Saison 1993/94. Werder Bremen erreicht als aktu­eller Deut­scher Meister die Zwi­schen­runde der Cham­pions-League. Gegner der Nord­deut­schen ist auch der por­tu­gie­si­sche Ver­treter FC Porto, der mit Sir Bobby Robson eine Trai­ner­le­gende auf seiner Bank prä­sen­tiert hat. Assis­tent und Über­setzer des Eng­län­ders: José Mour­inho.

Im November 1993 kommt es schließ­lich zum Auf­ein­an­der­treffen zwi­schen dem FC Porto und Werder Bremen. Zum Erstaunen vieler Kri­tiker ändert der erfah­rene Trainer Robson vor der Partie völlig über­ra­schend die tak­ti­sche Aus­rich­tung der Mann­schaft. Und: Er stellt einen vorher kaum ein­ge­setzten Angreifer auf.

Warum um Him­mels Willen spielt Dom­ingos Paciência?“ Die Presse ist ratlos. Portos 35.000 Anhänger skep­tisch. Nur ein Sta­dion-Besu­cher ist es nicht: Ein 16-Jäh­riger im blau-weißen Trikot schmun­zelt schel­misch und reibt sich die Hände, sein Plan nimmt langsam Formen an. Um das Ver­halten des Teen­agers zu ver­stehen, müssen wir die Gescheh­nisse im Vor­feld der Begeg­nung genauer betrachten.

Sein Idol: Dom­ingos Paciência

Bobby Robson logiert wäh­rend seines Auf­ent­haltes in einem mehr­stö­ckigen Miets­haus der zweit­größten Stadt Por­tu­gals. Das Gebäude wird außerdem von einem glü­henden Porto-Anhänger bewohnt: Ein gewisser André Villas Boas. Dieser liebt den Fuß­ball, seinen Verein und hat ein Idol: Portos Mit­tel­stürmer Dom­ingos Paciência. Außerdem ist der 16-Jäh­rige bereits in jungen Jahren ein Taktik-Fuchs. Am hei­mi­schen Schreib­tisch sta­peln sich etliche Skizzen zu Spiel­ana­lysen, Lauf­wegen und diversen Mann­schafts­auf­stel­lungen. Jedoch kann Villas-Boas den 24-jäh­rigen Angreifer Paciência nur selten auf dem Spiel­feld bewun­dern, unter Trainer Robson kommt der Goal­getter kaum zum Zug. Da sich der ein­ge­fleischte Fan mit dieser Situa­tion nicht abfinden will, bläst er zur Attacke und nutzt die Tat­sache, dass der Ver­ant­wort­liche gleich­zeitig sein Nachbar ist. Vor der Partie gegen Bremen landet im Brief­kasten des Eng­län­ders ein Brief. Absender: André Villas-Boas.

Ein Brief für Nachbar Bobby

Mister, warum spielt eigent­lich nicht Dom­ingos Paciência?“, fragt der kecke Teenie. Und offen­bart Robson sogleich diverse tak­ti­sche Vor­züge seines fuß­bal­le­ri­schen Idols. Der Chef­trainer und sein Adju­tant José Mour­inho sind angetan: Könnte der vor­laute Bengel mit seiner Theorie recht haben? Gegen Wer­ders hoch­ge­wach­sene Ver­tei­di­gung um Abwehr­chef Rune Bratseth könnte der quir­lige und nur 1.74 Meter große Paciência seine Stärken im Dribb­ling per­fekt aus­spielen. Beide ana­ly­sieren den Vor­schlag genau und ent­scheiden: Ja, wir ver­su­chen es!
Das Spiel ist sieben Minuten alt, als Oliver Reck an diesem Abend zum ersten Mal hinter sich greifen muss. Tor­schütze? Dom­ingos José Paciência Oli­veira. Die Begeg­nung endet 3:2 für Porto.

Mit Anfang 30 Chef­trainer in Porto

Bobby Robson war sei­ner­zeit von Villas-Boas‘ Fähig­keiten so begeis­tert, dass er ihm direkt eine Prak­ti­kan­ten­stelle im Verein anbot. Es sollte der Grund­stein einer beein­dru­ckenden Trai­ner­kar­riere werden. Unter José Mour­inho reifte der Por­tu­giese als Assis­tent bei Chelsea und Inter Mai­land, ehe der heute 33-Jäh­rige vor der Saison als Chef­trainer des FC Porto vor­ge­stellt wurde. Er könnte mit einem Sieg gegen Spor­ting Braga nach dem Gewinn der Meis­ter­schaft seinen bis dato größten Erfolg feiern und als jüngster Trainer in die Geschichte ein­gehen, der einen Euro­pa­pokal gewinnen konnte.

Aller­dings: Sein Gegen­über hat etwas dagegen. Das eins­tige Idol, Dom­ingos Paciência, ist heute Coach in Braga. Und auch der 42-Jäh­rige würde in Dublin gerne als Außen­seiter den ganz großen Coup landen: Der FC Porto ist der große Favorit. Aber für viele hier in Braga ist es das Spiel des Lebens“, sagt Dom­ingos Paciência. Uns fehlt nur der aller­letzte Schritt, um Geschichte zu schreiben.“