Nach vier Minuten war die Sache im Grunde gegessen. Olek­sandr Kucher hatte Mario Götze von den Beinen geholt, Schieds­richter Wil­liam Collum zeigte dem Donezk-Ver­tei­diger die Rote Karte und ent­schied auf Elf­meter. Ver­mut­lich hätten die Bayern auch ohne diese Start­hilfe das Cham­pions-League-Ach­tel­final-Rück­spiel gegen die Ukrainer gewonnen. Doch nun lief die Sache wie ein Trai­nings­spiel. Nachdem Thomas Müller den Elf­meter ver­wan­delt hatte, schossen die Bayern Schachtar mit 7:0 aus dem Sta­dion.
 
Ein ähn­li­ches Sze­nario spielte sich am Wochen­ende in der Bun­des­liga ab: HSV-Keeper Jaroslav Drobny bremste nach 20 Minuten den her­an­stür­menden Hof­fen­heimer Sven Schipp­lock regel­widrig im Straf­raum. Auch hier: Elf­meter für die TSG, Rote Karte für den Ham­burger. Eugen Polanski ver­wan­delte zur Füh­rung, am Ende stand es 3:0 für Hof­fen­heim.
 
In beiden Fällen gab es große Dis­kus­sionen auf dem Spiel­feld, letzt­end­lich ent­schieden die Schieds­richter aber richtig, sie hielten sich an die Fifa-Regel Nummer 12:
 
Ein Spieler, Aus­wech­sel­spieler oder aus­ge­wech­selter Spieler erhält die Rote Karte und wird des Feldes ver­wiesen, wenn er das fol­gende Ver­gehen begeht: Ver­ei­teln einer offen­sicht­li­chen Tor­chance für einen auf sein Tor zulau­fenden Gegen­spieler durch ein Ver­gehen, das mit Frei­stoß oder Straf­stoß zu ahnden ist.“

Rote Karte und der Elf­meter waren ent­schei­dend“
 
Allein: Die Regel wird seit ihrer Ein­füh­rung im Jahr 1990 heftig kri­ti­siert. Von Spie­lern, Schieds­rich­tern, Funk­tio­nären und Trai­nern. Nach dem Donezk-Spiel sprach sogar Franz Becken­bauer von dieser Drecks-Drei­fach­be­stra­fung“. Drei­fach, weil der fou­lende Spieler zudem eine Sperre bekommt. Die Rote Karte und der Elf­meter waren sehr ent­schei­dend“, sagte auch Bas­tian Schwein­s­teiger, wenn es elf gegen elf bleibt, geht das Spiel viel­leicht ein biss­chen anders aus.“ Und Donezks Trainer Mircea Lucescu befand: Ab diesem Moment konnten wir nicht mehr umsetzen, was wir vor­be­reitet haben.“
 
Man könnte Men­schen in Abori­gines-Reser­vaten oder im tibe­ti­schen Hoch­land fragen, man würde welt­weit ver­mut­lich keinen ein­zigen Befür­worter dieser Regel finden. Warum also ändert man sie nicht?

Die Sache ist leider nicht so ein­fach. Regel­mo­di­fi­ka­tionen sind näm­lich seit 129 Jahren Sache einer kleinen exklu­siven Männer-Runde in Groß­bri­tan­nien. Sie nennt sich Inter­na­tional Foot­ball Asso­cia­tion Board“ (IFAB), und eigent­lich weiß man so gut wie nichts über dieses Gre­mium. Man kann sich das IFAB als ein altes graues Rie­sen­tier vor­stellen, das irgendwo in einem Wald­ver­steck in Groß­bri­tan­nien liegt und einmal im Jahr erwacht, um über den Status quo des Fuß­balls zu dis­ku­tieren. Das alte Rie­sen­tier wälzt dann seinen trägen Fell­körper von links nach rechts, grum­melt ein biss­chen, sagt ja zu jenem und nein zu diesem und legt sich dann wieder hin.

Ein biss­chen Erz­kon­ser­va­tismus tut gut
 
In Wahr­heit zählt das Gre­mium acht Mit­glieder (vier der Fifa und je ein Ver­treter der Ver­bände aus Eng­land, Nord­ir­land, Schott­land und Wales). Für eine Regel­än­de­rung braucht es ist eine Mehr­heit von sechs Stimmen. Und es ist natür­lich nicht so, dass dort in den ver­gan­genen 129 Jahren nur Sil­ver­goals und anderer Quatsch ver­ab­schiedet wurden. Etliche Regel­än­de­rungen haben Sinn gemacht und seit vielen Jahren Bestand. So ent­schied das Board 1871 etwa dar­über, dass nur der Tor­wart die Hand benutzen darf. 1950 bestimmte es, dass Fuß­ball nur noch mit Schuhen gespielt werden darf. 1992 führte es die Rück­pass­regel ein.

Und man muss ihr auch zugute halten, dass ein wenig Erz­kon­ser­va­tismus dem Sport und vor allem den Fans ganz gut tut. Bestes Bei­spiel ist die Dis­kus­sion vor zehn Jahren, als Ver­markter darauf drängten, die Halb­zeit­pause auf 20 Minuten zu ver­län­gern, um mehr Zeit für Wer­bung zu haben. Die IFAB grum­melte wieder ein biss­chen und ent­schied dann, dass 15 Minuten aus­rei­chen müssen.