nicht so aus­sieht wie Thorben Marx. Ande­rer­seits haben auch die Klubs dazu bei­getragen, finden sich doch statt eines unschul­digen Taxofit-Kof­fers inzwi­schen halbe Gewer­be­parks auf den Mann­schafts­bil­dern wieder. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das erste Mann­schafts­bild wegen einer Mas­sen­panik geschlossen werden muss. Wurden früher aus­nahms­weise auch die Co-Trainer aufs Bild gebeten, darf sich heute jeder Schü­ler­prak­ti­kant vom Ticket-Counter ein­reihen. Beim FC Schalke etwa stellt der Betreu­er­stab in diesem Jahr erst­mals eine ganze Reihe. Mit dem Erfolg, dass sich sauer­län­di­sche Schalke-Anhänger zunächst aus­giebig über einen bis dato nicht regis­trierten Neu­zu­gang freuen, um dann ernüch­tert nach­lesen zu müssen, dass es sich ledig­lich um den kurz­fristig ver­pflich­teten Öko­tro­pho­logen han­delt. Was immer das auch sein mag. Natür­lich, auch auf den glatt gebürs­teten Auf­nahmen der Neu­zeit findet sich manche Pre­ziose: Auf dem letzt­jäh­rigen Foto des Bayern-Kaders etwa bekam Miro Klose einen über­di­men­sio­nalen Koffer vor die Füße gestellt, um zu kaschieren, dass seine Arbeitschuhe nicht die erfor­der­li­chen drei Streifen auf­wiesen. Schön auch, dass Ober­hau­sens Betreuer Helmut Bor­mann nicht auf seine Son­nen­brille ver­zichten wollte. Wenn das Schule macht, schleppt der eine oder andere Mas­seur sicher dem­nächst auch ein Her­ren­hand­täsch­chen mit aufs Foto. Und die Mar­ke­ting­ver­ant­wort­li­chen des Zweit­liga-Auf­stei­gers SC Pader­born müssen für das aktu­elle Mann­schafts­bild die kom­plette Aus­gabe der ört­li­chen Gelbe Seiten“ durch­ge­ackert haben, auf der über­di­men­sio­nalen Wer­be­tafel ist die lokale Han­dels­kammer kom­plett ver­treten.



Die Trainer

Die Bun­des­liga hat es sich mal wieder anders über­legt. Noch vor Jah­res­frist galten blut­junge Übungs­leiter mit einer Hun­dert­schaft hoch­spe­zia­li­sierter Men­tal­trainer im Schlepptau als der letzte Schrei. Inzwi­schen wun­dert man sich fast, dass Egon Coordes und Rolf Schaf­stall nicht auch schon wieder dick im Geschäft sind und ihre Spie­lern mit höh­ni­schem Gelächter im Enten­gang auf die Platz­runde schi­cken. Dass Tra­di­tio­na­list Felix Magath auf Schalke wie ein Erlöser emp­fangen wurde und der 64-jäh­rige Jupp Heynckes in Lever­kusen nicht den Vor­sitz des Ältes­ten­rats, son­dern tat­säch­lich den Trai­nerjob ange­boten bekam, hat mit der höchst selt­samen letzten Saison zu tun. Da galt zur Halb­serie bereits als aus­ge­macht, dass allein die moderne Wis­sen­schaft den ent­schei­denden Unter­schied zwi­schen Spit­zen­mann­schaften machen werde. Fas­zi­niert starrte der deut­sche Fuß­ball nach Hof­fen­heim, wo Ralf Rang­nick unter kli­ni­schen Bedin­gungen den Fuß­ball ohne läs­tige Zufälle erprobte, unter­füt­tert von hoch­kom­plexer Spiel­ana­lyse. Und dann wurde doch Felix Magath, der die wis­sen­schaft­li­chen Pro­se­mi­nare der Kol­legen stets mali­ziös lächelnd quit­tiert und keinen Hehl aus seiner Lak­ta­t­in­to­le­ranz gemacht hatte, deut­scher Meister. Gleich dahinter lan­dete der FC Bayern mit dem rüs­tigen Senior Jupp Heynckes, dessen Trai­ning auch im nächsten Jahr sicher nicht für ein­schlä­gige Inno­va­ti­ons­preise vor­ge­schlagen wird. Seither werden vie­ler­orts wieder die eher rus­ti­kalen Ver­treter der Trai­ner­zunft bevor­zugt. Auch und gerade beim FC Bayern, wo Louis van Gaal sich offenbar sehr in der Rolle des knur­rigen Patri­ar­chen gefällt, dem Bou­le­vard fleißig Futter gibt und nicht einmal dann lachen muss, wenn er die flä­chen­de­ckende Satel­li­ten­über­wa­chung der Spieler in der War­te­schlange vor dem P1 ankün­digt. Erstaun­lich aber auch, dass Bruno Lab­badia nun zuge­traut wird, den Ham­burger SV in inter­na­tio­nale Höhen zu führen, wo doch nicht nur Lever­ku­sener Funk­tio­näre ihm eine eher ein­di­men­sio­nale Auf­fas­sung vom modernen Fuß­ball­spiel unter­stellten. 

