Als Michael Zorc am Mon­tag­nach­mittag im Trai­nings­lager im schwei­ze­ri­schen Bad Ragaz vor den anwe­senden Jour­na­listen stand, hatte er so seine liebe Mühe, ein tri­um­phie­rendes Grinsen zu unter­drü­cken. Durchaus ver­ständ­lich, bedenkt man, dass Dort­munds Sport­di­rektor ein ganzes Jahr lang ein Ass im Ärmel mit sich her­um­ge­tragen hatte, das er nun nicht ohne etwas die­bi­sche Freude zückte: Jadon Sancho wird auch in der kom­menden Saison für Borussia Dort­mund auf­laufen. Die Ent­schei­dung sei defi­nitiv“. Mehr noch: Bereits im ver­gan­genen Sommer hatte der Verein den Ver­trag mit dem umwor­benen Eng­länder still und heim­lich um ein Jahr bis 2023 ver­län­gert – zu ver­bes­serten Bezügen ver­steht sich.

Dass es dem Verein gelungen ist, diese Aus­deh­nung des Arbeits­ver­hält­nisses so lange geheim zu halten, ist ein echter Coup. Und erklärt zudem, wes­halb die Dort­munder Ver­ant­wort­li­chen derart gelassen blieben, als in den ver­gan­genen Wochen nahezu täg­lich Push-Mit­tei­lungen zu San­chos angeb­lich bevor­ste­hendem Wechsel zu Man­chester United die Handys glühen ließen. Ent­spannt konnten die BVB-Bosse abwarten, ob die Eng­länder bis zum Ende ihrer Dead­line, dem Abflug ins Trai­nings­lager, über­haupt noch ein Angebot in gefor­derter Höhe für Sancho abgeben würde. Taten sie nicht.

Fette Gewinne

Durch die Ver­trags­ver­län­ge­rung kann sich der Verein nun noch ein wei­teres Jahr an San­chos Künsten erfreuen, ohne befürchten zu müssen, bei einem Wechsel im kom­menden Sommer weniger Geld zu kas­sieren, weil der Ver­trag dann ein Jahr später bereits aus­läuft. Hält San­chos beein­dru­ckende Ent­wick­lung an, sind wahr­schein­lich sogar noch mehr drin als die nun kol­por­tierten 120 Mil­lionen Euro Ablöse. Und weil Fuß­ball­fans heut­zu­tage viel mehr beju­beln als nur die Tore ihres eigenen Ver­eins, sorgten auch die Nach­richten vom Montag beim BVB-Anhang für aus­ge­las­sene Freude – und nach Rufen, Michael Zorc nun doch end­lich eine Statue zu bauen.

Schließ­lich wäre es nicht das erste Mal, dass Dort­munds Sport­di­rektor dem Klub einen Mil­lio­nen­ge­winn beschert. Schon im ver­gan­genen Winter hatte Zorc dem FC Chelsea 64 Mil­lionen Euro für den Transfer von Chris­tian Pulisic aus dem Kreuz geleiert und oben­drein aus­ge­han­delt, dass der Angreifer auch in der Rück­runde leih­weise wei­terhin für den BVB auf­lief. Auch mit Shinji Kagawa, Hen­rikh Mkhi­ta­ryan, Pierre-Eme­rick Aub­ameyang, Abdou Diallo und natür­lich mit Ous­mane Dem­bélé fuhren die Dort­munder fette Gewinne ein.

Ver­kaufs­ob­jekte? Ver­kaufs­ob­jekte!

Da konnte sich der BVB sogar teure Aus­rut­scher wie André Schürrle leisten. Zumal es Zorc gelang, andere Miss­ver­ständ­nisse wie Maxi Philipp, Andriy Yar­mo­lenko oder Ciro Immo­bile los­zu­werden, ohne dabei allzu große Ver­luste ein­zu­fahren. Und dann sind da natür­lich die Talente, hinter denen halb Europa her ist, die sich dann aber doch für einen Wechsel nach Dort­mund ent­scheiden. Viel­leicht weil Erling Haa­land oder Jude Bel­lingham sehen, wie gut sich Jadon Sancho beim BVB ent­wi­ckelt hat. Und ja, viel­leicht auch, weil sie sehen, dass sie sich dort noch ein biss­chen besser ins inter­na­tio­nale Schau­fenster spielen können.

Vor diesem Hin­ter­grund muss man den kürz­lich von Uli Hoeneß geäu­ßerten Vor­wurf, der BVB betrachte Spieler als Ver­kaufs­ob­jekte“ viel­leicht sogar als Kom­pli­ment umdeuten. Schließ­lich ist es für Dort­mund im Grunde eine will­kom­mene Mög­lich­keit, den finan­zi­ellen Vor­sprung der Münchner nicht zu groß werden zu lassen. Und so sind es auch die Erlöse aus diesen Ver­kaufs­ob­jekten“, die es dem BVB nach wie vor erlauben, auf dem Trans­fer­markt immer wieder nach­zu­legen und ernst­hafte Ansprüche auf den Gewinn der Deut­schen Meis­ter­schaft anzu­melden.