11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ein Besuch bei den Fans, die auf einem der berühm­testen Fuß­ball­fotos aller Zeiten zu sehen sind.

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Vor sieb­zehn Jahren erfuhr Colin Hen­derson, dass er berühmt ist. Der Koch aus der Nähe von Sun­der­land war auf dem Weg zu einem Freund, der in der male­ri­schen Gegend lebt, die Lake District heißt. Die Fahrt führte Hen­derson durch den kleinen Ort Amble­side. Dort stockte der Ver­kehr. Wäh­rend Hen­derson darauf war­tete, dass die Autos vor ihm sich wieder in Bewe­gung setzten, blickte er gelang­weilt aus dem Fah­rer­fenster – und sah sich selbst.

Das heißt, im ersten Moment sah er nur eine große Gruppe von Leuten, fast alle in rot-weißen Tri­kots und mit vor Erstaunen gewei­teten Augen. Ich wusste natür­lich sofort, wo das Foto auf­ge­nommen worden war“, erin­nert er sich. In Sun­der­lands Roker Park. Ful­well End, direkt hinter dem Tor. Und weil ich dort immer stand, musste ich auf dem Bild sein.“ Er war es auch. Ganz rechts auf dem spek­ta­kulär ver­grö­ßerten Foto, das in einem Schau­fenster hing, ent­deckte Hen­derson sein jün­geres Selbst. Seither ver­folgt mich das Foto“, sagt er. Es taucht ständig und überall auf. Erst vor ein paar Monaten war es auf dem Cover der L’Équipe‘.“

Der Mann, der das Foto gemacht hat, heißt Stuart Roy Clarke. Er sitzt in einem der wenigen über­re­gional bekannten Gebäude der Stadt Sun­der­land, dem National Glass Centre, und kommt sich vor wie bei einer Fami­li­en­feier, auf der man einige Bekannte trifft, aber vor allem viele ent­fernte Ver­wandte, die man nie zuvor gesehen hat. In den zwei Jahr­zehnten, die ver­gangen sind, seit ihm sein größter Schnapp­schuss gelang, ist Clarke dem einen oder anderen Fan begegnet, den man auf dem Foto sieht. Doch Colin Hen­derson kannte er bis vor ein paar Stunden nicht. Nun will er alles von ihm wissen. Das ist Clarke wichtig, weil er sich der Bedeu­tung seines Bildes bewusst ist. Ich sage das nicht, weil es hier um mein Werk geht“, erklärt er. Aber ich bin mir ganz sicher, dass dieses Foto eines Tages in einer Natio­nal­ga­lerie hängen wird. Viel­leicht in Eng­land, viel­leicht aber auch in Deutsch­land, Hol­land oder Frank­reich. Als klas­si­sches Por­trät der Men­schen dieses Landes und unseres Natio­nal­sports.“ Das sieht man auch bei der L’Équipe“ so, denn als das Foto im August das Titel­blatt der tra­di­ti­ons­rei­chen fran­zö­si­schen Sport­zei­tung zierte, lau­tete die Schlag­zeile: This is Eng­land.“

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Colin Hen­derson im Januar 2019.

Lêm­rich

Ein Tag im Sep­tember 1996

Clarkes Bild ist so berühmt, weil es auf meh­reren Ebenen funk­tio­niert und berührt. Zuerst fällt natür­lich ins Auge, dass fast alle Fans in den vor­deren Reihen über­rascht bis ungläubig wirken. So ein­dring­lich sind die Blicke dieser Men­schen, dass einer von ihnen – der Junge, dessen Hände das Geländer umklam­mern – sogar zum Pos­terboy wurde. Der Kom­po­nist Andrew Lloyd Webber war näm­lich so fas­zi­niert von seinem Gesichts­aus­druck, gera­dezu dem Inbe­griff kind­li­chen Stau­nens, dass er um die Erlaubnis bat, mit diesem Bild­aus­schnitt für ein Musical zu werben. Als Clarke auf den Aus­löser drückte, musste also gerade etwas sehr Unge­wöhn­li­ches vor­ge­fallen sein – doch was? Das fragt mich jeder, aber ich habe keine Ahnung“, sagt Hen­derson. Er weiß, wann das Foto ent­standen ist: am 21. Sep­tember 1996. Er weiß auch, dass Sun­der­land an jenem Tag im vierten Anlauf end­lich den ersten Heim­sieg der Saison ein­fuhr und mit 1:0 gegen Coventry City gewann. Doch über was er sich damals so wun­derte, kann er nicht sagen.

