Am 13. August 1961, als Hertha in West-Berlin ein­ge­mauert wurde, war ich noch nicht geboren. Für meinen Vater, einen von Lokal­pa­trio­tismus nur so strot­zenden Franken, gab es der­weil etwas zu feiern: Der Club aus Nürn­berg gewann die Deut­sche Meis­ter­schaft durch ein 3:0 im End­spiel gegen Borussia Dort­mund. Die Geschichten über die glor­rei­chen Zeiten des frän­ki­schen Fuß­balls erzählte er mir immer wieder, sehr aus­führ­lich und zu jeder Gele­gen­heit – gerne auch unge­fragt.



Von ihm lernte ich, dass es im Fuß­ball nicht nur um die Liebe zum eigenen Verein geht, son­dern vor allem gegen die anderen. Wurde ein Nürn­berger Spieler gefoult, for­derte er oft schon bei klei­neren Ver­gehen einen Platz­ver­weis, umge­kehrt sollte sich die Memme nicht so haben und schnell wieder auf­stehen – ein Mann mit dem Selbst­ver­ständnis eines Intel­lek­tu­ellen, der sams­tags ab 18 Uhr vor der Sport­schau saß und mit Aus­drü­cken wie Scheiß-Bayern“, Sau­preußen“ oder Der Schiri ist ein Arsch­loch“ nur so um sich warf. Hertha BSC war für ihn ein Betrü­ger­verein: Bilanz­fäl­schungen, Zwangs­ab­stieg, Bun­des­li­ga­skandal und – da in Berlin und somit in der Zone“ behei­matet – mit größter Wahr­schein­lich­keit vom Osten unter­laufen, um über den Umweg Fuß­ball die kom­mu­nis­ti­sche Welt­re­vo­lu­tion bis hinein ins hei­lige Fran­ken­land zu expor­tieren.

Meine Mutter fand Fuß­ball ziem­lich bescheuert, weil sie als Frau angeb­lich die Abseits­regel sowieso nicht ver­stehen konnte. Aller­dings kam sie vom Regen in die Traufe, als sie 1976 mit mir nach West-Berlin zog, an den ein­zigen Ort, an dem sie sich vor den Nach­stel­lungen meines Vaters sicher fühlte. Ihr zweiter Mann – mein Stief­vater Elmar – war näm­lich ein noch viel grö­ßerer Fuß­ball­narr als ihr erster. Unsere Sams­tage gestal­teten sich von nun an fol­gen­der­maßen: Ab 15.10 Uhr Radio-Live-Über­tra­gung der Bun­des­li­ga­spiele, 18 Uhr Sport­schau, dazwi­schen Essens­auf­nahme und gegen 22 Uhr das Aktu­elle Sport­studio. Selbst die Urlaubs­pla­nung war oft schwierig. Mensch, so ein Mist, die Som­mer­fe­rien liegen dieses Jahr aber blöd. Da hat ja die neue Saison schon ange­fangen.“

Ein Spit­zen­spiel: Die Betriebself der BVG gegen die BSR

Elmars Vater Egon, für mich immer Onkel Egon, war ein wasch­echter Her­thaner, der kein Heim­spiel ver­passte. Er erzählte schöne Geschichten, etwa wie er erst am nächsten Tag erfahren hatte, dass Hertha 1931 Deut­scher Meister geworden war, weil sie zu Hause noch kein Radio hatten. Pünkt­lich zur Bun­des­li­ga­grün­dung im Jahre 1963 war Hertha dann Meister der Stadt­liga geworden, hatte Tas­mania 1900 und Tennis Borussia abge­hängt und durfte als Ber­liner Ver­treter im Ober­haus mit­spielen.
Jedes Wochen­ende ging mein Onkel Egon ins Sta­dion, und hätte er nicht im Zweiten Welt­krieg ein Bein ver­loren und wäre nicht so schlecht zu Fuß“, er würde auch heute mit seinen fast 90 Jahren immer noch mit­kommen. Er war nicht so ein cho­le­ri­scher Sport­schau-Glotzer wie mein Vater, son­dern ein echter Fuß­ball­stra­tege.

Jeden Montag kaufte er sich gleich mor­gens die Fuß­ball­woche“, die Stamm­pos­tille aller Ber­liner Fuß­ball­in­ter­es­sierten, deren Käu­fer­kreis sich neben Hertha-Fans vor allem aus Ver­eins­mit­glie­dern unter­klas­siger Klubs und noto­ri­schen Tabel­len­a­rith­me­ti­kern wie Egon rekru­tiert. Die kom­plette Woche saß er über das aus­führ­liche Spiel­be­richts- und Tabel­len­ma­te­rial gebeugt, rech­nete Punkte zusammen und stellte schon mal seine Mann­schaft für das nächste Spiel auf. Egon ver­folgte den Ber­liner Fuß­ball bis in die unterste Liga. Selbst die Rubrik Sport im Betrieb“ war für ihn ein echtes High­light: Stellt euch vor, morgen gibt es ein wahres Spit­zen­spiel: die Betriebs­mann­schaft der BVG spielt gegen die BSR!“

Ha Ho He, Hertha BSC!“ – der Zug wackelte und vibrierte.


Als wir den Spät­sommer 1977 in unserer Laube auf Eis­werder ver­brachten, sagte meine Mutter: Egon, ich glaub’, die Claudia lang­weilt sich. Nimm sie doch mal mit ins Sta­dion!“ Das große Aben­teuer begann am U‑Bahnhof Zoo­lo­gi­scher Garten. Der Zug füllte sich mit blau-weißen Fans und es wurde immer lauter: Ha Ho He, Hertha BSC!“ – der Zug wackelte und vibrierte. Am U‑Bahnhof Olym­pia­sta­dion ange­kommen, schwammen wir in der Masse Rich­tung Sta­dion. In der Stra­ßen­un­ter­füh­rung waren die Schlacht­rufe ohren­be­täu­bend, solche akus­ti­schen Phä­no­mene kannte ich bis dahin noch nicht. Weiter ging es durch ein kleines Wald­stück, und dann lugte um die Ecke schon das Olym­pia­sta­dion. Das weite Rund, die Größe des Platzes und die olym­pi­schen Ringe über­wäl­tigten mich, das kleine Mäd­chen aus der Pro­vinz. Ein Besuch auf dem Mond hätte nicht auf­re­gender sein können.
Es folgte ein schier end­loser Gän­se­marsch in Rich­tung Ein­lass­be­reich. Onkel Egon hielt mich fest an der Hand und mahnte: Claudia, schön hier bleiben, nicht weg­rennen.“

Mir wäre im Traum nicht ein­ge­fallen, mich auch nur ein paar Zen­ti­meter von ihm zu ent­fernen, denn das hier war eine völlig andere Situa­tion als im Schwimmbad, wo man sich zu einem Bade­meister flüchten konnte. Damals in den sieb­ziger Jahren hatten die meisten Besu­cher ein Sitz­kissen dabei, denn es gab im Sta­dion noch keine Plas­tik­scha­len­sitze, son­dern man saß direkt auf den Stein­treppen. Um eine dro­hende Bla­sen­ent­zün­dung zu ver­meiden, bekam auch ich eins. Es wurde mit einer Schnur zusam­men­ge­bunden und ließ sich wie eine kleine Hand­ta­sche tragen. Mein Kissen war nicht blau-weiß, son­dern dun­kel­grün und mit Pril-Blüm­chen“ bedruckt. Ein echtes Kleinod meiner Kind­heit, das ich damals mit der rechten Hand umklam­merte und mich mit der linken an Egon fest­hielt, bis wir im Sta­dion waren. Weiter ging es durch das Gedränge hinein.

Kaum waren wir an unserem Platz ange­kommen und hatten die Sitz­kissen auf­ge­schnürt, sprangen auch schon alle wieder auf. Das Lied Blau-weiße Hertha, du bist unser Sport­verein“ schallte aus den Laut­spre­chern. Um mich herum wurde fröh­lich mit­ge­sungen. Auch Egon bewegte zart die Lippen. Die Fahnen flat­terten und etliche Fan­schals wurden geschwungen. Der Sta­di­on­spre­cher ver­kün­dete die Mann­schafts­auf­stel­lung und alle schrien die Namen mit. Ich war schwer beein­druckt. Im Sta­dion hatten sich die Massen dann doch ganz gut ver­teilt, es mussten etwa 30.000 Zuschauer da gewesen sein – bei einer Kapa­zität von damals 86.000 –, doch um mich herum war es ziem­lich voll.

