Seite 3: Unerschütterliche Treue

Mein erstes Spiel im Roker Park habe ich 1985 gesehen, mit acht, und ich war sofort ver­liebt“, sagt David Robertson. Es war so ein phan­tas­ti­scher Ort, um Fuß­ball zu schauen.“ Auf dem Foto steht er direkt hinter Hen­derson, trotzdem kannten sich die beiden nicht, bis sie ins National Glass Centre kamen, um den Foto­grafen zu treffen, der sie ver­ewigt hat. Robertson war 19, als Clarke auf den Aus­löser drückte und besaß seit zwei Jahren eine Dau­er­karte. Seither hat er sie immer wieder ver­län­gert – noch heute ist er bei jedem Spiel dabei, genau wie Michael Melmoe. Doch es ist nicht mehr wie früher. Damals haben wir uns alle auf das neue Sta­dion gefreut, ich auch“, sagt Robertson. Aber heute würde ich sofort tau­schen und wieder zurück­gehen. Ich mag das Sta­dium of Light zwar – aber ich bin dort nicht zu Hause.“

Durch den Bau des neuen Sta­dions wurde auch eine Art Familie aus­ein­an­der­ge­rissen. Zwar kannten sich natür­lich nicht alle Per­sonen auf Clarkes Foto mit Namen oder auch nur Spitz­namen, doch da sie sich regel­mäßig auf einem sehr begrenzten Raum trafen, ent­stand so etwas wie Ver­traut­heit. Durch den Umzug ver­loren sie sich dann aus den Augen, weil sie auf ver­schie­denen Tri­bünen lan­deten. So erin­nern sich viele im National Glass Centre an den Fan mit den Locken und der Brille im linken Teil des Bildes. Doch alle sind bass erstaunt, als Lisa Laing (die auf dem Foto drei Reihen hinter Melmoe steht) bei­läufig erwähnt, dass sie ihn bis zum heu­tigen Tag ab und zu im Sta­dium of Light sieht.

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Kein käl­terer Ort

Wo einst der Vor­läufer dieser Arena war, ist heute ein bie­deres Wohn­ge­biet: schmale, zwei­stö­ckige Back­stein­häuser mit kleinen Vor­gärten. Nach dem Treffen im National Glass Centre schlen­dert Clarke durch den Ort, an dem sein wohl bekann­testes Bild ent­stand. Ich finde es ein wenig traurig“, sagt er, dass nur noch die Namen der Straßen – Pro­mo­tion Close, Mid­field Drive – an den Roker Park erin­nern.“ Über seiner Schulter hängt eine Kamera, aber er macht keine Fotos. Bald treibt ihn die Kälte zurück ins Auto, denn ein böiger Wind fegt durch die Sied­lung, die mal ein Sta­dion gewesen ist. 

Oh, im Winter gab es auf der ganzen Welt keinen käl­teren Ort als Roker Park“, erin­nert sich Robertson und lächelt dabei fast selig. Weil das Sta­dion direkt am Meer lag, wurde es frostig, sobald der Wind von der Nordsee rein­blies. Aber die Stim­mung war immer groß­artig, selbst wenn die Mann­schaft nicht gut spielte.“ Was in Sun­der­land, da muss man ehr­lich sein, tra­di­tio­nell eher die Regel als die Aus­nahme ist. Seit dem Pokal­sieg 1973 hat der Verein keinen Titel mehr gewonnen, wenn die Lage auch selten so depri­mie­rend war wie zuletzt. Im April 2018 ist der Klub zum erst zweiten Mal in seiner 140-jäh­rigen Geschichte in die Dritt­klas­sig­keit abge­stiegen. 

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David Robertson im Januar 2019.

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46.000 Zuschauer in der dritten Liga

Und doch strömen an dem Wochen­ende, als Clarke Sun­der­land besucht, fast 38.000 Men­schen zum Spiel gegen Luton Town. Am Boxing Day kamen sogar 46.000 Fans ins Sta­dium of Light; es war die höchste Zuschau­er­zahl in Eng­lands dritter Liga seit vierzig Jahren. Diese uner­schüt­ter­liche Treue der Anhänger unter­streicht, dass Men­schen aus Sun­der­land eine beson­dere Bezie­hung zu ihrem Klub haben. Sie spricht auch schon aus Clarkes altem Foto. Denn das funk­tio­niert aus einem bestimmten Grund auch auf einer rein opti­schen Ebene.

Fast jeder auf diesem Bild“, sagt Clarke und tippt mit dem Zei­ge­finger von links nach rechts über das Foto, trägt ein Sun­der­land-Trikot. Das war in der dama­ligen Zeit nicht normal und macht das Ganze sehr wir­kungs­voll, weil die roten Streifen sich in den roten Zaun­stangen fort­setzen.“ In der Tat kauften sich fast alle Fans, die man hier sieht, wie selbst­ver­ständ­lich zu jeder neuen Saison das Heim- und das Aus­wärts­trikot. Selbst der junge Mann, der so her­aus­sticht, weil er statt Trikot ein graues Jackett trägt, wäre wohl an jedem anderen Tag eben­falls in den Ver­eins­farben erschienen. Doch der 21. Sep­tember 1996 war sein 18. Geburtstag.