Alle Lie­bes­er­klä­rungen an den Fuß­ball unserer Autoren lest ihr in 11FREUNDE #217. Das Heft ist ab sofort am Kiosk und hier bei uns im Shop erhält­lich.

Was pas­siert hier?“, fragt mein Cousin und schüt­telt den Kopf. Wir stehen auf dem Praça do Comercio in Lis­sabon und blin­zeln ratlos in die Sonne eines Früh­som­mer­tags, an dessen Ende ein Euro­pa­cup­spiel gegen Ben­fica wartet. Er zuckt die Ach­seln, ich zucke die Ach­seln, wir trinken Bier und sehen einem Ein­tracht-Fan dabei zu, wie er sich die Gitarre eines Stra­ßen­mu­si­kers leiht und darauf Im Herzen von Europa“ spielt. Im Hin­ter­grund hisst einer eine SGE-Fahne, Dealer stehen rum und ver­gessen ihr Tag­werk, fach­sim­peln lieber mit den Frank­fur­tern über das anste­hende Spiel. 

Mein Cousin meint nicht den Musiker, nicht die Fahnen oder Dealer. 

Er meint das alles. Die Fans, die mit ungläu­biger Miene durch den plötz­li­chen Erfolg ihres Ver­eins stol­pern. Die emo­tio­nale Erschüt­te­rung, die es bedeutet, gerade Fan von Ein­tracht Frank­furt zu sein. Dieses gute Gefühl, fas­sungslos den Kopf zu schüt­teln. Seit wir klein sind, hängen wir an der Ein­tracht, und bei allem Spaß war das all die Jahre auch ein tiefes Tal, das es tapfer zu durch­schreiten galt. Die ver­ge­benen Chancen und unein­ge­lösten Ver­spre­chen, das stete Hät­te­wä­re­wenn, die Abstiege, Mit­tel­maß­jahre, all die Rob Fri­ends und Ivica Mornars. Hätte ich je gedacht, dass es anders würde? Und hätte das was geän­dert? Wir lieben diesen Sport ja trotzdem, lat­schen weiter ins Sta­dion, treffen Freunde, schreien den Fern­seher an oder umarmen ihn bis­weilen. Dass am Ende sowieso die anderen gewinnen, das war doch immer klar. Oder nicht?

Eine sich schlie­ßende Wunde

Was pas­siert hier, was geht denn hier ab?“, schreit der Bayern-Fan in dem You­tube-Video, in dem die 96. Minute des Pokal­fi­nals 2018 läuft. Mijat Gaci­novic rennt und rennt, sprintet aufs leere Tor zu, dann zu den fei­ernden Fans, bis in die Geschichts­bü­cher und weiter, quer in die Leben so vieler Men­schen. Wenige Plätze unter dem fil­menden Fan muss ich irgendwo stehen. Ich halte meinen Cousin im Arm, er hat die Augen geschlossen und schreit, als der Ball über die Linie rollt. 

Als wir klein waren, schossen wir die Ein­tracht auf dem Bolz­platz zur Meis­ter­schaft. Die Rea­lität, das ahnten wir, war eine andere. Abstiege, Nacken­schläge, die vielen Tage auf ver­reg­neten Steh­ter­rassen oder in die­sigen Fuß­ball­kneipen, dieser schlechte Atem immer­wäh­render Ver­geb­lich­keit. Bis, ja bis. Der Moment, in dem ich meinen Cousin im Pokal­fi­nale im Arm halte, ist bis heute eine Tür zu einem son­ni­geren Ort, die ich jeder­zeit öffnen kann. Das Gefühl einer sich schlie­ßenden Wunde. Das Pokal­fi­nale ist andert­halb Jahre her, es geht alles so schnell. Feier am Römer, Inter, Ben­fica, Chelsea, 57 Tore von drei his­to­risch guten Stür­mern. Jetzt stehen wir auf der Tri­büne, sehen ein 5:1 gegen die Bayern in der Bun­des­liga und uns gehen die Worte aus. Auf so eine Art ungläubig sein zu können, denke ich, ist ein Geschenk. 

Was pas­siert hier“, fragt mich ein Freund später am Abend vor dem Sta­dion. Er hat sich Gaci­no­vics Tor auf den Arm täto­wieren lassen, und spre­chen wir betrunken über den Abend im Mai 2018 in Berlin, weint er manchmal ein biss­chen. So wie ihm, so wie mir geht es tau­senden Fans. Viel­leicht dreht sich der Fuß­ball, ja ein ein­zelnes Spiel, manchmal so schnell und unver­hofft, dass es eine ganze Menge Leben ein­fach mit sich dreht. Auf den Kopf, zum Guten, aus der Fas­sung, wohin auch immer.