Spiel­be­ginn. Die aus­schließ­lich männ­li­chen Erwach­senen kom­men­tierten jede Situa­tion laut­stark: Ran da! Gib doch mal ab! Mein Gott, is’ der blöd! Attacke!!! Hau ihn um, der kann nüscht.“ Egon debat­tierte der­weil ange­regt mit seinem Nach­barn: Er hätte lieber den Die­fen­bach von Anfang an bringen sollen. Ich würde jetzt end­lich einen zusätz­li­chen Stürmer ein­wech­seln. Warum stellt er nicht das Mit­tel­feld um?“ In der 43. Minute end­lich das Tor für Hertha. Karl-Heinz Gra­nitza traf gegen die Frank­furter Ein­tracht. Alle sprangen auf und lagen sich in den Armen, ich wurde von Fremden förm­lich erdrückt. In der Halb­zeit ent­spre­chend gute Stim­mung: Na Claudi, noch ein Eis und ne Limo?“

Da musste ich nicht zweimal gefragt werden – Fuß­ball begann mir immer besser zu gefallen. Die zweite Halb­zeit ver­lief ähn­lich wie die erste. Dieter Nüs­sing besie­gelte den Sieg für die Hertha. Mit leichten Bauch­schmerzen ging es zurück in die Lau­ben­ko­lonie. Dank des Sieges bekam ich auf dem Heimweg noch die eine oder andere Süßig­keit und Limo­nade (sonst gab’s bei uns immer nur Ber­liner Perle“ aus dem Was­ser­hahn). Abends lag ich glück­lich im Bett. In meinen Ohren hallte das Ha Ho He“ noch lange nach.


Nach diesem Erlebnis musste ich nicht mehr gefragt werden, ob ich mit­kommen wollte. Ich begann, ein paar Kinder aus der Kolonie zu mobi­li­sieren, und es bil­dete sich bald eine kleine Gruppe, bestehend aus meinen Freunden und den älteren Herren um Egon, die sich sams­tags auf den Weg ins Sta­dion machte. Egon und seine Freunde ana­ly­sierten die Spiele, wah­rend wir Kinder durch das Olym­pia­sta­dion tobten. Dort konnten wir laut­stark das rie­sige Gelände erobern. Wir ent­wi­ckelten Spiele wie in ent­ge­gen­ge­setzten Rich­tungen durchs Ron­dell zu rennen. Los ging’s am Block K. Wer als erster dort wieder ange­kommen war, hatte gewonnen. Und noch etwas lernten wir: Gewann Hertha, war fast alles mög­lich. Ich plat­zierte Fragen wie Darf ich morgen Tatort gucken?“ oder Darf ich nächste Woche bei Sylvia schlafen?“ bewusst auf den späten Sams­tag­nach­mittag. Verlor Hertha, hieß es, sich in sein Schicksal fügen und auf den nächsten Sieg warten. Bei einem Unent­schieden kam es auf die Resul­tate der Kon­kur­renz und den Tabel­len­stand an. So lernte ich nebenbei auch ein biss­chen rechnen.

Halb­fi­nale im UEFA-Cup 1979 gegen Bel­grad


Mein Lieb­lings­spieler war, wie für viele Ber­liner Gören, Erich Ete“ Beer, auch bekannt als Ber­liner Beer“. Er spielte zum Zeit­punkt meiner Geburt noch für den 1. FC Nürn­berg, ging aber später nach West-Berlin, wo er sich zur Hertha-Legende ent­wi­ckelte. Mit ihm wurde der Verein in der Saison 1974/75 Vize­meister, 1970/71 und 1977/78 sprang immerhin der 3. Platz heraus. Zum Ende meines ersten Fuß­ball­jahr­zehnts ver­sank Hertha im Mit­telmaß der Bun­des­liga. Noch gab es jedoch Licht­blicke: 1977 und 1979 wurde das Finale im DFB-Pokal erreicht und auch inter­na­tional gab es einen großen Auf­tritt: das Halb­fi­nale im UEFA-Cup 1979 gegen Roter Stern Bel­grad, bei dem uns nur diese blöde Aus­wärts­tor­regel stoppen konnte. Leider wurde ich von meiner Mutter für zu jung befunden, um bei diesem denk­wür­digen Unter-der-Woche-Flut­licht­spiel dabei sein zu können.

