Hin­weis: Das Inter­view erschien erst­mals im Januar 2019. Ges­tern wurde Günter über­ra­schend für die Euro­pa­meis­ter­schaft nomi­niert. 


Chris­tian Günter, Sie kommen aus einem kleinen Ort im Schwarz­wald und mussten seit Ihrer Jugend zum Fuß­ball­spielen nach Frei­burg pen­deln. Wie lief Ihr typi­scher Tag als 15-Jäh­riger ab?

Damals war ich auf der Real­schule in St. Georgen, was etwa zehn Kilo­meter von meinem Zuhause Ten­nen­bronn im Schwarz­wald ent­fernt liegt. Um 13:00 Uhr holte mich meine Mutter von der Schule ab und fuhr mich, das dau­erte viel­leicht 30 Minuten, direkt an den Bahnhof in Horn­berg. Um 14:05, das weiß ich noch genau, ging der Zug nach Offen­burg. Dort war ich dann um 14:45 Uhr und hatte ein paar Minuten Leer­lauf. Dann kam ein Kleinbus vom SC Frei­burg, der mich und andere Jungs, die aus dem Nord­schwarz­wald kamen, abholte und zum Trai­ning fuhr. Von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr wurde trai­niert, manchmal gab es danach noch eine kurze Video­ana­lyse. Gegen 19:00 Uhr waren wir fertig, mussten aber noch duschen. Die große Frage, die sich danach im SC-Bus auf dem Weg nach Offen­burg immer stellte: Schaffen wir den 20:15-Uhr-Zug zurück in die Heimat?

Und?
Meis­tens ver­passten wir ihn. Was bedeu­tete, dass ich eine Stunde am Bahnhof her­um­hängen musste. Dann habe ich Haus­auf­gaben gemacht oder vor mich hin geträumt. Bes­ten­falls waren noch ein oder zwei Kol­legen dabei, dann war es nicht ganz so öde. Um 21:45 Uhr war ich zurück in Horn­berg, wo mich meine Mutter wieder mit dem Auto abholte. 30 Minuten später war ich zu Hause, so um 22:15 Uhr. Meis­tens musste ich dann noch ein biss­chen lernen.

Ganz ehr­lich: Das klingt furchtbar.
Später, wäh­rend meiner Aus­bil­dung zum Indus­trie­me­cha­niker, ver­ließ ich das Haus sogar schon um 05:30 Uhr und war frü­hes­tens um 22:00 Uhr zu Hause. Damit es logis­tisch mit der Arbeit und dem Fuß­ball funk­tio­nieren konnte, mussten mein Vater, meine Mutter oder mein Opa mich abwech­selnd mit dem Auto nach Frei­burg bringen und dort wäh­rend des Trai­nings warten.

Konnten Sie irgend­wann auf Knopf­druck im Auto ein­schlafen?
Das kann ich heute noch. Ich lege mich hin, und zwei Minuten später bin ich weg. Das war sehr prak­tisch, weil ich damals ansonsten nicht viel Schlaf bekam. Wenn ich abends mit allem durch war, dann wollte ich ja trotzdem noch mal kurz run­ter­kommen, mich vor den Fern­seher hauen und ent­spannen. Und zack, war es Mit­ter­nacht. Fünf Stunden später klin­gelte der Wecker.

Hatten Sie über­haupt mal Frei­zeit als Jugend­li­cher?
Mitt­wochs! Da hatten wir in der B- und A‑Jugend trai­nings­frei. Das war also der Tag, an dem ich was mit Freunden machen konnte. Die rest­li­chen Tage war es schwierig.

Warum sind Sie nicht ein­fach in die Frei­burger Fuß­ball­schule gezogen?
Zum einen reichte meine Distanz zu Frei­burg nicht aus, im Internat gibt es ja nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen. Luft­linie sind es von Ten­nen­bronn nach Frei­burg nur 65 Kilo­meter. Andere kamen aus Orten, die waren zwei­ein­halb oder drei Stunden ent­fernt. Des­wegen gab es für mich nur die Mög­lich­keit, in eine Gast­fa­milie zu ziehen. Und das wollte ich nicht. Mein Umfeld war mir zu wichtig, ich wollte nicht von zu Hause weg.

