Seite 5: „Schon ein paar Tage später begann die Chemotherapie“

Gab es zumin­dest einen Abend in Ihrer Jugend, an dem Sie mal aus­bre­chen konnten?
Klar, bei den vor­he­rigen Ant­worten sollte es auch nicht so rüber­kommen, als hätte ich nie in meinem Leben eine gute Fete mit­er­lebt. Einmal hatte ich an Fas­nacht zum Bei­spiel Glück, da spielten wir schon am Frei­tag­abend. Also konnte ich am Samstag und Sonntag feiern gehen und die Sau raus­lassen. Ein­fach mal jung sein, auch mal was trinken. Diese Momente gab es. Und daran erin­nere ich mich sehr gerne zurück. Inso­fern war das vorhin Jam­mern auf hohem Niveau.

Waren Sie als Kind eigent­lich Fan vom SC Frei­burg?
Jein. Ich war eher Sym­pa­thi­sant. Wir waren mit der Familie ab und an im Sta­dion.

Hatten Sie einen Lieb­lings­spieler?
Im Kopf geblieben ist mit vor allem Sou­maila Couli­baly. An den habe ich die meisten Erin­ne­rungen. Sein linker Hammer, die breiten Ober­schenkel.

Jetzt sind Sie selber ein SC-Spieler, an den sich Kinder von heute später erin­nern werden. 2014 machten sie sogar ein Län­der­spiel. Schielen Sie noch auf die Natio­nal­mann­schaft?
Eigent­lich gar nicht. Ich würde mich zwar sehr freuen, wenn Joa­chim Löw mich nochmal ein­laden würde. Aber ich kann nicht mehr machen, als meine Leis­tung zu bringen. Wenn er das Gefühl hat, ich sollte noch mal eine Chance bekommen, ist das super. Aber ich mache mir dar­über über­haupt keine Gedanken.

Müssen Sie den Verein wech­seln, um wieder mehr in den Fokus zu rücken?
Diese Gedanken hatte ich natür­lich schon. Aber da muss man abwägen. Denn man darf nicht unter­schätzen, was man als Spieler an Frei­burg hat. Viele gehen und denken, sie starten jetzt richtig durch, legen die Mords­kar­riere hin. Und dann stürzen sie ab. Des­wegen sollte man sich immer fragen, ob es sich lohnt, all das auf­zu­geben, was man sich hier auf­ge­baut hat. Viel­leicht komme ich irgend­wann an den Punkt, an dem ich dazu bereit bin. An dem ich einen neuen Reiz brauche. Aber bis jetzt hatte ich dieses Gefühl nicht.

Warum nicht?
Ich kenne den Verein in- und aus­wendig, meine Familie ist in der Nähe, all das tut mir gut. Aber viel­leicht sagt ja auch der Verein in einem Jahr: Du über­zeugst uns nicht mehr, du musst gehen. Was Ihre Aus­gangs­frage angeht: Das Bei­spiel von Nils (Petersen, d. Red.) zeigt, dass man auch als Frei­burg-Spieler in die Natio­nal­mann­schaft berufen werden kann.

Am ver­gan­genen Wochen­ende ver­passten Sie zum ersten Mal nach zuvor 56 Bun­des­li­ga­spiele in Folge über 90 Minuten eine Partie des SC Frei­burg. Wie konnten Sie fast zwei Jahre am Stück spielen?
Viel­leicht hatte ich mehr Glück als andere. Denn alle arbeiten gewis­sen­haft an ihrem Körper. Aber wenn du doof umge­treten wirst, nützt dir das halt nichts. Ich trai­niere hart, bis jetzt zahlt sich das aus.

Das Thema Gesund­heit spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Bei Ihrer Freundin wurde 2015 das Hodgkin-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert, also Lymph­kno­ten­krebs. Wie haben Sie von der Dia­gnose erfahren?
Das war kurz vor Weih­nachten. Wir hatten Urlaub geplant, die Flüge waren gebucht, doch wir mussten alles absagen und in Frei­burg bleiben. Denn es ging Schlag auf Schlag, schon ein paar Tage später begann die Che­mo­the­rapie. Wenn man sich etwas näher damit beschäf­tigt, was diese Art von The­rapie mit dem mensch­li­chen Körper macht, welche Fol­ge­schäden in den nächsten 10, 15 Jahren auf sie zukommen können, dann ist das schon heftig.

Aus Soli­da­rität rasierten Sie sich damals die eigenen Haare ab.
Es war eine Extrem­si­tua­tion. Wir waren noch nicht lange zusammen, erst ein paar Monate. Wir waren 21 Jahre alt, da hat man andere Dinge im Kopf. In erster Linie natür­lich sie, die plötz­lich um ihr Leben kämpfen musste. Es gab viele sehr schwie­rige Situa­tionen, die sie meis­tern musste, die wir gemeinsam meis­tern mussten. Und es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass unsere Bezie­hung diese Krank­heit über­standen hat. Denn spricht man mal mit Ärzten, hört man vor allem Hor­ror­ge­schichten. 

Ein Jahr später war der Spuk vor­erst vorbei.
Wir saßen gemeinsam im Arzt­zimmer, vorher war sie einmal kom­plett durch­ge­checkt worden. Die Lunge, der Kopf, alles. Dann gab der Arzt Ent­war­nung: Es war alles gut. Ein wun­der­schöner Moment. Wir sind dann erstmal nach Hause gefahren und haben einen Sekt getrunken. Und uns ein­fach gefreut. Obwohl wir auch damals schon wussten, dass man diese Krank­heit nie ganz besiegt. Wes­wegen sie auch wei­terhin sehr bewusst leben muss. Aber im Moment ist sie fit. Uns beiden geht es super.