Wir können uns gar nicht ver­passen. Ich werde der ein­zige Schwarze in dem Laden sein.“ Der Laden“ war die Bahn­hofs­kneipe am Glasgow Cen­tral Sta­tion. Der Mann, den ich nicht ver­passen konnte, heißt Victor Kasule. Ein Name, der man­chen Experten in meinem Bekann­ten­kreis schlaf­lose Nächte gekostet hatte. Selbst noto­ri­sche Pubquiz-Absahner hatte ich mit der Frage nach den Sta­tionen dieses Spie­lers in die Abgründe des Selbst­zwei­fels getrieben. In Shrews­bury oder Coat­bridge hätte das nicht pas­sieren können. Jeder, der in diesen Nes­tern jen­seits der 30 ist und Penalty“ stol­per­frei buch­sta­bieren kann, weiß mit dem Namen Kasule etwas anzu­fangen. Gerade haben ihn die Albion Rover Fans wieder zu ihrem All Time Cult Hero“ gewählt, mit immerhin 56% der Stimmen. Der zweit­plat­zierte Ray Fran­chetti hatte zu keinem Zeit­punkt eine Chance. Denn schließ­lich war es Kasule, der sie den Punk gelehrt hatte.

Ende der 80er Jahre gab er den Rebellen, der ver­schla­fene Pro­vinz­bühnen des bri­ti­schen Fuß­balls mit gött­li­chem Stiefel und dem See­len­feuer eines Beses­senen zum Kochen brachte. Die Parole Keine Gefan­genen!“ beschriebe die Atti­tüde des Sohnes ugan­di­scher Exi­lanten wohl am besten. Vodka Vic“ – so sein Kampf­name – kannte kein Spar­pro­gramm, weder auf dem Platz noch am Tresen. In Glasgow geboren und mit bri­ti­schem Pass gesegnet, galt er einmal als eines der größten Talente im schot­ti­schen Fuß­ball. Dem robusten Flü­gel­stürmer schien eine rosige Zukunft zu winken. Doch Vic­tors Leben nahm eine andere Aus­fahrt und nun saß ich an der Bar im Pub am Glasgow Cen­tral zwi­schen ein paar trau­rigen Gestalten mit trübem Blick und war­tete auf die Legende und darauf, sie mit der Frage nach dem Warum“ kon­fron­tieren zu können.

Stief­vater John“ im Schlepptau

Ein Pint nach der ver­ab­re­deten Zeit trat Victor durch die Tür, im Schlepptau hatte er einen hageren alten Mann mit weißem Haar und ebenso weißem Voll­bart, der mir als Stief­vater John“ vor­ge­stellt wurde. Mein Inter­view­partner ent­schul­digte sich in Rich­tung der Toi­letten und bot mir so die treff­liche Gele­gen­heit, Bier zu bestellen und etwas Kon­ver­sa­tion mit John zu treiben. Es sollte beim Getränk bleiben. Johns Akzent erin­nerte mich an meinen ersten Besuch in Glasgow Mitte der 90er Jahre, als mich der picke­lige Ver­käufer in einem Tex­til­ge­schäft das Schei­tern an den Tücken der Fremd­sprache lehrte. Dreimal hatte ich ihn nach dem Preis einer Jacke gefragt, dreimal musste ich das Kau­der­welsch mit Pardon?“ quit­tieren. Am Ende schrieb der Ver­käufer die Zahl auf einen Zettel: 120 Pfund. Ein Son­der­an­gebot.

An der Theke des Glas­gower Bahn­hofs­pubs gab es keine Zettel. Und so balan­cierte ich ein paar Minuten später drei Bier an der Jukebox vorbei zu einem freien Eck­tisch, und alles, was ich bis dahin hatte erfahren können, war, dass Victor ein wirk­lich feiner Junge ist.

Der war in der Zwi­schen­zeit von den Restrooms zurück­ge­kehrt und riss erleich­tert die Gesprächs­füh­rung an sich. Dik­tier­gerät? Kein Pro­blem. Hin und wieder würde ich es aber aus­schalten müssen. Zudem gab es Erklä­rungs­be­darf. Wie viel würde 11Freunde eigent­lich für das Inter­view zahlen? Die Ant­wort trugen beide mit Fas­sung. John spülte die Ent­täu­schung mit einem kräf­tigen Schluck Guin­ness her­unter. Schaum blieb in seinem Bart hängen. Hinter ihm eierte einer der Bahn­hofs-Melan­cho­liker zur Jukebox und fum­melte etwas Klein­geld in den Schlitz des Auto­maten. Sym­pathy for the Devil“ begannen die Stones zu for­dern. Victor sagte etwas, das ich nun auch nicht mehr ver­stand. Das Inter­view fing prima an.