Clarke weiß es natür­lich erst recht nicht, denn er kehrte dem Spiel­ge­schehen den Rücken zu. Nor­ma­ler­weise wan­derte ich in den Sta­dien herum, doch an jenem Tag blieb ich die meiste Zeit vor dem Ful­well End“, erin­nert er sich. Ich kann nicht sagen, warum, aber ich wusste, dass ich ein beson­deres Bild machen würde, wenn ich diese Men­schen im Auge behielt. Bei den alten Kameras konnte man ja nicht sofort nach­sehen, was man hatte. Man musste eine Woche warten, bis der Brief­träger die Bilder vom Ent­wi­ckeln brachte. Aber schon direkt nach dem Spiel wusste ich, dass irgendwo auf dem Film ein außer­ge­wöhn­li­ches Foto war.“ Die meiste Zeit hockte Clarke mit dem Rücken zur Wer­be­bande und unmit­telbar vor dem roten Zaun, der die Tri­büne abschloss, weil er wusste, dass die Fans dann seine Anwe­sen­heit irgend­wann ver­gessen würden. Ab und zu wagte er sich aber auch auf das Stück Rasen hinter dem Tor, doch dort war so wenig Raum, dass die Füße des Foto­grafen sich manchmal im Netz ver­fingen.

Diese Enge im Roker Park erklärt, warum es so aus­sieht, als würden die Fans auf unter­schied­liche Stellen des Spiel­feldes starren. In Wahr­heit bli­cken sie alle auf den Straf­raum“, sagt Clarke. Und dort pas­sieren gerade meh­rere Dinge. Ich nehme an, dass jemand an die Latte geschossen oder geköpft hat. Der Ball prallt ab und fliegt hoch in die Luft.“ Die Men­schen, die mit Clarke am Tisch sitzen, nicken. Nur ein junger Mann namens Michael Melmoe, der für eine große Bank in der Abtei­lung Betrugs­auf­de­ckung arbeitet, schüt­telt den Kopf. Ich glaube, es ist das Tor“, sagt er. Eine sehr hohe Flanke kam in den Straf­raum. Steve Agnew nahm den Ball mit der Brust an und zog sofort mit links ab.“ Die anderen run­zeln die Stirn, immerhin ist das Ganze mehr als 22 Jahre her. Doch Melmoe lässt sich nicht beirren: Es ist das 1:0.“

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Stuart Roy Clarke

Er könnte Recht haben. Der Treffer fiel in der 51. Minute, und wir wissen, dass das Foto nach der Pause auf­ge­nommen wurde. Einer der Fans auf dem Bild, David Robertson, wech­selte näm­lich zur Halb­zeit stets seinen Standort auf dem Ful­well End, abhängig davon, auf wel­ches Tor Sun­der­land spielte. An jenem Tag stand er wäh­rend der ersten 45 Minuten weiter oben, um den gegen­über­lie­genden Straf­raum gut zu sehen. Außerdem ging dem Treffer in der Tat die Art von Flanke voraus, über die man früher sagte, dass Schnee auf dem Ball lag, als er run­terkam. Und auf den Fern­seh­bil­dern, die sich von dem Tor finden lassen, sieht man deut­lich einen Mann in einer gelben Weste, der vor der Steh­tri­büne sitzt und nicht das Spiel beob­achtet, son­dern die Fans. Ja, das bin ich“, sagt Clarke. Kein Zweifel.“ Wäh­rend der Foto­graf ver­sucht, sich jenen Tag im Sep­tember 1996 ins Gedächtnis zu rufen, zeigt Melmoe auf das berühmte Bild. Genauer: auf den Jungen im weißen Trikot mit dem Pott­schnitt. Das bin ich“, sagt er und lächelt etwas säu­er­lich.