Haben Sie eine beson­ders miese Fah­rerei-Erin­ne­rung?

Bei Offen­burg gibt es einen Park­platz, der sich von der Anbin­dung her eigent­lich super als Treff­punkt eignet. Das soge­nannte Offen­burger Ei. Aller­dings gibt es, nicht weit davon ent­fernt, noch einen zweiten Park­platz, der fast iden­tisch aus­sieht. Dum­mer­weise wusste von diesem zweiten Park­platz in meiner Familie nie­mand. Als mich der SC-Bus, damals war ich viel­leicht 16 Jahre alt, zum ersten Mal am Offen­burger Ei heraus ließ, wo mich mein Vater abholen sollte, fuhr mein alter Herr natür­lich prompt zum fal­schen Park­platz. Ich war­tete und war­tete, er kam und kam nicht. Damals gab es in der Familie nur ein Handy, das hatte ich in der Tasche. Nach einer Stunde rief ich meine Mutter zu Hause an und fragte, was denn bloß los sei. Sie ant­wor­tete: Der Papa ist schon vor zwei Stunden los­ge­fahren, der müsste längst da sein.“

Bekamen Sie es mit der Angst zu tun?
Irgend­wann machte ich mir natür­lich Sorgen um meinen Vater. Meine Mutter fuhr mit dem Auto meines Opas los, um mich zu holen. Nach zwei­ein­halb Stunden War­te­zeit auf diesem komi­schen Auto­bahn-Aus­fahrt-Park­platz, es war längst Nacht geworden, war sie end­lich da.

Und ihr Vater?
Der war zu Bekannten in der Gegend gefahren, die das Miss­ver­ständnis mit den zwei Park­plätzen zum Glück auf­klären konnten. Irgend­wann rief er mich von dort aus an. Zu Hause gab es dann das große Wie­der­sehen.

Dachten Sie am Ende des Tages: Jetzt reicht’s mir mit dem ver­dammten Pen­deln!“
Nein, es gab ja auch nie­manden, auf den ich am Ende hätte böse sein können. Viel frus­trierter war ich in meinem zweiten B‑Ju­gend-Jahr, in der U17. Ich war im älteren Jahr­gang, spielte aber trotzdem kaum. Was in dem Alter nor­ma­ler­weise bedeutet, dass es eng wird mit der Pro­fi­kar­riere. Dem­entspre­chend nie­der­schmet­ternd war das Jahr, zumal meine Familie und ich ja diesen großen Auf­wand betrieben.

Warum spielten Sie nicht?
Ganz ein­fach: Es gab einen anderen Jungen, der auf meiner Posi­tion den Vorzug erhielt.

Wer?
Er heißt Thomas Dold.

Ist er Profi geworden?
Nein, er ist mitt­ler­weile Kapitän des FV Schutter­wald in der Lan­des­liga. Aber damals machte er jedes Spiel. Und ich war am Zwei­feln: Tust du dir das wirk­lich noch länger an?“

Warum haben Sie es sich noch länger angetan?
Einer­seits hatte ich den Willen, mich zu ver­bes­sern. Mein eigener Ehr­geiz spielte eine große Rolle. Gleich­zeitig machte mir das Kicken trotzdem noch großen Spaß. Mein Vater sagte immer: Wenn der Spaß weg ist, gibst du Bescheid. Dann kannst du sofort auf­hören, gar kein Pro­blem.“ Aber diesen Punkt habe ich nie erreicht. Und als das Jahr vorbei war, kam ich zu Herrn Streich.

Chris­tian Streich war damals A‑Ju­gend-Trainer in Frei­burg.
Und er war von mir über­zeugt. Das hat er mir von Anfang an gezeigt. Plötz­lich machte ich als Kerl aus dem jün­geren Jahr­gang jedes Spiel in der A‑Ju­gend-Bun­des­liga. So brachte er mich peu-a-peu nach oben.