Die Krise

Die Welt­wirt­schafts­krise hat in der Bun­des­liga bei­leibe nicht nur Angst und Schre­cken aus­ge­löst. Sicher, manch ein Zweit­liga-Manager wird gebangt haben, dass nun das ört­liche Auto­haus vor­eilig die Mit­glied­schaft im Spon­so­ren­ring knickt. Aber all­ge­mein war auch die Hoffung spürbar, dass es sich nun lohnen werde, dass der deut­sche Fuß­ball in den ver­gan­genen Jahren eini­ger­maßen solide gewirt­schaft hat. Ganz im Gegen­satz zu den hoff­nungslos ver­schul­deten Liga­be­trieben in Eng­land, Spa­nien, Ita­lien. Doch der große Knall blieb aus, weder musste Roman Abra­mo­witsch Chelsea im Tausch gegen ein paar Lebens­mit­tel­marken abgeben, noch wurden Man­chester United die gigan­ti­schen Aus­stände zum Ver­hängnis, die dem Klub von Besitzer Mal­colm Glazer nach der Über­nahme auf­ge­bürdet worden waren. Und so bleibt es dabei, dass die Bun­des­liga zwar wei­terhin boomt, inter­na­tional aber immer noch nicht kon­kur­renz­fähig ist. Mag durchaus sein, dass der FC Bayern sich wieder ins Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League schleppt und dass der VfL Wolfs­burg sich etwas geschickter anstellt als zuletzt Werder Bremen und der VfB Stutt­gart. Was aber nichts daran ändert, dass die Besten der Branche nach wie vor via Ring­tausch zwi­schen den eng­li­schen, spa­ni­schen und ita­lie­ni­schen Spit­zen­klubs ver­schifft werden. Wäh­rend die Bun­des­liga nei­disch zuschaut, wenn 80000 Madri­lenen die Prêt-à-porter-Show von Cris­tiano Ronaldo beju­beln, und sich den­noch halb­wegs auf Augen­höhe wähnt, bloß weil der VfB Stutt­gart die Gomez-Mil­lionen in einen Ersatz­mann von Real Madrid zu inves­tieren gedenkt. Nein, die deut­sche Rea­lität zeigt sich in der zweiten Reihe, etwa bei der Hertha aus Berlin, die immerhin Vierter wurde und sich den­noch nicht einmal leisten konnte, den eini­ger­maßen treff­si­cheren Andrej Voronin aus Eng­land los­zu­eisen. Statt­dessen musste Stoß­stürmer Artur Wich­niarek selbst für Teile seiner Ablöse auf­kommen, um jetzt als Hoff­nungs­träger durch die Ber­liner Gazetten gereicht zu werden. Das ist alles ein biss­chen depri­mie­rend, aber nicht zu ändern, wenn man sich nicht ein­lassen möchte, auf den Man­chester-Kapi­ta­lismus, auf irr­wit­zige Ablö­se­summen und kalt­schnäu­zige Ver­eins­be­sitzer, die in Klubs nichts anderes sehen als Kapi­tal­an­lagen. Die Bun­des­liga hat bisher einen Sicher­heits­ab­stand gehalten und ist trotz allem ganz gut damit gefahren. 


