11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ein Besuch bei den Fans, die auf einem der berühm­testen Fuß­ball­fotos aller Zeiten zu sehen sind.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Vor sieb­zehn Jahren erfuhr Colin Hen­derson, dass er berühmt ist. Der Koch aus der Nähe von Sun­der­land war auf dem Weg zu einem Freund, der in der male­ri­schen Gegend lebt, die Lake District heißt. Die Fahrt führte Hen­derson durch den kleinen Ort Amble­side. Dort stockte der Ver­kehr. Wäh­rend Hen­derson darauf war­tete, dass die Autos vor ihm sich wieder in Bewe­gung setzten, blickte er gelang­weilt aus dem Fah­rer­fenster – und sah sich selbst.

Das heißt, im ersten Moment sah er nur eine große Gruppe von Leuten, fast alle in rot-weißen Tri­kots und mit vor Erstaunen gewei­teten Augen. Ich wusste natür­lich sofort, wo das Foto auf­ge­nommen worden war“, erin­nert er sich. In Sun­der­lands Roker Park. Ful­well End, direkt hinter dem Tor. Und weil ich dort immer stand, musste ich auf dem Bild sein.“ Er war es auch. Ganz rechts auf dem spek­ta­kulär ver­grö­ßerten Foto, das in einem Schau­fenster hing, ent­deckte Hen­derson sein jün­geres Selbst. Seither ver­folgt mich das Foto“, sagt er. Es taucht ständig und überall auf. Erst vor ein paar Monaten war es auf dem Cover der L’Équipe‘.“

Der Mann, der das Foto gemacht hat, heißt Stuart Roy Clarke. Er sitzt in einem der wenigen über­re­gional bekannten Gebäude der Stadt Sun­der­land, dem National Glass Centre, und kommt sich vor wie bei einer Fami­li­en­feier, auf der man einige Bekannte trifft, aber vor allem viele ent­fernte Ver­wandte, die man nie zuvor gesehen hat. In den zwei Jahr­zehnten, die ver­gangen sind, seit ihm sein größter Schnapp­schuss gelang, ist Clarke dem einen oder anderen Fan begegnet, den man auf dem Foto sieht. Doch Colin Hen­derson kannte er bis vor ein paar Stunden nicht. Nun will er alles von ihm wissen. Das ist Clarke wichtig, weil er sich der Bedeu­tung seines Bildes bewusst ist. Ich sage das nicht, weil es hier um mein Werk geht“, erklärt er. Aber ich bin mir ganz sicher, dass dieses Foto eines Tages in einer Natio­nal­ga­lerie hängen wird. Viel­leicht in Eng­land, viel­leicht aber auch in Deutsch­land, Hol­land oder Frank­reich. Als klas­si­sches Por­trät der Men­schen dieses Landes und unseres Natio­nal­sports.“ Das sieht man auch bei der L’Équipe“ so, denn als das Foto im August das Titel­blatt der tra­di­ti­ons­rei­chen fran­zö­si­schen Sport­zei­tung zierte, lau­tete die Schlag­zeile: This is Eng­land.“

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Colin Hen­derson im Januar 2019.

Lêm­rich

Ein Tag im Sep­tember 1996

Clarkes Bild ist so berühmt, weil es auf meh­reren Ebenen funk­tio­niert und berührt. Zuerst fällt natür­lich ins Auge, dass fast alle Fans in den vor­deren Reihen über­rascht bis ungläubig wirken. So ein­dring­lich sind die Blicke dieser Men­schen, dass einer von ihnen – der Junge, dessen Hände das Geländer umklam­mern – sogar zum Pos­terboy wurde. Der Kom­po­nist Andrew Lloyd Webber war näm­lich so fas­zi­niert von seinem Gesichts­aus­druck, gera­dezu dem Inbe­griff kind­li­chen Stau­nens, dass er um die Erlaubnis bat, mit diesem Bild­aus­schnitt für ein Musical zu werben. Als Clarke auf den Aus­löser drückte, musste also gerade etwas sehr Unge­wöhn­li­ches vor­ge­fallen sein – doch was? Das fragt mich jeder, aber ich habe keine Ahnung“, sagt Hen­derson. Er weiß, wann das Foto ent­standen ist: am 21. Sep­tember 1996. Er weiß auch, dass Sun­der­land an jenem Tag im vierten Anlauf end­lich den ersten Heim­sieg der Saison ein­fuhr und mit 1:0 gegen Coventry City gewann. Doch über was er sich damals so wun­derte, kann er nicht sagen.

Clarke weiß es natür­lich erst recht nicht, denn er kehrte dem Spiel­ge­schehen den Rücken zu. Nor­ma­ler­weise wan­derte ich in den Sta­dien herum, doch an jenem Tag blieb ich die meiste Zeit vor dem Ful­well End“, erin­nert er sich. Ich kann nicht sagen, warum, aber ich wusste, dass ich ein beson­deres Bild machen würde, wenn ich diese Men­schen im Auge behielt. Bei den alten Kameras konnte man ja nicht sofort nach­sehen, was man hatte. Man musste eine Woche warten, bis der Brief­träger die Bilder vom Ent­wi­ckeln brachte. Aber schon direkt nach dem Spiel wusste ich, dass irgendwo auf dem Film ein außer­ge­wöhn­li­ches Foto war.“ Die meiste Zeit hockte Clarke mit dem Rücken zur Wer­be­bande und unmit­telbar vor dem roten Zaun, der die Tri­büne abschloss, weil er wusste, dass die Fans dann seine Anwe­sen­heit irgend­wann ver­gessen würden. Ab und zu wagte er sich aber auch auf das Stück Rasen hinter dem Tor, doch dort war so wenig Raum, dass die Füße des Foto­grafen sich manchmal im Netz ver­fingen.