Große High­lights waren natür­lich auch die Ber­liner Derbys gegen Tennis Borussia. Wie leicht ging uns doch der ein­gän­gige und kesse Reim TeBe, TeBe, die Scheiße von der Spree!“ über die Lippen! Im Mai 1980 ver­setzte der Ein­sturz der Kon­gress­halle, besser bekannt als Schwan­gere Auster“, die Stadt in helle Auf­re­gung.

Nur zehn Tage später stürzte Hertha ab. Die Saison war ner­ven­auf­rei­bend gewesen. Bis zum letzten Spieltag hatten wir gehofft, gerechnet, gezit­tert und ab und an sogar gebetet. Wir mussten schreck­liche Nie­der­lagen wie eine 0:6‑Klatsche gegen den HSV und eine 0:4‑Packung gegen For­tuna Düs­sel­dorf –einen direkten Kon­kur­renten im Abstiegs­kampf – weg­ste­cken. Im letzten Spiel gegen Stutt­gart kämpfte die Mann­schaft wacker und eroberte in diesen 90 Minuten einmal mehr mein Herz, umsonst jedoch, da es nach Spie­lende zer­brach, es fehlten zwei Tore, um die punkt­glei­chen Uer­dinger noch vom 15. Tabel­len­platz zu ver­drängen. Egon schwieg, und ich weinte bit­ter­lich.

In der fol­genden Som­mer­pause fand die EM in Ita­lien statt, und ich wurde bald zuneh­mend in die ana­ly­ti­schen Gespräche der Erwach­senen mit ein­be­zogen. So ging ich mit erheb­lich mehr Fach­wissen in die neue Saison, da mir tak­ti­sche Spiel­züge nicht länger fremd waren. Egon genoss mein erwachtes Inter­esse an der Fuß­ball-Wis­sen­schaft und erklärte mir erfreut alle wich­tigen Begriffe wie Mann­de­ckung und Raum­de­ckung, Vor­wärts- und Rück­wärts­be­we­gung, Konter, Libero und natür­lich die Abseits­regel (mit erho­benem Zei­ge­finger): Ent­schei­dend ist der Moment der Ball­ab­gabe!“

Sol­cherart Wissen ist äußerst wichtig, um ein anhal­tendes Inter­esse am Fuß­ball zu ent­wi­ckeln. Es ermög­licht herr­liche Dis­kus­sionen um even­tu­elle Fehl­ent­schei­dungen, die für nie enden wol­lenden Gesprächs­stoff sorgen. Hinzu kommt die Ana­lyse der Ein­kaufs­po­litik und der Ver­let­zungs­sorgen anderer, aber vor allem des eigenen Ver­eins.

Für Außen­ste­hende ist es oft nicht nach­voll­ziehbar, wie sich sonst scheinbar ein­ander fremde Per­sonen stun­den­lang über ein- und das­selbe Thema unter­halten können. Für die Betei­ligten ist es dagegen eine Art der Kom­mu­ni­ka­tion, die sich jedes Mal wieder in unver­bind­liche Leere auf­löst, denn daran, wel­chen Verein oder wel­chen Spieler man bevor­zugt, ändern diese Small­talks nichts.

