Seite 3: „Ich war sogar schon auf einer Abschlussfahrt der ersten Mannschaft dabei“

Ist er ruhiger geworden?
Es wird auch heute noch laut in der Kabine. Aber es ist ein gra­vie­render Unter­schied, ob dir als Trainer ein 30-jäh­riger Profi oder ein 17-jäh­riger Nach­wuchs­spieler gegen­über sitzt. Der Jugend­liche braucht die extreme Ansprache viel­leicht etwas häu­figer. Aber: Streich kann auch heute noch aus­rasten. Und das ist gut so.

Was einem bei Chris­tian Streich stets auf­fällt: sein Dia­lekt. Ver­stehen alle Spieler den Trainer?
Nun ja, neue Spieler brau­chen ein biss­chen Zeit, bis sie alles kapieren (lacht). Aber der Trainer kann sich zusam­men­reißen, dann ist das eigent­lich für keinen Mut­ter­sprachler ein Pro­blem.

Man­chen Leuten, die Dia­lekt spre­chen, ist das in der Öffent­lich­keit unan­ge­nehm. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie je über­legt, für Sky-Inter­views auf Hoch­deutsch umzu­schulen?
Ehr­lich gesagt höre ich in der Heimat schon dau­ernd, dass ich in Inter­views längst Hoch­deutsch reden würde. Was inso­fern stimmt, als dass ich zu Hause, wenn ich im Kreise meiner Kum­pels bin, noch viel extremer rede als jetzt gerade. Ich strenge mich in Inter­views schon an, dass mir auch Leute folgen können, die nicht aus dem Schwarz­wald kommen.

Sie kommen aus dem Teil des Schwarz­waldes, den man mit Fug und Recht den tiefsten nennen kann. Haben Sie noch Kon­takte zu ihrem Hei­mat­verein, dem FV Ten­nen­bronn?
Ja, ganz viel sogar. Ich war sogar schon auf einer Abschluss­fahrt der ersten Mann­schaft dabei, ein drei­tä­giger Trip in die Frank­furter Gegend. Ich ver­suche auch, regel­mäßig Spiele zu sehen. Ent­weder aus­wärts, wenn sie in der Nähe von Frei­burg spielen. Oder ich fahre heim. Meine besten Freunde spielen dort, und auch ein paar meiner Cou­sins.

Gibt es Dinge, die Ihnen am Ama­teur­fuß­ball besser gefallen als in der Bun­des­liga?
Obwohl meine Jungs sehr ehr­geizig sind – sie spielen der­zeit Bezirks­liga –, ist der Druck natür­lich ein anderer. Wenn sie mal ver­lieren, dann steht kurz danach ein Kasten in der Mitte, jeder schnappt sich ein Bier und damit ist die Nie­der­lage auch mehr oder weniger abge­hakt. Ich glaube, das ist schön, Fuß­ball ohne Druck.

Profis erzählen oft, dass der Druck das eigene Leben schon sehr früh massiv ein­schränkt. Dann fallen Schlag­worte wie Ent­beh­rungen und Ver­zicht. Manchmal klingt das recht abs­trakt, im schlimmsten Fall nach einer Floskel. Was haben Sie kon­kret in Ihrer Jugend ver­passt?
Da könnte ich hun­derte Dinge auf­zählen. Gerade, wenn es um Partys geht. Bei mir in der Gegend ist bei­spiels­weise Fas­nacht eine rie­sen­große Nummer. Los geht es tra­di­tio­nell am Don­nerstag, mit dem schmut­zige Dunschdig“, und dann wird bis Sonntag durch­ge­zogen. Da drehen hier alle frei. Aber ich konnte quasi nie mit­feiern. Don­nerstag und Freitag war Trai­ning und am Sonntag hatte ich fast immer ein Spiel. Nach dem Wochen­ende traf ich dann die Kum­pels, und Thema Nummer Eins waren die Partys. Was da wieder los war, wer an wel­chem Abend wie betrunken war, wer mit wem rum­ge­knutscht hat. Und ich hatte alles ver­passt.

Lagen Sie sams­tag­abends stun­den­lang wach und haben sich vor­ge­stellt, wie viel Spaß alle anderen gerade haben?
Ganz so schlimm war es nicht. An den Abenden war ich zu Hause, meis­tens zusammen mit meinem Vater. Dann haben wir irgend­etwas gespielt oder saßen vor dem Fern­seher und haben einen Film geschaut. Nicht spek­ta­kulär, aber immerhin. Wenn der Weg so weiter geht wie bei mir, dann ist das alles ja auch kein Pro­blem. Heute kann ich sagen: Ich habe gerne auf den Spaß ver­zichtet. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, etwas Schö­neres gibt es nicht. Aber viele, die es am Ende nicht geschafft haben, fragen sich in meinem Alter viel­leicht schon: Für was habe ich das alles eigent­lich an mir vor­bei­ziehen lassen? Die müsste man mal fragen, ob sie irgend­etwas bereuen.