Chris­tian Günter, Sie kommen aus einem kleinen Ort im Schwarz­wald und mussten seit Ihrer Jugend zum Fuß­ball­spielen nach Frei­burg pen­deln. Wie lief Ihr typi­scher Tag als 15-Jäh­riger ab?
Damals war ich auf der Real­schule in St. Georgen, was etwa zehn Kilo­meter von meinem Zuhause Ten­nen­bronn im Schwarz­wald ent­fernt liegt. Um 13:00 Uhr holte mich meine Mutter von der Schule ab und fuhr mich, das dau­erte viel­leicht 30 Minuten, direkt an den Bahnhof in Horn­berg. Um 14:05, das weiß ich noch genau, ging der Zug nach Offen­burg. Dort war ich dann um 14:45 Uhr und hatte ein paar Minuten Leer­lauf. Dann kam ein Kleinbus vom SC Frei­burg, der mich und andere Jungs, die aus dem Nord­schwarz­wald kamen, abholte und zum Trai­ning fuhr. Von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr wurde trai­niert, manchmal gab es danach noch eine kurze Video­ana­lyse. Gegen 19:00 Uhr waren wir fertig, mussten aber noch duschen. Die große Frage, die sich danach im SC-Bus auf dem Weg nach Offen­burg immer stellte: Schaffen wir den 20:15-Uhr-Zug zurück in die Heimat?

Und?
Meis­tens ver­passten wir ihn. Was bedeu­tete, dass ich eine Stunde am Bahnhof her­um­hängen musste. Dann habe ich Haus­auf­gaben gemacht oder vor mich hin geträumt. Bes­ten­falls waren noch ein oder zwei Kol­legen dabei, dann war es nicht ganz so öde. Um 21:45 Uhr war ich zurück in Horn­berg, wo mich meine Mutter wieder mit dem Auto abholte. 30 Minuten später war ich zu Hause, so um 22:15 Uhr. Meis­tens musste ich dann noch ein biss­chen lernen.

Ganz ehr­lich: Das klingt furchtbar.
Später, wäh­rend meiner Aus­bil­dung zum Indus­trie­me­cha­niker, ver­ließ ich das Haus sogar schon um 05:30 Uhr und war frü­hes­tens um 22:00 Uhr zu Hause. Damit es logis­tisch mit der Arbeit und dem Fuß­ball funk­tio­nieren konnte, mussten mein Vater, meine Mutter oder mein Opa mich abwech­selnd mit dem Auto nach Frei­burg bringen und dort wäh­rend des Trai­nings warten.

Konnten Sie irgend­wann auf Knopf­druck im Auto ein­schlafen?
Das kann ich heute noch. Ich lege mich hin, und zwei Minuten später bin ich weg. Das war sehr prak­tisch, weil ich damals ansonsten nicht viel Schlaf bekam. Wenn ich abends mit allem durch war, dann wollte ich ja trotzdem noch mal kurz run­ter­kommen, mich vor den Fern­seher hauen und ent­spannen. Und zack, war es Mit­ter­nacht. Fünf Stunden später klin­gelte der Wecker.

Hatten Sie über­haupt mal Frei­zeit als Jugend­li­cher?
Mitt­wochs! Da hatten wir in der B- und A‑Jugend trai­nings­frei. Das war also der Tag, an dem ich was mit Freunden machen konnte. Die rest­li­chen Tage war es schwierig.

Warum sind Sie nicht ein­fach in die Frei­burger Fuß­ball­schule gezogen?
Zum einen reichte meine Distanz zu Frei­burg nicht aus, im Internat gibt es ja nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen. Luft­linie sind es von Ten­nen­bronn nach Frei­burg nur 65 Kilo­meter. Andere kamen aus Orten, die waren zwei­ein­halb oder drei Stunden ent­fernt. Des­wegen gab es für mich nur die Mög­lich­keit, in eine Gast­fa­milie zu ziehen. Und das wollte ich nicht. Mein Umfeld war mir zu wichtig, ich wollte nicht von zu Hause weg.

Haben Sie eine beson­ders miese Fah­rerei-Erin­ne­rung?

Bei Offen­burg gibt es einen Park­platz, der sich von der Anbin­dung her eigent­lich super als Treff­punkt eignet. Das soge­nannte Offen­burger Ei. Aller­dings gibt es, nicht weit davon ent­fernt, noch einen zweiten Park­platz, der fast iden­tisch aus­sieht. Dum­mer­weise wusste von diesem zweiten Park­platz in meiner Familie nie­mand. Als mich der SC-Bus, damals war ich viel­leicht 16 Jahre alt, zum ersten Mal am Offen­burger Ei heraus ließ, wo mich mein Vater abholen sollte, fuhr mein alter Herr natür­lich prompt zum fal­schen Park­platz. Ich war­tete und war­tete, er kam und kam nicht. Damals gab es in der Familie nur ein Handy, das hatte ich in der Tasche. Nach einer Stunde rief ich meine Mutter zu Hause an und fragte, was denn bloß los sei. Sie ant­wor­tete: Der Papa ist schon vor zwei Stunden los­ge­fahren, der müsste längst da sein.“