Seite 2: „Die einzige Hoffnung: Dass der eigene Name in der Wutrede nicht fällt“

Bekamen Sie es mit der Angst zu tun?
Irgend­wann machte ich mir natür­lich Sorgen um meinen Vater. Meine Mutter fuhr mit dem Auto meines Opas los, um mich zu holen. Nach zwei­ein­halb Stunden War­te­zeit auf diesem komi­schen Auto­bahn-Aus­fahrt-Park­platz, es war längst Nacht geworden, war sie end­lich da.

Und ihr Vater?
Der war zu Bekannten in der Gegend gefahren, die das Miss­ver­ständnis mit den zwei Park­plätzen zum Glück auf­klären konnten. Irgend­wann rief er mich von dort aus an. Zu Hause gab es dann das große Wie­der­sehen.

Dachten Sie am Ende des Tages: Jetzt reicht’s mir mit dem ver­dammten Pen­deln!“
Nein, es gab ja auch nie­manden, auf den ich am Ende hätte böse sein können. Viel frus­trierter war ich in meinem zweiten B‑Ju­gend-Jahr, in der U17. Ich war im älteren Jahr­gang, spielte aber trotzdem kaum. Was in dem Alter nor­ma­ler­weise bedeutet, dass es eng wird mit der Pro­fi­kar­riere. Dem­entspre­chend nie­der­schmet­ternd war das Jahr, zumal meine Familie und ich ja diesen großen Auf­wand betrieben.

Warum spielten Sie nicht?
Ganz ein­fach: Es gab einen anderen Jungen, der auf meiner Posi­tion den Vorzug erhielt.

Wer?
Er heißt Thomas Dold.

Ist er Profi geworden?
Nein, er ist mitt­ler­weile Kapitän des FV Schutter­wald in der Lan­des­liga. Aber damals machte er jedes Spiel. Und ich war am Zwei­feln: Tust du dir das wirk­lich noch länger an?“

Warum haben Sie es sich noch länger angetan?
Einer­seits hatte ich den Willen, mich zu ver­bes­sern. Mein eigener Ehr­geiz spielte eine große Rolle. Gleich­zeitig machte mir das Kicken trotzdem noch großen Spaß. Mein Vater sagte immer: Wenn der Spaß weg ist, gibst du Bescheid. Dann kannst du sofort auf­hören, gar kein Pro­blem.“ Aber diesen Punkt habe ich nie erreicht. Und als das Jahr vorbei war, kam ich zu Herrn Streich.

Chris­tian Streich war damals A‑Ju­gend-Trainer in Frei­burg.
Und er war von mir über­zeugt. Das hat er mir von Anfang an gezeigt. Plötz­lich machte ich als Kerl aus dem jün­geren Jahr­gang jedes Spiel in der A‑Ju­gend-Bun­des­liga. So brachte er mich peu-a-peu nach oben.

Früher soll er ein ziem­li­cher Cho­le­riker gewesen sein. Haben Sie einen Chris­tian-Streich-Lieb­lings­fluch?
Puh, schwierig. Das Wort Cho­le­riker ist mir zu dras­tisch. Er ist extrem emo­tional, er ist voll dabei, und so war er auch schon früher. Wenn ich zurück­denke an die A‑Jugend, an Derbys gegen den VfB Stutt­gart: Wie er uns da vor den Spielen in der Kabine heiß gemacht hat, mit wel­chen Worten, mit wel­chen Sätzen, das werde ich nie ver­gessen. Und klar: Wenn es mal nicht lief in der ersten Hälfte, dann hat es richtig gekracht in der Kabine. Da ist man vom Platz geschli­chen und die ein­zige Hoff­nung war, dass der eigene Name in der Wut­rede nicht fällt. Danach war man aber zumin­dest wach.