Früher soll er ein ziem­li­cher Cho­le­riker gewesen sein. Haben Sie einen Chris­tian-Streich-Lieb­lings­fluch?
Puh, schwierig. Das Wort Cho­le­riker ist mir zu dras­tisch. Er ist extrem emo­tional, er ist voll dabei, und so war er auch schon früher. Wenn ich zurück­denke an die A‑Jugend, an Derbys gegen den VfB Stutt­gart: Wie er uns da vor den Spielen in der Kabine heiß gemacht hat, mit wel­chen Worten, mit wel­chen Sätzen, das werde ich nie ver­gessen. Und klar: Wenn es mal nicht lief in der ersten Hälfte, dann hat es richtig gekracht in der Kabine. Da ist man vom Platz geschli­chen und die ein­zige Hoff­nung war, dass der eigene Name in der Wut­rede nicht fällt. Danach war man aber zumin­dest wach.

Ist er ruhiger geworden?
Es wird auch heute noch laut in der Kabine. Aber es ist ein gra­vie­render Unter­schied, ob dir als Trainer ein 30-jäh­riger Profi oder ein 17-jäh­riger Nach­wuchs­spieler gegen­über sitzt. Der Jugend­liche braucht die extreme Ansprache viel­leicht etwas häu­figer. Aber: Streich kann auch heute noch aus­rasten. Und das ist gut so.

Was einem bei Chris­tian Streich stets auf­fällt: sein Dia­lekt. Ver­stehen alle Spieler den Trainer?
Nun ja, neue Spieler brau­chen ein biss­chen Zeit, bis sie alles kapieren (lacht). Aber der Trainer kann sich zusam­men­reißen, dann ist das eigent­lich für keinen Mut­ter­sprachler ein Pro­blem.

Man­chen Leuten, die Dia­lekt spre­chen, ist das in der Öffent­lich­keit unan­ge­nehm. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie je über­legt, für Sky-Inter­views auf Hoch­deutsch umzu­schulen?
Ehr­lich gesagt höre ich in der Heimat schon dau­ernd, dass ich in Inter­views längst Hoch­deutsch reden würde. Was inso­fern stimmt, als dass ich zu Hause, wenn ich im Kreise meiner Kum­pels bin, noch viel extremer rede als jetzt gerade. Ich strenge mich in Inter­views schon an, dass mir auch Leute folgen können, die nicht aus dem Schwarz­wald kommen.

Sie kommen aus dem Teil des Schwarz­waldes, den man mit Fug und Recht den tiefsten nennen kann. Haben Sie noch Kon­takte zu ihrem Hei­mat­verein, dem FV Ten­nen­bronn?
Ja, ganz viel sogar. Ich war sogar schon auf einer Abschluss­fahrt der ersten Mann­schaft dabei, ein drei­tä­giger Trip in die Frank­furter Gegend. Ich ver­suche auch, regel­mäßig Spiele zu sehen. Ent­weder aus­wärts, wenn sie in der Nähe von Frei­burg spielen. Oder ich fahre heim. Meine besten Freunde spielen dort, und auch ein paar meiner Cou­sins.

Gibt es Dinge, die Ihnen am Ama­teur­fuß­ball besser gefallen als in der Bun­des­liga?
Obwohl meine Jungs sehr ehr­geizig sind – sie spielen der­zeit Bezirks­liga –, ist der Druck natür­lich ein anderer. Wenn sie mal ver­lieren, dann steht kurz danach ein Kasten in der Mitte, jeder schnappt sich ein Bier und damit ist die Nie­der­lage auch mehr oder weniger abge­hakt. Ich glaube, das ist schön, Fuß­ball ohne Druck.