Die Sta­dien

Auch in den ver­gan­genen Jahren wurde an deut­schen Fuß­ball­stand­orten fleißig gebud­delt. In Augs­burg, in Berlin und in Aachen. Dort ver­lässt die Ale­mannia den alt­ehr­wür­digen Tivoli, eines der stim­mungs­vollsten und atmo­sphä­rischsten Sta­dien über­haupt, und zieht in einen gleich­na­migen Neubau nebenan, der dann aber doch allzu sehr den anderen neu erich­teten Fer­tig­beton-Arenen gleicht, die in den ver­gan­genen Jahren bereits errichtet worden sind. Mit dem Tivoli, seinen steilen Rängen, seinem leicht deso­laten Charme und der Steh­platz-Gegen­ge­rade geht aber­mals ein Stück tra­di­tio­neller Fuß­ball­kultur ver­loren. Man kann dem Verein nicht wirk­lich böse sein, er sucht wie alle anderen Klubs nach jeder Mög­lich­keit, mehr Geld ein­zu­nehmen. Und doch gibt es auch den anderen Weg, den der 1. FC Union Berlin gegangen ist. Bemer­kens­wert genug, dass dort Anhänger drei­zehn Monate lang unent­gelt­lich Gräben aus­hoben, Beton­teile schleppten und Gitter ver­schraubten, weil der Klub sich den Umbau sonst kei­nes­falls hätte leisten können. Min­des­tens ebenso mutig aber war die Ent­schei­dung, sich nicht der gän­gigen Mei­nung anzu­schließen, dass nur end­lose Reihen von Scha­len­sitzen pro­fi­tabel sein können. Statt­dessen besteht auch in der neu errich­teten Förs­terei die Gegen­ge­rade aus­schließ­lich aus Steh­plätzen. Die Beloh­nung für solche Weit­sicht ist eine unver­gleich­liche Atmo­sphäre, die es so ursprüng­lich wohl nicht einmal mehr beim anderen Vor­zei­ge­klub FC St.Pauli gibt. Man wünschte sich, dass die Vor­stände anderer Klubs einmal eine Bil­dungs­reise nach Berlin antreten. Etwa die Exe­ku­tive von Arminia Bie­le­feld, die auf der Alm die Steh­platz-Gegen­ge­rade durch eine kom­plett ver­sitz­platzte Haupt­tri­büne ersetzten, auf der nun aber keiner Platz nehmen möchte. Das Mit­leid hält sich in engen Grenzen. 


Die Saison

Nur sehr loyale Volks­wagen-Schicht­ar­beiter hätten wohl vor der letzten Saison ihre Dop­pel­haus­hälfte in Salz­gitter auf den Meis­ter­titel für den VfL gesetzt. Und wer konnte schon vor­aus­sehen, dass die TSG Hof­fen­heim in der ersten Halb­serie bril­lant anzu­schau­enden Hoch­tempo-Fuß­ball spielen würde, um in der zweiten Sai­son­hälfte auf­fällig lustlos über den Platz zu schlei­chen und in der Halb­zeit schon mal tele­fo­nisch beim VfB Stutt­gart wegen eines mög­li­chen Wech­sels vor­zu­fühlen. Die Spiel­zeit 2009/10 kommt ebenso indif­fe­rent daher. Weil der VfL Wolfs­burg mög­li­cher­weise wie alle Über­ra­schungs­meister leicht über­for­dert auf die zusätz­li­chen Mitt­wochs­ter­mine reagiert und sich allein darauf kon­zen­triert, sich inter­na­tional nicht zu bla­mieren. Weil Felix Magath sicher neuen Zug in das leicht ver­spon­nene Schalker Team bringen wird, aber viel­leicht auch unter­schätzt, dass bei Schalke nicht nur Fleisch­wurst­könig Tön­nies, son­dern min­des­tens ein wei­teres Dut­zend Hono­ra­tioren und Büch­sen­spanner mit­reden möchte. Und weil sich schließ­lich noch erweisen muss, ob sich der FC Bayern mit seiner brüsken Abkehr von all den Neue­rungen der Klins­mann-Ära wirk­lich einen Gefallen getan hat oder ob die kon­ser­va­tive Revo­lu­tion unter van Gaal nicht manch not­wen­digen Umbau gerade im Nach­wuchs­be­reich ver­schleppt. Jen­seits des unkal­ku­lier­baren Rin­gens um die raren Plätze in der Cham­pions League freut man sich aber auf manche Nagel­probe. Etwa die des ein­gangs erwähnten Bruno Labaddia. Denn so unrecht hatte Vor­gänger Martin Jol ja nicht, als er Neu­ver­pflich­tungen in Höhe von 40 Mil­lionen Euro als Vor­aus­set­zung für inter­na­tio­nale Kon­kur­renz­fä­hig­keit benannte. Ein ganz ähn­li­ches Pro­blem hat Michael Skibbe in Frank­furt, wo viele Anhänger und Wür­den­träger die Ein­tracht durch den Abschied von Fried­helm Funkel auch schon unauf­haltsam auf dem Weg ins inter­na­tio­nale Geschäft wähnen. Hier wie dort irri­tiert die tiefe Kluft zwi­schen hehren Ansprü­chen und realer Leis­tungs­fä­hig­keit. Aber genau daraus ent­steht ja für Unbe­tei­ligte wie für Betrof­fene jene Span­nung, die uns die Som­mer­pause so uner­träg­lich lang werden und uns auf­atmen lässt, wenn es am 7. August heißt: Anpfiff.