Neben Hen­derson und Melmoe trifft Stuart Roy Clarke an diesem kalten, aber son­nigen Wochen­ende an der eng­li­schen Nord­see­küste noch vier wei­tere Fans, die auf seinem Bild sind. Wir haben ins­ge­samt 22 Per­sonen iden­ti­fi­ziert und aus­findig gemacht, die der Foto­graf damals ablich­tete. Meh­rere von ihnen wohnen nicht mehr in Sun­der­land, andere sind ver­hin­dert, als Clarke in der Stadt ist. Und einige haben schlicht keine Lust, sich schon wieder irgendwo abge­druckt zu sehen. Man kann das durchaus ver­stehen. So tauscht sich Melmoe mit Lynne Grainger aus (dem dun­kel­haa­rigen Mäd­chen, das im rechten Teil des Bildes steht, direkt hinter dem Jungen mit der Brille). Beide sind sich einig, dass Clarke sie leider mit recht unvor­teil­haften Fri­suren für die Nach­welt fest­ge­halten hat.

Nost­algie und Melan­cholie 

Außerdem ruft das Bild zwar bei allen Anwe­senden schöne Erin­ne­rungen hervor, aber diese Art von woh­liger Nost­algie kann auch rasch in Melan­cholie umschlagen. Denn das Foto funk­tio­niert auch als Zeugnis einer unter­ge­gan­genen Epoche. Wäh­rend die Fans über einen Schuss an die Latte oder Agnews Tor oder was auch immer staunten, wuchs keine zwei Kilo­meter süd­west­lich schon ein neues, fast dop­pelt so großes Sta­dion in die Höhe. Sieben Monate nach Clarkes Foto wurde im Roker Park zum letzten Mal Fuß­ball gespielt. An meinem 21. Geburtstag“, sagt Hen­derson und blickt etwas traurig aus dem Fenster auf den Fluss Wear, der wenige hun­dert Meter von hier ins Meer mündet. Wir brauchten dieses neue Sta­dion für die Pre­mier League. Es sollte moderner und kom­for­ta­bler sein. Tja, und dann stieg Sun­der­land aus­ge­rechnet im letzten Spiel im Roker Park in die 2. Liga ab.“

Das Ende des Sta­dions, in dem der Klub fast 100 Jahre lang gespielt hatte, war zugleich das Ende der Steh­plätze in Sun­der­land. Und natür­lich nicht nur dort. Mit Tri­bünen wie dem Ful­well End ver­schwand auch ein guter Teil der klas­si­schen bri­ti­schen Fan­kultur, so wie die Welt sie gekannt und bewun­dert hatte. Clarkes Foto könnte heute so nicht mehr gemacht werden, zumin­dest nicht in Groß­bri­tan­nien. Und zwar nicht etwa, weil die Fans auf dem Bild alle stehen, son­dern weil so viele von ihnen so jung sind. Melmoe war damals 13, der Junge ganz links außen erst zehn, und auf einem Pan­ora­ma­foto, das Clarke an jenem Tag auf­nahm, ent­deckt man sogar noch jün­gere Zuschauer auf dem Ful­well End. Sie konnten sich die vier Pfund teuren Ein­tritts­karten von ihrem Taschen­geld kaufen und mussten nicht darauf hoffen, von einem Erwach­senen mit­ge­nommen zu werden. So ist die augen­schein­lich älteste Person auf dem Foto – der Mann mit der Mütze – nicht etwa der Vater oder Onkel eines der umste­henden Kinder, son­dern ein Fan, der stets allein kam und dessen Namen nie­mand zu kennen scheint.

Mein erstes Spiel im Roker Park habe ich 1985 gesehen, mit acht, und ich war sofort ver­liebt“, sagt David Robertson. Es war so ein phan­tas­ti­scher Ort, um Fuß­ball zu schauen.“ Auf dem Foto steht er direkt hinter Hen­derson, trotzdem kannten sich die beiden nicht, bis sie ins National Glass Centre kamen, um den Foto­grafen zu treffen, der sie ver­ewigt hat. Robertson war 19, als Clarke auf den Aus­löser drückte und besaß seit zwei Jahren eine Dau­er­karte. Seither hat er sie immer wieder ver­län­gert – noch heute ist er bei jedem Spiel dabei, genau wie Michael Melmoe. Doch es ist nicht mehr wie früher. Damals haben wir uns alle auf das neue Sta­dion gefreut, ich auch“, sagt Robertson. Aber heute würde ich sofort tau­schen und wieder zurück­gehen. Ich mag das Sta­dium of Light zwar – aber ich bin dort nicht zu Hause.“

Durch den Bau des neuen Sta­dions wurde auch eine Art Familie aus­ein­an­der­ge­rissen. Zwar kannten sich natür­lich nicht alle Per­sonen auf Clarkes Foto mit Namen oder auch nur Spitz­namen, doch da sie sich regel­mäßig auf einem sehr begrenzten Raum trafen, ent­stand so etwas wie Ver­traut­heit. Durch den Umzug ver­loren sie sich dann aus den Augen, weil sie auf ver­schie­denen Tri­bünen lan­deten. So erin­nern sich viele im National Glass Centre an den Fan mit den Locken und der Brille im linken Teil des Bildes. Doch alle sind bass erstaunt, als Lisa Laing (die auf dem Foto drei Reihen hinter Melmoe steht) bei­läufig erwähnt, dass sie ihn bis zum heu­tigen Tag ab und zu im Sta­dium of Light sieht.

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Kein käl­terer Ort

Wo einst der Vor­läufer dieser Arena war, ist heute ein bie­deres Wohn­ge­biet: schmale, zwei­stö­ckige Back­stein­häuser mit kleinen Vor­gärten. Nach dem Treffen im National Glass Centre schlen­dert Clarke durch den Ort, an dem sein wohl bekann­testes Bild ent­stand. Ich finde es ein wenig traurig“, sagt er, dass nur noch die Namen der Straßen – Pro­mo­tion Close, Mid­field Drive – an den Roker Park erin­nern.“ Über seiner Schulter hängt eine Kamera, aber er macht keine Fotos. Bald treibt ihn die Kälte zurück ins Auto, denn ein böiger Wind fegt durch die Sied­lung, die mal ein Sta­dion gewesen ist. 

Oh, im Winter gab es auf der ganzen Welt keinen käl­teren Ort als Roker Park“, erin­nert sich Robertson und lächelt dabei fast selig. Weil das Sta­dion direkt am Meer lag, wurde es frostig, sobald der Wind von der Nordsee rein­blies. Aber die Stim­mung war immer groß­artig, selbst wenn die Mann­schaft nicht gut spielte.“ Was in Sun­der­land, da muss man ehr­lich sein, tra­di­tio­nell eher die Regel als die Aus­nahme ist. Seit dem Pokal­sieg 1973 hat der Verein keinen Titel mehr gewonnen, wenn die Lage auch selten so depri­mie­rend war wie zuletzt. Im April 2018 ist der Klub zum erst zweiten Mal in seiner 140-jäh­rigen Geschichte in die Dritt­klas­sig­keit abge­stiegen. 

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David Robertson im Januar 2019.

Lêm­rich

46.000 Zuschauer in der dritten Liga

Und doch strömen an dem Wochen­ende, als Clarke Sun­der­land besucht, fast 38.000 Men­schen zum Spiel gegen Luton Town. Am Boxing Day kamen sogar 46.000 Fans ins Sta­dium of Light; es war die höchste Zuschau­er­zahl in Eng­lands dritter Liga seit vierzig Jahren. Diese uner­schüt­ter­liche Treue der Anhänger unter­streicht, dass Men­schen aus Sun­der­land eine beson­dere Bezie­hung zu ihrem Klub haben. Sie spricht auch schon aus Clarkes altem Foto. Denn das funk­tio­niert aus einem bestimmten Grund auch auf einer rein opti­schen Ebene.

Fast jeder auf diesem Bild“, sagt Clarke und tippt mit dem Zei­ge­finger von links nach rechts über das Foto, trägt ein Sun­der­land-Trikot. Das war in der dama­ligen Zeit nicht normal und macht das Ganze sehr wir­kungs­voll, weil die roten Streifen sich in den roten Zaun­stangen fort­setzen.“ In der Tat kauften sich fast alle Fans, die man hier sieht, wie selbst­ver­ständ­lich zu jeder neuen Saison das Heim- und das Aus­wärts­trikot. Selbst der junge Mann, der so her­aus­sticht, weil er statt Trikot ein graues Jackett trägt, wäre wohl an jedem anderen Tag eben­falls in den Ver­eins­farben erschienen. Doch der 21. Sep­tember 1996 war sein 18. Geburtstag.

Diese enge Ver­bun­den­heit zwi­schen Verein und Stadt sieht man auch an einem wei­teren Detail in Clarkes Foto – der für die Zeit unge­wöhn­lich großen Zahl weib­li­cher Fans auf den Stehrängen. Als wir ins Sta­dium of Light umzogen, wurden zum ersten Mal Daten über das Publikum erhoben“, sagt Lisa Laing, die auf dem Foto 23 Jahre alt ist und noch heute jedes Heim­spiel besucht. Es stellte sich heraus, dass in Sun­der­land mehr Frauen Dau­er­karten hatten als bei allen anderen Ver­einen der oberen Ligen. Das war hier schon immer so, und ich glaube, es liegt daran, dass Fuß­ball die Stadt defi­niert. Früher hatten wir Werften, Zechen und Fuß­ball. Dann nur noch Fuß­ball.“ 

Einst gab es unglaub­liche 76 Werften in dieser nicht beson­ders großen Hafen­stadt, die letzte von ihnen machte 1988 dicht. Wenig später endete auch die Geschichte des Berg­baus in der Gegend: Ende 1993 schloss die Zeche Wear­mouth, einst die größte der ganzen Region. An ihrer Stelle steht heute das Sta­dium of Light, dessen Name an die Gru­ben­lampen der Berg­ar­beiter erin­nern soll. 

Für Sun­der­land waren die wirt­schaft­li­chen Folgen dra­ma­tisch. Der Nord­osten gilt heute als ärmste Region Eng­lands. Wäh­rend im Rest des Landes die Immo­bi­li­en­preise in den letzten zehn Jahren um ein Viertel stiegen, sind sie hier sogar gesunken. Es war dieser unauf­halt­same Nie­der­gang eines einst bedeu­tenden Ortes, den Clarke eigent­lich doku­men­tieren wollte. Ich kam als Stu­dent nach Sun­der­land, um die Hafen­ar­beiter und Berg­leute zu foto­gra­fieren. Da oben habe ich gewohnt“, sagt er und weist auf ein Fenster im ersten Stock eines Hauses unweit des Mid­field Drive. Dann zeigt er auf die gegen­über­lie­gende Stra­ßen­seite. Und dort war Roker Park. Abends schien das Flut­licht in mein Bade­zimmer. Da fragte ich mich, ob Fuß­ball viel­leicht ein Motiv für mich sein könnte. Zuerst glaubte ich, es wäre als Thema nicht ernst­haft genug. Aber dann pas­sierten all diese Unglücke – Brad­ford, Heysel, Hills­bo­rough – und mir wurde klar, wie wichtig Fuß­ball ist. Das halbe Land besuchte regel­mäßig Spiele, aber nun würde der Fuß­ball sich massiv ver­än­dern.“

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Stuart Roy Clarke im Januar 2019.

Lêm­rich

Zwei Abstiege am Stück

Sun­der­land-Fans mögen unge­wöhn­lich lei­dens­fähig sein, aber auch an ihnen gingen diese Ver­än­de­rungen nicht spurlos vor­über. Der Junge, dessen leuch­tende Kin­der­augen Lloyd Webber so fas­zi­nierten, hat heute eine Jah­res­karte für den Ama­teur­klub FC South Shields, weil man dort den Spie­lern noch so nahe ist wie früher im Roker Park. Und auch Lisa McCluskey, die auf dem Foto als 16-jäh­riges Mäd­chen neben Colin Hen­derson zu sehen ist, geht nicht mehr zum AFC Sun­der­land. Mit Ende zwanzig habe ich irgendwie das Inter­esse am Fuß­ball ver­loren“, sagt sie. Es hatte nichts mit Geld oder Politik zu tun, es war ein­fach nicht mehr so auf­re­gend wie früher.Ab und zu schaue ich mir noch Spiele an, aber Fuß­ball ist mir nicht mehr so wichtig.“ Ihre Freundin Lynne Grainger, mit der sie früher im Roker Park stand, lebt heute im drei Stunden ent­fernten Man­chester und sieht nur noch wenige Heim­spiele pro Saison.

Dabei sind dies erstaun­lich gute Zeiten, um Sun­der­land-Fan zu sein. Nach blei­ernen Jahren mit zwei Abstiegen, die nicht zuletzt daher rührten, dass der ame­ri­ka­ni­sche Besitzer das Inter­esse am Klub und seinen Anhän­gern völlig ver­loren hatte, kann man jetzt die Auf­bruch­stim­mung fast mit Händen greifen. Das liegt auch an den neuen, eng­li­schen Eigen­tü­mern. Sie sind enga­giert und küm­mern sich sehr um die Fans. Sie haben ihnen sogar einen Wunsch erfüllt und die Süd­tri­büne des Sta­dium of Light umbe­nannt – in Roker End. Am Tag, als Clarke wieder in der Stadt ist, wird dort ein Wand­ge­mälde ent­hüllt, das fünf legen­däre Kapi­täne des Klubs zeigt.

Da passt es ins Bild, dass die emo­tio­nale Net­flix-Doku Sun­der­land Til I Die“, die im Dezember 2018 Pre­miere fei­erte, zu einem echten Hit geworden ist. Aus aller Welt rufen Leute beim Klub an und wollen Karten, weil der AFC Sun­der­land plötz­lich total ange­sagt ist. Im Verein war nie­mand darauf vor­be­reitet, schließ­lich doku­men­tiert der Film ein his­to­ri­sches Debakel, wes­halb zum Bei­spiel Colin Hen­derson nie über die zweite Folge hin­aus­ge­kommen ist. Ich kann mir dieses ganze Drama nicht noch mal ansehen“, sagt er. Es tut zu weh.“ Doch gerade dieser Schmerz ist wohl das Erfolgs­ge­heimnis der Serie. Auf eine selt­same Art wecken die Tränen der untröst­li­chen Sun­der­land-Fans so etwas wie Neid oder Sehn­sucht. Zeigen sie doch, dass wenigs­tens hier, im eng­li­schen Nord­osten, die Kraft des Spiels unge­bro­chen wirkt. In Sun­der­land scheint das Staunen, das Clarke vor so langer Zeit fest­hielt, noch wei­ter­zu­leben.

Das gilt sogar für Lisa McCluskey. Sie mag einer der ganz wenigen Fans sein, die wir gefunden haben, bei denen die Fuß­ball­be­geis­te­rung erkaltet ist. Aber trotzdem lässt das Spiel sie nicht los. In ein paar Jahren kommen Pro­bleme auf uns zu“, sagt sie und meint damit den Sohn, den sie im letzten Jahr zur Welt gebracht hat. Mein Mann ist Fan von New­castle United. Er sagt, dass unser Sohn auf keinen Fall Sun­der­land-Anhänger wird. Aber wir leben doch hier! Ich werde nicht zulassen, dass mein Kind New­castle-Fan wird.“ Sie lacht, aber nur halb im Spaß. All die Jahre auf dem Ful­well End haben Spuren hin­ter­lassen.

Armer Kerl!“

Bei man­chen Fans haben sie sogar Lebens­wege bestimmt. Der kleine Junge ganz links auf dem Foto ist heute Kon­di­ti­ons­trainer beim Fünft­li­gisten Hart­le­pool United. Und Grainger hat einen ganz ähn­li­chen Weg ein­ge­schlagen. Als junges Mäd­chen war sie im Sta­dion so fas­zi­niert von den Leuten, die mit einem Medi­zin­koffer auf den Rasen sprin­teten, wenn ein Spieler ver­letzt am Boden lag, dass daraus ein Berufs­wunsch wurde. Heute arbeitet sie als Phy­sio­the­ra­peutin und durfte sogar eine Zeit­lang bei einem Rug­by­verein aufs Feld rennen, um die Spieler zu behan­deln.

Am Ende eines win­digen Tages ver­ab­schiedet der Foto­graf die Men­schen, die ihm vor zwei Jahr­zehnten unfrei­willig Modell standen, wie alte Freunde. Man umarmt sich und ver­spricht, in Kon­takt zu bleiben. Zwi­schen all den mitt­ler­weile erwach­senen Leuten wuselt ein blonder Junge hin und her. Es ist Hudson, der fünf­jäh­rige Sohn von Grainger. Fuß­ball war und ist Teil unserer Familie“, sagt sie. Meine Eltern sind in ihren Flit­ter­wo­chen zum Pokal­fi­nale 1973 gefahren und haben bis heute Jah­res­karten. Ich bin mir ganz sicher, dass auch Hudson Sun­der­land-Fan wird.“ Sie lacht. Armer Kerl!“ Ihr Sohn strahlt. Er trägt ein rot-weiß gestreiftes Trikot.

Der Film zur Repor­tage: