Der reine Ball­be­sitz­fuß­ball ist tot. Doch für die fei­er­liche Ein­äsche­rung zeich­nete einer seiner größten Wider­sa­cher ver­ant­wort­lich. José Mour­inho, Trainer von Tot­tenham Hot­spur, soll nach dem Sieg gegen Man City und damit gegen seinen Intim­feind Pep Guar­diola die blanke Sta­tistik vor­ge­halten worden sein. Dem­nach hatte der Gegner zeit­weise 80 Pro­zent Ball­be­sitz und das Spiel domi­niert. In der ihm eigenen Art erwi­derte Mour­inho: Das ist mir egal. Von mir aus können sie den Ball mit nach Hause nehmen – und ich die drei Punkte.“

Das war noch nicht einmal ein bloßer Mour­inho-Jab, son­dern in diesen Tagen eine erfolg­reiche Losung. Denn mitt­ler­weile hat er sehr oft drei Punkte mit nach Hause genommen. Nach sieben Siegen in elf Spielen steht Tot­tenham auf dem ersten Tabel­len­platz der Pre­mier League. Dabei galt The Spe­cial One“ nach seinen geschei­terten Enga­ge­ments bei United und Chelsea als ent­schlüs­selt und aus der Zeit gefallen. Die United-Spieler sollen seine Ent­las­sung in der Kabine gefeiert haben, ein Jahr lang war Mour­inho danach ohne Job geblieben. Als sich die Spurs Ende 2019 für ihn ent­schieden, herrschte rund um die White Hart Lane eher Skepsis als Begeis­te­rung. Davon kündet eine groß­ar­tige Szene in Mour­inhos Büro.

Mour­inho zu Sky: Fuck off!

Er sitzt am Tisch, über Auf­stel­lungs­bögen gebeugt, als er gleich­zeitig Experten im Fern­sehen über ihn reden hört. Die Ent­las­sung von Mour­inhos Vor­gänger sei über­ra­schend, doch noch viel mehr dessen Ernen­nung, tönen die Pun­dits. Als seine Titel als Trainer auf­ge­zählt werden, nickt er beim Lau­schen mit. „(Doch) Er hat seine besten Tage längst hinter sich“, kommt es aus dem Gerät. Mour­inho knipst den Fern­seher aus mit einem kna­ckigen Fuck off“

Die Epi­sode ent­stammt der Amazon-Doku­men­ta­tion All or Not­hing“ über die Spurs, die schon vor Mour­inhos Ernen­nung geplant gewesen war. Der­ar­tige Pro­jekte sind gerade en vogue; sie gau­keln einen Blick hinter die Kulissen vor, sind aber in Wirk­lich­keit meist lang­wei­lige und geschönte PR-Film­chen für die Klubs. Mit einem exzen­tri­schen Bad guy wie Mour­inho kann eine solche Doku aber gar nicht lahm werden. Neben seinen Ver­bal­in­ju­rien begleitet die Kamera auch seine Ein­zel­ge­spräche mit den Spie­lern. Gerade sein Dialog mit Harry Kane, der auf der Insel nun nicht als Erfinder der tiefen Teller gilt, erzählt viel von der ent­fachten Begeis­te­rung der Spieler für ihren Trainer. Kane lauscht dem Trainer mit großen Augen.

Der Stürmer machte in dieser Saison noch einen wei­teren Schritt nach vorne, obwohl er sich auf dem Platz nach hinten fallen ließ. Beim Spiel gegen Man­chester City ver­zeich­nete er keinen ein­zigen Ball­kon­takt im geg­ne­ri­schen Straf­raum. In der neuen Rolle aber fügte er seiner kli­ni­schen Abschluss­stärke noch die Kom­po­nente des Vor­la­gen­ge­bers hinzu, von der sein Partner Heung-min Son por­fi­tiert. Die beiden legten sich bereits elf Tore gegen­seitig auf, an 18 von 23 Toren der Spurs waren sie direkt betei­ligt. Kane steht bei zehn Vor­lagen in elf Spielen. Nicht nur er wird regel­mäßig von Mour­inho geherzt; nach dem Spiel gegen City bekam Son eine Knuddel-Attacke vom Chef ab.

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Mour­inho soll nahbar sein, regel­mäßig Text­nach­richten mit den Spie­lern aus­tau­schen. Die eng­li­sche Presse nannte ihn des­halb bereits den Humble One“, den Demü­tigen. Angriffs­lus­tige Inter­views sind selbst nach der Tabel­len­füh­rung selten geworden, der Por­tu­giese spricht statt von Titeln eher von einem Pro­zess. Zudem rieben sich Beob­achter ver­wun­dert die Augen, als die Spurs unter ihm weniger den Bus vor dem eigenen Tor parkten“, son­dern munter nach vorne spielten. Bei Mour­inhos Ex-Klub Man­chester United schossen sie sechs Tore aus­wärts, außerdem fünf bei Sout­hampton, sieben gegen Haifa. 

Hat sich Mour­inho mit der Affi­nität zu dre­ckigen Siegen und ekligen Zwei­kämpfen in Nord­london zum edlen Gen­tleman ent­wi­ckelt? Erfinden sich nicht nur die nach Titeln hun­gernden Spurs, son­dern auch ihr Trainer gerade neu? Der Ver­dacht mag nahe liegen, doch wie sagt man so schön auf der Insel: Old habits die hard“. So schnell kann auch Mour­inho nicht aus seiner Haut – und das ist gut so.