Seite 5: „Sunderland ’Til I Die“

Da passt es ins Bild, dass die emo­tio­nale Net­flix-Doku Sun­der­land Til I Die“, die im Dezember 2018 Pre­miere fei­erte, zu einem echten Hit geworden ist. Aus aller Welt rufen Leute beim Klub an und wollen Karten, weil der AFC Sun­der­land plötz­lich total ange­sagt ist. Im Verein war nie­mand darauf vor­be­reitet, schließ­lich doku­men­tiert der Film ein his­to­ri­sches Debakel, wes­halb zum Bei­spiel Colin Hen­derson nie über die zweite Folge hin­aus­ge­kommen ist. Ich kann mir dieses ganze Drama nicht noch mal ansehen“, sagt er. Es tut zu weh.“ Doch gerade dieser Schmerz ist wohl das Erfolgs­ge­heimnis der Serie. Auf eine selt­same Art wecken die Tränen der untröst­li­chen Sun­der­land-Fans so etwas wie Neid oder Sehn­sucht. Zeigen sie doch, dass wenigs­tens hier, im eng­li­schen Nord­osten, die Kraft des Spiels unge­bro­chen wirkt. In Sun­der­land scheint das Staunen, das Clarke vor so langer Zeit fest­hielt, noch wei­ter­zu­leben.

Das gilt sogar für Lisa McCluskey. Sie mag einer der ganz wenigen Fans sein, die wir gefunden haben, bei denen die Fuß­ball­be­geis­te­rung erkaltet ist. Aber trotzdem lässt das Spiel sie nicht los. In ein paar Jahren kommen Pro­bleme auf uns zu“, sagt sie und meint damit den Sohn, den sie im letzten Jahr zur Welt gebracht hat. Mein Mann ist Fan von New­castle United. Er sagt, dass unser Sohn auf keinen Fall Sun­der­land-Anhänger wird. Aber wir leben doch hier! Ich werde nicht zulassen, dass mein Kind New­castle-Fan wird.“ Sie lacht, aber nur halb im Spaß. All die Jahre auf dem Ful­well End haben Spuren hin­ter­lassen.

Armer Kerl!“

Bei man­chen Fans haben sie sogar Lebens­wege bestimmt. Der kleine Junge ganz links auf dem Foto ist heute Kon­di­ti­ons­trainer beim Fünft­li­gisten Hart­le­pool United. Und Grainger hat einen ganz ähn­li­chen Weg ein­ge­schlagen. Als junges Mäd­chen war sie im Sta­dion so fas­zi­niert von den Leuten, die mit einem Medi­zin­koffer auf den Rasen sprin­teten, wenn ein Spieler ver­letzt am Boden lag, dass daraus ein Berufs­wunsch wurde. Heute arbeitet sie als Phy­sio­the­ra­peutin und durfte sogar eine Zeit­lang bei einem Rug­by­verein aufs Feld rennen, um die Spieler zu behan­deln.

Am Ende eines win­digen Tages ver­ab­schiedet der Foto­graf die Men­schen, die ihm vor zwei Jahr­zehnten unfrei­willig Modell standen, wie alte Freunde. Man umarmt sich und ver­spricht, in Kon­takt zu bleiben. Zwi­schen all den mitt­ler­weile erwach­senen Leuten wuselt ein blonder Junge hin und her. Es ist Hudson, der fünf­jäh­rige Sohn von Grainger. Fuß­ball war und ist Teil unserer Familie“, sagt sie. Meine Eltern sind in ihren Flit­ter­wo­chen zum Pokal­fi­nale 1973 gefahren und haben bis heute Jah­res­karten. Ich bin mir ganz sicher, dass auch Hudson Sun­der­land-Fan wird.“ Sie lacht. Armer Kerl!“ Ihr Sohn strahlt. Er trägt ein rot-weiß gestreiftes Trikot.

Der Film zur Repor­tage: