Lieber Paul Scholes,

kennst Du eigent­lich Axel Schulz? Das war einer der besten deut­schen Boxer aller Zeiten. Naja, das dachten wir jeden­falls immer alle. 1995, mit kna­ckigen 26 Jahren, trat er gegen den 45-jäh­rigen George Foreman an, haute ihm run­den­lang auf die Nase, vergaß aller­dings, den alten Mann K.o. zu schlagen. Was die Ring­richter wie­derum so irri­tierte, dass sie Foreman am Ende gewinnen ließen. Es hagelte Klapp­stühle und Geträn­ke­be­cher, nie wieder war unser Axel so gut wie damals. 2005, mit inzwi­schen 37 Jahren, stieg Axel wieder in den Ring. Er gab sein Come­back. Diesmal hagelte es keine Klapp­stühle, son­dern Hiebe. Einer der angeb­lich besten deut­schen Boxer aller Zeiten wurde von einem Nie­mand namens Brian Minto ver­mö­belt. Meine Güte, war das pein­lich. Und unser Axel gab seinen Rück­tritt vom Rück­tritt vom Rück­tritt bekannt.

37 Jahre, da muss es doch bei Dir klin­geln, Paul! Auch Du hast dieses für Leis­tungs­sportler bibli­sche Alter erreicht. Du warst noch 36, als Du im Sommer 2011 Deinen Rück­tritt erklärt hast. Nach fast 750 Spielen für Man­chester United, nach 66 Spielen für Eng­land. Nach Meis­ter­schaften, Pokal­siegen, Cham­pions-League-Erfolgen. Du warst ein Großer, viel größer als Axel Schulz. Und als Du gingst, haben wir geweint, jeden­falls ein biss­chen. Weil Du eine fan­tas­ti­sche Kar­riere hat­test, weil Du ein sen­sa­tio­neller Fuß­baller warst und weil Du das getan hast, was sich selbst auf der kleinsten Dorf­party bewährt: Du bist gegangen, als es am schönsten war.

Aber jetzt, lieber Paul, bist Du wieder da. Hast den Rück­tritt vom Rück­tritt“ erklärt. Bist zu Deinem Trainer, Deinem Mentor, Deinem Zieh­vater Alex Fer­guson gegangen und hast gesagt, dass Du all das ver­misst: Den fein gemähten Rasen, die Fans, die Sta­dien, den Geruch von Kabi­nen­schweiß in der Nase. Die große Bühne Profi-Fuß­ball. Und Dein Trainer hat gesagt, dass er Dich auch ver­misst habe und dann seid ihr euch wahr­schein­lich in die Arme gefallen oder habt euch kräftig die Hände geschüt­telt.

Ein Fehl­pass von Paul Scholes!

Klar, dass Du Dein Come­back im Derby von Man­chester gegeben hast. Die Fans, Deine Mit­spieler, Dein Trainer – alle hatten sie eine Gän­se­haut, als Du in der 57. Minute ein­ge­wech­selt wur­dest. FA-Cup, United gegen City, die große Bühne. War es das, was Du ver­misst hast? Die Auf­merk­sam­keit, die Gän­se­haut, den beson­deren Moment? Vier Minuten später hast Du einen Fehler gemacht, nach einem kurzen Ein­wurf einen Fehl­pass gespielt. Einen Fehl­pass, Du! Des­halb fiel das 2:3 für City, des­halb hätten die Blauen das Spiel fast noch gedreht. Aber es ging alles gut. Ihr habt mit 3:2 gewonnen und kein Mensch hat anschlie­ßend mehr über diesen Fehl­pass gespro­chen.

Es geht mir nicht um diesen Fehl­pass, Paul. Ich hätte Dir diesen Brief auch ohne das Spiel gegen City geschrieben. Ich freue mich für Dich, ganz ehr­lich. Auch ich habe Dich ver­misst. Aber ich habe Dich auch gerne ver­misst. Nimm das nicht per­sön­lich, aber ich finde es falsch, dass Du Dein Come­back gegeben hast.

Einer, der Tschüss“ sagt und Tschüss“ meint

Du warst ein groß­ar­tiger Spieler, einer der besten aller Zeiten. Aber gerade des­halb hät­test Du Dich zwingen müssen, Deinen Rück­tritt auch wirk­lich ernst zu nehmen. Gerade Du, Paul. Ein Spieler mit Stil. Immer bei ein und dem­selben Klub. Alle wollten so spielen wie Du. Grad­linig, ehr­lich. Ein Fuß­baller mit Prin­zi­pien. Der A sagt und A meint. Der Tschüss“ sagt und Tschüss“ meint.

Es wird viele geben, die es toll finden, dass Du wieder da bist. Aber das sind Ego­isten. Sie denken an sich und den Unter­hal­tungs­wert, den ein so viel­fach deko­rierter Spieler ihnen bietet, wenn er auf einmal wieder da ist. Du wirst nicht auf die Fresse kriegen wie damals Axel Schulz. Deine Gegner heißen wei­terhin Liver­pool, Man­chester City oder Arsenal und nicht Brian Minto. Aber auch du bist 37 und längst nicht mehr so gut wie mit 26 oder 30 oder 32. Du wirst Fehl­pässe spielen und man wird sich an diese Fehl­pässe erin­nern, weil Du schließ­lich Paul Scholes bist. Der Mann, von dem der beste Mit­tel­feld­spieler der Welt, Barcas Xavi, einst gesagt hat: Ich wollte immer so sein wie Paul Scholes.“ Dein Denkmal, das Du Dir selbst gebaut hast, wird nicht brö­ckeln. Aber es wird plötz­lich voller Tau­ben­scheiße sein, wenn Du ver­stehst, was ich meine.

Es gibt keine Best of“-Videos von den schlechten Spielen

Ich drücke Dir jetzt die Daumen, dass Du ent­gegen meiner Erwar­tungen doch noch Erfolg hast. Nix ver­lernt hast, immer noch genauso gedan­ken­schnell und bissig und robust bist, wie zu Deinen besten Zeiten. Schließ­lich erwarten das die Leute jetzt von Dir, dem Super­helden, den sie seit ein paar Monaten nur noch von schil­lernden Best of“-Videos im Internet kennen. Von Deinen richtig schlechten Spielen, Deinen Miss­erfolgen gibt es keine Best of“-Videos.

Bleibt nur zu hoffen, dass es Dir nicht ergeht wie unserem Axel. Dessen aller­letzten Kampf haben fiese Spötter mit Kom­men­taren von den Simp­sons“ unter­legt. Und ihn damit zu einer Witz­figur gemacht. Die Tau­ben­scheiße hat sein Denkmal zer­setzt und zer­stört.

Lass es nicht so weit kommen.

Alles Gute,

Dein Alex