Im Sommer 1986 dachte ich für ein paar Tage, Bel­gien sei die beste Mann­schaft der Welt. Ach, nein, ent­schul­digen Sie, dieser Text muss anders beginnen, und zwar so: Im Sommer 1986 war ich neun Jahre alt, ein Fuß­ball­neu­ling, der gerade seine erste Bun­des­li­ga­saison hinter sich hatte. Ich war davon über­zeugt, dass Deutsch­land in Mexiko Welt­meister wird, auch wenn ich die Mann­schaft nicht son­der­lich mochte. Auf den Panini-Bil­dern schauten mich Karl-Heinz Rum­me­nigge, Hans-Peter Briegel oder Dieter Hoeneß an wie 50 Jahre alte Knei­pen­schläger. Zer­furchte Gesichter, Halb­glatzen, Kas­ten­körper. Sie waren Maschinen, die aller­dings erfolg­reich spielten. So sah ich das. Zumin­dest bis zu dem Tag, als Däne­mark diese DFB-Kas­ten­männer 2:0 rasierte. Warum hatte mir mein Vater nichts von dieser Wun­der­mann­schaft aus dem Norden erzählt?

Ein unfaires Duell

Wenige Tage später war ich wieder schlauer. Die Dänen gingen näm­lich gegen Spa­nien im Ach­tel­fi­nale unter, 1:5, was für eine Schmach. In meiner kleinen Fuß­ball­welt waren nun die Spa­nier heißer Titel­an­wärter, eine wahr­lich tolle Mann­schaft. Aber dann, potz­blitz, das Vier­tel­fi­nale gegen Bel­gien. Ich war sprachlos. Wie konnten Butra­gueno und Salinas gegen dieses mir noch ganz unbe­kannte Team ver­lieren? Was, um Him­mels willen, war das für ein selt­samer Sport? Unvor­her­sehbar, unver­stehbar. Als Bel­gien dar­aufhin im Halb­fi­nale gegen Argen­ti­nien verlor, blieb ich trotzdem Sym­pa­thi­sant der Roten Teufel, denn es schien ein unfaires Duell gewesen zu sein. Der Gegner lief mit einem kleinen Spieler auf, den sie Gott nannten und der Tore mit der Hand erzielen durfte.

Beson­ders an einem Bel­gier fand ich Gefallen: Vin­cenzo Scifo. Auf dem Panini-Bild trug er eine Gold­kette, die dichten schwarzen Haare hatte er mit Gel nach hinten fixiert. Ein paar Jahre später hätte er for­mi­dable Chancen beim Cas­ting zum dritten Teil von Der Pate“ gehabt. Damals sah alles an ihm nach Aben­teuer und Auf­bruch aus: die Frisur, der Blick, der Name. Ja, vor allem: der Name! Er war kein Dieter, kein Karl-Heinz, kein Hans-Peter. Er war ein Vin­cenzo, den sie Enzo nannten. Ein Sohn sizi­lia­ni­scher Ein­wan­derer, die in den Sieb­zi­gern nach Brüssel gekommen waren. Auch das war: auf­re­gend. Scifo war eine Zehn“, und er trug die zwei ton­nen­schweren Zif­fern seiner Rücken­nummer über den Platz als seien sie seine Flügel. Ein Fein­geist am Ball, ein Genie. Es gab sie damals zuhauf: Pla­tini, Baggio, Zico, Gullit. Scifo aber war, so malte ich es mir aus, einer für Fuß­ball­kenner.

Genial, aber geheim

Die B‑Seite einer Hit­single, die bei genauerem Hin­hören inter­es­santer ist als die A‑Seite. Eigent­lich stand er stell­ver­tre­tend für Bel­giens Natio­nalelf, denn an ihr klebte schon damals das Eti­kett Geheim­fa­vorit“, was so viel bedeu­tete wie: Genial, aber für den ganz großen Tri­umph nicht gut genug.