Seite 4: „ Es tut mir leid, dass sie unter meiner Karriere gelitten hat“

Wie ist es heute: Ver­passen Sie immer noch viel?
Sagen wir mal so: Die WhatsApp-Gruppen machen es nicht ein­fa­cher. Man sieht Bilder, man liest Nach­richten. Das tut schon ein biss­chen weh. Am schlimmsten ist es bei Hoch­zeiten von Freunden. Davon habe ich in den ver­gan­genen Jahren viel zu viele ver­passt.

In Ihrer Jugend mussten Sie auch Abstriche im Fami­li­en­leben machen.
In der Zeit zwi­schen meinem 13. und meinem 18. Lebens­jahr habe ich von meiner Schwester quasi nichts mit­be­kommen. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Meine Eltern habe ich wegen der Fah­rerei viel gesehen. Aber sie? Viel zu selten.

Wie war das für Ihre Schwester, wenn sich die gesamte Familie um das Hobby des kleinen Bru­ders küm­mern muss?
Brutal. Mein Vater war viermal die Woche mit mir unter­wegs. Da hat sie ihn dann zehn Minuten am Abend gesehen. Das war für sie extrem schwierig. Im Nach­hinein tut es mir leid, dass sie auch ein Stück weit unter meiner Fuß­ball­kar­riere gelitten hat.

Kam es je zum Streit?
Nein, sie hat mir immer alles gegönnt, sie hat sich für mich gefreut. Und meine Eltern haben auch immer darauf geachtet, dass sie nicht zu kurz kommt. Aber heute kann ich besser ein­schätzen, wie schwer diese Jahre für sie gewesen sein müssen. Denn jah­re­lang ging es oft vor allem darum, wie wir als Familie meine Woche orga­ni­siert bekommen.

Haben Sie mal ver­sucht, sich in irgend­einer Form bei Ihrer Schwester zu revan­chieren?
Das ist quasi unmög­lich. Aber ich ver­suche es. Auf ihrer Hoch­zeit habe ich zum Bei­spiel eine Rede gehalten, in der ich all diese Dinge ange­spro­chen und ihr gesagt habe, wie dankbar ich bin. Mir ist klar, dass all das, was sie für mich getan hat, nicht selbst­ver­ständ­lich ist.

Diese Hoch­zeit haben Sie also nicht ver­passt.
Nein, zum Glück nicht. Aber auch nur, weil sie extra geschaut hat, wann es bei mir passt. Auch da musste sich mein Umfeld also nach mir richten. Das muss man sich mal vor­stellen: Nor­ma­ler­weise würde man dem Braut­paar immer sagen: Macht, wie es für euch am besten ist, schließ­lich ist es eure Hoch­zeit!“ Aber ich muss immer hin­zu­fügen: Wenn ihr wollt, dass ich dabei bin, solltet ihr auf den Spiel­plan vom SC schauen.“ Eigent­lich der totale Wahn­sinn. Bei Urlauben mit meiner Freundin ist es das gleiche. Irgend­wann ist dir das als Spieler total unan­ge­nehm. Aber so ist das Leben als Profi. Ich kann mir nicht ein­fach vier Wochen im August frei nehmen.

Als Sie 16 Jahre alt waren, nannten Ihre Mit­schüler Sie einen Streber. Womit hatten Sie das ver­dient? Saßen Sie immer in der ersten Reihe? Mit extra dicken Bril­len­glä­sern?
Nein, gar nicht. Das Wort Streber bezog sich allein auf meine schu­li­schen Leis­tungen, ich hatte immer einen Einser-Schnitt. Einer­seits fiel mir der Stoff leicht, ande­rer­seits habe ich auch immer auf­ge­passt im Unter­richt. Ich wusste ja, dass mir die Zeit fehlt, Sachen außer­halb von der Schule alleine nach­zu­holen.

Das Wort Streber bekommen Fuß­baller sonst eher nicht um die Ohren gehauen.
Wie gesagt: Es ging nur um meine Noten. Denn was das Soziale anging, hatte ich inner­halb der Klasse als SC-Spieler fast auto­ma­tisch einen gewissen Status. Außerdem gab es zum Bei­spiel Lehrer, die Frei­burg-Fans waren. Die haben oft nach­ge­fragt, wie es im Verein so läuft. Oder sie ließen mich früher aus dem Unter­richt abhauen, wenn ich Trai­ning hatte. Dadurch ist man fast auto­ma­tisch kein ganz nor­maler Schüler.

Ver­rutscht einem als junger Mensch irgend­wann die Nase nach oben?
Ich habe dieses Fuß­baller-Ding als Jugend­li­cher nie vor mir her getragen. Ich wollte nie etwas Beson­deres sein, ich wollte nie als arro­ganter Fuß­baller rüber­kommen. Im Gegen­teil: Ich wollte ein­fach nur dazu­ge­hören. Das ist noch heute so. Bei meinen Kum­pels, da will ich ein­fach nur einer von ihnen sein.