Seite 4: Unaufhaltsamer Niedergang

Diese enge Ver­bun­den­heit zwi­schen Verein und Stadt sieht man auch an einem wei­teren Detail in Clarkes Foto – der für die Zeit unge­wöhn­lich großen Zahl weib­li­cher Fans auf den Stehrängen. Als wir ins Sta­dium of Light umzogen, wurden zum ersten Mal Daten über das Publikum erhoben“, sagt Lisa Laing, die auf dem Foto 23 Jahre alt ist und noch heute jedes Heim­spiel besucht. Es stellte sich heraus, dass in Sun­der­land mehr Frauen Dau­er­karten hatten als bei allen anderen Ver­einen der oberen Ligen. Das war hier schon immer so, und ich glaube, es liegt daran, dass Fuß­ball die Stadt defi­niert. Früher hatten wir Werften, Zechen und Fuß­ball. Dann nur noch Fuß­ball.“ 

Einst gab es unglaub­liche 76 Werften in dieser nicht beson­ders großen Hafen­stadt, die letzte von ihnen machte 1988 dicht. Wenig später endete auch die Geschichte des Berg­baus in der Gegend: Ende 1993 schloss die Zeche Wear­mouth, einst die größte der ganzen Region. An ihrer Stelle steht heute das Sta­dium of Light, dessen Name an die Gru­ben­lampen der Berg­ar­beiter erin­nern soll. 

Für Sun­der­land waren die wirt­schaft­li­chen Folgen dra­ma­tisch. Der Nord­osten gilt heute als ärmste Region Eng­lands. Wäh­rend im Rest des Landes die Immo­bi­li­en­preise in den letzten zehn Jahren um ein Viertel stiegen, sind sie hier sogar gesunken. Es war dieser unauf­halt­same Nie­der­gang eines einst bedeu­tenden Ortes, den Clarke eigent­lich doku­men­tieren wollte. Ich kam als Stu­dent nach Sun­der­land, um die Hafen­ar­beiter und Berg­leute zu foto­gra­fieren. Da oben habe ich gewohnt“, sagt er und weist auf ein Fenster im ersten Stock eines Hauses unweit des Mid­field Drive. Dann zeigt er auf die gegen­über­lie­gende Stra­ßen­seite. Und dort war Roker Park. Abends schien das Flut­licht in mein Bade­zimmer. Da fragte ich mich, ob Fuß­ball viel­leicht ein Motiv für mich sein könnte. Zuerst glaubte ich, es wäre als Thema nicht ernst­haft genug. Aber dann pas­sierten all diese Unglücke – Brad­ford, Heysel, Hills­bo­rough – und mir wurde klar, wie wichtig Fuß­ball ist. Das halbe Land besuchte regel­mäßig Spiele, aber nun würde der Fuß­ball sich massiv ver­än­dern.“

Lemrich sunderland 010 RZ Kopie

Stuart Roy Clarke im Januar 2019.

Lêm­rich

Zwei Abstiege am Stück

Sun­der­land-Fans mögen unge­wöhn­lich lei­dens­fähig sein, aber auch an ihnen gingen diese Ver­än­de­rungen nicht spurlos vor­über. Der Junge, dessen leuch­tende Kin­der­augen Lloyd Webber so fas­zi­nierten, hat heute eine Jah­res­karte für den Ama­teur­klub FC South Shields, weil man dort den Spie­lern noch so nahe ist wie früher im Roker Park. Und auch Lisa McCluskey, die auf dem Foto als 16-jäh­riges Mäd­chen neben Colin Hen­derson zu sehen ist, geht nicht mehr zum AFC Sun­der­land. Mit Ende zwanzig habe ich irgendwie das Inter­esse am Fuß­ball ver­loren“, sagt sie. Es hatte nichts mit Geld oder Politik zu tun, es war ein­fach nicht mehr so auf­re­gend wie früher.Ab und zu schaue ich mir noch Spiele an, aber Fuß­ball ist mir nicht mehr so wichtig.“ Ihre Freundin Lynne Grainger, mit der sie früher im Roker Park stand, lebt heute im drei Stunden ent­fernten Man­chester und sieht nur noch wenige Heim­spiele pro Saison.

Dabei sind dies erstaun­lich gute Zeiten, um Sun­der­land-Fan zu sein. Nach blei­ernen Jahren mit zwei Abstiegen, die nicht zuletzt daher rührten, dass der ame­ri­ka­ni­sche Besitzer das Inter­esse am Klub und seinen Anhän­gern völlig ver­loren hatte, kann man jetzt die Auf­bruch­stim­mung fast mit Händen greifen. Das liegt auch an den neuen, eng­li­schen Eigen­tü­mern. Sie sind enga­giert und küm­mern sich sehr um die Fans. Sie haben ihnen sogar einen Wunsch erfüllt und die Süd­tri­büne des Sta­dium of Light umbe­nannt – in Roker End. Am Tag, als Clarke wieder in der Stadt ist, wird dort ein Wand­ge­mälde ent­hüllt, das fünf legen­däre Kapi­täne des Klubs zeigt.