2. Liga: Hertha-Heim­spiele waren von nun an Regen­tage


In der ersten Zweit­liga-Saison ver­passte Hertha den Wie­der­auf­stieg ähn­lich knapp wie zuvor der Abstieg besie­gelt worden war. Doch ein Jahr später klappte es. Nach einer ansehn­li­chen Spiel­zeit lan­dete Hertha in der Saison 1981/82 auf dem zweiten Platz und durfte sich wieder auf die ganz großen Ver­eine“ freuen. Der Sommer war gerettet. Aller­dings sollten schon bald wieder dunkle Wolken am blau-weißen Fir­ma­ment auf­ziehen und schwere Zeiten für Egon und mich anbre­chen, stellte sich doch schnell heraus, dass die Mann­schaft in keiner Weise mehr bun­des­li­ga­taug­lich war. Nach einem ent­setz­li­chen Jahr rutschte Hertha als Tabel­len­schluss­licht wieder eine Klasse tiefer. Grau in grau ging es weiter. Hertha-Heim­spiele waren von nun an Regen­tage. Natur­wis­sen­schaft­lich nicht zu erklären, aber durch meine Erin­ne­rung belegt.

Wenn es mal nicht in Strömen reg­nete, nie­selte es oder war bit­ter­kalt und windig. Wir waren nicht nur dem schlechten Spiel auf dem Platz, son­dern auch dem Wetter schutzlos aus­ge­lie­fert, das Sta­dion hatte noch keine Über­da­chung. Das freund­lich blin­zelnde Mar­mo­roval aus meinen Kind­heits­tagen hatte sich in ein Men­schen ver­schlin­gendes Monster aus der Nazi­zeit zurück­ver­wan­delt. In diesem grauen Koloss ver­loren sich im Schnitt jetzt nur noch 4000 Zuschauer, und was die Sache noch schlimmer machte, war der Umstand, dass gerade die Unsym­pa­thischsten aller Fans wei­terhin kamen. Unser kleiner inof­fi­zi­eller Fan­klub begann, sich ein wenig auf­zu­lösen. Egon musste mich mit gutem Zureden ins Sta­dion bet­teln: Komm, wird schon wieder besser werden. In guten wie in schlechten Zeiten!“ Auch meine Mutter mischte sich ein: Du kannst ihn doch jetzt nicht alleine gehen lassen.“ Also mar­schierte ich weiter mit ins Sta­dion.

Mitt­ler­weile war ich nach Kreuz­berg umge­zogen und ver­brachte dort mehr und mehr Zeit in den besetzten Häu­sern unserer Straße. Ich tou­pierte mir die Haare und färbte sie bunt, war also eine kleine Pun­kerin. Berüh­rungs­ängste zur Hertha ent­wi­ckelte ich wegen dieses Wan­dels erstmal nicht, eher war dies umge­kehrt der Fall.

Sam­mel­be­cken der rechten Szene West-Ber­lins


Bereits in den 60er Jahren hatten sich die Hertha-Frö­sche“ gegründet. Diese Fans orga­ni­sierten neben den obli­ga­to­ri­schen Besu­chen der Heim­spiele regel­mä­ßige gemein­same Fahrten zu Aus­wärts­spielen. Eine Welt, in der sich Freund­schaften wie zum Karls­ruher SC und Feind­schaften wie zu Schalke 04 aus­bilden konnten – vor allem als beide Mann­schaften in der 2. Liga auf­ein­ander trafen, kam es immer wieder zu hef­tigen Schlä­ge­reien. Ihren Namen erhielten die ›Frö­sche‹ von einem Sport­jour­na­listen, nachdem sie bei einem Spiel im Winter 90 Minuten lang in der Ost­kurve her­um­ge­hüpft waren, um sich warm zu halten. In den acht­ziger Jahren ori­en­tierten sie sich zuneh­mend an den Hoo­li­gans der eng­li­schen Pro­fi­liga und ent­wi­ckelten sich zu einem Sam­mel­be­cken der rechten Szene West-Ber­lins.

