Seite 2: Das Ende eines Stadions

Diese Enge im Roker Park erklärt, warum es so aus­sieht, als würden die Fans auf unter­schied­liche Stellen des Spiel­feldes starren. In Wahr­heit bli­cken sie alle auf den Straf­raum“, sagt Clarke. Und dort pas­sieren gerade meh­rere Dinge. Ich nehme an, dass jemand an die Latte geschossen oder geköpft hat. Der Ball prallt ab und fliegt hoch in die Luft.“ Die Men­schen, die mit Clarke am Tisch sitzen, nicken. Nur ein junger Mann namens Michael Melmoe, der für eine große Bank in der Abtei­lung Betrugs­auf­de­ckung arbeitet, schüt­telt den Kopf. Ich glaube, es ist das Tor“, sagt er. Eine sehr hohe Flanke kam in den Straf­raum. Steve Agnew nahm den Ball mit der Brust an und zog sofort mit links ab.“ Die anderen run­zeln die Stirn, immerhin ist das Ganze mehr als 22 Jahre her. Doch Melmoe lässt sich nicht beirren: Es ist das 1:0.“

CLARKE SUNDERLAND 2777
Stuart Roy Clarke

Er könnte Recht haben. Der Treffer fiel in der 51. Minute, und wir wissen, dass das Foto nach der Pause auf­ge­nommen wurde. Einer der Fans auf dem Bild, David Robertson, wech­selte näm­lich zur Halb­zeit stets seinen Standort auf dem Ful­well End, abhängig davon, auf wel­ches Tor Sun­der­land spielte. An jenem Tag stand er wäh­rend der ersten 45 Minuten weiter oben, um den gegen­über­lie­genden Straf­raum gut zu sehen. Außerdem ging dem Treffer in der Tat die Art von Flanke voraus, über die man früher sagte, dass Schnee auf dem Ball lag, als er run­terkam. Und auf den Fern­seh­bil­dern, die sich von dem Tor finden lassen, sieht man deut­lich einen Mann in einer gelben Weste, der vor der Steh­tri­büne sitzt und nicht das Spiel beob­achtet, son­dern die Fans. Ja, das bin ich“, sagt Clarke. Kein Zweifel.“ Wäh­rend der Foto­graf ver­sucht, sich jenen Tag im Sep­tember 1996 ins Gedächtnis zu rufen, zeigt Melmoe auf das berühmte Bild. Genauer: auf den Jungen im weißen Trikot mit dem Pott­schnitt. Das bin ich“, sagt er und lächelt etwas säu­er­lich.

Neben Hen­derson und Melmoe trifft Stuart Roy Clarke an diesem kalten, aber son­nigen Wochen­ende an der eng­li­schen Nord­see­küste noch vier wei­tere Fans, die auf seinem Bild sind. Wir haben ins­ge­samt 22 Per­sonen iden­ti­fi­ziert und aus­findig gemacht, die der Foto­graf damals ablich­tete. Meh­rere von ihnen wohnen nicht mehr in Sun­der­land, andere sind ver­hin­dert, als Clarke in der Stadt ist. Und einige haben schlicht keine Lust, sich schon wieder irgendwo abge­druckt zu sehen. Man kann das durchaus ver­stehen. So tauscht sich Melmoe mit Lynne Grainger aus (dem dun­kel­haa­rigen Mäd­chen, das im rechten Teil des Bildes steht, direkt hinter dem Jungen mit der Brille). Beide sind sich einig, dass Clarke sie leider mit recht unvor­teil­haften Fri­suren für die Nach­welt fest­ge­halten hat.

Nost­algie und Melan­cholie 

Außerdem ruft das Bild zwar bei allen Anwe­senden schöne Erin­ne­rungen hervor, aber diese Art von woh­liger Nost­algie kann auch rasch in Melan­cholie umschlagen. Denn das Foto funk­tio­niert auch als Zeugnis einer unter­ge­gan­genen Epoche. Wäh­rend die Fans über einen Schuss an die Latte oder Agnews Tor oder was auch immer staunten, wuchs keine zwei Kilo­meter süd­west­lich schon ein neues, fast dop­pelt so großes Sta­dion in die Höhe. Sieben Monate nach Clarkes Foto wurde im Roker Park zum letzten Mal Fuß­ball gespielt. An meinem 21. Geburtstag“, sagt Hen­derson und blickt etwas traurig aus dem Fenster auf den Fluss Wear, der wenige hun­dert Meter von hier ins Meer mündet. Wir brauchten dieses neue Sta­dion für die Pre­mier League. Es sollte moderner und kom­for­ta­bler sein. Tja, und dann stieg Sun­der­land aus­ge­rechnet im letzten Spiel im Roker Park in die 2. Liga ab.“

Das Ende des Sta­dions, in dem der Klub fast 100 Jahre lang gespielt hatte, war zugleich das Ende der Steh­plätze in Sun­der­land. Und natür­lich nicht nur dort. Mit Tri­bünen wie dem Ful­well End ver­schwand auch ein guter Teil der klas­si­schen bri­ti­schen Fan­kultur, so wie die Welt sie gekannt und bewun­dert hatte. Clarkes Foto könnte heute so nicht mehr gemacht werden, zumin­dest nicht in Groß­bri­tan­nien. Und zwar nicht etwa, weil die Fans auf dem Bild alle stehen, son­dern weil so viele von ihnen so jung sind. Melmoe war damals 13, der Junge ganz links außen erst zehn, und auf einem Pan­ora­ma­foto, das Clarke an jenem Tag auf­nahm, ent­deckt man sogar noch jün­gere Zuschauer auf dem Ful­well End. Sie konnten sich die vier Pfund teuren Ein­tritts­karten von ihrem Taschen­geld kaufen und mussten nicht darauf hoffen, von einem Erwach­senen mit­ge­nommen zu werden. So ist die augen­schein­lich älteste Person auf dem Foto – der Mann mit der Mütze – nicht etwa der Vater oder Onkel eines der umste­henden Kinder, son­dern ein Fan, der stets allein kam und dessen Namen nie­mand zu kennen scheint.