Doch der Fehl­start war schnell ver­gessen. Langsam hörte ich mich in den sehr spe­zi­ellen Kasule-Rhythmus ein, der bestes Glasgow-Eng­lisch mit ost­afri­ka­ni­schem Zun­gen­schlag ver­schmelzen ließ. Victor hatte ohne Frage viel zu erzählen und ließ sich nicht lange bitten. Über seine Kind­heit in Afrika, in der ihn sein Vater mit seinen ver­rauschten Film­vor­füh­rungen wider Willen mit dem Fuß­ball­virus infi­zierte. Über seine Jugend in Glasgow, in der er zunächst ahnungslos durch den Dschungel der Reli­gi­ons­kon­flikte stol­perte und an deren Ende er für die schot­ti­sche Jugend­mann­schaft auf­lief. Über sein Leben als Profi, über Ras­sismus, die Miss­ver­ständ­nisse, die Dis­zi­plinar- und Gerichts­ver­fahren, die Ent­glei­sungen und sport­li­chen Höhe­punkte. Und über das Ende des Fuß­bal­ler­profis Kasule und die unsen­ti­men­tale Erkenntnis, dass es anders hätte laufen können. Doch nach Reue suchte ich ver­geb­lich. Mit der­selben Alles-oder-Nichts-Atti­tüde, mit der er in seinen besten Tagen auf den Platz gelaufen ist, blickt er auch auf seine Kar­riere zurück. Und es ist nicht die bemühte I did it my way“ Fas­sade des Ver­sa­gers, son­dern das echte und unge­küns­telte Bewusst­sein, das Gericht bekommen zu haben, was er bestellt hatte und sich leisten konnte.

Ich ver­stand nur fucking“

Wir ver­ließen die Kneipe, um essen zu gehen. Ich kenne ein sehr gutes Restau­rant“, hatte Victor gesagt. Vor dem Bahnhof kam eine Gestalt auf uns zuge­laufen, deren Äußeres eine Mit­glied­schaft beim schot­ti­schen Blut­spen­der­ver­band kate­go­risch aus­schloss. Zu meiner Furcht um das 11Freunde Spe­sen­konto gesellte sich die flaue Unsi­cher­heit über die Voll­stän­dig­keit meines Impf­ka­len­ders. Victor Kasule jedoch umarmte die Figur und stellte mir Kenny vor. Kenny hing ganz offen­sicht­lich an der Nadel, und sein Anblick ließ erahnen, warum Männer im Libanon, Iran oder in Nord­korea im Durch­schnitt älter werden, als ihre Zeit­ge­nossen im Zen­trum Glas­gows. Wir haben letztes Jahr zusammen Weih­nachten gefeiert. Hast Du viel­leicht ein biss­chen Klein­geld für ihn?“ Manchmal ist Nein“ keine echte Option. Victor ist ein Mann der großen Gesten. Man kennt mich hier“, sagte er dann auch staats­män­nisch, als wir Minuten später das Restau­rant betraten. Damit war das Pro­blem gut umrissen. Denn der Kellner schüt­telte nur bedau­ernd mit dem Kopf, als er Victor erkannte. Ohne Reser­vie­rung lief gar nichts, ließ er uns wissen, alles sei hoff­nungslos aus­ge­bucht. Hinter ihm lag das Restau­rant nahezu men­schen­leer im Halb­dunkel. Zwei Tische waren von älteren Pär­chen besetzt. Eines davon zog sich gerade die Mäntel an. John mur­melte etwas in seinen Bart, von dem ich nur fucking“ ver­stand.