Die U‑Bahn-Fahrt zum Sta­dion wurde zum Spieß­ru­ten­lauf. Wir wurden mit bösen Bli­cken kon­fron­tiert, ich wurde so man­ches Mal als Zecke“ beschimpft. Bom­ber­ja­cken und Glatz­köpfe hatten die mir ver­trauten langen Mähnen und Schlag­hosen als bestim­mende Mode abge­löst. Im Sta­dion hörte man haupt­säch­lich lautes rechts­ra­di­kales Gegröle, die spie­le­ri­sche Seite wurde so gut wie nicht mehr beachtet. Egon maß dieser Ent­wick­lung kaum Bedeu­tung zu, und die Ver­eins­oberen nahmen sowieso eine indif­fe­rente Hal­tung zu den Ran­dale-Fans ein. In dieser Zeit waren zah­lende Zuschauer wich­tiger als Bild- und Fern­seh­rechte, und so hütete man sich davor, sich diese paar Hohl­köpfe durch Stel­lung­nahmen gegen Gewalt und Ras­sismus, die heute längst zum guten Ton eines Pro­fi­klubs gehören, zu ver­graulen.


Was mich zusätz­lich ärgerte, war, dass der Verein auch seine sport­liche Tal­fahrt mit stoi­scher Gelas­sen­heit hin­zu­nehmen schien. Monate zog mich allein die Illu­sion, es könne ja nicht mehr schlechter werden, ins Sta­dion. Einer meiner Negativ-Höhe­punkte war 1985 ein extrem lang­wei­liges 1:1 bei Nie­sel­regen gegen einen so genannten VfR Bür­stadt mit knapp 2000 Zuschauern. 1986 ver­ab­schie­dete sich die alte Dame“ dann fol­ge­richtig aus dem Pro­fi­fuß­ball und stieg mit ihrem alten Bekannten Tennis Borussia in die Ama­teur­liga ab. Die Spiele fanden nun nicht mehr im Olym­pia­sta­dion statt, son­dern im deut­lich klei­neren Post­sta­dion im Nie­mands­land zwi­schen Moabit und Wed­ding. Dass ich dort über­haupt zweimal auf­kreuzte, ver­dankte sich ledig­lich einer kurzen Affäre mit einem dem Bier zuge­neigten Rocka­billy. Er hatte eine Stelle aus­findig gemacht, an der der Sta­chel­draht kaputt war, sodass man leicht über den Zaun steigen konnte.

Glatzen und Männer in Gestapo-Uni­formen

Ohne son­der­lich viel Notiz von den uns umge­benden Nazi­h­orden zu nehmen, ver­an­stal­tete er mit einem Kumpel im Post­sta­dion einen pri­vaten Sonn­tags­früh­schoppen – eine Palette Hansa-Buchsen wurde als erstes über den Zaun geschoben. Obwohl ich den Humor der beiden schätzte, hat sich die Dumpf­heit dieser Ver­an­stal­tung ins­ge­samt in meine Erin­ne­rung gebrannt: Neben den gewohnten Glatzen nahm ich nun auch Männer in Gestapo-Uni­formen wahr, der Schlager Marmor, Stein und Eisen bricht“ wurde von der Mehr­heit der Sin­genden mit einem kräf­tigen Sieg heil!“ beschlossen – nur eine Min­der­heit von Kom­pro­miss­lern ergänzte dazu im selben Rhythmus ein zartes Schul-Theiss! Schul-Theiss! Schul-Theiss!“
Das war’s dann aber. Fortan schlug ich mir lieber die Nachte im Lini­en­treu“ um die Ohren, besuchte Kon­zerte im Loft oder im Metropol, inter­es­sierte mich für Jungs, Mode und Politik.

Egon tigerte mit seinen älteren Herren wei­terhin ins Post­sta­dion. Er hatte viele Freunde bei Ver­einen wie den Rei­ni­cken­dorfer Füchsen, SC Gatow oder TSV Rudow, die nun Her­thas Gegner waren. Im Grunde war er ganz zufrieden, da sich alles viel mehr an der Basis abspielte. Und er hielt mich immer auf dem Lau­fenden. Ich trös­tete ihn, als Hertha nach der ersten Ober­liga-Saison noch eine Ehren­runde drehen musste.

Die Mann­schaft hatte zwar die 3. Liga domi­niert, musste aber noch ein Rele­ga­ti­ons­spiel um den Auf­stieg gegen den BVL Rem­scheid absol­vieren. Ein Unent­schieden hätte gereicht, doch tat­säch­lich wurde eine 1:0‑Führung am Ende noch mit 1:3 ver­spielt. Egon regte sich damals fürch­ter­lich über diese Rele­ga­ti­ons­spiel­regel auf: Die alte Dame hat ein­fach nichts in der 3. Liga zu suchen, das ist Wett­be­werbs­ver­zer­rung!“ Ein Jahr später sollte es dann klappen. Hertha gewann das Rele­ga­ti­ons­spiel sou­verän mit 4:1 gegen Preußen Münster.