Profis erzählen oft, dass der Druck das eigene Leben schon sehr früh massiv ein­schränkt. Dann fallen Schlag­worte wie Ent­beh­rungen und Ver­zicht. Manchmal klingt das recht abs­trakt, im schlimmsten Fall nach einer Floskel. Was haben Sie kon­kret in Ihrer Jugend ver­passt?
Da könnte ich hun­derte Dinge auf­zählen. Gerade, wenn es um Partys geht. Bei mir in der Gegend ist bei­spiels­weise Fas­nacht eine rie­sen­große Nummer. Los geht es tra­di­tio­nell am Don­nerstag, mit dem schmut­zige Dunschdig“, und dann wird bis Sonntag durch­ge­zogen. Da drehen hier alle frei. Aber ich konnte quasi nie mit­feiern. Don­nerstag und Freitag war Trai­ning und am Sonntag hatte ich fast immer ein Spiel. Nach dem Wochen­ende traf ich dann die Kum­pels, und Thema Nummer Eins waren die Partys. Was da wieder los war, wer an wel­chem Abend wie betrunken war, wer mit wem rum­ge­knutscht hat. Und ich hatte alles ver­passt.

Lagen Sie sams­tag­abends stun­den­lang wach und haben sich vor­ge­stellt, wie viel Spaß alle anderen gerade haben?
Ganz so schlimm war es nicht. An den Abenden war ich zu Hause, meis­tens zusammen mit meinem Vater. Dann haben wir irgend­etwas gespielt oder saßen vor dem Fern­seher und haben einen Film geschaut. Nicht spek­ta­kulär, aber immerhin. Wenn der Weg so weiter geht wie bei mir, dann ist das alles ja auch kein Pro­blem. Heute kann ich sagen: Ich habe gerne auf den Spaß ver­zichtet. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, etwas Schö­neres gibt es nicht. Aber viele, die es am Ende nicht geschafft haben, fragen sich in meinem Alter viel­leicht schon: Für was habe ich das alles eigent­lich an mir vor­bei­ziehen lassen? Die müsste man mal fragen, ob sie irgend­etwas bereuen.

Wie ist es heute: Ver­passen Sie immer noch viel?
Sagen wir mal so: Die WhatsApp-Gruppen machen es nicht ein­fa­cher. Man sieht Bilder, man liest Nach­richten. Das tut schon ein biss­chen weh. Am schlimmsten ist es bei Hoch­zeiten von Freunden. Davon habe ich in den ver­gan­genen Jahren viel zu viele ver­passt.

In Ihrer Jugend mussten Sie auch Abstriche im Fami­li­en­leben machen.
In der Zeit zwi­schen meinem 13. und meinem 18. Lebens­jahr habe ich von meiner Schwester quasi nichts mit­be­kommen. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Meine Eltern habe ich wegen der Fah­rerei viel gesehen. Aber sie? Viel zu selten.

Wie war das für Ihre Schwester, wenn sich die gesamte Familie um das Hobby des kleinen Bru­ders küm­mern muss?
Brutal. Mein Vater war viermal die Woche mit mir unter­wegs. Da hat sie ihn dann zehn Minuten am Abend gesehen. Das war für sie extrem schwierig. Im Nach­hinein tut es mir leid, dass sie auch ein Stück weit unter meiner Fuß­ball­kar­riere gelitten hat.

Kam es je zum Streit?
Nein, sie hat mir immer alles gegönnt, sie hat sich für mich gefreut. Und meine Eltern haben auch immer darauf geachtet, dass sie nicht zu kurz kommt. Aber heute kann ich besser ein­schätzen, wie schwer diese Jahre für sie gewesen sein müssen. Denn jah­re­lang ging es oft vor allem darum, wie wir als Familie meine Woche orga­ni­siert bekommen.

Haben Sie mal ver­sucht, sich in irgend­einer Form bei Ihrer Schwester zu revan­chieren?
Das ist quasi unmög­lich. Aber ich ver­suche es. Auf ihrer Hoch­zeit habe ich zum Bei­spiel eine Rede gehalten, in der ich all diese Dinge ange­spro­chen und ihr gesagt habe, wie dankbar ich bin. Mir ist klar, dass all das, was sie für mich getan hat, nicht selbst­ver­ständ­lich ist.

Diese Hoch­zeit haben Sie also nicht ver­passt.
Nein, zum Glück nicht. Aber auch nur, weil sie extra geschaut hat, wann es bei mir passt. Auch da musste sich mein Umfeld also nach mir richten. Das muss man sich mal vor­stellen: Nor­ma­ler­weise würde man dem Braut­paar immer sagen: Macht, wie es für euch am besten ist, schließ­lich ist es eure Hoch­zeit!“ Aber ich muss immer hin­zu­fügen: Wenn ihr wollt, dass ich dabei bin, solltet ihr auf den Spiel­plan vom SC schauen.“ Eigent­lich der totale Wahn­sinn. Bei Urlauben mit meiner Freundin ist es das gleiche. Irgend­wann ist dir das als Spieler total unan­ge­nehm. Aber so ist das Leben als Profi. Ich kann mir nicht ein­fach vier Wochen im August frei nehmen.

Als Sie 16 Jahre alt waren, nannten Ihre Mit­schüler Sie einen Streber. Womit hatten Sie das ver­dient? Saßen Sie immer in der ersten Reihe? Mit extra dicken Bril­len­glä­sern?
Nein, gar nicht. Das Wort Streber bezog sich allein auf meine schu­li­schen Leis­tungen, ich hatte immer einen Einser-Schnitt. Einer­seits fiel mir der Stoff leicht, ande­rer­seits habe ich auch immer auf­ge­passt im Unter­richt. Ich wusste ja, dass mir die Zeit fehlt, Sachen außer­halb von der Schule alleine nach­zu­holen.

Das Wort Streber bekommen Fuß­baller sonst eher nicht um die Ohren gehauen.
Wie gesagt: Es ging nur um meine Noten. Denn was das Soziale anging, hatte ich inner­halb der Klasse als SC-Spieler fast auto­ma­tisch einen gewissen Status. Außerdem gab es zum Bei­spiel Lehrer, die Frei­burg-Fans waren. Die haben oft nach­ge­fragt, wie es im Verein so läuft. Oder sie ließen mich früher aus dem Unter­richt abhauen, wenn ich Trai­ning hatte. Dadurch ist man fast auto­ma­tisch kein ganz nor­maler Schüler.

Ver­rutscht einem als junger Mensch irgend­wann die Nase nach oben?
Ich habe dieses Fuß­baller-Ding als Jugend­li­cher nie vor mir her getragen. Ich wollte nie etwas Beson­deres sein, ich wollte nie als arro­ganter Fuß­baller rüber­kommen. Im Gegen­teil: Ich wollte ein­fach nur dazu­ge­hören. Das ist noch heute so. Bei meinen Kum­pels, da will ich ein­fach nur einer von ihnen sein.

Gab es zumin­dest einen Abend in Ihrer Jugend, an dem Sie mal aus­bre­chen konnten?
Klar, bei den vor­he­rigen Ant­worten sollte es auch nicht so rüber­kommen, als hätte ich nie in meinem Leben eine gute Fete mit­er­lebt. Einmal hatte ich an Fas­nacht zum Bei­spiel Glück, da spielten wir schon am Frei­tag­abend. Also konnte ich am Samstag und Sonntag feiern gehen und die Sau raus­lassen. Ein­fach mal jung sein, auch mal was trinken. Diese Momente gab es. Und daran erin­nere ich mich sehr gerne zurück. Inso­fern war das vorhin Jam­mern auf hohem Niveau.

Waren Sie als Kind eigent­lich Fan vom SC Frei­burg?
Jein. Ich war eher Sym­pa­thi­sant. Wir waren mit der Familie ab und an im Sta­dion.

Hatten Sie einen Lieb­lings­spieler?
Im Kopf geblieben ist mit vor allem Sou­maila Couli­baly. An den habe ich die meisten Erin­ne­rungen. Sein linker Hammer, die breiten Ober­schenkel.

Jetzt sind Sie selber ein SC-Spieler, an den sich Kinder von heute später erin­nern werden. 2014 machten sie sogar ein Län­der­spiel. Schielen Sie noch auf die Natio­nal­mann­schaft?
Eigent­lich gar nicht. Ich würde mich zwar sehr freuen, wenn Joa­chim Löw mich nochmal ein­laden würde. Aber ich kann nicht mehr machen, als meine Leis­tung zu bringen. Wenn er das Gefühl hat, ich sollte noch mal eine Chance bekommen, ist das super. Aber ich mache mir dar­über über­haupt keine Gedanken.

Müssen Sie den Verein wech­seln, um wieder mehr in den Fokus zu rücken?
Diese Gedanken hatte ich natür­lich schon. Aber da muss man abwägen. Denn man darf nicht unter­schätzen, was man als Spieler an Frei­burg hat. Viele gehen und denken, sie starten jetzt richtig durch, legen die Mords­kar­riere hin. Und dann stürzen sie ab. Des­wegen sollte man sich immer fragen, ob es sich lohnt, all das auf­zu­geben, was man sich hier auf­ge­baut hat. Viel­leicht komme ich irgend­wann an den Punkt, an dem ich dazu bereit bin. An dem ich einen neuen Reiz brauche. Aber bis jetzt hatte ich dieses Gefühl nicht.

Warum nicht?
Ich kenne den Verein in- und aus­wendig, meine Familie ist in der Nähe, all das tut mir gut. Aber viel­leicht sagt ja auch der Verein in einem Jahr: Du über­zeugst uns nicht mehr, du musst gehen. Was Ihre Aus­gangs­frage angeht: Das Bei­spiel von Nils (Petersen, d. Red.) zeigt, dass man auch als Frei­burg-Spieler in die Natio­nal­mann­schaft berufen werden kann.

Am ver­gan­genen Wochen­ende ver­passten Sie zum ersten Mal nach zuvor 56 Bun­des­li­ga­spiele in Folge über 90 Minuten eine Partie des SC Frei­burg. Wie konnten Sie fast zwei Jahre am Stück spielen?
Viel­leicht hatte ich mehr Glück als andere. Denn alle arbeiten gewis­sen­haft an ihrem Körper. Aber wenn du doof umge­treten wirst, nützt dir das halt nichts. Ich trai­niere hart, bis jetzt zahlt sich das aus.

Das Thema Gesund­heit spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Bei Ihrer Freundin wurde 2015 das Hodgkin-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert, also Lymph­kno­ten­krebs. Wie haben Sie von der Dia­gnose erfahren?
Das war kurz vor Weih­nachten. Wir hatten Urlaub geplant, die Flüge waren gebucht, doch wir mussten alles absagen und in Frei­burg bleiben. Denn es ging Schlag auf Schlag, schon ein paar Tage später begann die Che­mo­the­rapie. Wenn man sich etwas näher damit beschäf­tigt, was diese Art von The­rapie mit dem mensch­li­chen Körper macht, welche Fol­ge­schäden in den nächsten 10, 15 Jahren auf sie zukommen können, dann ist das schon heftig.

Aus Soli­da­rität rasierten Sie sich damals die eigenen Haare ab.
Es war eine Extrem­si­tua­tion. Wir waren noch nicht lange zusammen, erst ein paar Monate. Wir waren 21 Jahre alt, da hat man andere Dinge im Kopf. In erster Linie natür­lich sie, die plötz­lich um ihr Leben kämpfen musste. Es gab viele sehr schwie­rige Situa­tionen, die sie meis­tern musste, die wir gemeinsam meis­tern mussten. Und es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass unsere Bezie­hung diese Krank­heit über­standen hat. Denn spricht man mal mit Ärzten, hört man vor allem Hor­ror­ge­schichten. 

Ein Jahr später war der Spuk vor­erst vorbei.
Wir saßen gemeinsam im Arzt­zimmer, vorher war sie einmal kom­plett durch­ge­checkt worden. Die Lunge, der Kopf, alles. Dann gab der Arzt Ent­war­nung: Es war alles gut. Ein wun­der­schöner Moment. Wir sind dann erstmal nach Hause gefahren und haben einen Sekt getrunken. Und uns ein­fach gefreut. Obwohl wir auch damals schon wussten, dass man diese Krank­heit nie ganz besiegt. Wes­wegen sie auch wei­terhin sehr bewusst leben muss. Aber im Moment ist sie fit. Uns beiden geht es super.