Draußen steu­erten Victor und John auf das TGI Friday’s“ zu. Wider­willig folgte ich ihnen, inner­lich mit meiner Abnei­gung gegen Sys­tem­gas­tro­nomie rin­gend. Doch im Wind­schatten von Vodka“ Vic Kasule sollte die Glas­gower Filiale der ame­ri­ka­ni­schen Kette zum Ort der Erkenntnis werden. Schon im Ein­gangs­be­reich war­tete die erste Grenz­erfah­rung. Der Modell­athlet a.D. begrüßte die unge­fähr vier­zig­jäh­rige Rezep­tio­nistin aus­ge­spro­chen kör­per­lich auf eine Art und Weise, die in den meisten Län­dern der Welt den Tat­be­stand der öffent­li­chen Unzucht erfüllt hätte. Ich habe mal ihren Sohn trai­niert“, flüs­terte Victor augen­zwin­kernd, wäh­rend er der Dame einen letzten schmach­tenden Blick zuwarf. Gottlob war es nicht die Tochter“, dachte ich bei mir, als sie zurück an ihr Pult trat und dabei ver­suchte, ihre Gar­de­robe not­dürftig zu richten.

Im Restau­rant trat eine junge Kell­nerin an unseren Tisch. Ich bin Lucy und werde Sie heute Abend betreuen.“ Okay, Liebes, aber ich würde viel lieber Dich betreuen. Gib mir Deine Tele­fon­nummer!“ Lucy lächelte sou­verän. Darf ich schon etwas zu trinken bringen?“ John fin­gerte sich durch die Wein­karte. Ich bestellte ein Bier. John ließ eine Fla­sche Cabernet aus dem oberen Preis­seg­ment kommen. Wäh­rend ich über eine Aus­rede für die 11Freunde-Buch­hal­tung nach­dachte, hörte ich Victor sagen Bring zwei Fla­schen. Und Deine Tele­fon­nummer.“


Manchmal wird man mit Geschichten kon­fron­tiert, die nicht gewesen sein können, weil sie nicht gewesen sein dürfen. Eine dieser Geschichten aus dem Dunst­kreis Victor Kasules erzählt davon, wie er, voll­trunken in der Mitte eines Bil­lard­ti­sches ste­hend, eine Wette gewann, indem er nach­ein­ander in alle 6 Löcher des Tisches pin­kelte. Am Ende jenes Abends im TGI Fri­day’s“ zu Glasgow begann ich, die Phan­tasie für ein sol­ches Sze­nario zu ent­wi­ckeln.

Nichts für ungut, Bruder!“

Als ich mich zwei Stunden später ver­ab­schie­dete, hatte unsere Kell­nerin zweimal gewech­selt, und die Tische um uns herum waren leer geworden. Johns Akzent berei­tete mir keine Schwie­rig­keiten mehr, obwohl seine Zunge schwer wie schot­ti­scher Win­tert­weed geworden war. Ich stand mit Victor vor der Tür des Kan­ti­nen­be­triebes. Ein Penner trat auf uns zu und fragte nach einer Ziga­rette. Siehst Du nicht, dass ich mich gerade mit meinem deut­schen Freund unter­halte?“ Den Bitt­steller inter­es­sierte das wenig, das Inter­esse am Tabak ließ ihn die gute Kin­der­stube ver­gessen. Victor wurde lauter. Es roch nach einer Prü­gelei. Schnell gab der Penner klein bei. Er hatte es gar nicht so gemeint. Victor auch nicht. Er spuckte in seine hohle Hand und reichte sie seinem Gegen­über. Nichts für ungut, Bruder!“ Der Penner tat es ihm nach, schlug ein und suchte mit drei Ziga­retten glück­lich das Weite in der Nacht.

Es war spät, ich hatte leichten See­gang, und es zog wie Hecht­suppe. So streckte auch ich Victor die Hand ent­gegen. Den beschäf­tigte jedoch noch eine logis­ti­sche Frage. Ich brauch’ noch 50 Pfund fürs Taxi.“ In meiner Tasche fühlte ich die Rech­nung aus dem Friday’s“, und mir fiel ein, dass ich von Victor Kasule ja eigent­lich mal eine Ant­wort hatte haben wollen auf die Frage nach dem Warum“. John navi­gierte seinen hageren Körper wan­kend die Treppe her­unter. Sein unsteter Blick streifte Victor und blieb an mir kleben. Ein feiner Junge“, lallte er in die Glas­gower Nacht und zeigte auf seinen Stief­sohn. Was für eine bescheu­erte Idee diese Frage nach dem Warum“ doch gewesen war. Ich musste grinsen. Und Victor Kasule, den sie in Shrews­bury noch heute den King“ nennen, schüt­telte lachend meine Hand und sagte Okay, Mann. Gib mir einen Fünfer für den Bus.“