75.000 Zuschauern beim Zweit­liga-Auf­stiegs­gipfel


Ich besuchte lange Zeit kein ein­ziges Spiel mehr, blät­terte aber gerne in der Ber­liner Fuß­ball­woche“, wenn ich bei Egon zu Besuch war. Und bis heute schlage ich immer als erstes den Sport­teil einer Zei­tung auf, um Berichte über Hertha zu suchen. Die Liebe zu meinem Verein konnte ich aller­dings nur sehr wenigen meiner Freunde ver­mit­teln. Zumeist stieß ich auf großes Unver­ständnis: Ihh, was hast du denn mit diesen Faschos am Hut?“ Erst nachdem 1996 Jürgen Röber die blau-weiße Gur­ken­truppe über­nahm, ent­deckte ich das Aben­teuer Olym­pia­sta­dion wieder, zumal mein Sohn nun selbst im sta­di­on­taug­li­chen Alter war. Ganz fest hielt ich seine kleine Hand gedrückt und freute mich über sein Staunen. Ich begeis­terte ihn für den Fuß­ball, so wie schon Egon als kleiner Junge von seinem Vater und ich von Egon begeis­tert worden war. Mit dem Wie­der­auf­stieg 1997 kam dann auch der sport­liche Erfolg als Garant für geteilte Glück­se­lig­keit zurück. Die Atmo­sphäre stimmte wieder, man denke an das mit 75.000 Zuschauern aus­ver­kaufte Olym­pia­sta­dion beim Zweit­liga-Auf­stiegs­gipfel gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern. Und natür­lich strahlte bei Heim­spielen jetzt wieder die Sonne. Frank Zander, die lebende Inkar­na­tion einer knorken Cur­ry­wurst­bude, schaffte es, aus dem aus­ge­dorrten We are sai­ling“ den Hertha-Hit Nur nach Hause gehen wir nicht“ zu formen. Optisch brachte er zugleich wieder die Matte mit ins Spiel.

Oft habe ich mich gefragt, was es mit meiner Zunei­gung zu Tante Hertha auf sich hat, warum ich ihr immer irgendwie die Stange gehalten habe, trotz all der ver­filzten Chef­ses­sel­furzer, der zeit­weise deut­lich erkenn­baren Neo­nazi-Struk­turen und des harm­loser wir­kenden, aber umso weiter ver­brei­teten Lokal­pa­trio­tismus. Von außen betrachtet ist Fuß­ball eine sau­blöde Ange­le­gen­heit: Die Spieler erle­digen mehr oder weniger lei­den­schaft­lich ihren Job, und ein Groß­teil der Fans legt Ideale wie Ehre, Treue oder Erfolgs­ge­habe in die Waag­schale. All dies teile ich wirk­lich nicht. Und den­noch steht mir die alte Tante so nah wie eine leib­haf­tige Person, wie eine wirk­liche Tante, die sich man­ches Mal daneben benommen, aber auch ihre guten Seiten hat.

Zu meiner Recht­fer­ti­gung kann ich höchs­tens anführen, dass der Ver­eins­fuß­ball mit dem ganzen Drum­herum einen hohen Unter­hal­tungs­wert hat. Ein Fuß­ball­spiel hat das Poten­zial von einem guten Rock­kon­zert: Es wird gesungen, geschrien, gelacht und gebangt. Manchmal. Oft ist es aber auch ein­fach nur lang­weilig. Dann aber ent­rückt man in eine Welt wun­der­barer Mono­tonie. Beide Vari­anten sind sehr intensiv. Und das Pri­ckelnde ist, dass man vorher nie weiß, was kommt.

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Ent­nommen dem Buch:
War jewesen – West-Berlin 1961 – 1989“

(Parthas, 469 Seiten, 24 Euro)